Brexit ist kein Grund, hysterisch zu reagieren

Nach dem Brexit: Ruhe bewahren und weitermachen. Foto: Getty

Nach dem Brexit: Ruhe bewahren und weitermachen. Foto: Getty

Ich habe in meinem Depot viele britische Aktien, darunter BP, Vodafone und HSBC sowie einiges an Pfund angelegt. Werde ich wegen des Brexit nun ganz viel Geld verlieren? W.B.

Der Brexit ist zwar ein historischer Entscheid sowohl für Grossbritannien als auch die EU als Ganzes. Er ist aber aus meiner Sicht kein Grund, jetzt hysterisch zu reagieren. Dass die Finanzmärkte sehr nervös und mehrheitlich negativ reagiert haben, ist nicht allein auf die Fundamentaldaten zurückzuführen, die sich für die britische und die europäische Wirtschaft nun verändern. Vielmehr wurden die Märkte völlig auf dem falschen Fuss erwischt. Die meisten Investoren haben darauf spekuliert, dass die Britinnen und Briten schlussendlich für einen Verbleib des Landes in der EU stimmen – gerade weil die Gegner immer wieder vor den dramatischen wirtschaftlichen Folgen gewarnt hatten. Nichts hassen die Börsen mehr als Unsicherheit: Doch genau dies hat das Brexit-Votum gebracht.

Die Konsequenzen lassen sich noch nicht abschliessend beurteilen, vieles ist offen. Entsprechend sind die Aktienmärkte stark getaucht, und Sie sitzen bei Ihren britischen Aktien auf hohen Buchverlusten. Meines Erachtens muss man bei der Beurteilung der Brexit-Folgen unterscheiden zwischen der kurzfristigen und der langfristigen Perspektive. Kurzfristig dürften die Märkte weiter sehr turbulent bleiben. Wegen der Unsicherheit verharren die Anlegerinnen und Anleger an der Seitenlinie oder werden sich sogar noch vermehrt aus den Wertschriften verabschieden. Kein Wunder ist es zu einer stärkeren Flucht in den Franken sowie ins Gold gekommen. Auch das Pfund, in dem Sie stark engagiert sind, sowie der Euro werden noch einige Zeit unter Druck bleiben. Immerhin geben die Notenbanken Gegensteuer. Doch der Druck auf diesen Währungen dürfte wegen der ungelösten Scheidungsmodalitäten zwischen Grossbritannien und der EU sowie der unklaren neuen Rahmenbedingungen über die Zusammenarbeit der beiden Partner hoch bleiben. Auch dürfte das Wachstum der britischen Wirtschaft in einer ersten Phase leiden, weil die Unsicherheit auch die Konjunktur und den Konsum bremsen dürfte.

Ich würde die britischen Aktien dennoch nicht einfach blind verkaufen. Sobald sich aber die Wogen geglättet haben und der Schock mal ausgestanden ist, werden sich die EU und Grossbritannien an einen Tisch setzen und über Kooperationsmöglichkeiten verhandeln. Nicht nur Grossbritannien braucht die EU, sondern auch die EU Grossbritannien. Ich rechne damit, dass die EU schliesslich mit den Briten ähnlich wie mit der Schweiz bilaterale Verträge unterzeichnen wird. Sobald sich diese Perspektiven konkretisieren, sehe ich bei den britischen Aktien viel Erholungspotenzial. Der Handel mit Grossbritannien ist ja nicht blockiert – vielmehr müssen neue Rahmenbedingungen geschaffen werden. Zudem könnte sich Grossbritannien noch stärker auf den Handel mit den USA und Asien ausrichten. Die Unternehmen werden sich rasch diesen neuen Rahmenbedingungen anpassen – weit schneller als die Politik.

Am meisten unter Druck bleiben dürften die Bankaktien. Die Chancen sind gross, dass der Finanzplatz London, immerhin einer der wichtigsten Finanzplätze der Welt, Schaden nehmen wird. Dies würde die HSBC als einer der grössten Player in London belasten. Darum bin ich für den Kurs der HSBC-Titel ebenso für europäische Bankaktien generell skeptisch. Klar weniger Bedenken habe ich für Papiere wie BP oder Vodafone. Diese dürften sich auffangen und erholen, sobald die erste Phase der Unsicherheit und Marktübertreibungen überstanden sind und klar wird, wie Grossbritannien künftig in den europäischen Handel einbezogen wird.   

 

Wertschriftensparen bietet höhere Renditechancen

Meine Tochter möchte zu einem bestehenden 3.-Säule-Konto eine 3. Säule beim Vermögenszentrum mit Strategie 45 Prozent ETF eröffnen. Meine Frage an Sie: Ist das empfehlenswert bezüglich Produkte, Rendite und Gebühren? R.S.

