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Die sechs besten Bücher zum Journalismus

Constantin Seibt am Mittwoch den 25. September 2013

 

Der Augenblick ist gekommen. Im Moment dreht sich der Deadline-Blog in den Walzen. Aus dem Blog wird ein Buch, und ich bin mir ziemlich sicher, dass es das beste Buch über das Schreiben ist, das ich je geschrieben habe.

Aber das beste, das ich je gelesen habe? Nun, hier die Rangliste meiner Top 6 der Lehrbücher zum Journalismus, in absteigender Reihenfolge.

Platz 6: Truman Capote – Musik für Chamäleons

Truman Capote war bereits ein ausgebrannter Schriftsteller, als er sich noch einmal zusammenriss und ein halbes Jahr im Keller seines Apartmenthauses verschwand. Was entstand, ist ein funkelnder Bastard von Journalismus und Literatur. Im ersten Teil Porträts und Short Stories, dann ein (erfundener) kurzer Tatsachenroman und schliesslich eine Handvoll Dialoge, etwa mit Marilyn Monroe. Es ist eine Wundertüte an Möglichkeiten, eine Anthologie, wie man in Formen denkt, zart wie Seidenpapier und zugleich das letzte Aufbäumen eines sterbenden Wunderkindes. Und im Vorwort steht der schöne, grausame Satz:

Talent ist eine Knute, und sie ist ausschliesslich zur Selbstgeisselung bestimmt.

Platz 5: Robert Gernhardt – Was gibt’s denn da zu lachen?

Es gibt einige Bücher, die ein Thema so umfassend und so viel klüger als die Konkurrenz abhandeln, dass die perfekte Bibliothek zu diesem Thema nur aus diesem Buch besteht. Gernhardts Essayband ist so eines. Wer sich mit der Geschichte, Wirkung, Bewertung, Industrie oder der  Herstellung von Humor beschäftigt, der muss es kaufen. Miese Witze, grosse Pointen, Slapstick, eine Theorie der Komik, Werkstattstorys, Kritik – hier gibt es alles, so hell, klug und scharf gedacht wie etwa der Satz:

Es gibt kein niveauvolles Lachen, so wenig, wie es einen niveauvollen Orgasmus gibt.

Platz 4: Robert Neumann – Meisterparodien

Noch so eines dieser Bücher. Die Bibliothek der Literaturparodien besteht aus Robert Neumanns Werk. Neumann hatte den fliessenden Geist einer Amöbe. Er studierte Medizin, war Sportschwimmer, Matrose, Devisenhändler und Direktor einer Schokoladenfabrik. Er hatte keine Schwierigkeit, jede gegebene Form, jeden Ton anzunehmen; er erschien unzähligen Frauen als der Mann ihres Lebens. Und schrieb unzählige Bücher in fast jedem Stil ausser dem eigenen.

Das, was davon blieb, sind seine Parodien, die brillantesten, tödlichsten der Literaturgeschichte. Es ist nicht nur ein Vergnügen zu sehen, wie Neumann die Literatur seiner Zeit – die 20er- und 30er-Jahre – in die Luft jagt: Weltliteratur, Groschenromane und politische Traktate. Seine Bücher sind auch unverzichtbar; wenn man etwa für eine Kolumne einen Stil sucht – bei Neumann findet man das Konzentrat von fast hundert Schriftstellern auf jeweils wenigen Seiten. Und ihre Hinrichtung als Zugabe:

Die Parodie schleicht sich mithilfe der zunächst harmlosen Mimikry in die Welt des literarischen Opfers ein, sie schreibt zunächst einen Absatz «mit fremden Federn», segelt ein Stück unter «falscher Flagge» – aber erst, wenn in der Folge das so gestohlene Idiom dazu verwendet wird, das Opfer zu attackieren, zu entlarven, in die Luft zu sprengen: erst durch die Aggression wird, was als Nachahmung begann, am Ende zur Parodie.

Platz 3: Raymond Chandler – Die simple Kunst des Mordes

Chandler war 50, ein gescheiterter Manager einer Ölfirma, als er mit dem Schreiben von Kriminalstories für Schundmagazine begann. Es war seine letzte Chance, und er tat es mit der Sorgfalt eines Verzweifelten. Und da er ein einsamer Mann war, schrieb er seine gesammelten Überlegungen zum Handwerk in seine Briefe. Herausgekommen ist eines der leidenschaftlichsten Bücher zum Schreiben. Nicht zuletzt, weil Chandler Neuland besiedeln musste, da der Krimi bis zu seinem Werk nicht als Teil der Literatur galt:

Aber lassen Sie uns nie den Standpunkt hinnehmen, dass Kriminalromane von Lohnschreibern aufs Papier gebracht werden. Noch die armseligsten von uns vergiessen ihr Herzblut über jedem Kapitel.

Platz 2: François Truffaut – Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?

