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	<title>Deadline</title>
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		<title>Kurze Theorie der Leser, dieser Bastarde</title>
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		<pubDate>Mon, 06 May 2013 03:00:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Constantin Seibt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Haltung]]></category>
		<category><![CDATA[Rezeptbuch]]></category>

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		<description><![CDATA[Vor sehr vielen Jahren, als Volontär im «St. Galler Tagblatt», spielte ich manchmal in Begleitung anderer niederrangiger Redakteure eine Partie Darts. Das Dartbrett nannten wir «Der Leser». Wir warfen die Pfeile mit echtem Hass: mit voller Kraft und wenig Präzision. Der Hass hatte Gründe. Denn wann immer einer von uns von den Chefs zurechtgepfiffen, zusammengestaucht, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><a href="http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/wp-content/uploads/2013/05/lesergeschnitte.jpg"><img class="aligncenter  wp-image-2866" title="Deadline (Historische Fotografien)" src="http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/wp-content/uploads/2013/05/lesergeschnitte.jpg" alt="" width="518" height="346" /></a></p>
<p>Vor sehr vielen Jahren, als Volontär im «St. Galler Tagblatt», spielte ich manchmal in Begleitung anderer niederrangiger Redakteure eine Partie Darts. Das Dartbrett nannten wir «Der Leser».</p>
<p>Wir warfen die Pfeile mit echtem Hass: mit voller Kraft und wenig Präzision. Der Hass hatte Gründe. Denn wann immer einer von uns von den Chefs zurechtgepfiffen, zusammengestaucht, umgeschrieben oder heruntergekürzt wurde, dann immer im Namen von ihm: «dem Leser».</p>
<p>Der Leser war ein seltsam doppeltes Wesen: Einerseits dumm wie die Nacht – sobald es nur etwas ironisch oder komplex wurde, verstand er angeblich nicht. Andererseits war er findig wie ein Affe: Sobald etwas um drei Ecken möglicherweise ärgern konnte, strich man es.</p>
<p>Kein Wunder, hassten wir diesen stumpfen, spitzfindigen Bastard.</p>
<p><strong>Ein Wohnzimmer, voll mit betrunkenen Irren</strong></p>
<p>Nur: Hatten die Chefs Recht? Die Leserbriefe scheinen ihre Diagnose zu unterstützen. Fast 90 Prozent funktionieren ziemlich simpel. Entweder: «Ganz meine Meinung – guter Artikel.» Oder: «Gar nicht meine Meinung – warum hat Ihr Chefredaktor Sie noch nicht gefeuert?». Oder im besten, sehr seltenen Fall: «Meine Meinung, von der ich zuvor gar nicht wusste, das ich sie so hatte &#8211; hervorragender Artikel.»</p>
<p>Nach der Lektüre von über tausend Leserbriefen hat man den Eindruck, dass Leser ihre Meinungen wie unsichtbare Schwänze hinter sich herziehen. Tritt man auf sie, wird geschrien. Werden sie gestreichelt, bekommt man einen Liebesbrief.</p>
<p>Die Online-Kommentare klingen ähnlich, nur deutlich rauer. Die deprimierendsten von ihnen sind aber nicht die beleidigenden. Sondern die, die komplett vom Thema abschweifen – und einfach irgendetwas daherschreiben. Oft sieht der Kommentarthread aus, als hätte man in sein Wohnzimmer Betrunkene eingeladen, die Monologe halten.</p>
<p><strong>Die Achterbahn</strong></p>
<p>Trotzdem, glaube ich, dass meine früheren Chefs sich mit ihrer Theorie des Lesers fundamental irrten. Der Fehler in ihrer Analyse liegt vor allem in der Ignoranz des Mediums, in dem sie arbeiteten: der Schrift. Das Charakteristische an der Schrift ist, dass sie linear und logisch voranschreitet, dass aber niemand am Satzanfang sagen kann, was am Satzende kommt. Lesen ist ein ähnliches Vergnügen wie Achterbahnfahren: Man gleitet auf Schienen voran und plötzlich geht es rund. Und auf Vergnügen hat noch kein Mensch verzichtet, indem noch ein Hauch von Kind lebt.</p>
<p>Das gilt für alle Leser: von Romanen wie Geschäftsberichten, von Anzeigen oder Tweets, Online- oder Printartikeln. Sie sind alle Kinder, also ernst, neugierig und verführbar. Wirklich zu verärgern sind sie eigentlich nur durch eines: Wenn sie unverführt bleiben.</p>
<p><strong>Köder und Erfolg</strong></p>
<p>Der Autor kann dabei mit sehr verschiedenen Ködern arbeiten. Der Trick mit Sex im Titel des Artikels etwa ist alt, reisserisch und billig, bleibt aber verkaufsfördernd. (Danke, geehrte Leser, für die freundliche Aufnahme des Posts «<a href="http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/index.php/1431/sex-mit-der-chefetage-eifersucht-jugend-wie-man-professionell-artikel-verkauft/" target="_blank">Sex mit der Chefetage»</a>, das in Rekordzeit auf den damaligen Platz 2 der Deadline-Rangliste hinaufschnellte.)</p>
<p>Das Messen von Klickzahlen ist eine grossartige Errungenschaften des Online-Journalismus. Denn die Quote ergibt paradoxe Resultate. Das Reisserische zieht, aber auch Dinge, deren Erfolg zu Printzeiten kein Profi erwartet hätte. So hat etwa der benachbarte Wirtschaftsblog «<a href="http://blog.tagesanzeiger.ch/nevermindthemarkets/" target="_blank">Never Mind the Markets</a><a href="http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/index.php/1431/sex-mit-der-chefetage-eifersucht-jugend-wie-man-professionell-artikel-verkauft/" target="_blank">»</a> verdammt gute Zahlen. Und das, obwohl seine Autoren – Markus Diem Meier, Tobias Straumann und Mark Dittli – in Sachen Komplexität keine Kompromisse machen. Wie die Chefredaktion einmal zugab, hätten derartige Texte keine Chance auf Publikation gehabt, hätte man nicht die Klickzahlen gekannt. Niemand hätte geglaubt, dass derartiges gelesen wird.</p>
<p>Das heisst:</p>
<ol>
<li>Leser lesen Reisserisches, aber auch das Gegenteil. Leser lesen, was sie interessiert. (Und das kann überraschend Sperriges sein. Mein allererfolgreichster Artikel war ein mir völlig aus dem Ruder gelaufenes Essay über amerikanische Politik von 15&#8217;000 Zeichen mit dem sehr unreisserischen Titel «<a href="http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/amerika/Der-rechte-Abschied-von-der-Politik/story/22710602" target="_blank">Der rechte Abschied von der Politik»</a> - über 14&#8217;000 Leute teilten den Link auf ihrer Facebook-Seite.)</li>
<li>Der Erfolg eines Artikels oder eines Genres kann kaum vorhergesagt werden. Der einzige Test dafür ist die Publikation.</li>
<li>Für Pessimismus in Sachen Publikum gibt es keinen Anlass. Dieses konsumiert manchmal Fast-Food, manchmal Fünf-Gänger, mal Schrott und mal Kunst, so wie jeder vernünftige Mensch auch. Es ist nicht dumm, aber auch nicht beflissen bildungsbürgerlich. Es ist vital.</li>
</ol>
<p><strong>Das Elend der Kritik</strong></p>
<p>Warum aber dann der oft limitierte Ton in den Reaktionen? Warum wird in den Briefen ausgerechnet der allerbilligste Stoff im Journalismus gelobt oder getadelt – die Meinung? Und warum das aggressive Geraunze und Geschwafel online?</p>
<p>Ein wesentlicher Grund ist, dass – gerade im deutschen Sprachraum – Schreiben immer als Ausdruck des einzigartigen Charakters des Autors begriffen wurde. Also als private Magie. Und nicht als Handwerk. Selbst Schriftsteller haben selten eine Sprache dafür. Sie reden über alles, ausser über die Entscheidungen im täglichen Job. Und ohne Ahnung vom Handwerk bleibt nur das Geschmacksurteil: Gefällt mir. Gefällt mir nicht. Und der logische Schritt zum Verursacher: Ein Typ, der sowas schreibt, gefällt mir nicht.</p>
<p>Neben der ästhetischen, fällt öfter auch die sachliche Debatte flach. Denn Leser haben Privatleben und Beruf. Also nicht die Zeit, ähnliche Recherchen wie ein Journalist zu machen. Kein Wunder, begeben sie sich auf die Ebene, die allen Menschen offen steht: die der Meinung. Denn Meinungen haben fast alle. Sie wachsen wie Haare.</p>
<p>Auch die Aggressivität der Voten ist nicht unentschuldbar. Oft stellen wütende Leser die Legitimitationsfrage: Warum darf der Trottel in einer Zeitung schreiben, und ich nur Kommentare dazu? Von denen einige auch noch zensiert werden? Die Antwort ist für beide Seiten deprimierend: Ein Journalist hat dem schreibenden Amateur nur eines voraus: Jemand bezahlt ihn dafür. Geld ist der einzige Beweis, dass der eine ein Profi, der andere sein Kunde ist.</p>
<p>Kurz: Die Unsitten der Leser, ihr Geraunze, ihr Zweifel an dem Charakter des Journalisten, ihr Triumph bei jedem entdeckten Rechtschreibfehler &#8211; alles ist nicht illegitim. Und auch nicht der Fimmel mit den Meinungen. Denn Journalismus liefert mehr als Erkenntnisse und Entertainment, er bewegt sich auch in der politischen Öffentlichkeit: Und hier, im Streit der Meinungen, zählt jede Stimme. Die Argumente sind zwar alles andere als gleich viel wert, die Stimme aber schon.</p>
<p>Doch trotzdem lässt sich aus dem Leserecho selten viel lernen, ausser: Dieser Artikel hat gezündet, dieser nicht. Schlicht, weil die Kritik der Leser nur höchst selten den Kern der Arbeit trifft.</p>
<p><strong>Die Pflicht zu Klarheit, Überraschung und dem Ärgern von Idioten</strong></p>
<p>Was lässt sich daraus für die Praxis schliessen? Folgendes:</p>
<ol>
<li>Das Erfreuliche an der Unsicherheit des Erfolgs beim Schreiben ist, dass man die Frage ignorieren kann. Ihre Beantwortung lohnt sich nicht. Man wird es schon sehen: aber später.</li>
<li>Der einzig massgebende Leser bleiben somit Sie selbst. Nicht, weil Sie unfehlbar sind. Sondern weil es schlicht vernünftiger ist, mit einem Text zu scheitern oder zu reüissieren, den man auch schreiben will. (Denn wenn Sie im Vornherein Kompromisse machen, können Sie genauso scheitern. Und wenig ist deprimierender, als sich zu prostituieren, ohne dafür bezahlt zu werden.)</li>
<li>Falls Sie trotzdem ein Erfolgsrezept brauchen: Im Prinzip können Sie immer damit rechnen, dass Ihnen jemand zuhört, wenn Sie etwas zu sagen haben.</li>
<li>Und: Setzen Sie im Zweifel auf Kühnheit statt auf Routine. Denn letzteres wird nie ein Publikum hinreissen. Doch jedes Publikum liebt Stunts: grosse Bögen, atemberaubende Recherchen,  Angriffe auf Mächtige, Unerhörtes aller Art. (Auch, wenn es Sie in der Luft zerreisst, falls Sie scheitern.)</li>
<li>Jeder gelungene Text folgt dem Modell der Achterbahn. Daher gibt es nur zwei Pflichten gegenüber dem Leser. Erstens die Pflicht zur Klarheit. Denn niemand setzt sich in eine Achterbahn mit lottrig montierten Schienen. Oder auf Wolken. Sie haben die Pflicht zur Klarheit der Fakten, Gedanken, der Dramaturgie.</li>
<li>Diese Klarheit gilt übrigens nicht für die Meinung. Diese können Sie in der Schwebe lassen, wenn Sie den Rest vernünftig montieren. Denn wenig Fragen, Personen, Probleme sind wirklich eindeutig beschreibbar &#8211; sonst wären sie keine.</li>
<li>Was aber zur Klarheit gehört ist oft die Vorgeschichte. Einen der klügsten Sätze über das Publikum äusserte der abgebrühte Profi Karl Lüönd: «Man soll nie mit der Dummheit der Menschen rechnen. Aber immer mit ihrer Vergesslichkeit.»</li>
<li>Die zweite Pflicht ist die der Überraschungen auf dem Weg: egal, ob durch ein Bonbon, scharfe Schnitte, eine Erkenntnis, eine Volte, eine Ohrfeige, was immer: Ein Text, indem nichts passiert, ist sein Eintrittsticket nicht wert.</li>
<li>Lesen Sie die Kommentare zu Ihren Artikeln wie ein Leser Ihre Artikel: Nehmen Sie daran – an Lob, an Tadel, an Ergänzungen – vor allem das wahr, was Sie interessiert. Und ignorieren Sie den Rest.</li>
<li>Bei sehr beleidigenden Kommentaren hilft das dritte Gebot allen Schreibens: «Es ist die heilige Pflicht jedes Schreibenden, Idioten zu ärgern.» Vergleichen Sie kurz Ihren Ärger bei der Lektüre des Kommentars mit dem Zorn seines Verfassers. Und Sie werden sehen: Der Saftsack hat sich über Sie noch weit mehr geärgert, als Sie sich über ihn. Das heisst: Die Bilanz ist positiv. Ätsch.</li>
</ol>
<p>Und das hoffe ich auch: mit diesen Anmerkungen zur werten Kundschaft meine heilige Pflicht erfüllt zu haben. Nun liegt der Ball bei Ihnen. Für einmal können Sie unzensiert kommentieren.</p>
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 document.write("<img style='display:none;' src='http://www.tagesanzeiger.ch/blogs/standard/Kurze-Theorie-der-Leser-dieser-Bastarde/story/22016828/pixel.gif?nocache="+(Math.random()*100000)+"' width='1' height='1' />");
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		</item>
		<item>
		<title>Wie man einen Welterfolg landet. Der Massanzugsartikel (Teil 2)</title>
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		<pubDate>Mon, 29 Apr 2013 03:00:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Constantin Seibt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Haltung]]></category>
		<category><![CDATA[Konzepte]]></category>
		<category><![CDATA[Rezeptbuch]]></category>

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		<description><![CDATA[Ah, schön Sie wieder zu sehen, gestärkt durch einen Kaffee und das Wochenende. Letzten Freitag ging es um die Verfertigung von Massanzugsartikeln. Also Artikel, bei denen der Stil den Fakten wie angegossen passt. Und heute geht es um das gleiche. Und es wurde versprochen, mit etwas Sauberem und Praktischem zu beginnen: mit einem Skelett. (Falls Sie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><img class="aligncenter" src="http://www.queensofvintage.com/wp-content/uploads/2009/10/brummel.jpg" alt="" width="271" height="400" /></p>
<p style="text-align: left;">Ah, schön Sie wieder zu sehen, gestärkt durch einen Kaffee und das Wochenende. Letzten Freitag ging es um die Verfertigung von Massanzugsartikeln. Also Artikel, bei denen der Stil den Fakten wie angegossen passt. Und heute geht es um das gleiche. Und es wurde versprochen, mit etwas Sauberem und Praktischem zu beginnen: mit einem Skelett.</p>
<p>(Falls Sie Teil 1 verpasst haben: <a href="http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/index.php/2762/der-journalist-als-dandy-ein-hoch-auf-den-massanzugsartikel-teil-1/" target="_blank">Sie finden ihn hier</a>.)</p>
<p><strong>Das Skelett eines Artikels als Präparat des Themas</strong></p>
