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Journalismus ist ein Existentialismus

Constantin Seibt am Freitag den 4. Mai 2012
Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir.

Philosoph Jean-Paul Sartre und Philosophin Simone de Beauvoir.

Teufel und Hölle, nach diesem Titel könnte man diesen Blog über Journalismus eigentlich schon wieder zumachen. Denn das Wesentliche ist gesagt.

Das Wesentliche ist: Ein Profi recherchiert immer in zwei Richtungen. Nach aussen, was die Fakten sind. Und dann nach Innen, ins eigene Herz, was diese Fakten bedeuten.

Die zweite Recherche ist seltsamerweise nicht viel unkomplizierter als die erste. Zu wissen, was man eigentlich gesehen hat, ist oft geradezu lächerlich schwierig. Es ist aber unverzichtbar.

Denn die Frage ist jedes Mal, was der Haufen der zusammenrecherchierten Zahlen, Fakten, Statements eigentlich soll. Der neue Chef der indischen Regierungspartei oder der Grossbank XY; der neuste Vorstoss der S(V)P; der örtliche Kaninchenzüchter mit dem rekordgrossen Hasen: All diese Themen in einer Tageszeitung zu bringen, scheint selbstverständlich.

Ist es auch. Immerhin muss die Informationspflicht erfüllt werden. Und die Zeitung gefüllt. Und trotzdem stellt sich dem Leser bei jedem dieser Themen die Frage: Was geht es mich an? Und die Antwort lautet bei fast allen Artikeln für 99 Prozent der Leser: Eigentlich nichts.

Und selbst wenn, ist kaum jemand in der Lage, aus den Informationen irgendeinen praktischen Nutzen zu ziehen. Also etwas an der Sache zu ändern.

Willkommen im Kaffeehaus, Bruder, Schwester!

Das heisst zum Ersten: Wir sind nur offiziell im Informationsbusiness tätig. In Wahrheit sind wir im Zeitverschwendungsgeschäft. Unsere heilige Pflicht ist dieselbe, die auch verwandte Kaffeehaus-Berufe wie Philosophie oder Literatur kennen: Das Leben möglichst aufregend mit der Betrachtung desselben zu verbringen.

In der täglichen Praxis heisst das: Obwohl der Auftrag für einen Artikel von der Redaktion schon vergeben ist, der Platz in der Zeitung reserviert, das Gehalt dafür schon fast überwiesen, ist die Frage nach Sinn und Dringlichkeit dieses Artikels noch keinesfalls gelöst. Aber was zur Hölle ist die? Hier gibt es nur eine einzige zweifelhafte Instanz, die das beantworten kann: der Mensch, der schreibt. Nicht die Redaktion, nicht irgendwelche Faustregeln, kein Codex, kein Chef.

Aber die Frage muss gelöst werden, wenn man gelesen werden will. Der simple Grund dafür ist, dass Kommunikation eine verteufelt einfache Sache ist: Ein Mensch spricht von etwas, was ihm wichtig ist. Und dann hört der andere fast immer zu. Sonst nicht. Sonst spielt nur die Höflichkeit. Man tut nur so, als ob man spricht. Oder zuhört.

Der Feind gelungener Kommunikation: Die Konvention

Und deshalb muss der Journalist immer von Neuem herausfinden, was ihn an dem Thema ehrlich etwas angeht. Denn ein Artikel, der das Zeug haben soll, auch nur einen Leser zu bewegen, muss zuvor seinen Autor bewegt haben. Und deshalb bezieht sich die Meditation, was zum Teufel einen an der Sache etwas angeht, keineswegs nur auf leichte oder subjektive Genres wie Kommentar, Kolumne oder Porträt. Sondern auf alle. Speziell auf die harten und trockenen Stoffe. Auch auf Routinedinge wie Pressekonferenzen, auf Folterthemen wie AHV-Debatten, auf komplexe wie die Finanzkrise.

Der grösste Feind jedes Journalisten, der gelesen werden will, ist die Konvention. Sie fängt im Deutschunterricht an – mit der klassischen Aufsatzstruktur: Sage, was du sagen wirst, sags, sage, was du gesagt hast. Und setzt sich dann in Journalistenschulen und der Redaktion fort. Etwa mit den 5-W-Fragen oder der Tageszeitungsregel, das Aktuelle im ersten Absatz zu bringen oder der Magazin-Regel mit dem szenischen Einstieg. All das sind zwar vernünftige Faustregeln. Aber nur für die Fälle, in denen einem nichts einfällt.

