Logo

Setze auf mehrere Produktlinien

Constantin Seibt am Freitag den 10. Januar 2014

Ästhetik ist nichts Harmloses. Sie ist – in der Pubertät wie als Profi – die wichtigste Entscheidung.

In der Tat steht das Geschmacksurteil am Anfang ziemlich jeder reflektierten Haltung. Dass man diese Sorte Musik, Kleidung, Mensch sexy und jene Sorte lächerlich findet, ist bestimmender für die Wahl von Leben und Karriere als eine Menge Überlegungen. Denn Geschmacksurteile sind unter Menschen das, was unter Hunden der Geruch ist. Sie sind die effizienteste Art, um festzustellen: Man gehört zueinander oder nicht.

Kurz: Geschmacksurteile teilen einen einem Lager zu. Das ist nicht zuletzt ein politischer Prozess. Die politische Haltung kauft man quasi im Paket mit Büchern, Filmen, Kleidern und den Leuten, die man küsst. Die Begründungen für die Wahl kommen erst später: So wie eine Autobahn Verkehr ansaugt, saugt eine Ästhetik Ideen an. Der Mensch ist das Tier, das sich rechtfertigt.

Das Ego als Lego

Eine der nur scheinbar spielerischen Frechheiten meiner Generation war, im Journalismus Ich zu schreiben. (Hier eine kleine Gebrauchsanweisung für Ich-Artikel.) Das richtete sich direkt gegen die Logik der vorhergehenden Generation, die – rechts oder links – im Kalten Krieg verankert war. Das Ich gab einem die Möglichkeit, den Ernst der beiden Lager zu unterlaufen. Wenn man auch über seine Plattensammlung, Affären oder Niederlagen schrieb, wurde man dafür zwar von Älteren nicht für voll genommen. Aber man liess sie alt aussehen.

Das ist jetzt schändlich lange her. Und das Ich ist mit seinen Schreibern gealtert.

Man sieht das quasi unter Laborbedingungen an Magazinjournalisten, die sich mit Ich-Kolumnen über Jahrzehnte durchgewurstelt haben.

Typ 1 isst Schinken in Spanien, erweitert seine Comic-Sammlung, sucht Spezialwerkzeug für sein Velo, testet Hundefleisch in China, besucht in Norwegen Saunas etc. Er schreibt dabei so charmant wie vor 20 Jahren. Doch eigentlich dreht sich sein Werk nur um zwei Dinge: Was er ansammelt. Und was er in sich hineinstopft. Man liest die Memoiren eines Riesenhamsters.

Typ 2 schreibt freche Kolumnen, indem er sich jedes Mal wundert, warum ist, was ist. Woche um Woche ist er verblüfft, warum sich alle möglichen Leute aufregen – Ausländer, Politiker, Lesben, Rechtschreibforscher, Schriftsteller, Schwarze, Araber, Juden, Vegetarier. Dass, wenn man doch die Welt mit ein wenig Humor so gemütlich wie der Schreiber sehen könnte.

Beide sind erschreckend. Denn Naivität altert so schlecht wie Haut. Da hilft weder Nivea, noch Selbstironie. Während Typ 1 vom netten Jungen zum Warenkorb mutierte, wird Typ 2 zum durch Konversationskonfekt und Spiesserkritik getarnten rechten Spiesser. Rechts deshalb, weil einer, der konsequent die Machtverhältnisse ignoriert, automatisch rechts denkt.

Im Einzelhandel

Was lief da schief? Natürlich zunächst das Eine: Der Sauerstoff ging aus. Ohne Recherche reichen die eigenen Erlebnisse und Meinungen nicht für ein Berufsleben. Sie werden bei industrieller Ausbeutung durch Plastikerlebnisse und Plastikmeinungen ergänzt.

Und dann tun die Jahre das ihre: Herren um die Fünfzig sind nicht die attraktivste Lebensform auf diesem Planeten.

Noch grundsätzlicher lief schief: Es ist in diesem Gewerbe tödlich, nur eine Produktlinie zu bewirtschaften. Zwar gilt: Je erkennbarer der Stil, je enger das Thema, desto schärfer wird das Profil. Aber auch: Je schärfer das Profil, desto mehr gleicht man einer Karikatur.

Ästhetische Monokultur ist selbst für grosse Könner gefährlich: Die ersten zehn Reportagen von Erwin Koch etwa sind eine Wucht, emotional wie ästhetisch. Dann wiederholt sich alles: der Kurzsatzstil, der Aufbau als Strudel, das Leid. Schliesslich beschleicht einen der Verdacht, nicht die Welt, sondern eine Brille zu sehen. Irgendwann hört man auf, sie zu lesen. (Und dann, nach langer Pause, liest man wieder eine – und sie hat, weil Koch ein wirklicher Könner ist, die Wucht zurück.)

Oder auch der grosse Hunter S. Thompson: Am Anfang seiner Karriere klang sein Gonzo-Stil wie ein Maschinengewehr, am Ende wie eine Schlagerplatte.