<p>Sehr elegant – und sehr arbeitserleichternd – ist es, das Skelett eines Artikels aus seinem Gegenstand herauszupräparieren. Und dieses dann wieder mit neuem Leben zu füllen, wie Dr. Frankenstein. Denn mit einem Skelett ist die Arbeit halb getan. Sie müssen dann nur noch das Fleisch häppchenweise hineinschreiben.</p>
<p>Das ergibt sehr wirkungsvolle Artikel, wie etwa:</p>
<ul>
<li>Bei einem <a href="http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/region/Der-Mann-mit-dem-CountdownSyndrom/story/27008420" target="_blank">Portrait eines Hobby-Raketenbastlers </a>benutzte Florian Leu als Struktur seiner Zwischentitel den Countdown: Zehn, neun, acht, etc.</li>
<li>Mikael Krogerus hetzte den «Popstar unter den Politberatern» Parag Khanna<a href="http://www.freitag.de/autoren/mikael-krogerus/nimm-drei" target="_blank"> in 40 Fragen um die Welt</a>. Und schuf rein durch das Tempo ein sehr schönes Portrait des Think-Tank-Denkens: global, technokratisch, clever, oberflächlich.</li>
<li>Seine grossartige, <a href="http://www.nichtleser.com/de/kiosk/PalestrinaTagi1.pdf" target="_blank">sehr komische Reportage über die Oper</a> strukturierte Gion Mathias Cavelty exakt wie das Libretto einer Oper.</li>
</ul>
<p>Kurz: Wo immer man ein starkes dramaturgisches Prinzip in seinem Thema entdeckt, soll man es benutzen. Bei einem Theaterskandal die 5-Akt-Struktur, beim Konkurs eines Familienbetriebs die Buddenbrooks, das <a href="http://folio.nzz.ch/2000/juni/der-roboter-auf-der-couch" target="_blank">Essay über Science-Fiction-Stories als Science-Fiction-Story</a>, etc.</p>
<p>PS: Man kann sich das Skelett auch erfinden, also quasi aus Plastik herstellen: Siehe <a href="http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/index.php/1578/eine-konstruktion-so-stabil-und-elegant-wie-ein-stahltrager/" target="_blank">Eine Konstruktion, so stabil wie ein Stahlträger</a>.</p>
<p><strong>Der Stil als Essenz der Erkenntnis</strong></p>
<p>Oft lohnt es sich, bei einer Geschichte die Story herunterzudenken, bis man zum nackten Kern kommt. Etwa: Hier geht es um eine Liebesgeschichte. Oder: ein Märchen. Oder: eine Anklage. Hat man diesen Kern, ist immer einen Versuch wert, daraus Stil und Form abzuleiten. Und beides kompromisslos durchzuziehen.</p>
<p>Also sich zu fragen: Ist das, was man schreibt: eine Plauderei? Eine Polemik? Eine Notiz-Liste? Ein Plädoyer? Eine Verdammung? Ein Liebesbrief? Ein innerer Monolog? Ein Theaterstück? Eine Predigt? Ein Märchen? Eine Werbeanzeige? Ein Rezeptbuch? Ein Memorandum? Ein Tagebuch? Ein Protokoll? Ein Krimi? Eine Klatschkolumne? Etc.</p>
<p>Das funktioniert etwa wie folgt:</p>
<ul>
<li>Bei Prognosen etwa begeben Sie sich auf das Gebiet der Prophezeiungen. Schreiben Sie diese im Gestus der Propheten &#8211; etwa jener der Bibel. Dann ist ihr Text radikaler, angreifbarer, wuchtiger und ehrlicher zugleich.</li>
<li>Bei einem Kommentar zum Aufstieg der Superreichen und Stagnation der Mittelklasse liefen die formalen Überlegungen wie folgt: Das, was mich daran am meisten interessiert, ist nicht das Geld, sondern der politische Einfluss. In 20 Jahren werden Reiche und ihre Erben noch weit deutlicher das Sagen haben. Das im Gegensatz zu meiner Jugend. Das heisst auch: Was ich damals an Strategien für Leben und Karriere lernte, ist wertlos. Und das heisst: Ich werde meinem Kindchen nichts mehr zu sagen haben. So wie die russischen Aristokraten nach der Revolution 1918 nichts mehr zu sagen hatten, weil die Welt, in der sie gelebt hatten, nicht mehr existierte. Die radikalste, wirkungsvollste Art, den Text zu schreiben, war also nicht ein staatsmännischer Kommentar. Sondern ein Brief an das Baby. (Den Briefanfang finden Sie im Teil 2 des Posts «<a href="http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/index.php/452/tote-den-tyrannosaurier-aber-zieh-dein-baby-gross/" target="_blank">Töte den Tyrannosaurier, aber ziehe dein Baby gross</a>».)</li>
<li>Nach dem World-Trade-Center-Attentat 2001 hatte ich den Job, das politische Klima in der Schweiz zu beschreiben. In Presse und Politik dominierten wildeste Terrorszenarien. Es klang wie Krieg. Also überlegte ich, was der Stil des Krieges war. Ganz klar: CNN. Also schrieb ich ein Protokoll im Breaking-News-Stil, in dem wild zwischen (lauter echten) Statements von Politikern, Sicherheitsexperten, Pressekommentaren hin und her geschaltet wurde. Das Resultat war <a href="https://www.dropbox.com/s/f8lanxnwr3uq890/Breaking%20News%20from%20Berne.docx" target="_blank">ein schmutziges Stück paranoiden Wahnsinns</a>.</li>
</ul>
<p><strong>Der grösste Schwätzer aller Zeiten</strong></p>
<p>Dem gleichen Prinzip verdanke ich auch meinen einzigen Welterfolg. Es war einer meiner ersten Artikel, und ich war verzweifelt. Dabei war die Aufgabe einfach. Ich musste für eine Drogenbeilage 4000 Zeichen zu Haschisch abliefern. Ich hatte versprochen, etwas dagegen zu schreiben. Kiffen langweilte mich. Ebenso das ganze Ritual rundum: die Kennerschaft, die Kreativität, die Kleingärtnerei.</p>
<p>Nachts vor Redaktionsschluss sass ich in den Trümmern von mehreren Anfängen. Einer donnernd. Einer schneidend. Einer anekdotisch. Einer plaudernd. Und alle klangen falsch. Ich hatte irgendwo einen massiven Fehler in der Rechnung. Nur welchen?</p>
<p>Schliesslich kam ich darauf. Das Thema war mir egal. Haschisch war wie weisse Socken. Ich persönlich mochte weisse Socken nicht. Aber wenn sie jemand anderes trug &#8211; warum nicht? Das hiess: Zu Hasch konnte ich nichts sagen als: Mich macht es müde, aber das interessiert nicht einmal mich. Und das hiess: Ich konnte nur Schwätzen.</p>
<p>Damit hatte ich den Kern des Problems. Und damit den Kern des Artikels: Das Schwätzen. Ich fragte mich, wie Schwätzerei stilistisch ausdrückbar wäre. Wer war der grösste Schwätzer aller Zeiten? Die Antwort lag nahe: Goethe. Er hatte über alles geschrieben.</p>
<p>Also nahm ich einen Band Goethe aus dem Regal, strich Satzkonstruktionen und exotische Wörter an und schrieb <a href="https://www.dropbox.com/s/ei8dgaxdqcua6r6/Goethe%20und%20Marihuana.docx" target="_blank">Goethes Aufzeichnungen zu einem Versuch der Steigerung der poetischen Existenz beim Hanf-Rauchen</a>, bei welchem er und Schiller schlechte Gedichte schrieben.</p>
<p>Darauf ging der Text um die Welt. Er landete &#8211; 1993 noch korrekt als Scherz bezeichnet &#8211; in der italienischen «Unità», im «Jornal do Brasil», in der «Zeit», aber bald schon als wahre Geschichte in Hanfbüchern, germanistischen Dissertationen, Lexika, mehreren weiteren Zeitungen und schliesslich 1999 soweit oben wie möglich: als Tatsache in der Titelgeschichte des «Spiegels».</p>
<p>Die Wirkungsgeschichte finden Sie: <a href="http://www.tagesanzeiger.ch/ipad/kultur/Goethe-in-der-Titelgeschichte-br-des-Spiegel/22463513/print.html" target="_blank">Hier</a>. Es wurden meine Hitler-Tagebücher. Obwohl ich beim Verfassen nie an eine Fälschung gedacht hatte. Denn eigentlich war es nur eine Schreibtechnik: Das zentrale Problem des Textes &#8211; die Schwätzerei &#8211; wurde durch den Stil angepackt.</p>
<p><strong>Ein Wort zur Wirkung und Warnung</strong></p>
<p>Wie der Dandy auch, wirkt der Massanzugsartikel zwiespältig auf das Publikum. Einerseits anziehend. Aber ebenso missverständlich, ja aggressionsauslösend.</p>
<p>Der CNN-Artikel über die 9/11-Folgen in der Schweiz etwa fiel völlig flach. Obwohl ich ihn für einen meiner besten halte. Der Grund? Wegen der Ungewohnheit der Form hielten die Leser sämtliche &#8211; hart recherchierte &#8211; Aussagen der Politiker und Katastrophenexperten für erfunden. (Wahrscheinlich hätte ich anfangs einen Disclaimer schalten sollen: Alles wurde so gesagt wie geschrieben.)</p>
<p>Ärger gab es auch bei der schönen Idee, eine Reportage über ein Krimi-Wochenende selbst als Rätselkrimi zu schreiben, bei der am Ende der Autor ermordet wird und der Leser herausfinden muss: «Wer war’s?» Denn die WOZ druckte damals das Plakat: «WOZ-Reporter im Grandhotel ermordet!» Was einigen Redakteuren zu frivol war. Jemand stahl dann sämtliche Plakate, bevor sie ausgehängt werden konnten. Mit der Begründung: «Und wer wird uns glauben, falls wirklich einmal jemand von uns ermordet wird?»</p>
<p>Und mein Welterfolg beruhte letztlich ja auch auf einem Missverständnis. Statt als Kritik wurde der Text als Werk Goethes gelesen. Und natürlich als Rechtfertigung verbreitet: Warum dürfen wir nicht, was schon Goethe tat?</p>
<p>Nein, der Massanzugsartikel ist nur ausnahmsweise erfolgreich. Schlicht, weil er zu ungewohnt ist. Trotzdem sollte man ihn riskieren. Aus vier Gründen:</p>
<ol>
<li>Weil er eine Extremposition im Schreiben darstellt. Und wie alles Extreme ein Erlebnis und ein Abenteuer ist.</li>
<li>Weil Sie durch fremden Stil und fremde Form zu Aussagen kommen werden, die Sie selbst überraschen. Und nichts anderes ist der Sinn des Schreibens. (Wüsste man vorher schon, was drinsteht, könnte man es lassen.)</li>
<li>Weil Sie durch Experimente damit erfolgreich werden. Denn wirklich erfolgreich sind nicht die radikalen Texte, sondern später die Massanzugsartikel <em>light</em>. Bei denen man den Stil nur sanft oder punktuell dem Gegenstand anpasst. Also die abgeschliffene Radikalität. (Es geht dieser Artikelform so, wie es Kurt Tucholsky einmal über James’ Joyces avantgardistisches Meisterwerk «Ulysses» sagte: «Das Buch ist ungeniessbar wie Liebigs Suppenextrakt. Aber es werden noch viele gute Suppen daraus zubereitet werden.»)</li>
<li>Weil Sie für einen Massanzugsartikel vielleicht nicht vom Publikum geliebt werden. Aber von mir.</li>
</ol>
<p>Pardon für diesen monströs langen und deshalb in zwei Teil gespaltenen Post. Aber es musste sein. Denn der Massanzugsartikel ist das Gegenteil von Routine, er ist ein Einfall, also eine kleine Geburt. Und damit, würde ich sagen, ein kleiner Sieg über den Tod.</p>
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 document.write("<img style='display:none;' src='http://www.tagesanzeiger.ch/blogs/standard/Wie-man-einen-Welterfolg-landet/story/15396976/pixel.gif?nocache="+(Math.random()*100000)+"' width='1' height='1' />");  
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		</item>
		<item>
		<title>Der Journalist als Dandy. Der Massanzugsartikel (Teil 1)</title>
		<link>http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/index.php/2762/der-journalist-als-dandy-ein-hoch-auf-den-massanzugsartikel-teil-1/</link>
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		<pubDate>Fri, 26 Apr 2013 04:00:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Constantin Seibt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Haltung]]></category>
		<category><![CDATA[Konzepte]]></category>
		<category><![CDATA[Rezeptbuch]]></category>

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		<description><![CDATA[Fakten sind nur die Hälfte der Botschaft. Die andere ist der Stil. Wobei der Stil meist &#8211; mehr oder weniger elegant &#8211; zum seriösen Transport des Inhalts dient. Wie jeder Vertreter trägt der Text also einen Business-Anzug von der Stange.  Was aber passiert, wenn man den Fakten einen echten Massanzug verpasst? Immer dann, wenn Aufbau [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter" src="http://3.bp.blogspot.com/_jKDuEG1KcRM/TT_GItnT6cI/AAAAAAAAIMQ/Nlfnv16SgK0/s1600/Oscar%2BWilde.jpg" alt="" width="480" height="684" /></p>
<p>Fakten sind nur die Hälfte der Botschaft. Die andere ist der Stil. Wobei der Stil meist &#8211; mehr oder weniger elegant &#8211; zum seriösen Transport des Inhalts dient. Wie jeder Vertreter trägt der Text also einen Business-Anzug von der Stange.  Was aber passiert, wenn man den Fakten einen echten Massanzug verpasst?</p>
<p>Immer dann, wenn Aufbau und Stil zu keinen anderen Fakten hätten geschrieben werden können, entsteht der Dandy unter allen Artikeln. Ein Stück Irritation.</p>
<p>Ein Massanzugsartikel ist das coolste, was ein Journalist aufs Papier bringen kann. Zum ersten zeigt er, dass jemand in der Form denken kann, nicht nur im Inhalt. Zum zweiten ist er eine grosszügige Geste der Verschwendung: Er ist, weil einzigartig, nur ein einziges Mal zu gebrauchen, so wie ein Hochzeitskleid.</p>
<p><strong>1. In der Form über die Form</strong></p>
<p>Die erste Methode, wie man zu einem Massanzugsartikel – meistens als Konfekt – kommt, ist, die Form seines Gegenstandes als Form selbst zu nutzen. Was kompliziert klingt, wird durch folgendes Beispiel klar – vielleicht den perfektesten Massanzugsartikel der Pressegeschichte. Es ist ein Essay von Heinrich Heine, das knapper und eleganter nicht denkbar ist. Hier die gekürzte Fassung:</p>
<blockquote><p>Die deutschen Zensoren – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — –– — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – Dummköpfe — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — – — –</p></blockquote>
<p>Die Chance, einen Massanzugsartikel zu schreiben, bietet sich immer, wenn eine literarische oder sonstige Form direkt oder indirekt das Thema ist. Also Haikus, Telegramme, Sonette, Memos, Reden, Listen, Fragen, Twitter, Dialekt, Kreuzworträtsel, Memoranden, was immer.</p>
<p>Dann sollte man seine Chance wittern. Und voll auf die Form setzen. Etwa in folgendem Beitrag, dem Contra in einem Pro-Contra zur südafrikanischen Tröte, der Vuvuzela, während der WM in Südafrika:</p>
<p><img class="alignleft" src="http://blog.ronniegrob.com/wp-content/uploads/Constantin-Seibt-im-Tages-Anzeiger.jpg" alt="" width="500" height="447" /></p>
<p>In diesem Blog schon zitiert wurde Robert Gernhardts <a href="http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/index.php/70/warum-man-in-tageszeitungen-schreiben-sollte/" target="_blank">Sonett über Sonette</a>; Annette Müller schrieb ein sehr schönes Feature über die amerikanische Mode der Sechs-Wort-Sätze in Sechs-Wort-Sätzen. Und einer meiner unerfüllten Pläne ist ein Beitrag zur Homöopathie-Debatte. Dort liesse sich sehr effektvoll die Frage stellen: &#8220;Gewinnt eine Substanz durch Verdünnung an Wirksamkeit?&#8221; Und zwar dadurch, dass man nach diesem Satz den Rest des Artikels weiss lässt.</p>
<p><strong>2. Die Kritik im Stil der Kritisierten</strong></p>
