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Frechheit siegt

Constantin Seibt am Mittwoch den 25. Dezember 2013

Kleine Länder, normale Leute sind in Sachen Information schwarze Löcher. Sie saugen massenhaft Informationen in sich hinein; über sie hingegen erfährt niemand etwas ausser sie selbst.

So dringt über die Schweiz kaum Information ins Ausland; ausser gelegentlich eine Datei mit Bankkundendaten.

Doch Ende letzten Monats schaffte es eine Nachricht in die internationale Presse: in die grossen deutschen Blätter, nach Frankreich, Belgien, England, bis nach Aserbaidschan und den Libanon.

Es war die Nachricht: «Zeitung erpresst Geheimdienstchef». Sie war garniert mit diesem hübschen Erpressungsvideo, dass aufgrund grosser Nachfrage im Ausland mit hochdeutschen Untertiteln versehen werden musste.

Zwar entpuppte sich der Artikel dazu als nicht absolut erderschütternd: Die WoZ observierte das Haus des Schweizer Geheimdienstchefs Markus Seiler, verfolgte sein Auto auf dem Weg zur Arbeit und startete vor dem Geheimdiensthauptquartier eine Drohne, die aber aus rechtlichen Gründen nichts Interessantes aufnehmen durfte. Inzwischen haben die Juristen des Geheimdienstes die Zeitung dazu gebracht, die Seite über ihren Chef zu schliessen.

Aber das tat wenig zur Sache: Entscheidend war die Idee, den Chefüberwacher zu überwachen. Es löste dieselbe Begeisterung aus wie früher in der Schule ein gelungener Streich.

Frechheit und Politik

Es ist ein offenes Geheimnis, dass ernst zu nehmende Journalisten selten ganz erwachsene Menschen sind. Und selbst wenn, dann nicht ganz berechenbare: Schon weil Berechenbarkeit das freundliche Wort für Langeweile ist. Und weil geradliniges Denken das Gegenteil von Denken ist.

Aber vor allem, weil die Ware, die Journalismus verkauft, aus weit komplexerem Stoff als aus Information besteht. Jeder Text transportiert auch eine Haltung:  Mitgefühl,  Zorn,  Mut, Zuversicht, Depression, Schadenfreude, Verblüffung, was immer. Neutralität ist zwar ehrenwert, aber am wenigsten ansteckend. Leser sind keine informationsverarbeitenden Automaten und schätzen auch keine.

Frechheit ist – im Gegensatz zu jeder anderen Industrie – im Journalismus eine der wichtigsten Waren: als Rohstoff, Haltung und Produkt. Das, weil Journalismus, wenn er die Mühe wert ist, immer politischer Journalismus ist. Und Frechheit ist im Kern eine politische Haltung: Sie wendet sich bei aller Albernheit instinktiv gegen Würde, Ernst, Feierlichkeit, Konventionen, kurz: die Macht. (Wählt sie ihre Ziele kleiner, kippt sie in Niedertracht.)

Den Kampf mit der Macht sucht sie nicht einmal primär aus verborgenem Ernst. Sondern schlicht, weil erst der Kontrast einen Scherz erst richtig scharf macht. In seinem grossen Humortheorie-Buch «Was gibt es hier zu lachen?» beschreibt Robert Gernhardt die Urszene der Komik. Bobo, der Buckige riskiert hier sein Leben für etwas, was durchaus auch als Ideologiekritik zu beschreiben wäre. Obwohl der Impuls dafür wesentlich archaischer ist:

In einer Höhle der sehr frühen Steinzeit versammelt sich die Horde unter Führung des Häuptlings um den Schamanen, der sich feierlich daranmacht, den alljährlich fälligen Jagdzauber dadurch zu vollziehen, dass er mit ausgebreiteten Armen vor der Höhlenmalerei einer Wildkuh niederkniet.

Schamane: Kuh, du schnelle, schöne, nahrhafte, höre uns an!

Alle: Mit deinen grossen Ohren!

In der letzten Reihe der Horde lässt einer einen fahren. Der Blick des Häuptlings schweift prüfend über die Hordenmitglieder.

