Wer, bitte schön, ist hier dekadent?

Der europäische und amerikanische Lebensstil gilt vielerorts als verkommen. Foto: iStock

Kim Jong-un verbindet nun wirklich wenig mit den radikalen Islamisten. Aber eine Idee führt von Nordkorea bis in den Sand des Islamischen Staates – und weiter zu Wladimir Putin. Oder noch weiter zu den Freunden der Autorität in Osteuropa wie zu Rechtsgruppen wie den «Identitären» in Westeuropa: Allesamt verachten sie die «westliche Dekadenz».

Das tun auch schiitische Mullahs und sunnitische Salafistenprediger, und die sind sich sonst wirklich nicht grün. Der europäische und amerikanische Lebens- und Konsumstil gilt da wie dort als verkommen, als Verweichlichung, zum Untergang verdammt. Eben: dekadent. Schwules Zeugs.

Nun könnte man das ja einfach abtun. Zum Beispiel mit Verweis auf all die historischen Figuren und Bewegungen, die auch schon meinten, sie müssten andere dekadent schimpfen. Da landet man bei fanatischen Mönchen oder eiskalten Revolutionären. Man landet bei den Nazis (die «dekadent» gern mit dem Wörtchen «entartet» kombinierten). Man landet genauso bei den Kommunisten (hier gern mit dem Wortpaar «bürgerlich-dekadent»).

Undekadente Katastrophen

Disziplin, Reinheit, Askese, wahrer Glaube, Ursprünglichkeit: Vom gesellschaftspolitischen Hygienefimmel bis zum Mord war der Weg oft kurz. Trotzdem ist das Fass selbst 2017 noch nicht voll. Ideologische oder religiöse Nicht-Dekadente konnten ihre Anhänger mehrfach in die Katastrophe verführen – egal. Bis heute schämt sich keiner, wenn er eine Gesellschaft, eine Gruppe, eine Lebensart als dekadent verurteilt. Und bis heute weckt das Geschwätz vom dekadenten Westen daselbst nicht etwa Spott, sondern eher Verlegenheit. Keiner widerspricht laut.

Natürlich, es gab auch ernsthafte Menschen, die sich mit Dekadenz befassten und dann warnten. Wichtig war der Begriff für die Philosophen der französischen Aufklärung. Insbesondere für Jean-Jacques Rousseau, der zwischen fitten Naturvölkern und den überfrachteten Zivilisationen in Europa unterschied: hier die Hütten mit gesunden Erdenkindern, da die zerfallenden Puderpaläste. Die weitere Geschichte zeigte dann, dass Rousseau ziemlich falsch lag.

Aber auch egal. Danach pflegten andere Denker von Nietzsche über Rilke bis zu Thomas Mann ihre Dekadenz-Vorstellungen, die jeweils einer linearen Logik folgten: Danach kann sich die jeweilige Gesellschaft geistig, kulturell, sexuell, materiell verfeinern – aber parallel dazu wird sie auch ihre Kraft verlieren, versumpfen und am Ende untergehen.

Wir kriegen es nicht aus den Köpfen

Es ist erstaunlich: Offenbar kriegen wir solche Abwärtslinien einfach nicht aus den Köpfen. Wenn es jeder treiben darf, wie er will, wenn Laisser-faire gut, Konsum besser und Hedonismus völlig in Ordnung ist – dann erscheint das unweigerlich gefährlich. Dabei liegt der Denkfehler auf der Hand: Wer irgendwo «Dekadenz» wittert, fällt bloss ein moralisch gefärbtes Urteil; doch der Begriff taugt nicht zur seriösen Gesellschaftsanalyse. Historiker können deshalb wenig damit anfangen.

Dabei würden ein paar grundlegende Fakten das Bild rasch geraderücken: Es waren oft die ach so dekadenten Party-Kulturen, denen die Menschheit ihre grossen Erfindungen und Meisterwerke verdankt, von der römischen Staatskunst über die Renaissance-Kultur bis zum World Wide Web und zur modernen Medizin.

Wer jedoch gesellschaftliche Krisen sucht, findet sie eher dort, wo man mit verkniffenen Lippen über die Dekadenz der anderen lästert.

32 Kommentare zu «Wer, bitte schön, ist hier dekadent?»

  • SrdjanM sagt:

    Es reicht schon aus, wenn man sich die Menschen, die die westliche „Dekadenz“ anprangern, mal genauer anschaut.
    Wenn diese Kritik also von einem Putin, Orban und Erdogan kommt, oder ihren Fans, dann muss das wohl bedeuten, dass wir hier im Westen alles richtig machen.