<p>«Wo steht das? Wo steht das?», fragte mein Deutschlehrer, der es liebte, bei Ärger jeden Satz zu verdoppeln. Dabei zeigte er auf den Satz «Ein Gedicht lässt sich nur durch ein Gedicht beantworten», den ich an den Anfang meines Schulaufsatzes über irgendein Goethe-Gedicht geschrieben hatte. Und darunter ein Gedicht hingehauen hatte. «Wo? Wo?», fragte mein Deutschlehrer. Ich zuckte die Schultern. Und er schrie: «Die Aufgabe ist nicht erfüllt! Nicht erfüllt! Ungenügend! Ungenügend!».</p>
<p>Jahre später, als ich selbst Germanistik studierte, hätte ich es ihm sagen können: Bei den Romantikern war das Mode. (Aber die hatte Goethe auch gehasst.)</p>
<p>Und da man im Erwachsenenalter seltsamerweise alle verlorenen Kämpfe seiner Jugend erneut kämpft (und deshalb ist glücklich, wer viele Kämpfe verliert, denn die Sehnsucht ist es, die einen antreibt, nicht die Siege), bin ich ein Anhänger dieser Methode geblieben.</p>
<p>Also: Bei der Kritik von Kunstwerken mit einem auffällig starken Stil oder Aufbau ist es keine schlechte Idee, Form und Ton des Originals zu übernehmen. Mal, um die Sache direkt zu zeigen, mal als Parodie, mal um das Thema weiterzudenken.</p>
<p>Meistens ergeben sich dadurch ziemlich schillernde, kontroverse, also interessante Mischformen. Hier ein paar Beispiele:</p>
<ul>
<li>Die Rezension zum (leider ziemlich schwachen) Raumschiff-Enterprise-Film «Generations». Hier begegnen sich laut Filmplakat «die beiden grössten Kapitäne des Universums»: Kirk und Picard. Interessanter, als sich über den schwachen Film zu beklagen, war, ihn weiterzudenken. Also das Drehbuch zum Treffen der beiden wirklich grössten Kapitäne des Universums zu schreiben: Kirk und Gott. Das sah nach einer kurzen Einleitung dann so aus:</li>
</ul>
<blockquote><p><em>Captains Logbuch. Sternzeit 666.6. USS-Enterprise auf Mission zum Spiralnebel Armaggedon 17. Leichte Erschütterungen im Warp-Antrieb.</em></p>
<p><em>Lt. Uhura: </em>«Die Erschütterungen im Warp-Antrieb verstärken sich.»</p>
<p><em>Kpt. Kirk</em>: «Warp-Wobble-Faktor?»</p>
<p><em>Lt. Uhura:</em> «Warp-Wobble-Faktor Sieben!»</p>
<p><em>Kirk:</em> «Warp-Wobble-Faktor Sieben! Spocky, was ist los?»</p>
<p><em>Lt. Spock:</em> «Sir, wir haben heute wieder den Tag des verlorenen Commanders. An diesen Tagen steigt die irrationale Fluktuation im ganzen Universum auf Heidegger 5. Das bringt den Warp-Antrieb durcheinander.»</p>
<p><em>Kirk:</em> «Spocky, das Dossier!»</p>
<p><em>Lt. Spock (bedient den Dossier-Computer)</em>: «Der verlorene Commander, B. Jehova – Klingone und Konstrukteur von Planeten im Adam-Smith-System. Genial, aber geistesgestört. Baute das Murphy-Syndrom ins Universum ein: die Katastrophen-Konstante.»</p>
<p><em>Uhura:</em> «Warp-Wobble-Faktor Neun!»</p>
<p><em>Lt. Spock:</em> «Der-Warp-Antrieb! Er geht zurück! Warp 12. Warp 11. Warp 10,2.»</p>
<p><em>Kirk:</em> «Der Status, Mr. Spock!»</p>
<p><em>Spock:</em> «Irrational-Faktor Heidegger 17! Laut Dossier-Computer befindet sich der Warp-Antrieb in einer negativen Schleife! Bei Warp-Wobble-Faktor 12 wird der Warp-Antrieb in den negativen Bereich kippen!»</p>
<p><em>Kirk:</em> «Negativ? Roter Alarm! Mr. Spock, was bedeutet ein negativer Warp-Faktor?»</p>
<p><em>Spock (kühl)</em>: «Ein negativer Warp-Faktor bedeutet, dass sich das Raum-Zeit-Kontinuum in Negativ-Energie stülpt und sich die Enterprise in Anti-Materie verwandelt und per Kettenreaktion das ganze Universum. Kurz: Ein negativer Warp bedeutet das Ende des bekannten Universums.»</p>
<p><em>Uhura:</em> «Warp-Wobble-Faktor elf!»</p>
<p><em>Spock:</em> «Irrational-Detektor meldet Heidegger 19!»</p>
<p><em>Uhura:</em> «Warp 4. Warp 1. Warp Wurzel 3.»</p>
<p><em>Kirk:</em> «Warp Wurzel 3? O Gott!»</p>
<p><em>Explosion. Bei Warp – 0,000025 verwandelt sich erst die Enterprise, dann das ganze Universum mit Klingonen, Paramount-Pictures und sämtlichen Drehbuchschreibern in Antimaterie. Die Leinwand wird schwarz; Stille. Dann fliegt Käptain James T. Kirk auf seinem Kommandantensessel vorbei.</em></p>
<p><em>Kirk:</em> «Irgendwie muss das Raum-Zeit-Kontinuum meines Sessels den negativen Warp überstanden haben.»</p>
<p><em>Stimme:</em> «Nichts übersteht Warp-Wobble-Faktor 23! Das Eintauchen hinter die irrationale Raum-Zeit-Barriere hat Sie gerettet.»</p>
<p><em>Kirk:</em> «Wer sind Sie?»</p>
<p><em>Stimme:</em> «Mein Name ist Walter B. Jehova – der verlorene Commander. Zur Strafe für die eingebaute Katastrophen-Konstante im Universum musste ich Jahrmilliarden hinter der Raum-Zeit-Barriere in konzentrierter Irrealität auf Schlegel 38 verbringen. Jetzt endlich ist das Universum in Antimaterie zerfallen – und damit die Katastrophen-Konstante… und Schlegel 38.»</p>
<p><em>Kirk:</em> «Und ich?»</p>
<p><em>Walter B. Jehova:</em> «Du wirst es besser machen. Ein besseres Universum. Ohne Klingonen. Ohne 2.-Klass-Planeten. Ohne Krieg und Leid.»</p>
<p><em>Kirk:</em> «Und ohne Warp-Wobble!»</p>
<p><em>Musik.</em></p>
<p>Einblendung:</p>
<p><em>Am ersten Tag schuf James T. Kirk, vormals Captain der Enterprise, Himmel und Erde.</em></p></blockquote>
<ul>
<li>Oder hier die Kritik am Steeruwitz-Roman «Lisa&#8217;s Liebe». Dieser war im Bastei-Lübbe-Heftchen-Stil geschrieben, nur trostlos und feministisch. Die Rezension «<a href="https://www.dropbox.com/s/7u28jfe3h9eutok/LebenistmelancholischeScheisse.webarchive" target="_blank">Das Leben ist melancholische Scheisse</a>» arbeitete in Stil und Haltung gleich.</li>
<li>Oder die <a href="https://www.dropbox.com/s/eedhvqewsi9zj0o/Spiegelman.docx" target="_blank">Besprechung von Art Spiegelmans Holocaust-Comic-Ausstellung</a>. Die «Maus»-Comics bezogen ihre Direktheit paradoxerweise darin, dass Spiegelmann mehrere Ebenen mischte: Die Konzentrationslager, dann Spiegelmanns Vater, der sie überlebt hatte, und Spiegelman selbst, der vor dem Schreibtisch mit dem ganzen Wahnsinn klarkommen muss. Um diese Direktheit auch in der Kritik aufs Papier zu bringen, lag die Idee nahe, die Komplexität noch zu erweitern. Um den Kritiker. Und seine Familiengeschichte: aus dem Lager der Täter.</li>
</ul>
<p>Die Übernahme von Sprache und Bauprinzip aus einer Vorlage ist auch deshalb faszinierend, weil man in fremdem Stil quasi mit fremdem Kopf denkt; oft überrascht einen das Resultat selbst.<br />
Was mir an den letzten zwei Beispielen &#8211; zwei ziemlich alten Texte &#8211; gefällt, ist gerade das Schmutzige daran: der Mix zwischen Kapern des Stils, Reflexion darüber und der Peinlichkeit, Privates als Material hineinzumischen. Es ist keine distanzierte Besprechung. Sondern eine, in der sich sich der Kritiker mit vollem Einsatz ins besprochene Werk wirft. Eine Technik, mit der, fürchte ich, mehr über die Sache herauskommt, als bei vielen kontrollierten Kritiken, die ich später schrieb.</p>
<p>So weit für heute. Den zweiten Teil dieses Artikels beginnen wir mit etwas Sauberem: einem Skelett. Dann, wenn die Woche noch frisch ist, und Sie und Ihre Hemden gestärkt sind. Bis Montag, also.</p>
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 document.write("<img style='display:none;' src='http://www.tagesanzeiger.ch/blogs/standard/Der-Journalist-als-Dandy-Ein-Hoch-auf-den-Massanzugsartikel-Teil-1/story/28299242/pixel.gif?nocache="+(Math.random()*100000)+"' width='1' height='1' />");
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		<item>
		<title>Jeder Krüppel hat seine eigene Art zu laufen</title>
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		<pubDate>Wed, 17 Apr 2013 03:00:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Constantin Seibt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Haltung]]></category>
		<category><![CDATA[Rezeptbuch]]></category>

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		<description><![CDATA[Der «Tages-Anzeiger» ist eine liberale Zeitung. Man hat als Redaktor viel Freiheiten. Einer der wenigen Fälle, bei denen ich einen entschiedenen Befehl zum Streichen erhielt, war bei einem Artikel zur Wahl des neuen Fernsehdirektors, Rudolf Matter. Kritisiert wurde die Anfangsszene:  Bei der Pressekonferenz sass Matter zwischen den beiden entscheidenden Leuten, die ihn gewählt hatten: SRG-Direktor Hans [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/wp-content/uploads/2013/04/Paar1.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-2740" title="Paar" src="http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/wp-content/uploads/2013/04/Paar1.jpg" alt="" width="500" height="339" /></a></p>
<p>Der «Tages-Anzeiger» ist eine liberale Zeitung. Man hat als Redaktor viel Freiheiten. Einer der wenigen Fälle, bei denen ich einen entschiedenen Befehl zum Streichen erhielt, war bei einem Artikel zur Wahl des neuen Fernsehdirektors, Rudolf Matter.</p>
<p>Kritisiert wurde die Anfangsszene:  Bei der Pressekonferenz sass Matter zwischen den beiden entscheidenden Leuten, die ihn gewählt hatten: SRG-Direktor Hans Fünfschilling und Radio-Direktor Walter Rüegg. Damit ergab sich folgendes Bild: Fünfschilling (rechts) hatte eine Glatze, einen weissen Bart und keine Brille.  Ruegg (links) hatte weisses Haar, keinen Bart, aber eine Brille. Matter (in der Mitte) hatte keinen Bart, weisses Haar und keine Brille.</p>
<p>Das heisst:  Zwei Herren hatten einen dritten gewählt, der aussah wie ihr gemeinsamer Kompromiss. Oder wie ihr perfektes Übergangsbild beim Morphing.  Ich fand das bemerkenswert. Die Redaktion nicht.  Man sagte mir, dies sei ein News-Text, und so eine Passage gehöre gestrichen. Ich protestierte.  Die Morphing-Illusion sei der stärkste Eindruck bei der Pressekonferenz gewesen.  Und deshalb müsste man sie bringen.  Man antwortete:  Wir sind hier nicht im Kulturteil.</p>
<p>Jedenfalls wirft dies die Frage auf:  Soll man Leute in Zeitungstexten auch körperlich schildern?</p>
<p><strong>Das Leib-Seele-Problem</strong></p>
<p>Im Prinzip ist diese Frage ein fernes Echo eines uralten philosophischen Streits, der Philosophen und Ärzte seit der Antike beschäftigt: des Leib-Seele-Problems. Sind Geist und Körper getrennt oder sind sie eins?  Plato sprach sich für Dualismus aus: die Seele ist unsterblich, der Leib nicht. Aristoteles sah das Lebendige als «Pneuma», als Eigenschaft des Körpers.</p>
<p>Lange Zeit, bis in die Moderne hinein, dominierte Plato. Heute neigt man mehr Aristoteles zu.  Ich auch. Das aus persönlichen Gründen. Denn ich habe von meinen Vater einen federnden Gang geerbt. Und ich glaube, das hat mein Schicksal besiegelt. Denn jedes Gefühl hat seinen Rhythmus: Wut, beispielsweise, versetzt den Kopf ins Maschinengewehrfeuer, Melancholie ins Schleichen. Und dieser Rhythmus wird durch meinen Gang  sabotiert. Laufe ich wütend oder wie immer durch die Strasse, denke ich spätestens nach fünf Schritten eine unpassende Nebenbemerkung. Es ist der Gang eines Kindes, und er macht mich zu einem leichtgewichtigeren Menschen: zu einem Korken im Meer.</p>
<p>Kurz: Es wäre schwierig, mein Portrait zu schreiben ohne den Gang. Kein Wunder, schätze ich den Satz des irischen Dichters und IRA-Attentäters Brendan Behan: «Every cripple has <del>it&#8217;s own way to walk</del> his own way of walking.»</p>
<p>Und kein Wunder, macht für mich journalistisch die Beschreibung des Aussehens Sinn. Aus drei Gründen:</p>
<ol>
<li>Schon aus Prinzip: Beschränkung ist Unfug. Journalismus ist für alles zuständig.</li>
<li>Entscheide, etwa in Politik oder Wirtschaft, sind fast immer multifaktoriell. Sachzwänge, Vorurteile, Stimmung, Taktik, Zufall, Nebenziele, Geschick oder Pech treffen zusammen. Und manchmal auch der Körper des Entscheidenden. Eine präzise Analyse gleicht oft einer Collage.</li>
<li>Mit dem Beschreibung des Aussehens hat man eine Chance, die man sonst selten hat. Denn normalerweise kennt der Leser die Recherchen des Journalisten nicht. Er muss diesem vertrauen. Doch sobald ein Foto des Beschriebenen neben dem Artikel steht (oder dieser prominent ist) kann der Leser bei der Schilderung des Aussehens seine Eindrücke mit dem Text vergleichen. Hier kann ein Journalist einen Augenblick lang die Genauigkeit seines Blicks beweisen.</li>
</ol>
<p><strong>Was bleibt, ist der Satan</strong></p>
<p>Einen der dümmsten Fehler, den ich als Anfänger machte, war, Figuren von der Scheitel bis zur Sohle zu beschreiben.  Das machte richtig Arbeit. Und war nicht unknifflig: Wie zum Teufel schildert man einen Hals?</p>
<p>Irgendwann fragte ich mich, warum die Portraits trotz aller Arbeit völlig tot blieben. Man hätte die Leute zwar zeichnen können nach meiner Schilderung, aber sehen konnte man sie nicht. Nach zwei, drei Jahren Nachdenken kam ich auf die Lösung: Man erfasst einen Menschen mit einem Blick. Und so schnell muss es auch schriftlich gehen.</p>
<p>Weit effektiver als jede Schilderung von Kopf bis Fuss ist eine schnelle, etwa:</p>
<blockquote><p>Er war dick und hatte eine rote Nase.</p></blockquote>
<p>Nach diesem Prinzip sind eigentlich alle wirksamen Personenbeschreibungen gebaut. Selbst kompliziertere wie etwa diese von Dashiell Hammett:</p>
<blockquote><p>Samuel Spades Unterkiefer war lang und knochig, sein Kinn ein scharf vorspringendes V unter dem ausdrucksvolleren V seines Mundes. Die rückwärts geschwungene Linie seiner Nasenflügel bildetete ein weiteres, kleineres V. Seine gelbraunen Augen lagen waagrecht. Das V-Motiv wurde erneut von den Augenbrauen aufgenommen, die von der Doppelfalte über seiner Hakennase nach aussen hin anstiegen, während sein blassbraunes Haar von hohen, flachen Schläfen zu einer Spitze in der Stirnmitte auslief. Er sah aus wie ein eigentlich ganz umgänglicher, blonder Satan.</p></blockquote>
<p>Ohne den letzten Satz, der den Gesamteindruck zusammenfasst, wäre die ganze Personenbeschreibung wertlos. Von ihr bleibt eh nichts ausser der netten Spielerei mit den Vs und dem allgemeinen Eindruck eines Gesichts von einiger Kantigkeit. Alle die Details – der Haaransatz, die Augen und Haarfarbe – sind sofort vergessen: Sogar beim Autor, der die Haarfarbe in einem Satz wechseln lässt. Was bleibt, ist der Satan.</p>
<p>Im Grund haben Sie zwei Strategien:</p>
