«Die Basken haben Guernica selber angezündet»

In Trümmern: Guernica, nach dem Bombardement 1937. Foto: Universal History Archive/UIG via Getty Images

In Trümmern: Guernica, nach dem Bombardement 1937. Foto: Universal History Archive/UIG via Getty Images

Als Guernica am Abend des 26. April 1937 von der deutschen «Legion Condor» zerstört wurde, herrschten im Baskenland klare Wetterverhältnisse. Ebenso klar war die Nachrichtenlage nach der dreistündigen Bombardierung.

Zufällig hatten sich vier ausländische Sonderkorrespondenten, die für renommierte Medien wie die Londoner «Times», die «New York Times» oder die Agentur Reuters arbeiteten, kurz vor und kurz nach dem Luftangriff in der baskischen Kleinstadt aufgehalten. Ihre detaillierten Berichte, die sich auf eigene Beobachtungen und zahlreiche Gespräche mit Überlebenden stützten, lösten einen weltweiten Entrüstungssturm aus.

Zu den wenigen Zeitungen, welche darauf die dreiste Lüge, die Basken hätten Guernica selber angezündet, ernst nahmen, gehörten das katholisch-konservative «Vaterland» aus Luzern und die «Neue Zürcher Zeitung» (NZZ).

Eine «Episode»

Dabei hatten das Luzerner wie das Zürcher Blatt anfänglich korrekt informiert. Bei der NZZ lag das am Londoner Korrespondenten, der am 29. April ausführlich die «Times» zitierte. Die Redaktion selber veröffentlichte am 30. April unter der Überschrift «Guernica» eine Titelgeschichte, die vom Faktum der Bombardierung ausging. Allerdings ging es ihr vor allem darum, diese als «Episode» zu relativieren. Wer an eine «planmässige Zerstörung durch die deutschen Flieger glaubt», irre sich. Der Einsatz von Brandbomben habe «zweifellos den einfachsten Überlegungen militärischer Notwendigkeit» entsprochen.

Besonders stark kritisiert wurde England, das gegen Franco-Spanien und Deutschland «eine künstliche Polemik» betreibe. Der konservativen Regierung in London unterstellte die NZZ, mit der Kampagne gegen die «Bombardierung einer ‹offenen Stadt›» bloss die eigene «Aufrüstung» vorantreiben zu wollen. Die deutschen Nazi-Medien haben dieses Argument dankbar aufgenommen.

Basken als Brandstifter

Aufgrund der heftigen Reaktionen gaben frankistische Generäle mehrere Erklärungen ab, die sich häufig widersprachen. In der ersten, vom 27. April nachts, behauptete Franco, es gäbe gar keine ausländische Luftwaffe, die Brandstifter seien die Basken, zudem habe am Montag zu schlechtes Wetter geherrscht. Einige der folgenden Mitteilungen stritten die Bombardierung mit dem Hinweis ab, am Dienstag und Mittwoch hätte der baskische «Siri-Miri»-Wind Lufteinsätze gar nicht zugelassen.

Während Tagen waren sich die Frankisten uneinig, an welchem Tag sie Guernica nicht zerstört hatten. Tatsächlich hat die Bombardierung am Montag bei idealem Flugwetter stattgefunden, erst ab Dienstag wurde es neblig und regnerisch.

Propaganda zu Agenturmeldungen

Die NZZ veröffentlichte am 29. April kommentarlos zwei dieser frankistischen Verlautbarungen als stark gekürzte Agentur-Meldungen. In der Mittagsausgabe war es eine mit den falschen Tagen und dem richtigen Wetter, in der Abendausgabe wurde wie bereits am Vortag aus dem Franco-Communiqué mit dem richtigen Tag und dem falschen Wetter zitiert. Trotz der offensichtlichen Widersprüche der frankistischen Seite und der kohärenten Berichterstattung der angelsächsischen Medienprofis stellte die NZZ am 2. Mai die Bombardierung Guernicas infrage und machte die «baskischen Milizen» für dessen Zerstörung verantwortlich. Am 3. Mai brachte sie zwei Fotos von Ruinen samt einer Erklärung, die beide Versionen erwähnte, aber die frankistische als glaubwürdiger darstellte.

Das «Vaterland» sah sich mit dem Problem konfrontiert, dass niemand in Spanien so katholisch war wie die Basken. Hier dürfte der Grund liegen, dass ein Beitrag vom 1. Mai nicht die gläubigen Basken für die Zerstörung Guernicas verantwortlich machte, sondern «asturianische Dynamitierer», also linke Minenarbeiter. Am 4. Mai missverstand das «Vaterland» den von Reuters erwähnten Flugzeugtypus Heinkel 111 als Mengenbezeichnung, was in der Summe zu einer tatsächlich unglaubwürdigen «Zahl von 155 Flugapparaten» führte.

Das Verbreiten der frankistischen Fake-News lässt sich nur mit ideologischer Verblendung erklären. So wurde im «Vaterland» am 4. Mai General Francos Glaubwürdigkeit mit dem Hinweis verteidigt, er sei «als Soldat wie als Ehrenmann bekannt». Am 7. Mai 1937 verhöhnte der Spanienkorrespondent der NZZ die «unglückliche Duodezrepublik Euzkadi».