  • Fritz Blasimann sagt:

    Wer es sich leisten kann, Gurken und Bananen zu normen und täglich tonnenweise gute Lebensmittel in den Abfall zu werfen, weil selbstauferlegte Qualitätskriterien nicht mehr erfüllt sind, der lebt wahrlich dekadent. Oder ich bezeichne es lieber als wohlstandsverwahrlost.
    Aber es ist typisch für unsere selbsternannten Moralwächter, dass jegliche Kritik am vorherrschendem westlichem Sytem sofort mit Extremismus, Rechtsradikalismus und Populismus in Verbindung gebracht wird. So stellt man Kritiker von Anfang an in ein schlechtes Licht. Reflexion und Ursachenforschung der Kritik, sind wie hier im Artikel eindrücklich bewiesen, Fremdwörter aus einem Lexikon. Und das in einem Millieu, das uns täglich Toleranz, Offenheit und die Moral vorpredigt!

    • tigercat sagt:

      Ich glaube nicht, dass Erdogan an Lebensmittelverschwendung denkt, wenn er Westeuropa dekadent zu sein vorwirft.

  • Vadim Koslov sagt:

    Dekadenz ist primär ein Zeichen von Wohlstand. Es gab wohl noch nie eine verarmte, dekadente Zivilisation.
    ..und keine wohlhabende die nicht von den ärmeren Neidern als dekadent beschriehen wurde

    • Ralf Schrader sagt:

      Dekadenz ist ein Mass für innere Widersprüchlichkeit. So in der Art, Ich weiss ja, dass Fliegen umweltschädlich ist, aber ich möchte doch so gern jedes zweite Wochenende einen Städetrip machen. Der Unterschied ist nur, dass die Spannbreite des Handelns bei Armen viel kleiner als bei Reichen ist, deshalb sind Arme vor Dekadenz etwas besser geschützt.

  • Leo Klaus sagt:

    Ich wuerde gerne wissen wie der Autor eine „dekadente Party-Kultur“ mit dem WWW und mit der modernen Medizin in Verbindung bringt? Scheint so eine Pauschalaussage zu sein wenn man nicht Besseres in der Hand hat.
    Ich weiss nicht ob unser Hedonismus und Dekadenz ein Problem sind oder nicht, unsere Arroganz aber sehr wohl. Wir im Westen glauben alles besser zu wissen und die Deutungshoheit zu besitzen um anderen zu sagen wie sie zu leben haetten.
    Das finde ich gefaehrlich.

  • 1-800-CallGary sagt:

    Ein sehr guter Beitrag.
    Besonders der letzte Satz.

  • Merasol Doruelo sagt:

    Wie lautet denn ein afrikanisches Sprichwort so treffend: „Es gibt Deine Wahrheit und meine Wahrheit. Und die Wahrheit.“ Und was die Dekadenz angeht, so tun sich halt schon Parallelen auf zum alten Rom vor seinem Niedergang: Satte Selbstzufriedenheit, üppige Gelage und, und, und. Schönreden hilft da nicht weiter.

  • Pascal Meister sagt:

    Das Problem der „dekadenten“ Kulturen ist ja bloss, dass sie von den Religionen nicht mehr kontrolliert werden können. Wenn die biblische – verlogene – Moral gerade im sexuellen Bereich niemanden mehr interessiert, hat die Kirche nichts zu melden. Gilt für alle Religionen. Dabei ist die Freiheit von Erwachsenen das höchste Gut. Im Einverständnis aller psychisch gesunden Erwachsenen sollte alles möglich sein, was keine bleibenden Schäden nach sich zieht.

    • Ralf Schrader sagt:

      Die dekadenten Kulturen sind religiös kontrolliert. Haben Sie einen US- Präsidenten zur Hand, der nicht auf die Bibel schwor?

      Wäre die Bibel verlogen, keiner kennte die mehr.

  • Matthias Zbinden sagt:

    Nietzsche kritisierte eher nicht die hedonistische Dekadenz, welche er im Gegenteil sogar befürwortete, sondern bezeichnete vor allem die geistige Faulheit, die Unbeweglichkeit sowie die christlich-moralisierende Denktradition als Decadence.