<p>1. Sie setzen alles auf eine Karte, also auf ein anatomisches Detail. Etwa bei Friedrich Glaser:</p>
<blockquote><p>Die Art des Terrors, die Farny ausübte, war versteckt. Es waren vor allem seine Augen. Die Iris war grau und schmal, mit vielen winzigen gelben Tupfen. Darum lag eine Hornhaut, durchzogen von vielen roten Äderchen. Aber was diese Augen eigentlich so entsetzenserregend machte, konnte niemand recht sagen. Sie waren wohl leer, ganz und gar ausdruckslos, auch wenn man fühlte, dass der Sergeant innerlich von Wut geschüttelt wurde, die Augen blieben sich gleich.</p></blockquote>
<p>2. Sie fassen den Gesamteindruck in ein Bild. Etwa bei Raymond Chandler:</p>
<blockquote><p>Hinter sein Hutband waren ein paar bunte Federn gesteckt, aber die hatte er eigentlich nicht mehr nötig. Selbst auf der Central Avenue, wo man nun wirklich nicht die dezentest gekleideten Leute der Welt sehen kann, sah er so unnauffällig aus wie eine Tarantel auf einem Quarkkuchen.</p></blockquote>
<p>Bei dieser Methode hilft ziemlich oft die <a href="http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/index.php/2410/der-coolste-special-effect-den-das-schreiben-zu-bieten-hat/" target="_blank">Technik des Wie-Vergleichs</a>, des schärfsten Spezialeffekts beim Schreiben.</p>
<p><strong>Das Leib-Seele-Problem, Teil II</strong></p>
<p>Gutes Schreiben ist immer eine Frage der Ökonomie. Und deshalb müssen Körperbeschreibungen idealerweise zwei Ziele gleichzeitig erfüllen:  Das Innere wie das Äussere beschreiben. Dabei stellt sich erneut das Leib-Seele-Problem,  hier gespiegelt in zwei Zitaten:</p>
<blockquote><p>Mit 30 hat jeder das Gesicht, das er verdient. <em>Camus</em></p>
<p>Wir urteilen stündlich nach dem Gesicht und wir irren stündlich. <em>Lichtenberg </em></p></blockquote>
<p>Eines der interessanten Dinge bei jedem Portrait ist, wie jemand in seinem Körper steckt:  Es gibt Business- und Modekörper (etwa der Marathon laufende Manager); es gibt programmatische Körper (etwa der schlecht sitzende Bauernanzug an Christoph Blocher); es gibt intelligente Körper (etwa bei Schauspielern, die auf jeder Photographie gut aussehen), es gibt schlafende Körper (etwa bei einem Freund von mir; alles ist unbeweglich, nur was gesagt wird, ist brillant); es gibt Körper, die den Charakter aussprechen und solche, die ihm widersprechen (Als Gymnasiast sah ich einen gemütlichen Polizisten mit Kindergesicht, der einen Betrunkenen verprügelte).</p>
<p>Das heisst: Man muss die Körperbeschreibung von Fall zu Fall einsetzen: Mal ist er Berufskörper, mal Klassenmerkmal, mal Unbeteiligter, mal Kontrast, mal Bekenntnis.</p>
<p>Letzteres ist er etwa in einem News-Artikel über den damaligen Bundesrat Pascal Couchepin, geschrieben von meinem heutigen Bürozellennachbarn Jean-Martin Büttner. Ich weiss noch, wie ich die Büttners Beschreibung an einem Junimorgen 2003  las, völlig unvorbereitet vor meinem Kaffee, im Nachrichtenteil:</p>
<blockquote><p>Denn an ihm ist alles gross. Das beginnt bei der cäsarisch vorgeformten Nase, die der Innenminister in die Geschäfte seiner Bundesratskollegen steckt und mit der er zugleich politische Konstellationen vorauswittert. Dazu kommen seine fleischigen Ohren, mit denen er genau auf die Reaktionen hört, die er mit seinen Vorstössen provoziert hat, weil er nämlich nur so weit geht, als es ihm nicht schadet. Dazu kommen seine riesigen Füsse, mit denen er allen vorausmarschiert. Das grösste Organ des Bundespräsidenten bleibt indes virtuell: sein alles niederwalzendes, alle übertönendes, selten an sich zweifelndes Ego. Wäre er nicht so intelligent, debattierfreudig und auch witzig, der Mann wäre absolut nicht auszuhalten.</p></blockquote>
<p>Seitdem konnte ich Couchepin nie anders sehen.</p>
<p><strong>1 Meter 92 grosser Journalismus</strong></p>
<p>Aber zum Schluss noch eine Warnung. Beschreiben Sie einen Körper nie, ohne die Person bewusst beobachtet zu haben. In einer Recherche über einen Mann, der einen überraschenden Sprung an die Spitze eines Weltkonzerns gemacht hatte, musste ich tagesaktuell recherchieren. Ich hatte den neuen Chef zwar zuvor bei ein oder zwei Generalversammlungen am Tisch sitzen gesehen, aber als Nebenfigur. Nun rief ich Hinz und Dr. Kunz an, um über ihn zu reden. Zwei Leute sagten den Satz: «Er ist ein kleiner Mann.» Also schrieb ich:</p>
<blockquote><p>Er ist ein kleiner Mann, der&#8230;</p></blockquote>
<p>Und kassierte noch Jahre danach Spott. Der besagte Konzernchef mass über 1 Meter 90. Meine Informanten, zwei verfluchte Platoniker, hatten über seine Seele geredet.</p>
<div style="position: absolute;"><script type="text/javascript" language="JavaScript">// <![CDATA[
 document.write("<img style='display:none;' src='http://www.tagesanzeiger.ch/blogs/standard/Jeder-Krueppel-hat-seine-eigene-Art-zu-laufen/story/27613996/pixel.gif?nocache="+(Math.random()*100000)+"' width='1' height='1' />");
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		</item>
		<item>
		<title>Mut im Büro</title>
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		<pubDate>Thu, 04 Apr 2013 03:00:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Constantin Seibt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Haltung]]></category>

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		<description><![CDATA[Einer der peinlichen Momente im Journalismus ist, wenn Leser einem zu seinem Mut gratulieren. Verblüffenderweise geschieht das fast immer dann, wenn man breit Akzeptiertes schreibt: etwa Kommentare gegen Banken, Manager oder das Bankgeheimnis. Zehn Jahre davor, als dieselben Kommentare noch umstritten waren, klang das Echo anders. Damals war das Publikum 50:50 gespalten. Die erzürnte Hälfte warf einem Absurdität vor. Und auch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter" src="http://www.auktion-innsbruck.at/media/files/1295-3.JPG.products.big.jpg" alt="" width="640" height="342" /></p>
<p>Einer der peinlichen Momente im Journalismus ist, wenn Leser einem zu seinem Mut gratulieren. Verblüffenderweise geschieht das fast immer dann, wenn man breit Akzeptiertes schreibt: etwa Kommentare gegen Banken, Manager oder das Bankgeheimnis. Zehn Jahre davor, als dieselben Kommentare noch umstritten waren, klang das Echo anders. Damals war das Publikum 50:50 gespalten. Die erzürnte Hälfte warf einem Absurdität vor. Und auch bei der einverstandenen Hälfte lag Zweifel in der Stimme.</p>
<p>Doch heute reicht die Skepsis gegenüber Banken und Managern bis tief in bürgerliche Kreise. Und wenn man heute einen Artikel in diese Richtung schreibt, hat man am nächsten Tag unter Garantie ein, zwei pensionierte Anwälte oder sogar Banker am Draht, die einem zu dem Mut gratulieren, den man dazu wirklich nicht mehr braucht.</p>
<p><strong>Just give a damn!</strong></p>
<p>Aber vor allem irren die Anrufer in einem: Mut hat im Büro nichts zu suchen. Zumindest nicht im Journalismus. Der Grund ist einfach: Mut bedeutet Überwindung, Entscheidungen, Kampf, also Aufwand. Und diesen täglich nach dem Morgenkaffee aufzubringen, wäre unpraktisch.</p>
<p>Es muss ohne Mut gehen &#8211; auch für Feiglinge wie Sie oder mich. Das heisst: Man braucht eine klare Haltung. Im Fall des Journalismus genügt es, ein paar wenige Punkte genau durchzudenken.</p>
<p>Gesetzt den Fall, man würde bei heiklen Themen, Plänen, Urteilen an die möglichen Nachteile denken - für Ruf, Bequemlichkeit oder Karriere: Was würde passieren?</p>
<ol>
<li>Die Arbeit würde kaum noch Spass machen. Man wäre Spielball seiner Ängste.</li>
<li>Man wäre auch Spielball aller möglichen Leute. Und Sie können Gift darauf nehmen, dass selbst grösste Konzessionen die Sympathie Ihnen gegenüber nicht steigern würden. Sondern man würde nur den Respekt vor Ihnen verlieren. Gegen einen Spielball wird getreten. (Das gilt nicht nur für nachgiebige Redakteure, sondern auch für nachgiebige Zeitungen.)</li>
<li>Das Allerwichtigste jedoch: Sobald Sie sich zensieren, verkleistern Sie Ihre Wahrnehmung. Und diese – so verblüffend unvollständig sie funktioniert – ist in diesem Beruf alles, was Sie haben. Sie ist Ihr Werkzeug, Ihre Waffe, Ihre Ware. Sie können sich nicht leisten, sie zu sabotieren. Zu keinem Preis.</li>
</ol>
<p>Das ist auch der Grund, warum Kompromiss-Artikel fast immer schlecht geschrieben sind. Gore Vidal definiterte Stil einmal mit dem Satz: «Style is knowing who you are, what you want to say and not giving a damn.» (Danke, Herr Haemmerli, für das Zitat.)</p>
<p>Zu wissen, wer man ist und was man sagen will, ist Arbeit genug. Beschleicht einen dabei die Furcht vor den Konsequenzen, sollte man folglich versuchen, nicht daran zu denken. Und wenn man es trotzdem tut, keine Mutfrage daraus zu machen. Sondern sich automatisch zu sagen: zur Hölle damit.</p>
<p>Um dann ungerührt hinzuschreiben, was man sieht. Oder genauer: Was man gesehen zu haben glaubt.</p>
<p><strong>Jammern Sie nie!</strong></p>
<p>Damit ist alles Wichtige gesagt. Aber noch nicht alles weniger Wichtige.</p>
<ul>
<li>Wenn Sie neu in eine Redaktion kommen, fangen Sie im Zweifel nicht vorsichtig an. Machiavelli riet, seine Grausamkeiten alle am Anfang zu begehen. Und dann milder zu werden. Zeitungen sind Routinemaschinen und funktionieren über Gewohnheiten. Wer drei Artikel zu Hunden schreibt, gilt fortan als Hundespezialist. Und wenn Sie mit den ersten drei kontroversen Artikeln durchkommen, ist der Ton etabliert. Alle werden sich fragen: Darf der das? Und sich sagen: Er durfte es drei Mal, also darf der das. Diese Strategie ist weit risikoloser, als nach einer Kette von Harmlosigkeiten eine Kühnheit zu wagen.</li>
<li>Irritierenderweise führt serielle Frechheit mit der Zeit dazu, dass Sie sogar von Ihren Opfern geschätzt werden. Meist dann, wenn Sie auch über mehrere Konkurrenten des Opfers Frechheiten geschrieben haben. Sie gelten dann als unbestechlicher Hund. (Siehe den Karrieretipp: <a href="http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/index.php/1491/opportunismus-fur-fortgeschrittene/" target="_blank">Opportunismus für Fortgeschrittene</a>.)</li>
<li>Natürlich werden Sie nicht immer so billig davon kommen. Sie werden auf Gegenfeuer stossen. Und von Zeit zu Zeit auch einen Schuss kassieren. Mal zu Unrecht, mal zu Recht und oft in Nebendingen. Ärgern Sie sich dann nicht zu sehr. Analysieren Sie, warum die Schweinebacken es geschafft haben, Ihnen eins aufs Fell zu brennen. Knurren Sie einen Fluch. Dann denken Sie an die vielen Male, wo Sie unverdient entwischten. Und arbeiten friedlich weiter.</li>
<li>Zu echter Furcht besteht wenig Anlass. Journalisten sind eine spottlustige, rauhe, aber letztlich freundliche Bande. Vielleicht nur, weil sie so vergesslich sind, aber immerhin. Bis auf wenige Erzfeindschaften gilt die Branchenregel: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Selbst die Leute, die die gefälschten Hitler-Tagebücher und Hollywood-Interviews veröffentlichten, erhielten eine zweite Chance.</li>
<li>Eine der unpraktischsten Haltungen, die Sie sich zulegen können, ist der Boxer mit Glaskinn. Als die NZZ nach Jahren des Schweigens einen doppelseitigen Verriss seines Werks geschrieben hatte, weinte der grosse Reporter Niklaus Meienberg drei Tage lang. Statt sich zu sagen: Noch nie zuvor hat die NZZ einen Schriftsteller auf einer Doppelseite verrissen. Aber Meienberg wollte vom Establishment, das er angriff, geliebt werden. Das war kein kluger Wunsch.</li>
<li>Und jammern Sie nie. Es gibt im Journalismus nichts peinlicheres als Papiertigerjäger. Die Leute, die dieses Spiel systematisch betreiben, sind etwa die Kämpfer gegen die politische Korrektheit. Sie veröffentlichen meist gezielt Verletzendes, und beim ersten Ärger schreien sie: Zensur. Und gibt es keinen Ärger, machen sie weiter, bis es welchen gibt. Dann klagen sie über Moralkeulen, Denkverbote oder Zeitgeist. Und preisen den Ärger als Beweis des eigenen Muts. Als hätten nicht seit jeher dumme Grobheiten dumme Grobheiten hervorgebracht. (Mehr dazu später in diesem Blog.)</li>
</ul>
<p>Jedenfalls ist Mut nichts, was in eine Redaktion gehört. (Ausser, manchmal, bei internen Debatten.) Sparen Sie sich ihn für den Ort auf, wo Sie ihn wirklich brauchen: in der Liebe, in der Freundschaft, vor dem Rasier- oder Schminkspiegel. Denn dort müssen Sie sich früher oder später Ihrer Furcht stellen. Und können ihr nicht mit dem automatisierten Fluch antworten: Zum Teufel damit.</p>
<p>Aber in der Redaktion können Sie das. Und das macht das Berufsleben gelegentlich so erholsam.</p>
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		<item>
		<title>Die Pflicht zur Grösse &#8211; warum man sich nicht in der Provinz hängen lassen sollte</title>
		<link>http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/index.php/2462/die-pflicht-zur-grosse-warum-man-sich-nicht-in-der-provinz-hangen-lassen-sollte/</link>
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		<pubDate>Fri, 29 Mar 2013 05:00:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Constantin Seibt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Haltung]]></category>

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		<description><![CDATA[Es gibt zwei Zitate aus dem Film «Kinder des Olymp», die in jeder Redaktion hängen sollten. Das erste sagt der Schauspieler Frédérick, als er noch als Pantomime arbeitet: Wie, was – wieso soll ich Pantomime spielen, wenn ich doch ein Orchester in der Brust habe? Das zweite Zitat äussert der Dandy und Verbrecher Lacenaire, nachdem er einen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter" src="http://randommization.com/wp-content/uploads/2012/03/giant-animal-street-art-by-roa.jpg" alt="" width="565" height="423" /></p>
<p>Es gibt zwei Zitate aus dem Film «Kinder des Olymp», die in jeder Redaktion hängen sollten.</p>
<p>Das erste sagt der Schauspieler Frédérick, als er noch als Pantomime arbeitet:</p>
<blockquote><p>Wie, was – wieso soll ich Pantomime spielen, wenn ich doch ein Orchester in der Brust habe?</p></blockquote>
