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Ready made – der Journalist als Dieb

Constantin Seibt am Mittwoch den 7. August 2013

Guttenberg. Schavan. Fiala. Vielleicht Lammert. Immer mehr Politiker werden als Plagiatoren entlarvt und richten damit Schaden an. Sie säen Zweifel an der Kompetenz der Politik. Und noch schlimmer: Sie säen Zweifel an der Kunst des Plagiats.

Denn permanente Originalität ist der Kult mittelmässiger Köpfe. Die besseren wissen: Kultur ist eine Kette von Diebstählen. Echte Profis kennen die Beschränktheit der eigenen Einfälle und stehlen gezielt alles Nötige. Dahingegen behaupten kleine Köpfe gern: «Meine Meinung ist…» Und breiten dann fast nie eigene Gedanken aus. Sondern meist vorgefertigtes Zeug aus dem Ideen-Versandhaus.

Wirkliche Neuerer erkennt man an ihrem Traditionsbewusstsein. So bemerkte etwa Bert Brecht, dass man einen echten Könner daran erkenne, dass er Gelungenes nicht noch einmal mache. Brecht war sich nicht zu schade, zahlreiche Verse von Villon und Kipling und ganze Theaterszenen von seinen Mitarbeiterinnen zu übernehmen.

Kein Wunder, schwärmte er «von den grossen, sensationellen Fällen, wo es dem Autor glückte, ganze Akte sich einzuverleiben», etwa in der Shakespeare-Zeit. Und schrieb:

Natürlich basiert so ziemlich jede Blütezeit der Literatur auf der Kraft und Unschuld ihrer Plagiate.

Das gilt auch für den Journalismus. Wenig macht einen Artikel eleganter, als möglichst wenig eigener Kraftaufwand. Idealerweise würde er nur aus Zitaten bestehen, die sich gegenseitig beleuchten.

Noch idealer ist ein Artikel, der praktisch nur aus einem einzigen Zitat besteht. So war ich etwa nach dem New-Economy-Crash 2001 sehr stolz auf folgende kurze Kolumne:

Wie rächt man sich an Banken?

Banken werden überall kritisiert. Doch was kann man man als Kunde tun? Zu diesem Thema schweigt die klassische Wirtschaftspresse. Nicht aber die klassische Literatur. Hier ein Anlagetipp aus «Die Strasse der Ölsardinen» des amerikanischen Nobelpreisträgers John Steinbeck:

«In Docs Arbeitszimmer finden sich: ein Schreibtisch mit einem unerledigten Stapel Post, Registrierschränke und ein stets offener Kassenschrank. Einmal wurde er aus Versehen geschlossen. Niemand kannte das Geheimnis der Buchstabenkombination, und drinnen lag eine geöffnete Büchse Ölsardinen und Roquefortkäse! Furchtbare Gerüche entwickelten sich in dem Safe, bis endlich der Schrankfabrikant das Kennwort sandte. Damals entdeckte Doc ein Verfahren, mittels dessen sich jedermann, falls er Bedarf danach hätte, an einer Bank rächen könnte. Er brauchte nur, riet Doc, einen Safe zu mieten, einen ungeräucherten Salm darin zu deponieren und dann für sechs Monate zu verreisen. Was seinen eigenen Tresor anging, machte er es sich zum Gesetz, nie wieder Nahrungsmittel darin zu verwahren. Er legte diese von nun an in seine Registrierschränke.»

Das Konzept dieser Artikelsorte gleicht der des Ready Mades in der Kunst. Anfang des 20. Jahrhunderts experimentierten Künstler mit kaum bearbeiteten oder unveränderten Alltagsgegenständen: am berühmtesten vielleicht Meret Oppenheims Pelztasse und – noch ungeschlagen – Marcel Duchamps Skulptur «Fountain», für die er ein signiertes Pissoir in die Galerie stellte.

Dieses teilte nicht zufällig das Schicksal allen Qualitätsjournalismus. Es wurde nach Gebrauch – also nach der Ausstellung – auf den Müll geschmissen. Heute existiert nur noch eine später angefertigte Kopie.

Die Leistung des Künstlers oder Journalisten besteht im Fall des Ready Mades vor allem aus zwei Dingen: dem Blick, der das Objekt entdeckt. Und der Kühnheit, es möglichst unverändert zu übernehmen. Deshalb gilt für die Qualität eines schriftlichen Ready Mades ein sehr archaisches Mass: Je länger, desto unverschämter, desto besser.