Schamane: Kuh, du weisst, wer vor dir steht, dein Volk, der Stamm der Kuhmenschen. Und wir alle rufen dir zu:

Bevor die Horde antworten kann, lässt der geheimnisvolle Puper wieder einen fahren. Gekicher wird laut. Häuptling und Schamane mustern aufmerksam die Gesichter der Versammelten.

Schamane: Kuh! Wir haben deine Kinder gejagt, getötet und verspeist. Aber wisse, Kuh, wir taten all dies nur, weil du, Kuh, mir im Schlafe erschienen bist und folgendes zu mir und deinem Volk gesagt hast:

Ein dritter Furz, der unverkennbar das Muhen einer Kuh nachahmt. Unverstelltes Gelächter. Der Schamane steht wütend auf und wechselt einige Worte mit dem Häuptling. Darauf bahnt der sich den Weg durch die Horde und tritt ohne zu Zögern vor den, der als einziger ernst geblieben ist, Bobo, den Buckligen.

Häuptling: Bobo, wenn du noch einmal einen fahren lässt, dann erschlage ich dich auf der Stelle mit diesem Feuerstein.

Bobo lässt wieder einen fahren und blickt sich in gespielter Entrüstung um.

Bobo: Wer fahr das?

Riesengelächter. Der Häuptling erschlägt Bobo. Als er schweigend zum Schamanen zurückkehrt, glaubt er, hinter sich ein leises Pupen zu hören. Rasch wendet er sich um, doch wohin er auch blickt, ernste Minen und gesenkte Köpfe. Oder sind diese nur so tief gebeugt, weil der eine oder andere sich das Lachen verbeissen muss? Für einen Moment zögert der Häuptling, dann bedeutet er dem Schamanen mit einem barschen Handzeichen fortzufahren, worauf der seinen Zauber ohne weiteren Zwischenfall zu Ende bringt. Nachts freilich, als sich die Horde in Felle gewickelt hat, da will das Gepupe und Gekicher kein Ende nehmen, ja selbst auf das «Ruhe, verdammt noch mal!» des Häuptlings ertönt ein wie von Kinderstimme gepiepstes «Wer fahr das?», und wieder brandet das Gelächter mächtig auf…

Satire als Wachstumssegment

Frechheit ist dem Journalismus eng verwandt: Sie produziert Ärger, Wirbel und Kritik. Gäbe es ein Wappentier für Komik wie Journalismus, so wäre es der Aaskäfer, der auflebt, wo es stinkt. Oder der Junge in Andersens Märchen, der sagt: Der Kaiser ist nackt. Und gäbe es eine Hymne, dann wäre sie Groucho Marx’ grossartige Arie: Whatever it is –I’m against it.

Nur wird in Redaktionen sehr wenig darüber nachgedacht. Obwohl Frechheit im 21. Jahrhundert eines der wenigen Wachstumshoffnungen im politischen Journalismus ist. Sie ist das einzige Produkt, das das jüngere Publikum beweisbar ernst nimmt: Satire wird freiwillig gesehen, geteilt, gesucht, besprochen. Die Shows von Jon Stewart und Steven Colbert ergänzen längst nicht nur die anderen Nachrichtenshows in den USA; sie ersetzen sie für viele. In Hongkong ist das meistgesehene Nachrichtenformat eine Viertelstundekochsendung fürs Handy, wo zwei Köche sich rotzfrech über Aktualitäten unterhalten. Und in Deutschland schafft die (eher grobe) Heute Show, Pflichtprogramm für die Pausenplätze zu werden.

Schon heute wirkt die Frechheit als Aushängeschild für Zeitungen: “Zippert zappt” in der «Welt», der Greser & Lenz-Cartoon in der FAZ, die Wahrheit in der «taz», Peter Schneider in der «SonntagsZeitung», 120 secondes im welschen Radio, das ehrwürdige Streiflicht der «Süddeutschen» – es sind diese Formate, die einem den Kick geben, ein Medium in die Hand zu nehmen – und selbst wenn diese Rubrik an diesem Tag das einzige bleibt, was man liest.