<p>Das zweite Zitat äussert der Dandy und Verbrecher Lacenaire, nachdem er einen Grafen im türkischen Bad erstochen hat. Er wendet er sich an seinen Komplizen Avril und sagt:</p>
<blockquote><p>Mein lieber Avril, das Spiel ist aus. Ich glaube, es ist besser, wenn du einige Zeit aus Paris verschwindest. Denn ich für meinen Teil kann es mir nicht leisten, mich in der Provinz hängen zu lassen.</p></blockquote>
<p>Worauf er sich mit einem Lächeln der Polizei ausliefert.</p>
<p><strong>Die Gesetze der Dramaturgie</strong></p>
<p>Frédérick und Lacenaire haben Recht. Es gibt im Journalismus die Pflicht zur Grösse. Das schon aus drei dramaturgischen Überlegungen:</p>
<ol>
<li>Fleiss allein macht in einer Aufmerksamkeitsbranche keinen Sinn. Niemand honoriert die Anzahl der Artikel. Nicht die Leser, nicht die Redaktion. Im schlechtesten Fall wird man zum zuverlässigen Lieferant für Füllstoff. Und kriegt weitere Füllstoff-Aufträge. Im Kampf um Aufmerksamkeit zählt nur, dass Ihnen von Zeit zu Zeit ein Wurf gelingt. So wie das arabische Sprichwort sagt: «Gott achtet mich, wenn ich arbeite. Aber Gott liebt mich, wenn ich singe.»</li>
<li>Die Wucht eines Artikels hängt nicht zuletzt an der Wucht des Themas. So wie auch das Renommee des Autors. Um gross zu werden, sollte man über grosse Dinge schreiben. Die wirklich grossen Themen erkennt man an einem einfachen Merkmal: Dass man sie nicht begreift. Jedenfalls nicht ganz. Nur Anfänger schreiben über Dinge, die sie verstehen. Themen wie die rollende Finanzkrise, die Digitalisierung der Welt, die Machtverschiebungen in der globalisierten Wirtschaft sind nicht deshalb fruchtbare Themen, weil sie objektiv wichtig sind, sondern weil sie immer neue Unklarheiten hervorbringen.</li>
<li>Man sollte sich grosse Gegner wählen. Nicht nur, weil die Aufgabe der Presse die Kritik der Macht ist. Sondern schon aus dramaturgischen Gründen. «Je gelungener der Schurke, desto besser der Film», sagte bereits Hitchcock. Und tatsächlich sind Autoren, die auf kleine Leute losgehen, kleine Autoren. Nicht wegen der Moral, sondern wegen der Dramaturgie. Es gibt keinen eleganten Weg, auf Sozialhilfebezüger oder Asylanten loszugehen. Den Fusstritt nach unten kann sich kein Gentleman leisten. Den Uppercut gegen oben schon. (Jeder Journalist, der auch nur einen Funken Dandytum in sich hat, schreibt im Zweifel links.)</li>
</ol>
<p>Falls Ihnen also Ihre Karriere lieb ist, setzen Sie auf grosse Artikel, grosse Themen, grosse Gegner. Und vermeiden Sie kleine.</p>
<p><strong>Schreiben Sie nie Kleinliches über Kleinigkeiten</strong></p>
<p>Auf Redaktionen tobt ein ewiger Kampf: Was tun, um Lesernähe zu erreichen? Eine Standard-Methode, sich diesen zu nähern, sind die Ärgernisse des Alltags. Soll man mitschimpfen? Also Artikel dazu veröffentlichen, dass Hunde ein bösartiges Wesen haben, Kinderwägen die Trams verstopfen, Raucher stinken, Handys nerven, Jogger scheussliche Anzüge tragen, Mütter Kleinkinder verhätscheln, Balkongrillen wie eine Rauchbombe für die Nachbarn ist, etc.?</p>
<p>Das starke Argument für solche Artikel ist, dass sie gelesen werden. Und Fluten von Kommentaren erzeugen. Das nennt die Redaktion dann: Eine Debatte auslösen.</p>
<p>Meine Empfehlung ist hingegen: Nein. Tun Sie so etwas nie.</p>
<p>Zwar zünden diese Themen wie ein Strohfeuer. Doch im Kern beruhen sie fast alle auf einer Niedrigkeit – meist gegen eine Gruppe. Diese Niedrigkeit pflanzt sich dann zuverlässig in der Debatte fort: Es wird hin und her beleidigt. Die Kommentarspalte füllt sich dann mit einer Kette von kleinen Geschwüren. (Thanx, Mike Müller!)</p>
<p>Aber ist Weglassen nicht Zensur? Von sich selbst und den Lesern? Klar, die Schimpfereien gehören zum Alltag. Doch sie gehören zu den traurigsten Momenten darin. Verflucht, wer sie wichtig nimmt: Das sind verbitterte Menschen.</p>
<p>Die einzige Art, diese Themen zu behandeln, ist die des Lords oder der Lady: Man hebt kurz die Augenbraue. Und wendet sich wieder wichtigeren Themen zu, etwa dem Wetter.</p>
<p><strong>Das Kleingedruckte im Vertrag</strong></p>
<p>Die eigentliche Verpflichtung zu Grösse, ja Grosszügigkeit liegt aber schon im Medium, das Sie gewählt haben: dem Schreiben. Schreiben ist nicht Leben. Es ist die überarbeitete, weniger langweilige, weniger verwirrte Variante davon.</p>
<p>Was immer in Ihrer Bibliothek steht, fast alles hat einen schärferen Blick und ein weiteres Herz als der Alltag. Das ist der Sinn des Buchs: der Filter. Die Möglichkeit, Dinge sehr genau zu sagen. Und deshalb mehr zu riskieren, als man im Leben riskieren würde: mehr Klarheit, mehr Frechheit, mehr Gefühl, mehr Logik, mehr Freundlichkeit. Jedes gelungene Buch ist ein kleines Wunderwerk aus Kontrolle und Kühnheit.</p>
<p>Dasselbe gilt auch – ein wenig abgeschwächt – für den Journalismus. Mit der Wahl des Mediums Schrift hat man sich quasi im Kleingedruckten zur Grösse verpflichtet: zur Weite des Horizonts und des Kopfes. Wer dieses Kleingedruckte nicht einhält, wird vertragsbrüchig.</p>
<p>Als Strafe auf den Bruch dieses Vertrags steht automatisch der Tod: zwar nicht der des Autors, aber seines Artikels.</p>
<p><strong>Grösse in der Praxis</strong></p>
<p>Zugegeben, das vorher war etwas viel Pathos. In der Praxis ist Grösse nichts besonders Aufregendes, sondern gehört zum Handwerk. Wie der Büroangestellte den Anzug, legt man sich als Journalist vor der Arbeit etwas Grösse an. Das fühlt sich so spektakulär an wie eine Krawatte. Einerseits ist diese ein professioneller Schutzschild. Andererseits würgt sie einen ein wenig.</p>
<p>Im Grund genügt ein Set von Faustregeln:</p>
<ol>
<li>Man sollte bei den grossen Themen seiner Zeit dabei sein. Wenn man schon Journalismus macht, dann nicht in der Provinz.</li>
<li>Die grossen Storys finden sich dort, wo man etwas nicht versteht. Das ist fast immer der Kern der Sache.</li>
<li>Das gilt besonders für Dinge, wo alle so tun, als würden sie sie verstehen. Wenn du etwas nicht verstehst, bist du selten allein.</li>
<li>Suche routinemässig, bevor du schreibst, das Weite. Recherchiere die Vorgeschichte (bei fast jedem Artikel), die Gegenargumente (bei Analysen), die Umstände (bei Portraits), die Alternativen (bei Handlungen), die Haken (bei Einfachem), die Formel (bei Komplexem).</li>
<li>Lass dich nicht in einem Fachgebiet einsperren: also in Politik, Wirtschaft, Kultur oder Lokales. Die kompletten Storys finden sich oft im Niemandsland zwischen den Ressortgrenzen. «Die Folgen liest man im Politischen, die Verbrechen im Wirtschaftsteil», schrieb etwa Otto Jägersberg.</li>
<li>Im Zweifelsfall sieh eine Nachricht, eine Person, ein Buch immer als Symptom: als Teil von etwas Grösserem. Schreib nicht nur über einen Manager, sondern über die ganze Kaste, rezensiere kein Buch, sondern die Zeit, schreib keine Nachricht, sondern die neueste Variante eines uralten Dramas.</li>
<li>Bist du fertig mit der Recherche, frag dich ehrlich, was dich an der Sache interessiert. Und schreib das. Und alles andere nicht.</li>
<li>Verschwende dein Thema nicht, wenn es gut ist. Sei widerlich, nerv alle Kollegen und verlange so viel Platz wie möglich.</li>
<li>Bei Nebenbemerkungen oder Nebensachen fahre nie das ganze Arsenal auf. Es ist Small Talk, also schreib es wie Small Talk: verspielt oder gelassen. Keinesfalls ernst oder empört.</li>
<li>Gedanken, die fast alle teilen, sind es nicht wert, aufgeschrieben zu werden. Nur Holzfäller hauen in tiefe Kerben.</li>
<li>Greife keine kleinen Leute an.</li>
<li>Stelle niemand ausschliesslich als Opfer dar. Nicht ohne Grund beleidigen heutige Jugendliche einander mit: «Du Opfer.»</li>
<li>Greife – wenn schon – grosse Leute an. Aber nicht ihre Wade. Kritisiere sie nicht wegen Kleinkram, sondern wegen des Zentrums ihrer Tätigkeit: also Politiker wegen ihrer Politik, Manager wegen ihrer Entscheide, Schriftsteller wegen ihres Stils.</li>
<li>Gegner muss man mögen wie sein Spiegelbild. Sonst findet man nie ihre Schwachpunkte heraus.</li>
<li>Beschreibe nie jemanden ohne seine Umgebung. Ein Mensch ist nicht einmal nackt ohne Herkunft, Milieu, Vorurteile und Vergangenheit.</li>
<li>Mach nur selten Prognosen. «Ich begreife nicht, wie sich zwei Propheten auf der Strasse begegnen können, ohne sogleich in lautes Gelächter auszubrechen», schrieb Lichtenberg.</li>
<li>Sei im Zweifel grosszügig.</li>
</ol>
<p>Kein Wunder, scheitert man bei dieser Menge an Regeln immer wieder. Doch das tut nichts zur Sache. Denn Scheitern bedeutet nur, dass ein Text widerstandslos in der täglichen Flut versinkt. Das Schöne an diesem Beruf ist: Nur die gelungenen Sachen bleiben im Gedächtnis. Zwar auch nur zwei oder drei Tage, aber hey!</p>
<p>Professionelle Grösse ist übrigens nichts Stabiles. Sie ist alles Mögliche – ein Businessanzug, eine Haltung, ein Prozess – nur eines ist sie nie: ein Zustand.</p>
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		<item>
		<title>Im Notfall: Werfen Sie Glasperlen vors Volk</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Mar 2013 04:00:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Constantin Seibt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Rezeptbuch]]></category>

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		<description><![CDATA[Was, wenn es nicht rund läuft? Wenn Sie einen komplexen Stoff nicht in den Griff bekommen? Und der Redaktionsschluss ist praktisch Tatsache? Das Desaster zuvor war: Sie sind in den eigenen Notizen ertrunken. Sie haben keine Haltung zum Stoff gefunden. Sie wissen hundert Dinge, nur nicht, was das Ganze soll. Was tun? Der beste Rat [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter" src="http://www.zug.ch/behoerden/direktion-des-innern/direktionssekretariat/aktuell/buchvernissage-fruehmittelalterlicher-friedhof/bild-3/image_full" alt="" width="477" height="313" /></p>
<p>Was, wenn es nicht rund läuft? Wenn Sie einen komplexen Stoff nicht in den Griff bekommen? Und der Redaktionsschluss ist praktisch Tatsache?</p>
<p>Das Desaster zuvor war: Sie sind in den eigenen Notizen ertrunken. Sie haben keine <a href="http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/index.php/55/journalismus-ist-ein-existentialismus/" target="_blank">Haltung zum Stoff </a>gefunden. Sie wissen hundert Dinge, nur nicht, was das Ganze soll.</p>
<p>Was tun?</p>
<p>Der beste Rat gleicht dem, den mir mein Freund Paolo Fusi gab, als er mich in Erfurt als Co-Moderator in seine Sendung schleifte.</p>
<blockquote><p>«Ich habe noch nie Radio gemacht», protestierte ich.</p>
<p>«Kein Problem», sagte Paolo: «Sag einfach einen Gedanken pro Satz. Dann sind alle glücklich.»</p>
<p>«Und wenn ich keinen Gedanken mehr habe?»</p>
<p>«Dann spielen wir Musik. Dann sind alle noch glücklicher.»</p></blockquote>
<p>Und so ist es; nur ohne Musik. Im Notfall genügt ein halbwegs vernünftiger Gedanke. Und dann der nächste. Und dann der nächste.</p>
<p>In der Klemme wäre mein Rat, schnell folgenden Fresszettel zu machen:</p>
<ul>
<li>Die zwei, drei amüsantesten Anekdoten</li>
<li>Die zwei, drei wichtigsten Informationen</li>
<li>Die zwei, drei schmissigsten Zitate</li>
<li>Die zwei, drei cleversten Gedanken</li>
<li>Die zwei, drei naseweisesten Nebenbemerkungen</li>
</ul>
<p>Und dann reiht man das Interessanteste auf dem Fresszettel skrupellos hintereinander. Nach dem Prinzip Perlenkette. Präziser gesagt: Glasperlenkette. Denn die Kette ist eine billige dramaturgische Struktur. Sie kennt keine Steigerung, keinen Anfang, kein Ende, also weder Entwicklung, noch Fazit – und sie pflegt am schwächsten Glied zu reissen.</p>
<p>Deshalb ist es wichtig, falls einem keine bessere Lösung eingefallen ist, auch nicht so zu tun, als ob. Und keinen Platz und keine Energie auf ehrgeizige Überleitungen oder sonstiges Füllmaterial zu verwenden.</p>
<p>Sondern mit so wenig Überleitungen wie möglich, die interessantesten Brocken aneinanderzufädeln. Und die weniger interessanten wegzulassen.</p>
<p>Um das Publikum ein wenig zu täuschen, hilft am Ende der bereits (im Post <a href="http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/index.php/766/der-elegante-schwanzbeisser/" target="_blank">«Der elegante Schwanzbeisser»</a>) beschriebene Trick, den Schlussabsatz auf den Anfangsabsatz zu beziehen. Das täuscht Geschlossenheit vor.</p>
<p>Manchmal haben diese Notartikel durchaus einen rauen, glitzrigen Charme. Und da Leser Kinder sind, freuen sie sich oft über Glasperlenschnüre.</p>
<p>Nur: Lassen Sie sich von eventuellem Lob nicht den Kopf verdrehen. Sie haben’s nicht gepackt. Sondern nur in Würde Ihren intellektuellen Hintern gerettet.</p>
<p>Betrügen Sie Ihre Leser, aber niemals sich selbst. Sagen Sie sich: Nächstes Spiel, nächste Chance.</p>
<div style="position: absolute;"><script type="text/javascript" language="JavaScript">// <![CDATA[
 document.write("<img style='display:none;' src='http://www.tagesanzeiger.ch/blogs/standard/Werfen-Sie-Glasperlen-vors-Volk/story/18171671/pixel.gif?nocache="+(Math.random()*100000)+"' width='1' height='1' />");  
// ]]&gt;</script><noscript>&lt;img style=&#8221;display:none;&#8221; src=&#8221;http://www.tagesanzeiger.ch/blogs/standard/Werfen-Sie-Glasperlen-vors-Volk/story/18171671/pixel.gif?nocache=1363710455&#8243; width=&#8221;1&#8243; height=&#8221;1&#8243;/&gt;</noscript></div>
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		</item>
		<item>
		<title>Kurt Felix, die Pudelfrisur, ein Jahresgehalt und andere bösartige Nebeneffekte</title>
		<link>http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/index.php/613/kurt-felix-die-pudelfrisur-ein-jahresgehalt-und-andere-bosartige-nebeneffekte/</link>
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		<pubDate>Fri, 15 Mar 2013 04:00:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Constantin Seibt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Haltung]]></category>
		<category><![CDATA[Redaktionsgeheimnisse]]></category>