Ein Monster-Interview über Hitchcocks Werk. Und ein Feuerwerk des dramaturgischen Denkens: Hitchcock erzählt, wann, warum, mit welchen Schwierigkeiten, welchem Erfolg, welchem Misserfolg er welche Techniken und Tricks einsetzte, um sein Publikum wie in einer Achterbahn auf Schienen zu lenken. Man lernt enorm viel darüber, wie man Sympathie, Furcht oder Nähe aufbaut, wie man sie zerstört, wie man Informationen unauffällig weitergibt, wie man Tempo macht oder verzögert. Kurz: Man lernt fast alles und das noch im Ton einer erstklassigen Cocktailparty serviert. Und wie jeder wahre Handwerker redet Hitchcock nicht nur über seine Erfolge. Sondern ebenso souverän über seine Flops:

Ich habe das erst bemerkt, als der Film abgedreht war, als nichts mehr zu machen war. Weshalb ist keine der Personen wirklich in Gefahr? Weil wir eine Geschichte erzählen, in der die Schurken Angst haben. Das ist die grosse Schwäche des Films. Denn sie verstösst gegen die Hauptregel: je gelungener der Schurke, desto gelungener der Film.

Platz 1: And the winner is….

Um die Spannung ins Unermessliche zu treiben, folgt das allerbeste Buch zum Journalismus erst im nächsten Post. Dafür folgt eine kleine Zwischenbilanz.

Nicht ohne Grund beschäftigt sich keines der Bücher, die mir im Job wirklich geholfen haben, direkt mit dem Journalismus. Zum einen, weil das, was einen an Büchern über das Schreiben wirklich inspiriert, selten die Regeln oder Rezepte sind. Sondern die Haltung dahinter. (Das läuft übrigens ganz ähnlich mit Zeitungsartikeln. Was bei einem Artikel mitreisst, ist nicht die Information, sondern die Haltung, mit der sie transportiert wird: etwa die Frechheit, das Mitgefühl, die Genauigkeit, der Zorn, die Grosszügigkeit, die Furchtlosigkeit, etc.)

Traditionelle Lehrbücher zum Journalismus haben nur selten eine Haltung – sie sind didaktisch. Und sie haben noch einen weiteren Nachteil: Sie lehren das Bekannte, das heisst, sie teilen die Standards der Branche mit. Und das widerspricht dem Wesen des Journalismus, der im Kern ein Import-Export-Geschäft für aufregende Neuheiten ist. Nicht nur in den Inhalten, sondern auch in der Form. Das Grossartige an Büchern über Film, Literatur, Musik, Werbung, etc. ist, dass alle brauchbaren Techniken, die man dort entdeckt, automatisch neu sind, sobald man sie in eine Zeitung transportiert.

Zum Dritten aber sind die obigen Bücher eng verwandt mit dem zentralen ästhetischen Problem jedes Journalisten. Man arbeitet in einem abgegriffenen, zwar populären, aber wenig prestigereichen Genre, das von kaum jemanden für eine grosse Kunst gehalten wird. Geschweige denn überhaupt für eine Kunst.

Doch es kommt darauf an, es wie Capote mit den Tatsachen, Gernhardt mit der Komik, Neumann mit der Parodie, Chandler mit dem Krimi und Hitchcock mit dem Thriller zu machen. Und sein Genre durchzudenken, um es neu zu erfinden.

 

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9 Kommentare zu “Die sechs besten Bücher zum Journalismus”

  1. Thomas sagt:

    Und was ist mit Hunter S. Thompson?

  2. Und beim nächsten Mal – tätä! – steigt dann wieder der Wolf Schneider aus der Rappelkiste: Vermeide das Adjektiv, pack die Hauptsachen in Hauptsätze, stricke deine Sätze nicht zu lang und ächte die böse Ironie – denn die versteht der blöde Leser nie.

    • Vielleicht wird aus dem blöden Leser ein Blitzstrahlgescheiter?

      • Constantin Seibt sagt:

        Ich glaube, Wolf Schneider hätte das Karl Kraus-Zitat nicht gemocht: “Wenn sich ein Schneider in den Wind begibt, muß er das Bügeleisen in die Tasche stecken. Wer nicht Persönlichkeit hat, muß Gewicht haben.”
        (Wobei das natürlich für alle Journalisten gilt: Ohne das Bügeleisen der Fakten in der Tasche, wären wir der Wind persönlich.)

  3. Auch in einem «wenig prestigereichen Genre, das von kaum jemanden für eine grosse Kunst gehalten wird» arbeitend, halte ich Howard L. Gossage selig für einen in jeder Beziehung vorbildlichen Schreiber, der die Standards seiner (meiner) Branche auf den Kopf (oder besser: vom Kopf auf die Füsse) stellte. Und der den für alle Schreibenden wegweisenden Satz schrieb: « Die Leute lesen, was sie interessiert», und unsereins zum Trost oder Ansporn hinzufügte: «manchmal ist’s ein Inserat».

  4. PS. Bei mir steht er – Gossage – auf Platz 1, auch wenn ich seine Arbeit nicht im Original gelesen habe, sondern lediglich aus der deutschen Übersetzung kenne.

  5. Fear and Loathing in Las Vegas ist mein Favorit

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