Öl: Antizyklisch auf Preiswende positionieren

Ölaktien der grossen Konzerne: Steigen die Benzinpreise wieder, werden Anleger profitieren. Foto: Reuters

Ölaktien der grossen Konzerne: Steigen die Benzinpreise wieder, werden Anleger profitieren. Foto: Reuters

Der Ölpreis ist so tief wie seit Jahren nicht mehr. Als antizyklisch handelnder Anleger denke ich darüber nach, mich für eine Erholung beim Öl zu positionieren. Was empfehlen Sie?  M.G.

Persönlich rechne ich noch nicht mit einer nachhaltigen Erholung bei den Ölnotierungen. Aufgrund des Überangebotes an Rohöl wegen der Abschwächung der Weltkonjunktur und vor allem wegen des harten Konkurrenzkampfes unter den grössten Erdölländern wie Saudiarabien, Russland und den USA und der Rückkehr des Iran an die Weltmärkte erwarte ich noch weiter tiefe Ölpreise.

Aber ich gebe Ihnen recht: Irgendwann kommt es zur Trendumkehr, und dann liegt eine deutlichere Erholung drin, als wir bis jetzt schon gesehen haben. Am meisten profitieren könnten Sie kurzfristig mit einer Vielzahl von Derivatprodukten. Davon rate ich Ihnen als Kleinanleger aufgrund der damit verbundenen hohen Risiken aber ab. Eine interessante Möglichkeit, sich antizyklisch schon jetzt, aber ohne Zeitdruck auf eine Trendwende beim Ölpreis zu positionieren, bieten die Aktien der grössten Ölkonzerne der Welt. Attraktiv stufe ich insbesondere die Papiere von Royal Dutch Shell und Exxon Mobil ein. Beide sind wegen des Ölpreiszerfalls stark zurückgekommen und haben sich nur teilweise aufgefangen. Sie würden bei einem späteren, stärkeren Preisanstieg profitieren.

Royal Dutch kostet fast so wenig wie während der Finanzkrise vor acht Jahren. Als Aktionär von Royal Dutch und Exxon Mobil kann man sich mit einer ansprechenden Dividende vertrösten und die Wartezeit, bis die Ölkurse tatsächlich wieder nachhaltig nach oben zeigen, etwas versüssen.

 

Auszahlung der erhöhten Dividende abwarten

Ich halte Aktien der Sika in meinem Depot. Was ist Ihre Meinung zu den Sika-Papieren? N.D.

Wer Aktien der Sika besitzt, muss für die Beurteilung der künftigen Kursentwicklung zwei Aspekte beachten: Einerseits die operativen Aussichten für das Unternehmen. Andererseits die Konsequenzen des laufenden Übernahmestreites mit der französischen Saint Gobain. Operativ stufe ich die Perspektiven für die Sika als gut ein. Die neusten Zahlen haben gezeigt, dass der Spezialchemiekonzern erfolgreich auf Kurs ist.

Für das vergangene Jahr wurde trotz eines Umsatzrückgangs um 1,5 Prozent auf knapp 5,5 Milliarden Franken gar ein Rekordgewinn erwirtschaftet. Dies trotz negativen Währungseffekten aufgrund des starken Frankens. Auch das laufende Jahr dürfte trotz günstiger Rohstoffpreise nicht einfach sein, insbesondere in rückläufigen Märkten wie Brasilien und Russland, die in einer Rezession stecken, aber auch in China, wo das Wachstum an Dynamik verliert. Bereits im letzten Jahr hat China das Wachstum der Sika in Asien gebremst. Die Krise in den Schwellenländern dürfte für den Konzern in diesem Jahr für einen rauen Wind sorgen.