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		<description><![CDATA[&#160; In meinem Nachruf zum Showmaster Kurt Felix schrieb ich letztes Jahr, dass ich in nur zwei Begegnungen gleich drei Dinge von ihm lernte: Beim ersten Mal etwas über Interviews und Macht. Und beim zweiten Mal das Fürchten. Jedenfalls kostete das Ganze meine Familie wahrscheinlich ein paar Hunderttausend Franken. Es begann mit einem grossen Foto von mir in der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter" src="http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/wp-content/uploads/2013/03/de2.jpg" alt="" width="560" height="350" /></p>
<p>In meinem <a href="http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/index.php/583/versprochener-sex-mit-paola-und-andere-erinnerungen-an-kurt-felix/" target="_blank">Nachruf zum Showmaster Kurt Felix </a>schrieb ich letztes Jahr, dass ich in nur zwei Begegnungen gleich drei Dinge von ihm lernte: Beim ersten Mal etwas über Interviews und Macht. Und beim zweiten Mal das Fürchten.</p>
<p>Jedenfalls kostete das Ganze meine Familie wahrscheinlich ein paar Hunderttausend Franken.</p>
<p>Es begann mit einem grossen Foto von mir in der «Schweizer Illustrierten» im Januar 1998. Das Foto zeigte mich mit einer peinlichen Pudelfrisur. Die Schlagzeile darüber lautete: <strong>«Ethisch und moralisch verwerflich»</strong>.</p>
<p>Das war auf Kurt Felix&#8217; Fernsehkritik-Seite. Sie begann:</p>
<blockquote><p>Ursula Hürzeler hat am letzten Dienstag in «10 vor 10» die Horrormeldung verlesen, dass in Algerien wieder Hunderte von Menschen massakriert wurden. Kehlen durchgeschnitten. Köpfe abgetrennt. Bäuche aufgeschlitzt. Der blanke Hass.</p>
<p>Hass dann auch in der nachfolgenden Sendung, dem «Zischtigsclub». Hass, verbreitet von Diskussionsteilnehmer Constantin Seibt. Nach einer polemischen Hasstirade gegen Schweizer Wirtschaftsführer und Banker griff er zum ideologischen Vorschlaghammer: «Ich hasse Leute mit positiver Lebenseinstellung. (&#8230;) Diese ganzen verdammten Affen (gemeint sind die Fernsehzuschauer). (&#8230;) Mein Ziel ist, im Lehnstuhl zu sitzen in einem Garten mit ein paar Bäumen. Vielleicht würde in einem der Bäume Herr Cabiallavetta an einem Seil hängen.»</p></blockquote>
<p>Was war passiert?</p>
<p>Zunächst ein ziemliches Desaster. Ich hatte, nachdem ich ein paar Jahre in der WoZ eine Punk-Kolumne über Politik geschrieben hatte, eine Einladung ins Fernsehen erhalten: in eine typische Januarloch-Debatte über Schweizer Humor.</p>
<p>Wie der Teufel wollte, kollidierte das Datum der Sendung mit den Abgabeterminen von drei Artikeln. Ich arbeitete zwei Nächte durch. Als ich fertig war, blieben noch drei Stunden bis zum Start. Mir blieb nur die Entscheidung zwischen zwei Stunden Schlaf und einem Haarschnitt. Ich entschied mich für letzteren und hoffte auf ein paar Minuten Dösen bei Coiffeur. Unglücklicherweise sprach die Dame im Salon nur Spanisch. Weiss Gott, was ich ihr sagte. Weiss Gott, was sie verstand. Ich schloss die Augen. Als sie wieder aufmachte, hatte ich  den Kopf kurz rasiert mit einem grossen Stück Flausch obendrauf. Die Pudelfrisur.</p>
<p>Im Bus zum Fernsehstudio fühle ich mich wie eine Flüssigkeit. Dort traf ich auf die anderen Gäste. Darunter waren der Komiker Peach Weber, ein sehr nervöser Bestsellerautor Charles Levinsky und ein furchtbarer Unterhaltungsglatzkopf namens Hans Gmür. In der Aufwärmrunde hätte man mir die Zähne mit einem Messer aufhebeln können. Ich war zu müde für jeden Satz.</p>
<p>In der Sendung verhaspelte ich mich bei der Einstiegsfrage, wer ich sei. Dann passierte etwas Schreckliches: Mein Sportsgeist erwachte. Ich entdeckte, dass eine Talk-Runde wie American Football war. Wer den Ball hatte, redete, bis er von den Beinen geholt wurde. Meine Technik war, ganz weit draussen auszuholen, so dass niemand wissen konnte, wovon ich sprach, bis ich zum Ende gekommen war. Ich warf mir quasi selber einen 30-Meter-Pass.</p>
<p>Das tat ich auch bei dem, was dann als Mordaufruf in der Zeitung stand. Wenn ich mich richtig erinnere, sollte ich auf die Frage antworten, ob ich den Schweizer Humor zu harmlos finde. Nach meiner Erinnerung sagte ich:</p>
<blockquote><p>Überhaupt nicht. Denn Satire ist pubertär. All diese Gemeinheiten gegen Politiker, Prominente, Wirtschaftsführer, das ist doch kein Beruf für erwachsene Menschen. Mein Ziel ist, ein weiser Mensch zu werden. Wenn ich alt bin, dann will ich ein Haus im Grünen haben, dort auf der Veranda sitzen,  einen Enkel auf den Knien schaukeln, Gitarre spielen und in den Garten hinaussehen &#8211; und wenn dann dort an einem Baum noch der Chef der UBS, Herr Cabiavalletta, an einem Seil hängt, will ich zufrieden sein.</p></blockquote>
<p>Ich fand das ziemlich lustig: eine nette Parodie auf die Satiriker mit ihrem Verfolgerwahn. Es war auch die einzige Aussage in der Sendung, die ich vorbereitet hatte. Die Pointe hatte ich bei Heinrich Heine geklaut, der dasselbe eleganter sagte:</p>
<blockquote><p><em>Friedliche Gesinnung.</em> Wünsche: bescheidene Hütte, Strohdach, aber gutes Bett, gutes Essen, Milch und Butter, sehr frisch, vor dem Fenster Blumen, vor der Türe einige schöne Bäume, und wenn der liebe Gott mich ganz glücklich machen will, läßt er mir die Freude erleben, daß an diesen Bäumen etwa sechs bis sieben meiner Feinde aufgehängt werden.</p></blockquote>
<p>Kurt Felix verstand jedoch keinen Spass. Er empfahl dem UBS-Chef, vor Gericht zu gehen:</p>
<blockquote><p>Strafrechtlich ist der Tatbestand der Ehrverletzung zu prüfen. Zivilrechtlich steht eine Persönlichkeitsverletzung in Frage. Wie nun Matthis Cabiallavetta auf diese menschenverachtende Verunglimpfung reagiert, weiss ich nicht. Die Chancen, einen Prozess in dieser Angelegenheit zu gewinnen, wären gross.</p>
<p>Wahrscheinlich erfährt Herr Cabiallavetta durch diese Kolumne zum ersten Mal, dass ihm jemand den gewaltsamen Tod wünscht. Niemand im Talk-Club hat nämlich aufgemuckt und gegen die perfide Ungeheuerlichkeit protestiert. Die Moderatorin hätte den selbsternannten Satiriker Seibt unmissverständlich aus dem Studio weisen müssen.</p></blockquote>
<p>Als ich die «Schweizer Illustrierte» zum ersten Mal las, knirschte ich anerkennend mit den Zähnen. Das hatte ich dem Samstagabendsoftie Kurt Felix nicht zugetraut. Es war eine ziemlich gekonnte Verdrehung meiner Worte. Plus eine entschlossene Denunziation. Doch richtig übel konnte ich sie ihm nicht nehmen. Wir hatten verschiedene Ästhetiken. Er war für das Positive. Ich nicht. Und wie ich aus der Literaturgeschichte wusste: Verschiedene Ästhetiken, darauf stand Todfeindschaft. Kein Wunder, ging er mit der Schrotflinte los. Das einzige, was ich wirklich einzuwenden hatte, war, dass Hass hier nicht mein Problem war. Sondern seins.</p>
<p>Sonst ärgerte mich vor allem die Doppelung im Titel: «Ethisch und moralisch» &#8211; ging es noch hochtrabender? Und dann, dass er mich «selbsternannter Satiriker» nannte. Erstens hatte ich mich nie so genannt. Und zweitens, selbst wenn, wie sonst sollte man Satiriker werden &#8211; durch ein Diplom?</p>
<p>Das wäre es eigentlich gewesen. Ich hatte mich am Fernsehen blamiert, er hatte mir eins auf den Pelz gebrannt.</p>
<p>Es war es aber nicht. Als ich meine Mutter am Wochenende besuchte, hatte sie von ihren Freundinnen bereits einen ganzen Stapel von sechs oder sieben «Schweizer Illustrierten» erhalten. Sie fragte mich, ob wir jetzt das Land verlassen müssten.</p>
<p>Wirklich gefährlich wurde es zwei Wochen später, als mein Bruder mir sagte, dass mein Vater, ein selbstständiger Unternehmensberater, einen fast unterschriebenen Vertrag mit einer Bank verloren hatte.</p>
<p>Ich nahm meinen Mut zusammen und besuchte sein Büro.</p>
<blockquote><p>«Sag mal», sagte ich, «der Auftrag von der XY-Bank&#8230;»</p>
<p>«Mmmh», sagte mein Vater.</p>
<p>«Alexander sagt, die Sache sei unterschriftsreif gewesen und jetzt hast du&#8230;»</p>
<p>«Habe nichts mehr von ihnen gehört», sagte er.</p>
<p>«Geht es um viel Geld?»</p>
<p>Mein Vater zuckte die Schultern. «Um ein Jahresgehalt. Oder eineinhalb.»</p>
<p>Ich wusste, dass er lang um den Auftrag gekämpft hatte. Mir wurde schlecht.</p>
<p>«Hör mal», sagte mein Vater, «es ist verdammt viel Geld. Aber wenn sie mir den Job tatsächlich nicht gegeben haben wegen dem, was du gesagt hast, dann zur Hölle mit ihnen. Die Summe ist es mir wert, dass mein Sohn seine Meinung sagen kann.»</p></blockquote>
<p>Ich ging, ziemlich beeindruckt von meinem Vater. Nur wäre ich wesentlich glücklicher gewesen, wenn es sich überhaupt um meine Meinung gehandelt hätte. Und nicht um die von Kurt Felix.</p>
<p>Zuhause versank ich in Finsternis und kam auf vier Punkte:</p>
<ol>
<li>In der Öffentlichkeit scheitert man meistens wie bei Al Capone, der nicht wegen Mord, sondern wegen Steuerhinterziehung verurteilt wurde. Man wird selten wegen seiner wirklichen Kühnheiten gehängt, sondern wegen irgendwelcher Nebenbemerkungen. (Das deshalb, weil man bei seinen Kühnheiten aufpasst, bei den Nebenbemerkungen aber nicht.)</li>
<li>Man sollte nur in Medien etwas riskieren, von denen man was versteht. Ich musste die Finger vom Fernsehen lassen.</li>
<li>Ich nahm mir vor, als Reporter künftig bei Auslassungen (&#8230;) fair zu sein. Oder es zumindest zu versuchen.</li>
<li>Zuvor hatte ich sehr über gefallene Manager und Politiker gespottet, wenn sie auf die Frage, wie es ihnen geht, mit dem Satz antworteten: «Ich kann mit den Vorwürfen leben, aber meine Familie leidet.» Als ob sie ihre Gefühle an Frau und Kinder delegiert hätten. Heute spotte ich milder darüber.</li>
</ol>
<p>Einen Monat nach der Sendung kam eine handgeschriebene Karte der Moderatorin per Post. Sie schrieb, ich hätte die Zuschauer polarisiert, und das sei auch gut so, denn genau aus diesem Grund sei ich auch eingeladen worden. Die Karte endete mit dem Satz: «Ich wünsche Ihnen alles Gute auf Ihrem weiteren Lebensweg.»</p>
<p>Jedenfalls hoffe ich, dass ich dabei Kurt Felix so schnell nicht wieder begegne. Denn dann bin ich auch tot.</p>
<div style="position: absolute;"><script type="text/javascript" language="JavaScript">// <![CDATA[
 document.write("<img style='display:none;' src='http://www.tagesanzeiger.ch/blogs/standard/Kurt-Felix-ein-Jahresgehalt-und-andere-boesartige-Nebeneffekte/story/26478459/pixel.gif?nocache="+(Math.random()*100000)+"' width='1' height='1' />");
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		</item>
		<item>
		<title>Der schärfste Special Effect, den das Schreiben zu bieten hat</title>
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		<pubDate>Wed, 06 Mar 2013 04:00:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Constantin Seibt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Rezeptbuch]]></category>

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		<description><![CDATA[Es ist der coolste Spezialeffekt im Business, und wenn es so etwas wie Gerechtigkeit gäbe, dürfte ich ihn nie mehr benutzen. Denn ich habe mein Lebenskontigent bereits in einem einzigen Sommer verschleudert. Mit 22 schrieb ich mit einem Freund, Michael Spittler, einen Krimi mit dem Titel «Das Unglück». Wir schrieben abwechselnd Kapitel um Kapitel. Und versuchten, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c1/Pottwal_1738_01.jpg" alt="" width="570" height="258" /></p>
<p>Es ist der coolste Spezialeffekt im Business, und wenn es so etwas wie Gerechtigkeit gäbe, dürfte ich ihn nie mehr benutzen.</p>
<p>Denn ich habe mein Lebenskontigent bereits in einem einzigen Sommer verschleudert. Mit 22 schrieb ich mit einem Freund, Michael Spittler, einen Krimi mit dem Titel «Das Unglück». Wir schrieben abwechselnd Kapitel um Kapitel. Und versuchten, den anderen zu beeindrucken. Mit Sätzen wie:</p>
<blockquote><p>Der Verkäufer blickte auf, als hätte ihn seine Darmflora gebissen.</p>
<p>Den Rest des Weges hing ein Schweigen über ihnen, finster und schwer wie der ausgestopfte Pottwal über dem Empfangssaal des britischen Marinemuseums.</p>
<p>«Wofür denn?», fragte der Kommissar säuerlich wie eine Katze, die eine Mickey Mouse aus Seife verschluckt hatte.</p></blockquote>
<p>Es war ein heisser, endloser Sommer. Als die ersten Herbstregen niedergingen, wusste ich, dass ich glücklich sterben würde, egal was noch passierte. Alles, was zählte, war wie durch ein Wunder Wirklichkeit geworden: Ich hatte eine Freundin und ein Buch. Aber ich wusste auch, dass ich mit es den Wie-Vergleichen übertrieben hatte, und mich fortan knapp halten musste. Das war der Preis und kein geringer.</p>
<p>Aber was für mich gilt, gilt nicht für Sie. Deshalb hier eine kleine Bastelanleitung:</p>
<p><strong>Wow! Wumm! Wäääck!</strong></p>
<p>Es gibt zwei Varianten des Wie-Vergleichs. Die erste ist nützlich, verdienstvoll, leider nur mässig interessant. Sie vergleicht etwas Unbekanntes mit etwas Bekanntem. Etwa:</p>
<blockquote><p>Mond und Erde verhalten sich wie ein Tennisball, der sich um einen Medizinball dreht.</p>
<p>Eine Jacht, so lang wie ein dreistöckiges Haus.</p></blockquote>
<p>Das ist klar, verständlich, Volkshochschule. Aber nichts im Gegensatz zu dem, was sich anstellen lässt. Denn ein Vergleich macht in einem Text vor allem Sinn, wenn etwas erstaunlich ist: erstaunlich gross, erstaunlich klein, erstaunlich peinlich, erstaunlich behaart, erstaunlich liebenswert, erstaunlich was immer. Alles, was <em>wow!</em>, <em>wumm!</em> oder <em>wäck!</em> ist.</p>
<p>Der Job als Autor ist dann, die Verblüffung so aufs Papier zu bringen, dass der Leser sie teilt. Und deshalb ist bei Vergleichen die beste Wahl nichts Bekanntes, sondern etwas Absurdes oder weit Hergeholtes.</p>
<p>Bei der Beschreibung eines Mega-Kreuzfahrtschiffs wählte David Foster Wallace etwa die Variante:</p>
<blockquote><p>&#8230; mit einer Schiffsschraube von der Grösse einer kleinen Bankfiliale.</p></blockquote>
<p>Das lässt einen stärker die absurde Grösse der Schraube spüren als das korrektere: von der Grösse einer Kraftwerkturbine. Ähnlich arbeitet Raymond Chandler: Er beschreibt eine vornehme, herrische Dame nicht mit: Sie sah wie ein Mann aus. Sondern wie folgt:</p>
<blockquote><p>Sie trug ein doppelreihiges Perlencollier. Aber eigentlich hätte ihr Kopf besser in ein ein Fussballtrikot gepasst.</p></blockquote>
