Wird der «Bund», der künftig enger mit dem «Tages-Anzeiger» kooperiert, nach links rutschen?, fragen bange Leser. Oder ist er zum «Sprachrohr der Neoliberalen» geworden, wie in sozialdemokratischen und grünen Kreisen Berns gemäkelt wird?
Versuchen wir, mit einer linken Redaktion eine bürgerliche Zeitung zu machen, wie Freisinnige und SVPler spotten? Oder betreiben wir eine unerbittliche Demontage sozialdemokratischer Mitglieder der Stadt- und Kantonsregierung, wie uns manchmal vorgeworfen wird?
Wo also steht der «Bund» politisch?
Nachdem der «Bund» 1894 das damalige freisinnige Parteiblatt namens «Berner Zeitung» (richtig, so hiess es) übernommen hatte, nannte er sich «Organ der freisinnig-demokratischen schweizerischen und bernischen Politik», 1911 in «Organ der freisinnig-demokratischen Politik» verkürzt. Zwischen 1890 und 1964 waren drei Chefredaktoren Mandatsträger als Stadt-, Gross-, und Nationalräte, zwei auch als kantonale FDP-Parteipräsidenten. Der vor Kurzem verstorbene Paul Schaffroth, Chefredaktor von 1964 bis 1984, war FDP-Grossrat und von 1960 bis 1964 Stadtpräsident von Biel. Unter Schaffroth allerdings vollzog sich die Wende: Er stand für einen unabhängigen, nicht am Gängelband einer Partei laufenden Journalismus. Konsequenterweise trat er 1966 aus dem Grossen Rat zurück.
Doch schon zu Zeiten der deklarierten Bindung an die FDP hielt der «Bund» Distanz. Adrian Sulc, der an der Uni Freiburg eine Arbeit schrieb («Das liberale Gewissen der Bundesstadt – Die Berner Tageszeitung ,Der Bund‘ 1850 bis 2007»), berichtet von Konflikten zwischen Redaktion und Parteileitung und folgert: «Die Funktion eines freisinnigen Parteiblattes hatte der ,Bund‘ nie.»
1958 wurde der Untertitel durch die Formulierung ersetzt, die heute noch gilt: «Unabhängige liberale Tageszeitung». Was aber heisst «unabhängig» und «liberal»? Jede Zeitung ist abhängig: von ihren Abonnenten, die einen Teil des Aufwandes berappen, von den Inserenten, die einen weiteren, meist grösseren Teil beisteuern, von einem Verleger oder einem Verlag, der die wirtschaftlichen und publizistischen Leitplanken legt. Die Unabhängigkeit in unserem Untertitel kann sich also nur auf politische Parteien und Strömungen beziehen. Und da lautet unser Credo: Wir halten zu allen kritische Distanz; wir verstehen uns nicht als Propagandisten, sondern als Beobachter und Kommentatoren.
Weniger leicht ist die Antwort auf die Frage, was es mit dem facettenreichen und oft missbrauchten Eigenschaftswort «liberal» auf sich habe. Die Philosophie des Liberalismus stellt den Einzelnen ins Zentrum, während der Staat zuvorderst die Funktion hat, individuelle Rechte zu gewährleisten; diese sind Voraussetzung für eine demokratische Gesellschaft. Freiheit bedeutet auch, dass der Einzelne Verantwortung übernehmen muss.
Der Liberalismus steht im Weiteren für das Recht auf Privateigentum und Wettbewerb. Er grenzt sich ab gegen den Sozialismus, der Umverteilung und «Sozialisierung der Produktionsmittel» propagiert; gegen den Totalitarismus, der alle Lebensbereiche des Individuums zu regeln und zu überwachen versucht; und vom Anarchismus unterscheidet sich der Liberalismus durch die Auffassung, dass die Existenz des Staates als Garant von Freiheit und Eigentum notwendig ist.
Innerhalb dieser liberalen Grundprinzipien gibt es ein breites Spektrum möglicher Meinungen, die im «Bund» abgebildet werden sollen. Die Meinungsfreiheit und -vielfalt, welche die Grundlage einer freiheitlichen politischen Ordnung bildet, gilt auch auf einer Redaktion.
Handwerklich muss der Journalist einer Reihe professioneller Grundprinzipien genügen. Diese hat zum Beispiel der Schweizer Presserat in der «Erklärung der Pflichten der Journalistinnen und Journalisten» formuliert. Sie enthält Selbstverständliches wie die Maxime, dass sich Journalisten «an die Wahrheit halten» müssen, dass sie keine unlauteren Methoden anwenden, die Privatsphäre der Menschen und die Menschenrechte respektieren müssen. Zudem sollen sie nur Material veröffentlichen, dessen Quellen ihnen bekannt sind. Wichtig ist auch, dass Journalisten «keinerlei Bedingungen vonseiten der Inserenten» akzeptieren sollen.
All diese Prinzipien haben nichts mit einer politischen Ausrichtung zu tun, nichts mit «links» oder «rechts», sondern nur mit der Qualität der journalistischen Arbeit.
Fazit: Der «Bund» wird sich auch in der Zusammenarbeit mit dem «Tages-Anzeiger» an seine liberalen Prinzipien erinnern. Wo wir diese verletzt sehen, werden wir intervenieren. Wir nehmen uns das Recht heraus – und unsere Verleger räumen uns dieses ausdrücklich ein –, weiterhin eigene Meinungen zu entwickeln und zu äussern.
Und für die Meinung der andern muss in einer liberalen Zeitung jener berühmte Satz gelten, der Voltaire zugeschrieben wird und ungefähr so lautet: «Ich teile Ihre Ansichten nicht, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie äussern dürfen.» Wir verlangen von niemandem, dass er sein Leben für die Meinungsfreiheit hergibt; aber «die Freiheit der Information zu verteidigen», wie es der Presserat fordert, bleibt unsere zentrale Aufgabe.