  • Martin Frey sagt:

    Der Vorwurf der angeblichen „westlichen Dekadenz“ ist die gemeinsame Klammer all jener, die sich durch westliche, freiheitliche Werte bedroht fühlen. Diktatoren, Mullahs und andere Hassprediger, Marxisten, andere Potentaten, alle haben sie in einer westlich geprägten, freiheitlichen Gesellschaftsordnung viel zu verlieren. Dabei dient ihnen dieser Pauschalvorwurf als Abgrenzung zur Schliessung der eigenen Reihen, um zu verhindern, dass die eigene Dekadenz und Degeneration auf den Prüfstand gerät.
    Dumm nur, dass Millionen Menschen diese Mär immer und immer wieder regelmässig abkaufen. Bizarrerweise sogar Leute, die von eben diesen westlich-freiheitlichen Werten in hohem Masse profitieren (wie zB die AKP-Anhänger in Westeuropa).
    Ein gutes Zeugnis für die Menschheit ist das nicht.

  • Ralf Schrader sagt:

    Dekadenz kann man objektivieren.

    In naher Zukunft kann man alle Vitalparameter eines Menschen online messen. Dann wird man bei der üblichen Data Warehause Analyse feststellen, das bei akuten Krankheiten diese konzentrieren. Der Korrelationskoeffizient der Datenmatrix sinkt bei Grippe, nach einem Unfall und auch nach einem Herzinfarkt.

    Bei den chronischen Krankheiten, bei Krebs, Herzinsuffizienz, ist es umgekehrt. Dekadenz kann man ganz einfach mit einem Korrelationskoeffizienten messen. Je weniger Korrelation, je mehr Dekadenz. Krebs ist dekadent, Herzinfarkt ist es nicht. Denn vom Herzinfarkt kann man genesen, vom Krebs nicht.

    • Marina Trachsel sagt:

      Aua, da war wohl das Wochenende zu lang für einige.

      Um der westlichen Dekadenz zu begegnen, sterben wir also alle am besten wieder an Diphtherie, Lungenentzündung und Schwertwunden.

      (Vielleicht tue ich Ihnen aber auch unrecht, und Sie sind schlicht und einfach Versicherungsmathematiker)

      • Ralf Schrader sagt:

        Die Krankheiten sind nur ein plausibles Beispiel für den eher abstrakten Korrelationskoeffizienten. Ausserdem kann man der Dekadenz nicht begegnen. Alles Prozesshafte, ob menschliches Leben, Sozialgeschichten, politische Biografien endet dekadent. Das wird deshalb lieber als Pluralismus bezeichnet.

        Der am wenigsten dekadente Lebensabschnitt beim Menschen ist die Pubertät. Da kann man die enge Korrelation direkt an den schlaksigen Gliedmassen sehen. Aber von da ab geht es kontinuierlich und nur noch bergab. Der Grad an Dekadenz steigt jeden Tag, auch wenn Sie es nicht wollen. Das nennt man Altern, ist aber auch nur Dekadenz.

    • Gerhard Engler sagt:

      Die Leute werden aber immer gesünder, das Lebensalter steigt. Und die meisten Leute sind auch in hohem Alter noch geistig und körperlich fit (jedenfalls besser als früher). Und wenn die Krebsrate tasächlich steigt (was Sie erst noch belegen müssten), dann liegt das vor allem daran, dass die Wahrscheinlichkeit von Krebs natürlicherweise mit dem Alter zunimmt.

      • Ralf Schrader sagt:

        Daran zweifele ich auch nicht. Die Menschen werden immer gesünder, was sie nicht daran hindert, dekadent zu sterben. Nur immer später.

        Nicht- dekadent zu sterben, wäre ein Problem. Aber das eliminieren wir gerade mit viel Erfolg.

    • tigercat sagt:

      Meine Liebste hat aber vor Jahren eine Lymphdrüsenkrebserkrankung geheilt überstanden. Was sagen Sie jetzt?

      • Ralf Schrader sagt:

        Meine Oma hat mit 93 Jahren jeden Tag 5 Zigarren geraucht. Sie wissen schon, was der Unterschied einer statistischen Aussage und einem Einzelfall ist.

  • Marina Trachsel sagt:

    @Sigi Neukomm
    Ok, dann präzisieren Sie mal: Welches Wertepaket von vor 1968 ist es denn genau, das Ihrer Meinung nach „die europäische/schweizerische Kultur“ präsentiert?

    1929 oder 1933?
    1847 oder 1848?
    1618 oder 1648?
    1477 oder 1515?
    800 oder 814?
    117 oder 476?