<p>Oder er beendet die Beschreibung eines zwei Meter grossen, schwarzen Auftragkillers in weissem Anzug mit dem Fazit:</p>
<blockquote><p>Er war so unauffällig wie ein Skorpion auf einer Sachertorte.</p></blockquote>
<p>Mag sein, dass Ihnen die Beispiele ein wenig gesucht vorkommen. Sie sind es nicht. So wie hier, isoliert und nackt im Laborlicht, sehen sie zugegeben ein wenig künstlich aus. In einem Lauftext jedoch treffen sie den Leser völlig unvorbereitet als kleiner sprachlicher Schock. Und genau das ist, wofür Vergleiche erfunden wurden: zum Transport für kleine visuelle, gedankliche oder moralische Schocks.</p>
<p><strong> Orginalität, selbstgebastelt</strong></p>
<p>Der grosse Vorteil des Wie-Vergleichs ist, dass er sich wie eine verrückte Inspiration liest. Aber dass er nicht viel Verrücktheit und Inspiration braucht. Im Prinzip genügen etwas Zeit und ein wenig logisch-assiotiatives Denken.</p>
<p>Das Wichtigste ist, an der Stelle, wo man etwas Verblüffendes beschreibt, kurz Halt zu machen. Und fünf Minuten zu investieren, um über einen Wie-Vergleich nachzudenken. (Fällt einem kein brauchbarer ein, kann man beruhigten Herzens sachlich weiterschreiben. Man hat es versucht.)</p>
<p>Der Trick in den fünf Minuten ist, logisch vom Kern der eigenen Wahrnehmung aus zu assoziieren. Manchmal liegt die Lösung ziemlich nahe. Sagen wir, ein Mann hat ein auffallend klassisches Gesicht. Vom klassischen kommen Sie schnell auf:</p>
<blockquote><p>Er hatte das Gesicht eines Kaisers auf einer römischen Münze.</p></blockquote>
<p>Oder Sie wollen die Redaktionen der Vergangenheit schildern. Damals, als noch überall Büroflaschen auf allen Tischen standen. Das Auffälligste waren die roten, grossporigen Nasen. Sie fragen sich also, was rot und grossporig ist, und kommen fast zwingend auf die Formulierung&#8230;</p>
<blockquote><p>Die meisten meiner damaligen Lehrmeister hatten Nasen, rot und grossporig wie der Mars.</p></blockquote>
<p>Sie können auch komplexer arbeiten. Etwa im Fall des Japanischen T-Shirt-CEOs Takefumi Hori, der von seinen korrekt im Anzug steckenden CEO-Kollegen als Skandal wahrgenommen wurde. Hier können Sie sich fragen, wie Sie den Schock an den Leser bringen. Notieren Sie auf der einen Seite Dinge, die extrem formell und seriös sind. Also etwa: <em>die Venus von Milo, die Queen, die NZZ, König Artus&#8217; Tafelrunde</em>. Notieren Sie auf der anderen Seite Dinge, die extrem unanständig oder unseriös sind. Also etwa: <em>ein Vibrator, ein Totenkopftatoo, eine Tube Gleitcreme oder Bilbo, der rosa Gummielefant</em>. Dann mixen sie:</p>
<blockquote><p>Takefumi Hori wirkte unter seinen CEO-Kollegen etwa so dezent wie ein Vibrator in der Venus von Milo.</p>
<p>Hori passte in die Japans Chefetagen wie ein tätowierter Totenkopf auf den Oberarm der Queen.</p>
<p>Auf den Fotos mit den anderen Firmenbossen wirkte Takefumi Hori so schockierend wie eine Anzeige für Gleitcreme im Wirtschaftsteil der NZZ.</p>
<p>Dieser Mann als CEO &#8211; das war, als hätte König Artus&#8217; Tafelrunde Bilbo, den rosa Gummielefanten, aufgenommen.</p></blockquote>
<p>Zugegeben: Auch diese Sätze wirken &#8211; noch mehr in ihrer Häufung &#8211; zweifelhaft. Nur, nach einer präzis beschreibenden, sachlichen Passage explodiert einer der obigen Sätze wie eine kleine Bonbonbombe. Wichtig ist nur, dass man ihn ohne Warnung bringt. Die unvorbereiteten Leser werden ihn als Höhepunkt ihrer Lektüre am Frühstückstisch wahrnehmen. Manche auch als Tiefpunkt. Aber wahrnehmen werden sie ihn.</p>
<p>Natürlich muss nicht jeder Wie-Vergleich grell sein. Sie können auch dezente Bilder wählen. Etwa bei der Kurzreportage zur letzten Novartis-GV. Dort stellte sich das Problem, wie man die letzte Rede des abtretenden Bosses Daniel Vasella beschreiben könnte. Sie war elegant, schnell und reuelos. Ich schrieb die Adjektive hin und bemerkte, dass sie noch zu wenig Gewicht hatten: Sie gingen im Text unter. Also überlegte ich fünf Minuten, was elegant, schnell und reuelos wäre. Und kam auf folgende Lösung:</p>
<blockquote><p>Es war eine Rede, so geschmeidig und reuelos wie eine Katze, die sich durch einen Zaun quetscht.</p></blockquote>
<p>Dann schrieb ich glücklich weiter, wie jemand, der gute Arbeit gemacht hat.</p>
<p><strong>Der Vergleich als Waffe</strong></p>
<p>Was auffällt, ist, dass Wie-Vergleiche oft einen Zug ins Aggressive haben. Das liegt an ihrer Doppelnatur. Sie bestehen aus zwei Komponenten, die auch für sich allein alles andere als harmlos sind.</p>
<p>Zum ersten braucht ein guter Vergleich als Rohmaterial Verblüffung und präziser Beobachtung gleichzeitig. Das entspricht ziemlich genau dem Blick eines Kindes. Und Kinder sind manchmal grausame Wesen.</p>
<p>Zum zweiten bestehen Vergleiche zur Hälfte aus reiner Sprache. Und Sprache ist weit mehr als das Werkzeug, um die Wirklichkeit zu fassen; sie ist auch ihre schärfste Konkurrentin. Sie ist Beschreibung der Welt und Gegenwelt in einem. Frei gelassen, neigt Sprache dazu, die Wirklichkeit zu verachten: als lästige Diktatorin. Es ist kein Zufall, dass die experimentellsten Autoren, Dadaisten und Surrealisten, oft blutrünstige Texte schrieben. («Der einfachste surrealistische Akt ist auf die Strasse zu gehen und einen Menschen zu erschiessen», schrieb etwa Breton.) Oder dass noch der schlechteste Roman den deutlichen Snobismus verströmt, die bessere, weil komplettere, logischere, rundere Wirklichkeit zu sein. Sprache ist eine Dienstmagd, die auf Revolution sinnt.</p>
<p>Wie-Vergleiche sind also der Wirklichkeit verpflichtet; aber mit einer Verachtung der Wirklichkeit. Das macht aus ihnen eine scharfe publizistische Waffe. Ganz nebenbei kann man damit ziemliche Hiebe austeilen. Etwa wie folgt:</p>
<p>{Sie beobachten, dass Daniel Vasella eine erstaunlich hohe Stimme hat und schreiben:}</p>
<blockquote><p>Daniel Vasella, der allmächtige Chef bei Novartis, spricht mit der Stimme einer Salondame.</p></blockquote>
<p>{Sie beobachten, dass Roger Köppel mit den Jahren immer schmallippiger wird und schreiben:}</p>
<blockquote><p>Roger Köppels Lippen sind so hart und schmal geworden, dass man problemlos damit Fussnägel schneiden könnte.</p></blockquote>
<p>Wehren kann sich dagegen niemand, solang die Beobachtung dahinter stimmt. Und solang man nicht übertreibt. (Deshalb, weil eine Häufung bösartig und unfair wirkt.) Ein oder zwei Hiebe pro Text müssen genügen.</p>
<p>Kein Anwalt kann dagegen klagen. Man kann Sie nur hassen. Was heisst: Sie können mit Wie-Vergleichen viel Spass haben, falls in Ihrem schwarzen Herz noch die Grausamkeit der Kinder wohnt.</p>
<p><strong>Magie</strong></p>
<p>Die Kraft eines Wie-Vergleichs erklärt sich auch aus einer weiteren Tatsache: Er ist ein Spezialeffekt, der der Sprache exklusiv gehört. Nicht die Musik, nicht der Film, nicht die Fotografie schafft derart mühelose Gedankensprünge wie die Sprache. Zwar gibt es Assotiationsversuche: Jazz-Musik, die das Heulen eines Wolfes oder das Gehupe einer Grosstadt simuliert, Überblendungen im Kunstfilm, zwei verblüffend ähnliche Gegenstände auf Fotos (mit dem Klassiker: Herrchen gleicht Hund). Aber das bleibt fast immer mühsames Gefummel. Kein anderes Medium schafft den Sprung von Schiffsschraube zu Bankfiliale.</p>
<p>Hier ist die Sprache ganz in ihrem Reich. Und deshalb bietet sie ihrem Autor die Möglichkeit zu Magie. Magie beim Schreiben entsteht immer dann, wenn die Sprache das Maximum ihrer Möglichkeiten ausreizt. Als Gegenwelt zur Realität. Und als ihr genauester Ausdruck.</p>
<p>Bei Wie-Vergleichen gibt es hier einen einfachen Trick, den auszuprobieren es sich fast immer lohnt. Es ist der Trick, schlicht die Wörter «wie» oder «als ob» zu streichen. Und ohne Reserve auf die Kraft des Vergleichs zu setzen.</p>
<p>So ist die Passage:</p>
<blockquote><p>Pascal Couchepin stand nach seiner Wahl auf dem Balkon und winkte wie ein König ins Volk.</p></blockquote>
<p>zwar gut beobachtet und gut geschrieben. Aber sie hat deutlich weniger Wucht als:</p>
<blockquote><p>Pascal Couchepin stand auf dem Balkon. Ein König winkte ins Volk.</p></blockquote>
<p>Oder statt</p>
<blockquote><p>Vreni Spörry betratt den Gerichtssaal aufrecht, eine kleine Frau, die so unzerstörbar wirkte wie als aus Stahl.</p>
<p>Vreni Spörry betrat den Gerichtssaal, eine kleine Frau, jeder Zentimeter aufrechter, federnder, unzerstörbarer Stahl.</p></blockquote>
<p>Es ist das Vertrauen auf die Macht der Sprache, die sie mächtig macht. Wie sehr zeigt eine Passage, die ich 1995 las. Und die ich nie vergessen habe. Es war ein Porträt der englischen Sängerin PJ Harvey, von der ich nie eine Platte gehört hatte. Das Portrait war von Albert Kuhn, ich zitiere hier den Schluss. Die Passage ist etwas länger, aber im Prinzip ist sie nur ein einziger banaler Wie-Vergleich, aber ernst genommen.</p>
<blockquote><p>Als Polly einmal nach ihrem Lieblingssänger gefragt wurde, gab sie eine erstaunlich schnelle, fast hart klingende Antwort: «Elvis Presley». Als ich das las, in einem Wust von gut 50 Artikeln über sie, kehrten Ruhe und Gewissheit ein. Endlich konnte ich meinen Beitrag zur eskalierenden PJ-Mythenbildung formulieren. Wie erkläre ich Polly Jeans Liebe zu Amerika, ihren US-Akzent, ihre heidnische Bibeltreue, ihre Verstrickungen mit Männern, selbst ohne Berührung, ihre immer gelassenere Zerstörtheit in ihren Liedern?</p>
<p>Ich sage: Elvis lebt. Es hat ihm gefallen als Zombie zurückzukehren und in den Körper dieser sonderbaren Engländerin zu fahren. Denn Polly Jean hat ihn gerufen.</p>
<p>Nun spukt es in Graceland. Aus dem Kamin steigt Rauch. Der Tote und die Lebende führen einen Haushalt.</p></blockquote>
<p>Und man muss sagen: Wie unheimlich stärker ist dieser Schluss, der der Sprache (aber auch der eigenen Wahrnehmung) voll vertraut, als der Satz: «Sie ist wie Elvis» oder «Sie ist der englische, weibliche Elvis.»</p>
<p>Das hat schon teuflisch Klasse.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Die Strategie für die Zeitung von Morgen, Teil 2: Das Wagnis</title>
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		<pubDate>Wed, 27 Feb 2013 05:14:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Constantin Seibt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Konzepte]]></category>
		<category><![CDATA[Pläne & Träume]]></category>

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		<description><![CDATA[Im ersten Teil ging es um die fundamentale Wende im Lesermarkt. Ihr Leben lang verkauften erfolgreiche Medien offiziell Informationen. Doch inoffiziell verkauften sie Gewohnheiten: das Frühstück mit Zeitung und den Abend mit Tagesschau. Nun löst sich die Information vom Trägermedium, und das Geschäftsmodell bricht zusammen. Damit ändert sich das gesamte Produkt: Statt Halten eines Gewohnheitspublikums [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter" src=" http://www.illustrationartgallery.com/acatalog/CotonEarlyFlightLL.jpg" alt="" width="500" height="286" /></p>
<p>Im <a href="http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/index.php/2394/die-strategie-fur-die-zeitung-von-morgen/" target="_blank">ersten Teil</a> ging es um die fundamentale Wende im Lesermarkt. Ihr Leben lang verkauften erfolgreiche Medien offiziell Informationen. Doch inoffiziell verkauften sie Gewohnheiten: das Frühstück mit Zeitung und den Abend mit Tagesschau.</p>
<p>Nun löst sich die Information vom Trägermedium, und das Geschäftsmodell bricht zusammen. Damit ändert sich das gesamte Produkt: Statt Halten eines Gewohnheitspublikums muss es seinen Markt immer wieder neu erobern.</p>
<p>Bis anhin bedeutete Qualität im Journalismus vor allem einen Industriestandard an Nicht-Enttäuschung. Das primäre Ziel war, die Leser nicht zu vertreiben. Dazu musste eine Zeitung vor allem Fehler vermeiden. Und zuverlässig ihren (mehr oder weniger hohen) Standard halten: an Faktentreue, Stil, Chronistenpflicht, politischer Linie.</p>
<p>Doch für die Zeitung von Morgen, egal ob Print oder Online,  zählt eine ganz neuer Typ Zuverlässigkeit: zuverlässig Begeisterung hervorzubringen.</p>
<p>Nur: Wie macht man das?</p>
<p><strong>Die Tageszeitung neu auch als Dame und Nutte</strong></p>
<p>Zwar haben die Zeitungen auf die Krise reagiert, wenn auch hauptsächlich mit Sparprogrammen. Die wichtigste publizistische Frage war dabei: Wo nicht sparen?</p>
<p>Einige versuchten es mit der Nischen-Strategie. Sie massierten ihre Kräfte an einem Punkt: etwa im Lokalen, in der Meinung oder (<a href="http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/index.php/2360/warum-deutsche-chefredaktoren-in-der-schweiz-scheitern/" target="_blank">wie der «Blick»</a>) in der Kriminalberichterstattung. Doch das Resultat waren schmale Blätter mit schmälerem Publikum.</p>
<p>Etwas erfolgreicher bei den Lesern waren die Zeitungen, die ihre reduzierten Kräfte täglich neu bei den grossen Themen sammelten. (Hier eine kurze Skizze zum <a href="http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/index.php/1206/zum-henker-mit-dem-dreispalter-oder-wie-der-tages-anzeiger-das-mittelalter-verliess/" target="_blank">Strategiewechsel des «Tages-Anzeigers»</a>.) Die also den Pflichtanteil an mittellangen Nachrichten reduzierten – zugunsten von Schwerpunkten, Hintergrund, Kür.</p>
<p>Die vornehme Formel für diese Strategie lautet: Die Tageszeitung wird zur täglichen Wochenzeitung. Aber man könnte dieselbe Idee mit gleichem Recht anrüchiger formulieren: Heute fahren auch seriöse Zeitungen eine Boulevardstrategie. Sie überlassen den Fluss der Nachrichten dem Netz und setzen die Themen selbst. (Oder genauer: Sie setzen auf Themen.)  Damit arbeiten sie im Kern wie Boulevardblätter: Es geht nicht primär um die Nachrichtenlage, sondern um die Einfälle dazu.</p>
<p>Das zeigt: Die Leute, denen die Tageszeitung nur als verblassendes Auslaufprodukt gilt, sehen nicht genau hin. In ihrem Überlebenskampf mutiert die gute, alte, biedere, zuverlässige, bürgerliche Tageszeitung zu einem ziemlich aufregenden Hybrid von Tageszeitung, Wochenzeitung und Revolverblatt. Die Zeitung des 21. Jahrhunderts ist quasi Grand Dame, Bürgerin und Nutte in einem.</p>