Zunächst stufe ich es als sinnvoll ein, dass Ihre Tochter zusätzlich zum bestehenden 3.-Säule-Konto eine weitere 3. Säule aufbauen möchte. Indem sie mehrere 3.-Säule-Konti besitzt, ist sie später im Alter in der Lage, diese gestaffelt zu beziehen. Damit spart sie dann gleich nochmals Steuern. Auch macht es für mich Sinn, wenn jemand sein 3.-Säule-Geld nicht einfach auf dem Konto liegen lässt, wo es derzeit nur sehr wenig Zins abwirft. Wenn jemand wie Ihre Tochter zwanzig oder mehr Jahre Zeit hat, um die im Rahmen der 3. Säule getätigten Anlagen sich entwickeln zu lassen, verspricht das Wertschriftensparen deutlich höhere Renditechancen. Erst recht, wenn man rund die Hälfte in Aktienprodukte investiert.

Die von Ihnen erwähnten Exchange Traded Funds, wie Sie das VZ nutzt, haben den Vorteil, dass man zu günstigen Konditionen eine breite Diversifikation erreicht. Im Vergleich schneiden solche Indexfonds oft ebenso gut, teilweise sogar besser ab wie aktiv geführte Anlagefonds, die deutlich teurer sind. Eine Garantie, dass sie schliesslich mit der gewählten Strategie beim VZ eine erfreuliche Rendite erreicht, hat Ihre Tochter allerdings nicht. Die Chance, dass sie damit aber über den langen Anlagehorizont hinaus deutlich besser fährt, als wenn sie das Geld einfach auf dem Konto liegen lässt, ist hoch.

Wenn Ihre Tochter auch mit stärkeren Kursschwankungen leben kann, würde ich diesen Weg wagen, obschon die Risiken im Vergleich zu einem 3.-Säule-Sparkonto klar höher sind. Dafür sind auch die Gewinnchancen deutlich attraktiver.

 

Nicht von hohen Renditen blenden lassen

Ich wurde an der Muba von einem Finanzberater vom BZ Beraterzentrum angesprochen. Dieses sucht Kapital, welches in grundpfandgesicherte Obligationen für Projekte in Frankfurt investiert und zu 4 1/8 Prozent verzinst würde. Diese Obligation würde 2020 ablaufen. Bevor ich mich entscheide, mindestens 50’000 Franken zu investieren, würde ich gerne wissen, wie Sie über eine solche Investition denken. N.C.

Bei einem Anlagevorschlag wie Sie ihn beschreiben, würden bei mir einige Warnlichter aufleuchten. Erstens wäre ich bei einer Finanzfirma, die an der Mustermesse auf Kundenfang geht, schon mal ziemlich skeptisch. Zweitens weist der hohe Zins von über vier Prozent darauf hin, dass die vorgeschlagene Anlage, die ich aus der Ferne nicht im Detail beurteilen kann, sicher nicht risikolos ist. Sehr sichere Franken-Obligationen werfen derzeit kaum mehr eine vernünftige Rendite ab. Die Rendite für Eidgenössische Bundesobligationen bewegt sich sogar im Minus. Selbst sehr sichere Euro-Anleihen bieten keineswegs drei bis vier Prozent Zins. Wenn Ihnen eine Finanzfirma im derzeitigen Tiefzinsumfeld eine Obligation mit über vier Prozent Rendite anbietet, müssen Sie davon ausgehen, dass Sie mit einer solchen Anlage hohe Risiken eingehen.

Der Hinweis, dass eine Obligation angeblich grundpfandgesichert ist, bedeutet für Sie keineswegs eine Garantie, dass Sie keine Verluste machen. Abgesehen von den eigentlichen Objekten, in welche das Kapital offenbar fliesst, wäre zu prüfen, wer denn genau für das eingesetzte Geld haftet. Ist die Rendite wirklich garantiert? Wer garantiert Ihnen, dass Ihr Geld tatsächlich zurückbezahlt wird? Welche rechtlichen Möglichkeiten hätten Sie, gegen die Firma vorzugehen, falls das Kapital nicht termingerecht zurückerstattet wird? Wenn Sie wirklich einen hohen Betrag von 50’000 Franken investieren möchten, sollten Sie sich genau überlegen, ob Sie auch in Kauf nehmen, das Geld zu verlieren.

Sicherheit gibt es nie gratis. Auch eine hohe Rendite nicht. Je mehr Rendite man Ihnen verspricht, desto höher sind in der Regel die Risiken. Lassen Sie sich nicht von hohen Renditen blenden. Ich rate Ihnen von solchen Investments ab.

 

 

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