Nur ist diese Sorte Frechheit meist eingekauft und wenig systematisch. Chefredaktionen sollten über mehr Formate nachdenken, etwa:

  • Telefonterror: Ein – ausser von der Redaktion der “Titanic” – systematisch unterschätztes Genre. Dabei sind die Erkenntnisse gross. Selten erfuhr man so plastisch, wie weit Schweizer Gemeinden gehen würden, um einen prominenten Steuerzahler anzulocken, wie als 2002 ein angeblicher Sekretär des Formel-1-Weltmeisters Michael Schumacher anrief und Sonderbewilligungen für Teststrecken vor dem Haus, Steuerdeals, niedrigen Ausländeranteil, Hochdeutschkurse für Schweizer sowie Wegschauen der lokalen Polizei bei Tempoüberschreitungen verlangte.
  • Fälschungen & Parodien: Durch wenig erfährt man die Machart eines Werks mehr als durch seine Fälschung. Ein Asset für jeden gepflegten Kulturteil.
  • Satireseiten: Nicht ganz einfach herzustellen, aber mit Sicherheit die meistgelesene und -debattierte Seite eines Blatts.
  • Gonzoreportagen: Auch ein Genre mit überraschenden Erkenntnissen. Etwa, als ein Journalist der “Welt” 2003 in Zürich, Genf und Vaduz eine halbe Million Euro Schwarzgeld anlegen wollte. Und die Banken bereitwillig über Codewörter, Schmuggelrouten und Nachweisfälschungen redeten: “Vielleicht haben Sie das Geld mit einem Restaurant verdient. Dann genügte als Beleg die Speisekarte.”)
  • Eingriffe in die Wirklichkeit zwecks Werbung: Hier hat die «Medienwoche» etwa einige Werbekampagnen der WoZ zusammengestellt – darunter auch das Übernahme-Angebot für die «Weltwoche».)

Der Grund, warum dies kaum je gemacht wird, ist – neben Faulheit – meistens: Die Angst um die eigene Glaubwürdigkeit. In der Tat benötigt Frechheit Können: Ein grosses Taktgefühl, das sehr genau weiss, wo es dieses verletzt. Doch um dieses zu bekommen, braucht es Erfahrung, also Experimente. Und etwas Mut, gelegentliche Empörung auszusitzen.

Denn letztlich stärken gelungene Streiche die Glaubwürdigkeit beim Publikum. Denn dieses ist längst nicht mehr naiv. Und glaubt etwa alles, was gedruckt ist. Das heutige Publikum ist seit der Kindheit täglich mit mehrere Stunden in verschiedensten Medien aufgewachsen, also vertraut mit schnellen Schnitten, Ironie, Selbstironie, allen möglichen Stilen und Mischformen: Es versteht, was hier passiert.

Kein Wunder, wurde Jon Stewart 2009 in einer «Time»-Umfrage von jüngeren Publikum als glaubwürdigster Nachrichtenmoderator gewählt. Für dieses Publikum gilt, was der Schriftsteller Rudolf Leonhard schon 1917 schrieb: «Frechheit ist die letzte und kühnste Äusserung der Sachlichkeit.»

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10 Kommentare zu “Frechheit siegt”

  1. Im Prinzip ist das richtig. Frechheit wird nur oft falsch verstanden. Henryk M. Broder ist bloß Meister im Invektivenweitwurf – und kommt sich aber deshalb schon vor wie ein zweiter Heinrich Heine.

    Unter den frechen ‘Guten’ würde mir noch der Friedrich Küppersbusch einfallen, auch der Wiglaf Droste in seiner besten Phase, der Thomas Kapielsky führt(e) auch keine schlechte Klinge, oder aber der Eckhard Henscheid mit seinen ‘Erledigten Fällen’, damals in der ‘Zeit’. Auf der ‘rechten Seite’ gibt’s allerdings notorisch keinen. Für mich eine große Frage, woran das wohl liegt …

    • Constantin Seibt sagt:

      Tendenziell glaube ich, die einen haben die Macht, die anderen – ätsch! – die guten Witze. Das aus zwei dramaturgischen Gründen: 1. Haben die Mächtigen stets Lacher um sich herum; sie müssen sich nicht wirklich bemühen, witzig zu werden. 2. Der Uppercut, der Faustschlag nach oben ist elegant. Der Fusstritt nach unten nicht.
      Deshalb sind die guten Satiriker so absurd geschlossen links. Die Rechten haben zwar auch Leute mit Witz (in der Schweiz etwa Blocher und Mörgeli), aber dort bleibt es bei gelegentlichen guten Pointen, da es Ihnen nicht um den Angriff auf, sondern um den Griff nach der Macht geht.