Für ein Halten der Aktie spricht auch die attraktive Dividende, die gemäss Verwaltungsrat von 72 auf 78 Franken pro Inhaberaktie und von 12 auf 13 Franken pro Namenaktie erhöht werden soll. Skeptisch bin ich allerdings wegen des anhaltenden Übernahmestreites. Wie dieser ausgeht, kann ich nicht beurteilen. Fest steht, dass ein Kompromiss derzeit kaum in Sichtweite ist und der Übernahmefall noch längere Zeit die Gerichte beschäftigt. Dies bedeutet, dass personelle Ressourcen im Management gebunden sind, zusätzlich hohe Kosten für externe Berater und Anwälte anfallen und das Kader und die Mitarbeitenden demotiviert werden. Dies geht zulasten der Aktionäre und würde eigentlich dafür sprechen, sich von den Sika-Papieren zu trennen.

Auf jeden Fall würde ich aber die Auszahlung der Dividende abwarten. Wenn Sie die Titel behalten, könnten Sie darauf hoffen, dass die übernahmewillige Saint Gobain den Publikumsaktionären vielleicht doch noch ein interessantes Angebot macht. Derzeit gibt es dafür aber keine Signale.

 

Geschwister sind nicht durch den Pflichtteil geschützt

Meine beste Freundin ist an Krebs verstorben. Während mehrerer Jahre habe ich sie mitgepflegt und war für sie da, damit sie nicht ins Pflegeheim musste – unentgeltlich. In ihrem Testament, welches beim Notariat hinterlegt wurde, hat sie mich als Alleinerbin und Willensvollstreckerin eingesetzt. Sie hat aber zwei Brüder. Das Gericht teilte mir heute mit, dass ich deren Namen, Geburtsdatum und Wohnort bekannt geben soll als gesetzliche Erben. Ich bin ratlos. Gemäss Testament sind die Brüder nicht erbberechtigt. B.E.

Wer beim Erben gesetzlich begünstigt ist, hängt leider nicht davon ab, was man einem verstorbenen Menschen zu Lebzeiten alles Gutes angedeihen liess, sondern vom Verwandtschaftsgrad. So kann es vorkommen, dass Leute in den Genuss einer Erbschaft kommen, obwohl sie sich vielleicht seit Jahren nicht um einen kranken Verwandten gekümmert haben. Jene, die diesen unentgeltlich gepflegt hatten, aber leer ausgehen, weil sie nicht verwandt sind. Wichtig ist, dass man in einem Testament seinen Letzten Willen zum Ausdruck bringt und jene, die einem besonders nahestanden, unter Berücksichtigung der Pflichtteile begünstigt.

Glücklicherweise hat Ihre Freundin ein Testament hinterlassen. Generell muss man bei einem Testament die Pflichtteile respektieren. Damit wird festgelegt, wie viel den Erbberechtigten von Gesetzes wegen mindestens zusteht. Durch den Pflichtteil geschützt sind aber nur Ehegatten, eingetragene Partner und Partnerinnen, Nachkommen und Eltern.  Nicht unter den Schutz des Pflichtteils fallen hingegen die Geschwister. Sie sind zwar aufgrund ihres Verwandtschaftsgrades formell gesetzliche Erben. Man darf aber im Testament den Geschwistern den Erbteil absprechen, da diese nicht Pflichtteil-geschützt sind.

Wie Sie mir schreiben, hatte Ihre Freundin die Brüder vom Erbe ausgeschlossen und Ihnen den ganzen Nachlass übertragen. Dies ist aus meiner Sicht korrekt. Wenn jetzt das Gericht trotzdem die Angaben der gesetzlichen Erben einfordert, bedeutet dies nicht, dass die testamentarische Regelung Ihrer Freundin ungültig ist. Vielmehr muss das Gericht alle gesetzlichen Erben einbeziehen und sie über die testamentarischen Verfügungen Ihrer Freundin informieren. Falls im Testament Fehler gemacht wurden oder anderweitige Pflichtanteile verletzt worden wären, könnten die gesetzlichen Erben das Testament anfechten. Anhand Ihrer Beschreibung gehe ich aber davon aus, dass die Anordnungen Ihrer Freundin korrekt sind.

Ich empfehle Ihnen, die Angaben über die Brüder dem Gericht zu liefern. Gleichzeitig können Sie sich beim Notar, bei dem Ihre Freundin das Testament hinterlegt hatte, nach dem genauen Sachverhalt erkundigen. So müssen Sie sich keine Sorgen machen und haben rasch Klarheit.