Bern


Von Artur K. Vogel am Freitag, den 14. August 2009, um 11:32 Uhr

Der «Bund» wird neu erfunden

Der «Bund» hat einige der aufregendsten Monate und Jahre seiner nunmehr 159-jährigen Existenz hinter sich. Lange war nicht klar, ob er, angesichts sich kumulierender Defizite und mitten in einer tiefen Depression der gesamten gedruckten und bezahlten Presse, 2010 seinen 160. Geburtstag noch würde feiern können. Mehrmals schien das Ende nah.

Mitte Mai hat der Verwaltungsrat der Tamedia, welche den «Bund» vor zwei Jahren kaufte, nach langer Projektarbeit und der Evaluation verschiedener Modelle das Weiterleben unserer traditionsreichen Zeitung beschlossen.

Als erste Voraussetzung für seine Weiterexistenz hat der «Bund» gravierende Strukturveränderungen vornehmen müssen. Dieser papierene Begriff versteckt schmerzhafte Vorgänge: Fast zwanzig Kolleginnen und Kollegen – viele von ihnen haben sich lange Jahre für unser Blatt engagiert und sich mit ihm identifiziert – werden die Zeitung verlassen müssen oder haben dies bereits getan. Denn überleben konnte der «Bund» nur dank signifikanten Einsparungen.

Das steht scheinbar im Widerspruch zur Fachmeinung, dass bezahlte Zeitungen künftig höheren Qualitätsansprüchen genügen müssen, wenn sie weiterhin ihre Leser ansprechen wollen. Leser- und Anzeigenmarkt werden weiter schrumpfen, Einnahmen einbrechen. Der potenziell tödlichen Kostenschere kann nur mit Ausgabensenkungen beigekommen werden, und das heisst konkret: Die Zeitungen werden mit weniger Journalisten auskommen müssen.

Qualitätssteigerung und Personalabbau – das klingt nach einer unmöglichen Kombination. Um den Zielkonflikt zu beheben, gibt es nur eine Möglichkeit: Kooperation. Genau auf diesem Prinzip beruht unsere Überlebensstrategie: Der «Bund» wird sich enger an den grossen «Tages-Anzeiger» anlehnen. Ein ausgeklügeltes Modell der Zusammenarbeit wird momentan am lebenden Objekt getestet und soll spätestens ab Oktober greifen.

In gewissen Blättern ist behauptet worden, der «Bund» werde zu einem «Kopfblatt» des «Tagi». Offensichtlich wissen einige Kollegen nicht, wovon sie schreiben. «Kopfblatt» würde bedeuten: Eine Zeitung übernimmt den Mantelteil (Ausland, Inland, Wirtschaft, Kultur, Sport) einer andern, stellt den eigenen Zeitungskopf voran und steuert nur noch lokale Inhalte bei.

Typische Kopfblätter sind die «Solothurner Zeitung», das «Oltner» und das «Zofinger Tagblatt», welche ihren Mantel von der «Aargauer Zeitung» beziehen, oder die «Neue Urner Zeitung», die «Schwyzer Zeitung», die «Neue Zuger Zeitung», die von der «Neuen Luzerner Zeitung» beliefert werden.

Komplexe Kooperation

Würde der «Bund» zum Kopfblatt des «Tagi», hiesse dies, dass alle überregionalen Inhalte aus Zürich stammten und wir nur noch den Berner Lokalteil verfertigen dürften. Die Pläne sind in Wirklichkeit viel komplexer. Zwar wird der «Bund» viele Inhalte tel quel vom «Tages-Anzeiger» übernehmen: die Auslandberichterstattung, überregionale und internationale Kultur, grosse Wirtschaftsthemen, das Sportgeschehen, soweit es sich nicht in Bern abspielt, Spezialseiten wie «Wissen» und «Gesellschaft».

Der «Bund» wird neu erfunden

Doch die Lebenslinie zwischen Bern und Zürich ist keine Einbahnstrasse. Der «Bund» wird im neuen Gefüge weiterhin eine signifikante Rolle spielen. Zu nennen wäre ganz zuvorderst die Bundeshausredaktion. Sie ist hier in Bern unter dem «Bund»-Dach und auch organisatorisch beim «Bund» angesiedelt. Ihr Leiter, Martin A. Senn, sitzt gleichzeitig in den Chefredaktionen von «Bund» und «Tages-Anzeiger» und übt die Scharnierfunktion aus, die in einer solchen Konstellation von grosser Bedeutung ist.