  2. Pascal Wandler sagt:

    Mich würde interessieren, wo sie die Linie zwischen Frechheit und Satire auf der einen, und Ironie und Zynismus auf der anderen Seite ziehen. Journalisten mangelt es ja keineswegs an letzterem. Ist es die fehlende Haltung, mit der sie ihre Positionen vertreten, die ihre Kritik von der hier beschriebenen Frechheit differenziert? Wo liegt der Unterschied?

    • Constantin Seibt sagt:

      O Hilfe, das ist ein Problem, über das ich nun schon ein halbes Leben lang nachdenke. Wo bin ich frech, wo gemein? Und welche Haltung brauche ich bei welchen Angriffen? Ich müsste einen verfluchten Essay schreiben dazu, der zu je einem Drittel ein Gestammel, ein Geständnis und eine Autobiographie wäre. Ich kann nur eins sagen: Je länger ich lebe, desto mehr interessiert mich als Haltung die Freundlichkeit. Und zwar weniger aus moralischen Gründen. Sondern weil sie mir als das interessantere Problem erscheint als Schock, Sarkasmus und Zweihänder.

      • vera sagt:

        Das mit der Freundlichkeit hat was. Es ist ein Unterschied, ob jemand angreift, der Menschen mag, oder jemand, der sie nicht mag. Vielleicht ist das der Unterschied zwischen “den Spiegel vorhalten” und “mit dem Spiegel auf den Kopf hauen”.

  3. Jeeves sagt:

    A propos “Fälschungen & Parodien”:
    Der unsterbliche Robert Gernhardt hatte auch hier ein gutes Händchen, als er unter Pseudonym einen Artikel über ein “modernes Kunstwerk” (à la Beuys) im Fäuleton der FAZ veröffentlichen konnte. Wie Leserbriefe danach zeigten, wurde seine (ironische) Kunscht-Verarsche von den Lesern genauso ernst genommen wie leider auch der (seriöse) Nonsense, der sonst über diese “Moderne” zu lesen ist.
    Ja, in der Tat: Gernhardts (gar nicht mal so) theoretische Aufsätze zu Humor sind immer noch gültig. Und haben leider nix verändert.

    • Constantin Seibt sagt:

      Ach, im Grossen verändert das auch nichts. Ewig benagt die Komik den Ernst und der Ernst nimmt sie nicht ernst. Und wenn doch, dann schlägt er zu. Aber ich glaube, im Persönlichen ist das anders. Denn Frechheit steckt an. Sie hat etwas Helles. So fühlt man sich auch nach einem Marx-Brothers-Film, ein paar Zeilen von Lichtenberg oder Oscar Wilde frisch, gestärkt, ermutigt, auch einmal so etwas zu tun. Es ist, als hätte man eine Lunge voll Freiheit geatmet.

  4. Beat sagt:

    Frech ist doch, wenn der Kleine dem Grossen die Zunge raussteckt, wiederspricht, betont langsam macht, wenns pressiert, sprich opponiert, wo alles schweigt … Denke ich an das Schweizer Fernsehen, mit senem 1 oder 2 Milliarden Franken Budget, wo prinzipiell die Moderatoren die Staren zu sein glauben, in den Arenen die Sätze, vor allem von den Schwächeren, streng kurz bevor diese einen Sinnergeben, dümmlich eingebildet unterbrochen werden – dann ist das auch frech, aber eben frech vom Gastgeber dem Gast gegenüber, der diesem ständig zuverstehen gibt, wer hier das Sagen hat (und wer eben nicht)

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