Lange Zeit beneidete ich sehr die Einfallskraft meines Kollegen Niels Walter. Dieser sah den Nestlé-Film «We Feed the World» und war von den Monologen des Nestlé-Chefs Peter Brabeck begeistert. Und transportierte darauf Brabecks Äusserungen ungekürzt in die Zeitung, nur gestützt von einem kurzen Einleitungssockel: 5000 Zeichen lang.

Das klang dann wie folgt:

Ja es gibt doch bei uns so ein schönes Lied, Wasser braucht das liebe Vieh, Hollera und Holleri, wenn Sie sich erinnern können. Also Wasser ist natürlich das wichtigste Rohmaterial, das wir heute noch auf der Welt haben. Es geht darum, ob wir die normale Wasserversorgung der Bevölkerung privatisieren oder nicht. Und da gibt es zwei verschiedene Anschauungen. Die eine Anschauung, extrem würde ich sagen, wird von einigen, von den NGOs vertreten, die darauf pochen, dass Wasser zu einem öffentlichen Recht erklärt wird. Das heisst, als Mensch sollen Sie einfach das Recht haben, Wasser zu haben. Das ist die eine Extremlösung. Und die andere, die sagt, Wasser ist ein Lebensmittel; so wie jedes andere Lebensmittel sollte das einen Marktwert haben. Ich persönlich glaube, es ist besser, man gibt einem Lebensmittel einen Wert, sodass wir uns alle bewusst sind, dass das etwas kostet, und dann anschliessend versucht, für diesen Teil der Bevölkerung, der keinen Zugang zu Wasser hat, dass man dort etwas spezifischer eingreift, und da gibts ja verschiedene Möglichkeiten, also.

Ich wartete sieben Jahre, bis ich eine Antwort fand. Das war, als ich über Twitter auf die Tapes der Anglo-Bank aufmerksam wurde. Die Irish Anglo hatte mit über 30 Milliarden Euro den grössten Einzelkonkurs der irischen Geschichte hingelegt. Und hatte fast im Alleingang den irischen Staat in die Verschuldung getrieben. Nun hatte jemand dem «Irish Independent» die Telefonmitschnitte zugespielt, wie die Banker den Staat dazu brachten, ihre Schulden zu übernehmen.

Als ich die Tapes hörte, war ich elektrisiert. Die Wirklichkeit hatte für einmal grossartig gearbeitet. Die Tapes waren das perfekte Ready Made, ein perfektes Theaterstück in sieben Akten. Man musste sie nur noch transkribieren, übersetzen, Zwischentitel, Szeneanweisungen, Einleitung und Epilog machen. Insgesamt waren das 20’000 Zeichen. Ich fühlte mich wie Marcel Duchamp, als er sein Pissoir gefunden hatte.

Hier der Auftakt:

1. Akt: Zentralbank

Donnerstag, 18. September 2008. Drei Tage zuvor ging Lehman Brothers pleite. Die Interbankenkredite frieren ein; die Immobilienpreise fallen. Damit steht die mit Immobilienkrediten vollgestopfte Anglo-Bank über Nacht vor dem Bankrott. Als erstes Institut in Irland ersucht sie um Staatshilfe. Die beiden Direktoren John Bowe und Peter Fitzgerald unterhalten sich über die Verhandlungen:

B: Oh Jesus …
F: Sag schon …
B: Spass und Spiele, wirklich! Wir waren bei der Aufsicht. Hab ich dir erzählt, dass wir gestern bei der Aufsicht waren?
F: Hast du. Gestern.
B: Wir waren gestern dort, und, kurz gesagt, wir haben es ihnen direkt zwischen die Augen gegeben. Und dann brach das Chaos aus: ‹Nein … nein … bitte nicht … Himmel, ihr wollt also von uns … das ist ja … Worauf wir ihnen sagten …›
F: In der Zentralbank?
B: Ja. Wir sagten ihnen: ‹Schaut her, wir brauchen 7 Milliarden Euro. Dafür geben wir euch unser Kreditportfolio.› Dann schoben wir ihnen einen Vertragsentwurf hin und sagten: ‹Das ist, was wir brauchen.› Das hat alle ziemlich kalt geduscht.
F: Ja.
B: Und sie sagten: ‹Warum braucht ihr so viel … was ist los … oh Jesus … oh … oh …› Kurz: Wir hatten ihre Aufmerksamkeit.
F: Die 7 Milliarden Euro – ist das ein befristeter Kredit?
B: Ein 7-Milliarden-Euro-Überbrückungskredit.
F: Ja.
B: Also … es ist ein 7-Milliarden-Kredit zur Überbrückung, bis wir die Summe zurückzahlen können – was nie stattfinden wird.
Beide lachen herzlich.
F: (lachend) Und das steht da drin? Im Vertrag?
B: (lachend) Sicher!
F: Also unter der Klausel ‹Rückzahlung› schreiben wir: Nein! (lacht) Nein, nein, nein … leider nein … (lacht) Und was sagte die Gegenseite dazu: ‹Wir müssen jetzt unsere Unterwäsche wechseln?›
B: (lachend) Sie sagten etwa das hier: ‹Jesus! Das ist eine Menge Kohle … Jesus, Hölle und Gott! Wisst ihr eigentlich, dass die Zentralbank nur 14 Milliarden Investments offen hat – und mit euch wären es 20? Wie zum Teufel können wir das verantworten? Wir müssten … Jesus! Ihr verlangt da, dass wir mit unseren Vorschriften Pingpong spielen …› Und wir antworteten ihnen: ‹Ja.› Dann sagten wir: ‹Schaut: Falls wir Ärger bekommen, haben wir mehr als 100’000 irische Anleger, die alle ziemlich laut werden dürften.› Und dann sagte ich: ‹Und glaubt nicht, dass die anderen irischen Banken uns retten werden. Aber die Zentralbank kann das. Und sie sollte gleich noch einmal gleich genau so viel für die anderen Hypothekenbanken reservieren. Das sind die Fakten.› Damit hatte ich ihre ganze Aufmerksamkeit, und sie holten Pat Neary. Neary kam und sagte (kopiert Nearys langsame, väterliche Stimme): ‹Aber Jungs! Kommt mal her. Ihr habt doch sicher Vermögenswerte, gute Vermögenswerte, die ihr einsetzen könnt? Gibt es bei euch denn nichts, was Wert hat?›
F: Ja, ja …
B: (kopiert weiter Neary) ‹Seht her Jungs, wenn ihr das jetzt durchzieht, dann ist das, was auch immer, dann bereinigt, oder?›
F: Was heisst ‹was auch immer dann bereinigt›?
B: Mit anderen Worten: Die Summe, die wir von der Zentralbank bekommen, löst alle unsere Probleme.
F: Ja, ja, das wird verflucht sicher so passieren …
B: Das heisst …
F: Das heisst – vermasselt es nicht!
B: Und kommt nie wieder zurück!
F: Ja, vermasselt es nicht, ja, ja, ja!

Es ist das einer der Artikel, auf die ich am stolzesten bin, gerade weil kaum ein Wort von mir drin steht.

Wer sagt, dass die pure, integrale Übernahme keine Leistung sei, der vergleiche den komplett geklauten Artikel mit dem ehrenhaft zusammengekochten Bericht aus ein paar Zitaten (etwa hier). Ungekürzt hat der Fall eine ganz andere Wucht.

Die Moral? Man sollte bei Fundstücken immer die Augen offen halten, ob sich nicht mehr verwenden lässt als zwei, drei kurze Zitate – etwa ganze Passagen oder im Idealfall der ganze Text. Denn grosse Journalisten waren schon immer grosse Diebe.

Die Amateure klauen etwas Schmuck. Die Profis den ganzen Palast.

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16 Kommentare zu “Ready made – der Journalist als Dieb”

  1. Hansjürg sagt:

    “Sie säen Zweifel an der Kompetenz der Politik.”
    Falsch!
    Richtig: Sie bestätigen die Inkompetenz der Politik!

    • Markus Schneider sagt:

      Journalisten leben eben von Geschwafel und Gefasel, nicht von Präzision. Was erst einmal auf den Punkt gebracht ist, lässt sich nicht mehr verschwurbeln.

      • Constantin Seibt sagt:

        Was ich an Ihnen bewundere, Herr Schneider: Dass Sie im Gegensatz zu diesen Journalisten nicht in Klischees denken.

  2. Gut geschrieben, nur, warum keinen Hinweis auf die Politik? Das sind doch noch die grösseren Abzocker wie die Banken. Bei diesen kann man das Geld wenigstens freiwillig deponieren. Die Politik verbrennt unsere sauer verdiente Kohle in einem Mass, dass bei den meisten nicht mal für das was übrig bleibt. Stichwort: Sorgenloses Alter.