Die «Bund»-Wirtschafts- und Kulturredaktionen bestehen weiter und werden weiterhin das kulturelle und wirtschaftliche Geschehen in Stadt und Kanton Bern abdecken. Zudem werden «Bund»-Journalisten, wenn in Bern Ereignisse von überregionaler Bedeutung stattfinden, diese auch für den «Tages-Anzeiger» rapportieren.

Neue Ressorts

Die bisherigen «Bund»-Ressorts Inland und Ausland werden zu einer Zentralredaktion unter Leitung von Jürg Sohm zusammengefasst. Sie wird mit Inland-, Ausland- und Wirtschaftskompetenzen ausgestattet und soll schon am 1. September operationell werden. Die Zentralredaktion wird den ersten, politischen Faszikel sowie den Wirtschaftsteil produzieren, die Schnittstellen mit dem «Tagi» besetzen und zudem, zusammen mit der Chefredaktion, wichtige Themen kommentieren. Das heisst, dass der «Bund» sich weiterhin eine eigene Meinung leistet, die mit jener der «Tagi»-Kollegen nicht übereinstimnmen muss.

Die Ressorts Stadt und Kanton Bern werden organisatorisch zusammengelegt; der Fokus wird – entsprechend unserer Leserschaftsstruktur – noch etwas mehr auf die Stadt und die Region Bern ausgerichtet.

Heute bezieht der «Bund» die Sportseiten bei der Konkurrentin «Berner Zeitung». Ab 15. Oktober wird er wieder eine eigene, kleine Sportredaktion unterhalten, welche sich mit dem bernischen Sportgeschehen – von YB und SCB bis Volleyball, Handball, Unihockey oder Schwingen – befasst. Die überregionale Sportberichterstattung stammt künftig vom «Tagi».

Der vierte Faszikel schliesslich versteht sich als tägliche Beilage für Kultur, für gesellschaftspolitische Themen, Wissenschaft und die schönen Dinge des Lebens. Er wird die meisten Elemente der bisherigen Samstagsbeilage «Der kleine Bund» enthalten und auch dessen Namen übernehmen. Und am Donnerstag wird er jeweils noch ausführlicher als bisher auf Berns kulturelle Angebote hinweisen.

Neues Layout

Zum 15. Oktober wird der «Bund» schliesslich auch in einem neuen Kleid daherkommen. Skeptische Leserinnen und Leser, welche eine Boulevardisierung ihrer Zeitung befürchten, werden spätestens dann beruhigt sein: Das neue Layout sieht zwar signifikante Änderungen vor: neue Titel- und Grundschriften, eine neu gestaltete Frontseite mit einem etwas vergrösserten «Bund»-Kopf, neue Aufschlagseiten und so weiter. Zudem wird die Zeitung künftig wieder fünf- statt sechsspaltig umbrochen.

Doch die Eigenständigkeit des «Bund» und sein Anspruch, als seriöse Tageszeitung wahrgenommen zu werden, sollen mit dem neuen Layout noch unterstrichen werden: Vieles ändert sich; Bewährtes bleibt.

Von Artur K. Vogel am Freitag, den 14. August 2009, um 11:23 Uhr

Zum Neustart des «Bund»

Bernerinnen und Berner hatten lang um das Überleben unserer 159 Jahre alten Zeitung gebangt. Nun ist der «Bund» gerettet, und am 15. Oktober wird er mit veränderter Organisation und einem fünf- statt sechsspaltigen Layout neu lanciert. Möglich wird der Neustart durch eine enge redaktionelle Zusammenarbeit mit dem Zürcher «Tages-Anzeiger».

In der Leserschaft sind viele Fragen offen, das beweisen die Briefe, die hier eintreffen: Werden wir unsere Zeitung noch erkennen? Wird der «Bund» zur Berner Filiale der Zürcher? Wird er nach links abdriften – oder nach rechts? Und was ist mit der angeblichen Boulevardisierung?

An dieser Stelle beantworten wir diese und auch fast alle andern Fragen und werden auch die laufende Entwicklung dokumentieren. Nicht zuletzt wollen wir Leserinnen und Leser dazu verführen, sich auf den neuen «Bund» zu freuen – wie wir.