In ihrer automatischen Anwendung sind diese Regeln tödlich. Sie bringen jeden Stoff in dieselbe Form. Und vernichten ihn dadurch. Denn egal, um was es geht, alles klingt gleich. Zwar kann niemand protestieren, nicht der Leser, nicht der Abschlussredaktor, da alles saubere Arbeit ist. Nur, man langweilt.

Hört man hingegen auf sein Herz, geht es um zwei Dinge: zum ersten um den Grundton des Artikels. Und zweitens um das Finden des wirklichen Inhalts.

Ein Mann, ein Hase, ein Problem

Der Ton ist die wichtigste Entscheidung. Nehmen wir das klassische Beispiel: der Kaninchenzüchter-Artikel. Ein Mann hat – und deshalb wird der Journalist hingeschickt – den grössten Rammler der Schweiz gezüchtet. Sie sprechen mit ihm. Und dann fragen Sie sich Folgendes:

Ist das, was Sie gesehen haben, eine Liebesgeschichte: ein Mann und ein Rammler, ein Herz und eine Seele? Oder eine Tragödie: ein Mann lebt ein einsames Leben für die Hasenzucht? Oder ein weiteres Kapitel der Bibel: und siehe, der Mensch macht sich die Erde untertan? Eine Geschichte des brutalen, siegreichen Ehrgeizes in der neiderfüllten Hasenzüchterszene? Die Geschichte eines erfüllten Traums: ein kleiner Junge züchtet Hasen und heute, mit 78, hat er den grössten Rammler des Landes? Eine technische Frage: ein Ingenieur, der die Hasenzucht optimiert? Etc.

Komödie, Tragödie, Intrige, Kindheitsgeschichte – oder was immer Sie auch hier entscheiden: Dies ist der Ton und der Kern der Story. Nicht: Herr X und der XY Kilogramm schwere Hase. Sondern das, was Sie darin gesehen haben.

Gottverdammte Fragen

Das gilt auch für sehr kaninchenferne Themen wie, sagen wir, Finanzderivate. Nehmen wir an, sie wollen über Verpackungen von Tausenden wertlosen Hypotheken zu angeblich sicheren Papieren schreiben. Was fasziniert Sie daran? Nun, es kann die Art sein, wie heute Verantwortung funktioniert: Sie wird von Hauskäufer zur Hypothekenbank, zum Derivatspezialist, zum Verkäufer, zum Kunden weitergegeben wie ein Stück Butter: Am Ende haben alle fettige Hände, aber die Butter ist nicht mehr da. Oder, da alle am Ende explodierten Derivate ursprünglich als Versicherungsinstrumente erfunden wurden: Ist es die alte Geschichte, von dem, der alle Mauern seines Hauses gegen den Tod hochzog, der doch längst in seiner Küche sass? Oder, da Physiker die Instrumente entwarfen, die die Banken in die Luft sprengten, die Geschichte vom gemieteten Zauberlehrling? Oder ist es, da die Top-Banker fast alle dasselbe taten, die Farce von einem Rudel kapitalistischer Wölfe, die in Wahrheit eine Herde kapitalistischer Schafe sind? Oder schlicht nur eine Geschichte des Betrugs an unwissenden Kunden? Oder eine Art Naturkatastrophe, in der die Fluten von nervösem, gierigen Spargeld wie ein goldener Tsunami über das Herz des Kapitalismus, die Banken Manhattans, hergefallen sind?

Natürlich ist es schon Arbeit genug, die gottverdammten Derivate zu verstehen. Und sie verständlich zu erklären. Nur, eine mitreissende Geschichte ist es noch nicht. Aber welche ist es? Das müssen Sie entscheiden – Ihr Kopf und Ihr Herz. Die recherchierten Fakten sind dabei nur Ihr Rohstoff.

Und was die Inhalte eines Artikels betrifft, so muss Ihr Herz…

Aber mein Verstand sagt mir, dass dieser Post schon wieder zu lang ist. (Wie gesagt, wir sind im Zeitverschwendungsbusiness.) Deshalb dazu mehr das nächste Mal.

Seien Sie ein eiskalter Profi. Und hören Sie auf Ihr Herz.