    • Sigi Neukomm sagt:

      @Trachsel
      Alles vor 1968 ist besser als alles nach 1968. Der kulturelle und zivilisatorische Sepukku den die Postmodernisten begehen ist das Ende aller zivilisatorischer Errungenschaften seit des Neolithikums, vielleicht sogar seit Enstehung des Lebens. Kein Lebewesen hat jemals etwas Vergleichbares verbrochen wie die Menschenhasser aus Franfurt..

      • SrdjanM sagt:

        „Alles vor 1968 ist besser als alles nach 1968.“ Alles, wirklich? Auch 1918? Und auch 1933?!

        Ja, wahrlich eine Frage der eigenen „Vorstellungen“.

      • tigercat sagt:

        Nein, Deep Purple oder Led Zeppelin sind definitiv besser als Heintje. OK King Elvis mag da noch eine Ausnahme sein.

  • Fred sagt:

    Was meinen Sie mit „keiner widerspricht laut“? Wir schreien doch immer lauter, nur mittlerweile etwas heiser: „Mehr, Mehr!“

    • Roman Günter sagt:

      Das nennt sich auch Wachstum, Fred. Gerade jetzt können Sie das wieder schön beobachten, wenn Sie nur rausschauen. Ein natürliches Prinzip. Es wird nicht gerufen, sondern gelebt. Das Gegenteil davon ist nicht etwa konservatives Innehalten, sondern die Destruktion – Unterdrückung und Tod. Das zeigen Ihnen z.B. täglich die ’starken‘ und ‚moralisch integren‘ Gesellschaftsmodelle, wie Nordkorea, Islamischer Staat, etc.

  • Sigi Neukomm sagt:

    Dekandenz ist der falsche Ausdruck. Es ist die moralische Degeneration für welche die Postmodernisten verantwortlich sind. Sie ist das Problem der westlichen Zivilisation nach 68. Natürlich sehen das die Moralrelativisten anders, für sie gibt es keine objektive Wahrheit, alles ist Ansichtssache. Zum Glück sind konservative Ideen wieder salonfähig und werden die Zerstörung unserer Kultur durch die Realtivisten aufhalten.

    • Roman Günter sagt:

      Wo orten Sie die moralische Degeneration, Herr Neukomm? Wo wird mehr selbstreflektiert diskutiert als in der ‚westlichen Zivilisation‘? Wo werden individuelle Rechte höher gewertet? Wo werden positiver und negativer Einfluss auf globaler Ebene kontroverser Diskutiert? Wo sonst kann überhaupt so weitreichend und ohne persönliche Konsequenzen derart diskutiert werden? Unser Hauptproblem wohl kaum eine moralische Degeneration, sondern eher die wachsende Anzahl peinlicher Dogmen der (effektiv oder vermeindlich) zu Kurz gekommenen, egal ob von Links oder Rechts, die allerortens moralische Defizite orten, ausser bei sich selbst.

      • Sigi Neukomm sagt:

        @Günter
        „Wo orten Sie die moralische Degeneration“
        Überall wo Linke und Neoliberale Einfluss haben. Die von Ihnen genannten Freiheiten, der Diskurs, ist längst von der PC-Kultur gemeuchelt worden. Das war einmal.

        „peinlicher Dogmen“
        Dafür sind die Relativisten zuständig, nicht wertkonservative Menschen mit einem Gewissen.

        „ausser bei sich selbst“
        Sie werden es nicht glauben, aber es gibt tatsächlich noch Menschen, die ethisch und moralisch handeln. Zu behaupten, alle seien Heuchler ist eine einfache Ausrede und muss praktischer Weise nicht bewiesen werden.

    • Ralf Schrader sagt:

      Es gibt nur relative Wahrheit und nichts ist Ansichtssache.

      • Sigi Neukomm sagt:

        Textverständnis und Logik sind nicht so Ihre Sache, oder? Relativiert man die Wahrheit, ist alles Ansichtssache. Grass ist grün, das lässt sich nicht relativieren. Ich weiss schon, postmodernistische Kulturzerstörer wie Sie sehen das anders. Zum Glück ist ihre Zeit abgelaufen und wir finden zurück auf den richtigen Weg.

      • Karl Drais sagt:

        Sigi Neukomm, und Humor ist Ihre Sache nicht…

      • Sigi Neukomm sagt:

        @Drais
        Sorry, ich weiss manchmal nicht mehr wer jetzt wen trollt…..

Kommentar

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