Deshalb ist es clever, möglichst viele verschiedene Saiten auf der Fidel zu haben. Also erstens ein Portfolio an Formen: Recherchen, Dialoge, Kolumnen, Verrisse, Warmherziges, Ironie, Ich-Storys, Schnörkel, Ratgeberonkelprosa, was immer. Und mindestens zwei höchst verschiedene Themen zu bearbeiten: Die besten zwei Bundeshausredakteure, die ich je las, waren gleichzeitig ebenso leidenschaftliche Musikjournalisten. Sie beschrieben das Parlament immer auch als Bühne und die Musik als Politik.

Breite braucht es, weil die Welt breit ist und die journalistische Antwort auf ihre Vielfalt primär die Form des Artikels ist: also eine ästhetische. Klingt stilistisch alles gleich, liest sich alles gleich, egal, was passiert ist. Und dann hilft eine Palette an Produkten auch, um sich beim einen Produkt vom anderen zu erholen: Bei der Kolumne von der Recherche, beim Schnörkel vom Leitartikel, bei der Politik von der Musik. Und umgekehrt.

Gesetzte Herren

Natürlich erwischt einen die Irrelevanz eines Tages doch. Aber das Wettrennen in diesem Beruf ist, dass sie einen so spät wie möglich erwischt. In einer so schönen wie schrecklichen Passage der “Dialektik der Aufklärung” warnt Theodor W. Adorno:

Im Alter von 40 bis 50 Jahren pflegen Menschen eine seltsame Erfahrung zu machen. Sie entdecken, dass die meisten derer, mit denen sie aufgewachsen sind und Kontakt behielten, Störungen der Gewohnheiten und des Bewusstseins zeigen. Einer lässt in der Arbeit so nach, dass sein Geschäft verkommt, einer zerstört seine Ehe, ohne dass die Schuld bei der Frau läge, einer begeht Unterschlagungen. Aber auch die, bei denen einschneidende Ereignisse nicht eintreten, tragen Anzeichen von Dekomposition. Die Unterhaltung mit ihnen wird schal, bramarbasierend, faselig. Während der Alternde früher auch von den anderen geistigen Elan empfing, erfährt er sich jetzt als den Einzigen fast, der freiwillig ein sachliches Interesse zeigt.
Zu Beginn ist er geneigt, die Entwicklung seiner Altersgenossen als widrigen Zufall anzusehen. Gerade sie haben sich zum Schlechten verändert. Vielleicht liegt es an der Generation und ihrem besonderen äusseren Schicksal. Schliesslich entdeckt er, dass die Erfahrung ihm vertraut ist, nur aus einem anderen Aspekt: dem der Jugend gegenüber den Erwachsenen. War er damals nicht überzeugt, dass bei diesem und jenem Lehrer, den Onkeln und Tanten, Freunden der Eltern, später bei den Professoren der Universität oder dem Chef des Lehrlings etwas nicht stimmte! Sei es, dass sie einen lächerlichen verrückten Zug aufwiesen, sei es, dass ihre Gegenwart besonders öde, lästig, enttäuschend war.
Damals machte er sich keine Gedanken, nahm die Inferiorität der Erwachsenen einfach als Naturtatsache hin. Jetzt wird ihm bestätigt: unter den gegebenen Verhältnissen führt der Vollzug der blossen Existenz bei Erhaltung einzelner Fertigkeiten, technischer oder intellektueller, schon im Mannesalter zum Kretinismus. Auch die Weltmännischen sind nicht ausgenommen. Es ist, als ob die Menschen zur Strafe dafür, dass sie die Hoffnungen ihrer Jugend verraten und sich in der Welt einleben, mit frühzeitigem Verfall geschlagen würden.

Das Gemeine ist: Auch wer das Programm seiner Jugend unbeeindruckt durchzieht, ohne sich auf die Welt einzulassen, endet vorzeitig als Gezeichneter.

Mein Vorschlag ist, mehrere parallele Ästhetiken zu entwickeln: Dadurch entstehen wie automatisch mehrere parallele Ichs. Man tritt seinem Niedergang quasi als Rudel entgegen. Vielleicht überlebt ja eins.

« Zur Übersicht

14 Kommentare zu “Setze auf mehrere Produktlinien”

  1. Fritz sagt:

    Die Spielfelder zu vervielfachen statt einzuschränken und zu schrumpfen, finde ich eine gute Idee. Positions- und Perspektivenwechsel sind sozusagen das Yoga-Training für den Geist. Da ich mich selbst vor dem Austrocknen fürchte wie der Apfel auf der Fensterbank vor der Sonnenglut kann ich Ihnen noch ein Prinzip vorschlagen, an das ich mich dann und wann erinnere: Erstmaligkeit. Tun Sie 1 x pro Woche etwas erstmalig. Setzen Sie sich auf den Boden, wo sie immer nur gestanden sind, verstoßen Sie gegen eine bleierne Gewohnheit, was auch immer, Hauptsache, Sie haben es noch nie im Leben gemacht.