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27 Kommentare zu “Journalismus ist ein Existentialismus”

  1. Peter Aeschlimann sagt:

    “If I can’t be sure of the actual events any more, I can at least be true to the impressions those facts left. That’s the best I can manage.” Julian Barnes, The Sense of an Ending

  2. Hugo Pfirter sagt:

    Well done, Herr Seibt. Habe meine knappe Zeit mit Genuss für diese Zeilen verschwendet, auch wenn sie gar keine Fakten enthielten, sondern nur vorzüglich gedrechselte Polemik.

    • Thomas sagt:

      Das stimmt doch gar nicht. Keine Fakten? Genau auf den Punkt gebracht hat er es doch: Wir (Leser) interessieren uns schlussendlich gar nicht für die Fakten – ok. stimmen sollte eine Story schon – was wir wollen ist Teilhabe an Emotion.

  3. Vinzenz Wyss sagt:

    Narrativer Journalismus! Ein Konzept für das auch mein Herz schlägt. Wer sich mit Narrativität im Journalismus beschäftigt, erkennt zweierlei:
    1. Wie unerträglich hohl das effiziente Ritual des anti-narrativen 5-W-Fragen Mainstream-Journalismus ist. Volle Zustimmung also.
    2. Wie gefährlich die dunkle Seite der Narration ist. Dominante Narrationen unterdrücken die andern sowie unpassende Fakten. Die Erfolgsstory verdrängt die zugleich zutreffende Tragödie. C.S. hat sich hier für die Erfolgsstory der Narration entschieden.
    Schliesslich das Paradoxe: Auch Narration kann zur Konvetion werden.

    • Constantin Seibt sagt:

      Klar. Gift ist eine Frage der Dosis. Aber die ist im jetzigen Journalismus noch lang nicht erreicht. Ist sie es, muss man wieder was anderes tun. Denn de facto dreht sich der Post ja um eine Sache, die noch lang vor dem Erzählerischen liegt: um die Pflicht, aufrichtig wahrzunehmen, was man wirklich gesehen hat.

  4. Sabine Gisiger sagt:

    Brilliant, Consti! Was Du über die Subjektivität sagst, die eine Geschichte erst zu einer Geschichte macht, gilt genau so für den Dokumentarfilm. Merci.

  5. Andreas Kaelin sagt:

    der Artikel Ist mir etwas zu schöngeistig

    • Wolf Ludwig sagt:

      Würde mir wünschen, dass mehr KollegInnen auf diese Weise über ihr Tun und Schaffen reflektieren. Dann müsste es einem bzgl. Qualitätsjournalismus nicht bange sein.

  6. puyol5 sagt:

    Super Posting, dieses Plädoyer für persönlicheren Journalismus. So gesehen macht eigentlich die Weltwoche den besten Job, wenn auch nicht immer klar ist, wessen Herz erhört wird.

  7. H. Trickler sagt:

    Gut gebrüllt Löwe – aber jetzt zu den aktuellen brennenden Themen?

    • Claudia Stury sagt:

      Genau – her mit den brennenden Themen!
      In diesem Stil geschrieben, lieber Herr Seibt würd ich sogar zur Abwechslung mal Tagi lesen….
      Stecken Sie Ihren journalistischen Riecher doch mal in die vielen aktuellen Themen, die derzeit so an unseren Schulen geboten sind. Viele Eltern könnten Ihnen da ein Liedlein singen …
      Nicht irgendwo in Timbuktu und nicht irgendwann – vielleicht einmal – nein, jetzt in unser unmittelbaren Umgebung.
      Her mit den recherchierten Fakten und dann Ihre Emotionen und die Stimme Ihres Herzens dazu – das will ich lesen!

  8. Francis D. sagt:

    Existenzialismus als Journalismus: Dein Leben ist wie vor jedem neuen Artikel ein Entwurf. Darüber zu schreiben? Du bist verdammt zur Freiheit!

  9. B. E. Kant sagt:

    Dürfen wir ab jetzt bei jedem Ihrer Artikel mit Ihren Lieblingsmanierismen «verdammt», «Teufel», «teuflisch», «Hölle», «höllisch» rechnen?

    Und wieso geben Sie hier auf Newsnet einen Volkshochschulkurs in Journalismus für Möchtegernjournalisten, Wiedereinsteigerinnen, MAZ-Kursbesucher, statt Journalismus zu machen und zu recherchieren und den Mächtigen im Staat auf die Finger zu schauen? Seit sich eine Menge Journalisten auf Stil und Haltung kaprizieren, wie Sie es hier postulieren, hungere ich nach Information.

    • Lucrezia Borges sagt:

      Herzlichen Dank!