Tatsächlich war die Zerstörung der baskischen Autonomie und Demokratie der Hauptgrund für die Bombardierung Guernicas gewesen.

11 Kommentare zu ««Die Basken haben Guernica selber angezündet»»

  • Lang Josef sagt:

    Lieber Herr Bendel
    Natürlich habe ich den damaligen «Tages-Anzeiger» ebenfalls studiert. Er stützte sich stark auf die kohärenten und detaillierten Berichte der erwähnten angelsächsischen Medien. Auch der «Tages-Anzeiger» brachte die dreiste und groteske Franco-Lüge, dementierte sie aufgrund der eindeutigen Faktenlage aber im gleichen Artikel.

    • Lukas Bendel sagt:

      Lieber Herr Lang
      Besten Dank für die Antwort (mich interessiert das Thema, weil unser Spanisch-Professor teils von der Franco-Zeit bzw. der heutigen Wahrnehmung dieser durch seine Söhne erzählte und sich masslos ärgerte).
      Das ist toll für den TA, aber auch nicht dermassen überraschend: Denn bis vor einigen Jahrzehnten waren NZZ und TA eigentlich Parteimedien. Und der TA gab jeweils die „linke“ Version wieder – welche bei Guernica die korrekte war.

  • Hans Hegetschweiler sagt:

    Interessanter Artikel. Vielleicht war eben Bretscher nicht ganz so antifaschistisch, wie er heute verklärend dargestellt wird, das war ja immerhin 4 Jahre nach seinem Amtsantritt und der ideologischen Wende der NZZ. Manchmal habe ich den Eindruck, dass Gujer Bretscher, den wir, die in den 60-er Jahren aufwuchsen, nicht sehr liebten, stark gleicht. Dann hätte man auch gleich Somm nehmen können, der wenigstens intellektuell wesentlich anregender ist.

  • Alberto La Rocca sagt:

    Irreführung durch falsche Nachrichten ist so alt wie der Krieg selbst, denn die Irreführung ist ein Aspekt des Kriegshandwerks. Aber heute kopieren sogar Ultralinke wie Sepp Lang unverschämt Donald Trump und schreiben von „Fake News“, damit sie eine alte Suppe aufwärmen können.

  • Tek Berhe sagt:

    Guernica hat als Symbol überlebt! Picassos Werk hat seinen Platz in meiner Stube…

    • Anh Toàn sagt:

      Echt jetzt? Bei allem Respekt vor der künstlerischen Qualität, ich wollte weder Guernica noch z.B. Munchs Schrei in der Stube, dann doch lieber etwas frohes von Miro, Klee oder so.

  • Anja Baffour sagt:

    Ja nee, is klar

  • Bebbi Fässler sagt:

    Das gab früher Ärger wenn man als Katholischer sich getraute, neben dem „Vaterland“ auch noch eine andere Zeitung, die der „Liberalen“ zu lesen.

    Für eine solche Sünde konnte es eine Gratis-Kopfwäsche in der Kirche durch den Pfarrer geben!

  • Pierre Ramuz sagt:

    Die Schweiz hat bekanntlich Franco-Spanien auch als eines der ersten Länder überhaupt anerkannt. Dass es da die NZZ mit den Fakten nicht so genau nahm, wenn man die Verlautbarungen eines autoritären Herrschers übernimmt, erstaunt kaum. Dass das 80 Jahre später aufgehellt wird, ist ganz ok. Nur: auch der Tages-Anzeiger hat seine blinden Flecken und seine Fake-News. Für eine funktionierende Demokratie und Medienlandschaft, wäre es dringend nötig, das gründlich zu analysieren und zu diskutieren. Solange dies nicht geschieht, haben wir ein Informations- und Demokratiedefizit.

    • Mario Monaro sagt:

      Auch Journalisten sind nicht perfekt, sie machen Fehler. Aber hinter jeder Falschmeldung immer gleich eine sinistre Agenda zu vermuten ist schon arg übertrieben, genauso wie das Gejammere um die Demokratie. In der Schweiz können Sie von WOZ bis Weltwoche alle Richtungen lesen, die Ihnen behagen.

      • Lukas Bendel sagt:

        Sobald ich wieder in Zürich bin, werde ih in der ZB nachschauen, was denn der TA damals zu Guernica schrieb.
        @ Monaro: Natürlich macht eine Schwalbe noch keinen Sommer und eine Ente noch keine Agenda.
        Ich finde aber den Hinweis von P. Ramuz durchaus berechtigt: So berichtet der TA seit mindestens über einem Jahrzehnt sehr einseitig frauenzentriert über Gender- und Familienrechtsthemen. Das ist nun natürlich nicht Weltpolitik, „generiert“ hierzulande aber eben auch unzählige Opfer (bzw. den Kindern könnte bei besserer medialer „Volkserziehung“ viel Leid erspart werden).

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