  2. Bernard Zappli sagt:

    “Magazin”-Journalismus erinnert mich an die Schulaufsätze: Was habt ihr gestern erlebt? Die Typen 1/2 sind gut gewählt, Herr Seibt. Gibt wohl etwas Zoff. Aber immer nur über die “Weltwoche” schnöden ist ja auch kein Geschäftsmodell.

    • Constantin Seibt sagt:

      Oh! Das erinnert mich daran, dass ich seit Monaten nicht mehr über die Weltwoche geschnödet habe. Aber ich fürchte, dazu müsste ich sie mal wieder ernsthaft lesen.

  3. Es ist ja auch so, dass bestimmte Inhalte und Positionen ihre Stilform nach sich ziehen. Bspw. scheitern doch alle gnadenlos, die über die bayrische Politik seriös im ‘old style’ berichten möchten. Weil sie angesichts des erratischen Charakters der Handelnden dort am nächsten Tag schon das Gegenteil des zuvor Gesagten behaupten müssten. Glosse, Sarkasmus, Ironie, Rant, auch mal scheinbar wohlmeinende Zustimmung, die den verkündeten Irrsinn ‘beim Wort’ nimmt, damit das Ganze folgerichtig tief im Reich des Absurden endet, das wären dann geradezu vorgegebene Stilformen.

    • Constantin Seibt sagt:

      Das ist auch der Grund, warum Steward / Colbert die verlässlichsten Leute sind, die über die Republikaner in den USA berichten. Phänomene wie die Errichtung eines Paralleluniversum oder “Truthiness”(Etwas ist richtig, weil es sich für meinen Bauch richtig anfühlt, ohne Rückbezug auf Dinge wie Logik oder Fakten) haben sie schneller, schärfer, klarer beschrieben als die klassische Politpresse. (So scharf und klar, dass Stewart /Colbert etwa auch in Bezug auf die Schweizer SVP klarsichtiger sind als komplette Bundeshausredaktionen. Obwohl sie von der SVP noch nicht einmal gehört haben.)

      • Tscha – bei der CSU mit ihrem Anti-Bulgaren-und-Rumänen-Kreuzzug ist es ähnlich. Diese bösen Plünderer der Sozialsysteme sollen – geht’s nach bayrischer Weisheit – kein Hartz IV mehr erhalten. Was die Dösbaddels verschweigen: Den gleichen Leuten, sofern sie kein Hartz IV bekämen, stünde sofort in gleicher Höhe ‘Hilfe zum Lebensunterhalt’ zu, ganz unabhängig von Herkunft und Gründen. In einem Fall bezahlt dann alles das steuerfinanzierte Arbeitsamt, im anderen Fall der Steuerzahler direkt. Auf solchen Irrsinn muss man erst einmal kommen – unsere ‘seriöse’ Presse lacht sie trotzdem nicht aus.

        • Constantin Seibt sagt:

          Jep. Wenn Unfug seriös behandelt wird: Seriosität als Masche, statt als Haltung.

        • K. G. sagt:

          Seit wnn zahlt das “Arbeitsamt” Hilfe zum Lebensunterhalt? Sowas würde von der Kommune kommen.

  4. A.P. sagt:

    Irgendwie musste ich beim Lesen die ganze Zeit an Harald Martenstein(Typ 2) denken. (…) Sehr schöner Text, hat Witz!

  5. Jeeves sagt:

    “Wenn man auch über seine Plattensammlung, Affären oder Niederlagen schrieb, wurde man dafür zwar von Älteren nicht für voll genommen. Aber man liess sie alt aussehen.”
    Ich erinnere mich vage: hat das in Deutschland nicht in den siebziger Jahren in der Musikzeitschrift SOUNDS angefangen? Erst Helmut Salzinger (!), dann Willi Winkler, Harry Rowohlt … (Max Goldt war da noch zu jung)

    • Constantin Seibt sagt:

      Ich glaube, das fängt immer wieder von vorn an. In jeder verdammten Generation. Einfach mit anderen Nuancen.

  6. M.R. sagt:

    Was im Alter zunimmt, mehr wird und sich stark macht, auch wenn das unruhige Denken nachläßt: Stilgefühl und Sinn für die richtige Sprache. Für manche mag es lohnender sein, darauf zu warten. Sie vermeiden dann zu viele Adjektive, schlecht zu Ende gedachte Aufzählungen, gar nicht zu reden von falschen Bildern, pubertären Substantivschöpfungen und was der Dinge mehr sind, wenn der frische Geist sich aus der Eierschale schält. So wie in diesem Text. Dennoch ein guter Satz: Man liest die Memoiren eines Riesenhamsters.

  7. Alexander DeLarge sagt:

    Eine schöne Idee, das mit den mehreren Produktlinien. Aber eigentlich doch nur für freie Journalisten praktikabel? In Festanstellung ist man an ein Ressort gebunden, was die Themenwahl und – je nach Ressort und Medium – auch die Textgattungen stark limitiert. Und selbst als freier muss man sich ein Standing als Fachmann für dieses oder jenes Gebiet erkämpfen, damit man Aufträge erhält.