    • Thomas sagt:

      Kaum zu glauben, eigentlich: In einer Welt, in der wir mit unnötigen Informationen regelrecht erschagen werden, gibt es einen Nimmersatt?

      Welches ist denn diese Information, die einem danach hungern lässt?

      • Thierry Durois sagt:

        Herr Kant hungert imperativ-kategorisch nach subjektiv ungefärbter Hardcore-Information während der Consti für eine Interpretativ-romantische Transzendesnz der faktischen Realität durch das Beobachtende Subjekt plädiert. Sind noch Fragen?

  10. Thomas Läubli sagt:

    Der Kulturbund des Tages-Anzeigers ist schon längst zur Konvention erstarrt. Langweilige Artikel über Entertainment, Kommerz & Design, Plaudereien über belanglosen Lifestyle, TV-Shows & Soziale Plattformen sowie Koch- und Reiseberichte, und die Kino-Agenda wird auch noch abgehakt. Das ist das Gegenteil, was ich von Kultur erwarte: existentielle Fragen, Experimente und grosse Denker. Informationspflicht und seriöse Recherche gelten schliesslich auch für kulturelle Themen.

    • W. Bernet sagt:

      Sie schreiben mir aus der Seele. Vielen Dank! Der Kulturbund ist vollgestopft mit Werbung und wird der Betitelung kaum gerecht.

    • Thomas sagt:

      Wo nichts ist, lässt sich auch nicht darüber berichten. Sie können ja vieles von “Kultur” erwarten, aber nicht, dass diese vom Reporter erschaffen wird.

  11. Nun nach sieben Teufeln, und einigen “verdammt” und Gott … Journalismus ist nicht Existenzialismus: bewegender Journalismus ist … Theologie. Der erfolgreiche Journalist macht es wie Bert Brecht … er liest auf dem Klo das Alte Testament, berauscht sich an Hohes Lied und Apokalypse und kommt dann vor seine Leserschaft und brüllt: Freiheit! Gerechtigkeit, zündet dem Pfaffen das Haus an. Das Original findet im besten Fall am Sonntag statt. Daher der Seibtsche “Kanzelneid”.

  12. Reto Savoca sagt:

    Danke Constantin! Dass Du jetzt in eigener Sache schreibst, hilft Dir gemäss Deiner These ja gewaltig – schliesslich geht es Dich ja ziemlich direkt etwas an…. Solange Du allerdings so mitreissend schreibst, kannst Du meinetwegen schreiben, über was Du willst – ich bin unterhalten, amüsiert und wenn ich nebenbei noch etwas erfahre und/oder lerne – umso besser.

  13. Katharina sagt:

    c’est le ton qui fait la musique. und wenn ich durchlese und gottverdammt sehr häufig vorkommt ,und der Text auch sonst einfach fluchend daherkommt, prallt er einfach an mir ab. in dieser respektlosen, polternd fluchenden Art sehe ich einfach keine Motivation, zuzuhören.

    was genau war der Punkt Ihres Textes? ich sehe es nicht. Es fing mit Existentialismus an und dann?

  14. In letzter Zeit lese ich nur noch die “Haltungsseite” der Blätter: NZZ und Tagi schlag ich immer von hinten auf. Und am interessantesten sind die Leserbriefe. Darum: Kommentare freischalten! Es wird sich jene “Kanzel” durchsetzen, wo die Kommentare unbürokratisch aufgeschaltet werden. Insofern sieht es für “Deadline” schon mal schlecht aus. Wenn ich hier vorbeischaue und meinen Kommentar immer mit dem Hinweis: “Dein Kommentar wartet auf Freischaltung.
    4 Mai 2012 um 19:17”. Jetzt ist 5.5.2012, 23.05. Wahrscheinlich wird der Tamedia Verwaltungsrat bald über die Freischaltung beraten.

  15. Hofstetter sagt:

    Es stellt sich die Frage, wieso die existentiellen Fragen nur im Ansatz oder überhaupt nicht mehr gestellt werden. Wer will noch stören? Oder wer kann sich das leisten? Die Zeit wäre mehr als reif, um zu stören und die Wirtschafts- und Werteordnung gründlich zu hinterfragen. Vielleicht, weil alle am selben Tropf hängen? Denn wenn man von der Tränke genommen wird, abseits der Herde, wird’s ungemütlich. Aber, der Journalismus, die Verlage werden nicht darum herumkommen, Fragen zuzulassen, die mit Herz und Verstand zu tun haben.

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