  3. maegi sagt:

    zweifel an der kompetenz der politiker hab ich nicht erst seit den plagiaten…

    • Constantin Seibt sagt:

      Nun, was ich den plagierenden Politikern vor allem vorwerfen würde, wäre mangelnder Geschmack: Die von ihnen geklauten und umgeschriebenen Zitate sind ja meist furchtbar hölzern… als ob Einbrecher statt dem Schmuck die Wohnwand klauen würden.

      • slowpoke rodriguez sagt:

        Darum kamen die wohl so lange durch damit, wer vermutet bei einer simplen Wohnwand schon, dass sie geklaut ist.

  4. Marcel Zufferey sagt:

    Also die Plagiererei scheint eine typisch liberale Krankheit zu sein- zumindest sind FDP-Exponenten mit Abstand am häufigsten von ihr betroffen, item: Dieser ganze Dialog da zwischen den Oberschwanzträgern der Anglo-Bank: Sind die Copyright geschützt oder dürfte man die auch in ein Buch implementieren, Herr Seibt? Und sollte sie geschützt sein: Ich würde auch ganz lieb darum fragen, sie benutzen zu dürfen!

    • Constantin Seibt sagt:

      Zur Anglo-Bank: Die Kassetten sind ja Eigentum der Irischen Justitz, die dem “Independent” nur zugespielt wurden. Deshalb verwendbar – viel Spass bei dem Buch, ich werd’s lesen! (Übrigens existieren jetzt noch viel mehr Mitschnitte als zum Zeitpunkt meines Artikels – da wartet noch Abschreib- und Übersetzungsarbeit auf Sie.)
      Und zur FDP: Liberalismus ist nicht zuletzt Offenheit. Schade, dass die FDP-Leute das nach dem Studium vergessen und den Liberalismus als Ideologie ohne Adjektive verwenden.

      • Marcel Zufferey sagt:

        Danke für die Info! Wenn man die ganze, primitive Machohaftigkeit einer Unternehmenskultur (und eines Wirtschaftszweiges) auf den Punkt bringen will, und nicht viel Platz hat, dann reicht eigentlich bereits das von Ihnen Übersetzte: Damit wird der maximal mögliche Effekt beim Leser bereits erreicht! Mehr als tausend Worte sind da gar nicht nötig.

  5. Monika Fassbind sagt:

    Herrlicher Artikel. In Brasilien hiesse das “wer einen andern Dieb bestiehlt verdient hundert Mal Verzeihung.”

  6. WoodrPecke sagt:

    och wie gut ist dass bier! plagiat gibts nicht nur wegen zitaten, wieviele musiker wissen nicht was sie tun wenn sie covern punken bluesen und standart gemäss alles vollbringen was zb. schon chuck berry und andere auch wie jonny cash und elvis zeigten. ist alles eine kultur revolution der sich dem frönnen vom gitarrenspiel als gruppezwangkultivierung sehen. korrektes kulturmusik arbeiten tut mann erst dann wenn konservatif pc, papier zeichenen und ideeideologie nicht gebraucht. alles wurde schon 1000 fach dupliziert von movies musik und malen. doch wer sich fehlernichteingestehtbleibtkrimine

  7. Jonas sagt:

    Schönes Ready Made-Beispiel aus der Süddeutschen: Warum ich also nicht für die NSA arbeite? http://www.sueddeutsche.de/kultur/sequenz-aus-good-will-hunting-warum-ich-also-nicht-fuer-die-nsa-arbeite-1.1717835

  8. Gut geschrieben, aber warum nicht die Rede von der Politik? Diese sind immer noch die größere Abzocke wie die Banken. Diese können freiwillig einzahlen, das Geld zumindest. Die Politik unseres hart verdienten Kohle verbrennt bis zu einem Grad, der nicht einmal für das, was am meisten übrig bleibt. Schlagwort: Machen Seamless Alter.

  9. Herrlicher Artikel. In Brasilien hiesse das “wer einen andern Dieb bestiehlt verdient hundert Mal Verzeihung.”

  10. Gut geschrieben, aber warum nicht die Rede von der Politik? Diese sind immer noch die größere Abzocke wie die Banken. Dies kann freiwillig einzahlen, das Geld zumindest. Die Politik unseres hart verdienten Kohle verbrennt bis zu einem Grad, der nicht einmal für das, was am meisten gewünscht wird. Schlagwort: Machen Seamless Alter.

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