<p>Damit ist die heutige Zeitung von ihrer Konzeption her ein aufregendes Produkt: die Zuverlässigkeit eines Pedanten, gepaart mit dem Blick eines Professors und den Überlebensinstinkten eines Verbrechers – der totale Journalismus.</p>
<p>Nur: Ganz so aufregend liest sich das Resultat nicht, bis heute jedenfalls. Und ist auch nicht allzu erfolgreich. Die Auflage auch besserer Zeitungen stagniert bestenfalls. Etwas fehlt.</p>
<p><strong>Die vergessene Zutat: Kühnheit</strong></p>
<p>Das Problem der Tageszeitung ist nicht nur der Mangel an Geld. Sondern auch an Gedanken.</p>
<p>Zwar haben die Tageszeitungen unter dem Druck der Krise ihre Formel für den täglichen Mix verändert. Aber sonst nichts. Ihr Produkt bleibt: der Mix. Dieser war früher einfach: alle Nachrichten plus eine Prise Unterhaltung. Heute ist er einiges komplexer. Beim «Tages-Anzeiger» gilt etwa die Faustregel, dass jeder veröffentlichte Text (idealerweise) in einer von drei Kategorien hervorragend sein sollte: in Stil, Relevanz oder Recherche.</p>
<p>An einigen Tagen gelingt das erstaunlich gut: Man findet oft zwei, drei wirklich hinreissende Artikel. An einigen Tagen sogar bis zu fünf oder sechs. Also genug, um einen Leser zufrieden zu machen.</p>
<p>In der Tat ist die Zeitung mit der Konzentration auf weniger, aber konsequentere Artikel besser als vorher. Nur löst auch diese Strategie das Kernproblem langfristig nicht: Wie das heutige Publikum – verwöhnt und zersplittert vom riesigen Informations- und Unterhaltungsangebot im Netz – eng an das Blatt gebunden wird. Und zwar so eng, dass es zahlt.</p>
<p>Um ihr Publikum zuverlässig immer wieder neu zu erobern, muss eine Zeitung mehr sein als eine Anthologie guter Texte. Denn auch gut gemachte Routine befriedigt, aber reisst niemand hin. So wie tüchtige Beamte zwar respektiert, aber nicht geliebt werden.</p>
<p>Doch geliebt werden ist das harte Geschäft der Medien im 21. Jahrhundert: Damit Leute auch in Zukunft abonnieren, damit die Paywall übersprungen wird, braucht es mehr als Zufriedenheit: Es braucht echte Überzeugung. Nur fehlt, um ein Publikum wirklich zu begeistern, die entscheidende Zutat: das Wagnis.</p>
<p>Ein öffentliches Wagnis fesselt ein Publikum durch weit mehr als nur den Thrill. Kühnheit schafft auch die Komplizenschaft: durch die gemeinsame Furcht vor dem Misslingen, durch die gemeinsame Erleichterung, wenn man noch einmal davonkommt.</p>
<p>Klassiker (das vornehmere Wort für Longseller) sind fast immer Kühnheiten von gestern. In der Literatur, in der Kunst, aber auch im Business: Henri Ford erfand neben seinem Ford-T nicht nur den Fertigungsprozess neu, das Fliessband, sondern auch einen radikal neuen Kundenkreis: Er bezahlte die Arbeiter so gut, dass sie das Auto auch kaufen konnten. VW lancierte mit seinem Käfer in der Zeit der schiffgrossen Autos auch gleich eine neue Philosophie: Small is beautiful. Und Apple eroberte seine Anhänger mit radikal neuem Design und radikal neuen Produkten.</p>
<p>Kühnheit schafft zwischen Machern und Publikum etwas, was als gemeinsames Projekt begriffen wird. Es ist die Zutat, die ein Nice-to-have-Produkt in einem Massenmarkt zu einem Must-have-Produkt macht. Auch Zeitungen waren bei ihrer Geburt einst kühne Produkte, die Waffe des erwachenden Bürgertums.</p>
<p>Doch das ist 200 Jahre her.</p>
<p><strong>Der Tabubruch – nur welcher Tabus?</strong></p>
<p>Ganz verblasst ist der Geist nicht. Es gibt es immer wieder Momente, wo sich Leser mit dem Mut einer Zeitung identifizieren: bei einer atemberaubenden Enthüllung, bei einer berührenden Recherche, bei einer Analyse, die das Unbekannte benennt, was in der Luft liegt. Nur sind echte Enthüllungen und Geistesblitze auch in grossen Redaktionen seltener Stoff. Zwar förderbar, aber nicht industrialisierbar.</p>
<p>Die Frage ist, wo die systematisch arbeitende Kühnheit ansetzen sollte. Also welche Tabus gebrochen werden sollten.</p>
<p>Gesellschaftlich sind nur wenige übrig: Sex und Angriffe auf Politiker sind längst Industrieartikel. Und seit der Finanzkrise ist selbst Kritik an Banken und Managern tief in der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft angekommen. Ausserdem sind einige der bestehenden Tabus sind schlicht sinnvoll: etwa ein Minimum an Höflichkeit, der Verzicht auf Verschwörungstheorien oder die Treibjagd gegen Minderheiten.</p>
<p>Der Weg nach rechts ist auch versperrt. Wie die Auflageentwicklung von «Weltwoche» und «Basler Zeitung» beweisen (beide verloren zweistellig Prozente), bleiben als Unterstützer nur ein paar missionarische Milliardäre.</p>
<p>Wo also Tabus brechen, ohne Dummheiten zu schreiben? Der Trick besteht darin – <a href="http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/index.php/2394/die-strategie-fur-die-zeitung-von-morgen/" target="_blank">wie HBO</a> – systematisch die eigenen Gewohnheiten zu brechen. Denn dies sind die Tabus, bei denen man kompetent ist: die der eigenen Branche. Und an Auswahl herrscht kein Mangel. Journalismus ist ein über Jahrhunderte erprobtes Gewerbe – kein Wunder, ist es in Ritualen erstarrt.</p>
<p>Die Frische, die Wucht, der Erfolg der HBO-Serien basiert nur oberflächlich auf dem Bruch amerikanischer Prüderie. Zwar gibt es Sex, Flüche, Verbrechen. Aber das ist das Gewürz, nicht das Fleisch. Entscheidend war bei HBO der Bruch mit den Konventionen der eigenen Branche.</p>
<p>HBO war auf mehreren Gebieten gleichzeitig Pionier. Es arbeitete mit Autoren als Verantwortlichen statt als Zudienern, mit der Eroberung der Nachtseite des Daseins als zentralem Serien-Stoff, mit dem Verzicht auf ein breites und der Konzentration auf ein überzeugtes Publikum, dem Setzen auf Geschichten statt auf Tests und mit veränderbaren Hauptfiguren statt ewig gleichen Charakteren. HBO brach systematisch die ästhetischen, produktions- und marketingtechnischen Regeln der eigenen Branche.</p>
<p>Das Resultat beim Publikum war mehr als Zufriedenheit: Komplizenschaft. Eine, die weit genug ging, nicht nur das Abonnement zu zahlen. Sondern die auch die Kabelgesellschaften einschüchterte, die von HBO höhere Gebühren wollten.</p>
<p>Der berühmteste Slogan von HBO hiess: «Es ist nicht Fernsehen. Es ist HBO.» Es ist die Revolte gegen das eigene Medium, die ein Publikum fesselt.</p>
<p>Und so ist das zentrale Erlebnis, das eine Zeitung heute noch der Leserschaft liefern kann, die Neuerfindung der Zeitung selbst.</p>
<p><strong>Die Zeitung – ein ungeborenes Kind</strong></p>
<p>Was würde HBO tun, angenommen es wäre ein Verlag? Sieht man die Tageszeitung, diese routinierte Riesenmaschine, einmal mit dem Blick der HBO-Bosse an mit ihrer Frage «Was könnte man Ungewöhnliches tun?» – dann kommt man sehr schnell auf sehr viel.</p>
<p>Hier nur eine unvollständige Skizze dessen, was fehlt, was neu, was riskant, was aufregend wäre.</p>
<ul>
<li><strong>Weisser Fleck 1: Das Dunkle.</strong> Der riesige, finstere Bereich des Existentiellen wird im Journalismus höchstens gestreift: das Scheitern einer Ehe, das Sterben, die wahren Motive, Ängste, Nebengedanken – das Geständnis wäre eine kühne, neue journalistische Form</li>
<li><strong>Weisser Fleck 2:</strong> <strong>Das Helle.</strong> Erstaunlicherweise existiert auch das Gegenteil kaum: ein Journalismus der Freundlichkeit, der Höflichkeit, des Charmes. An positiven Journalismus gibt es fast nur das tote Verkäuferlächeln der PR-Artikel. Ein ganzes Genre ist zu erfinden.</li>
<li><strong>Weisser Fleck 3: Das Intellektuelle.</strong> Das Feld der Intellektuellen ist von den Intellektuellen verlassen. Dabei bestünde – wie etwa der Erfolg der «NY Review of Books» zeigt – enormer Bedarf nach Klarheit: nach den grossen Erzählungen zur komplexen Welt von heute. (Eine der erfolgreichsten Produktelinien, die ich kenne, ist wenn <a href="http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/index.php/1109/das-ass-im-armel-der-journalist-als-historiker-der-gegenwart/" target="_blank">Journalisten zum Historiker der Gegenwart</a> werden.)</li>
<li><strong>Weisser Fleck 4: Die Grossstadt.</strong> Die grossen Städte werden von ihren Zeitungen falsch angegangen: durch Lokalpolitik und Geographie. Dabei sind die grossen Städte im Kern Brutstätten des Ehrgeizes. Sie zerfallen in Szenen. Etwa in: Banker-, Theater-, Hiphop-, Werber-, Presse-, Schwulen-, Kunst-, Politik- und weitere Szenen. Eine Zeitung bräuchte Szenenkorrespondenten, die die jeweiligen Karrieren, die Dos und Don&#8217;ts, die Skandale und Erfolge beschreiben. Und damit für ein neues Publikum unverzichtbar werden. Und die nervöse eklektische Energie der Städte ins Blatt übertragen.</li>
<li><strong>Ungenützte Ressource 1: Stil.</strong> Dieser ist die Hälfte der Botschaft. Warum zum Teufel kennen Zeitungen fast nur einen?</li>
<li><strong>Ungenützte Ressource 2: Fortsetzungen.</strong> Mit dem Konzept der Konzentration auf die grossen Themen betritt die seriöse Zeitung zwar das Reich des Boulevards. Was die seriöse Zeitung aber nicht beherrscht, ist die Kunst des Ziehens von Geschichten über mehrere Tage: Wie sehen Interviews, Recherchen, Geständnisse, Nachrichten als Fortsetzungsroman aus? Brauchen langfristige, mal eskalierende, mal ruhende Entwicklungen wie die Finanzkrise nicht auch im Print flexible, also blogartige Gefässe, die mal kurz, mal ausführlich, mal ironisch, mal Volkshochschule sind?</li>
<li><strong>Ungenutzte Ressource 3: Relaunches.</strong> Warum läuft die Erneuerung meist Top-Down? Und endet in mühsam kommunizierten Retouchen? Warum daraus nicht ein Ereignis machen, mit Leserkonferenzen, Redaktionskonferenzen, einen öffentlichen Wettbewerb der Ideen? Ein Spektakel, dass – da die Chefetage am Ende entscheidet – schon genügend zivilisierte Ergebnisse bringen wird? Das aber den Vorteil hat, dass mehr Leute sich mit dem Blatt identifizieren? Und dass der vermehrte Energieaufwand wieder eingespart werden kann, weil die Neuerungen nicht mehr endlos kommuniziert werden müssen? Und warum nicht ein rollender Relaunch, der nicht das Gesamtblatt, sondern Einzelteile renoviert?</li>
<li><strong>Ungenutzte Ressource 4: Expeditionsteams.</strong> Warum nicht aus dem Kern des Journalismus selbst ein Spektakel machen: den Fragen und der Recherche? Etwa mit Expeditionsteams in die Wirklichkeit, bei der ein Team über Wochen hinweg eine (von den Lesern bestimmte) ungelöste Frage bearbeitet, bis sie gelöst ist: Wie beeinflusst Lobbying die Politik? Verschwindet die Mittelklasse? Gibt es eine Möglichkeit, die Managerherrschaft wieder loszuwerden? Etc.</li>
<li><strong>Ungenutzte Ressource 5: Selbstausbeutung.</strong> Warum macht kein Verleger den Vorschlag, das Gehalt um 20 Prozent zu kürzen, dafür weitere Leute einzustellen und das beste Blatt der Branche zu machen? Die meisten Journalisten, die ich kenne, wären verrückt genug, darüber sogar glücklich zu sein.</li>
</ul>
<p>Dies hier nur als rohe Skizze, wo man ansetzen könnte.</p>
<p><strong>Morgen</strong></p>
<p>Eine der ersten Haupteinwände gegen Obiges ist, dass es riskant ist: Bekenntnisjournalismus etwa könnte – schlecht gemacht – grausam peinlich werden, Expeditionsteams könnten sich in Details verlieren wie ihre Vorgänger in der Arktis – und der Gedanke an eine 20-Prozent-Lohnkürzung im Gegenzug für einen verlegerischen Plan ist schlicht ekelhaft.</p>
<p>Doch genau so sollten Ideen für eine Zeitung von Morgen sein: ohne echtes Risiko keine Kühnheit, keine Atemlosigkeit im Publikum, kein Beweis des Könnens der Redaktion.</p>
<p>Der zweite Haupteinwand ist ernsthafter: Die Grösse des Publikums. HBO hat das Glück, in den USA zu arbeiten. Hier zählt selbst ein überzeugtes Nischenpublikum (oder genauer bei HBO: mehrere Nischenpublika) Millionen von Köpfen. Die Monatsgebühr beträgt 12 Dollar.  In der Schweiz kostet ein Zeitungsabonnement das drei- bis vierfache. Klappt das?</p>
<p>Dazu ist zu sagen: Die Alternativen sind kaum risikoärmer. Bis auf grosse Finanzblätter und die beste Zeitung der Welt, die «New York Times», hat die Paywall noch nirgends funktioniert. Fragt man in den Verlagsetagen in Deutschland oder der Schweiz nach, was das Geschäftsmodell in der Zukunft sein wird, ist die Antwort ein verständnisloses Schweigen: Das weiss doch niemand.</p>
<p>Und auf die simple Frage «Was ist unser Kerngeschäft in drei, fünf, fünfzehn Jahren: Print, Paywall oder Online-Reichweitenwerbung?» kommt die Antwort: irgendwie alles.</p>
<p>Das Beruhigendste, was die Verlagsbranche mitteilt, ist ein halbes Schreckensszenario: Fakt ist, dass die Gesellschaft stark überaltert. Und Zeitungen sind in der Seniorenunterhaltung führend – bei Leuten, die in ihrer Jugend die Gewohnheit der Zeitung beim Morgenkaffee annahmen. Das heisst: 20 Jahre geht das Geschäft sicher noch weiter. Nur gemeinsam mit dem Publikum schrumpelnd.</p>
<p>Etwas von Seltsamsten ist die Zuversichtslücke von Journalisten und Verlagsetage. Auf Verlegerkongressen herrscht die allgemeine Meinung: Wir machen ein hervorragendes Produkt. Das einzige Problem sind ein paar Professoren, die kritische Artikel über Demokratie und Presse schreiben. Und Google. Und die Subventionen für das staatliche Fernsehen.</p>
<p>Ich fürchte, das stimmt nicht. Das Produkt selbst ist faul. Die Zeitungen von heute sind zwar professionell gemacht. Und oft besser als ihr Ruf. Doch sie sind Produkte einer Vergangenheit, entworfen für ein Publikum, das aufhört, zu existieren. Und das gilt nicht nur im Print, sondern im Kern auch für die Online-Ausgabe. Beide sind nicht an eine neue, fragmentierte Leserwelt angepasst.</p>
<p>Um in der neuen Welt ihr Geschäft zu machen, muss die Zeitung mehr als nur ins Netz gebracht werden: Sie muss als Ganzes neu gedacht werden, weg von der Befriedigung des alten Gewohnheitspublikums, hin zur Erzeugung von Begeisterung und Überzeugung bei einem neuen. Die Zeitung braucht Können und Kühnheit: eine neue Ästhetik, neue Routinen, neue Ziele.</p>
<p>Wir müssen mit der Zeitung tun, was HBO mit dem Fernsehen getan hat: Das Medium neu zu erfinden. Das wäre die Aufgabe unserer Generation.</p>
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