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Sagen, was ist

Constantin Seibt am Montag den 24. Dezember 2012
Hannah Arendt

Philosophin Hannah Arendt.

Bei den endlosen Debatten zu Journalismus fragt man sich, ob man sich kürzer fassen könnte. Ob es für diesen Beruf ein Motto gibt. Eines, das Methode und Ziel unserer Arbeit in einem Satz zusammenfasst.

Es war der «Spiegel»-Gründer Rudolf Augstein, der die Formel prägte: «Schreiben, was ist.» In der Schweiz wurde sie vom Politiker und Verleger Christoph Blocher übernommen; von diesem übernahm sie wiederum der «Weltwoche»-Chefredakteur Roger Köppel.

So klar und griffig diese Forderung zunächst klingt, so fällt doch auf, dass ihr Sinn alles andere als simpel ist. Zu schreiben, was ist, schwankt doppeldeutig zwischen Beschreiben und Fest- oder Vorschreiben: Die Wirklichkeit wird nicht nur geschildert, sondern auch zementiert. Nicht umsonst sind die Anhänger dieser Formel – Augstein, Blocher und Köppel – nicht nur ausgeprägte Machtmenschen. Sondern verstehen sich mit unterschiedlichen Schattierungen als Gratwanderer auf dem Gebiet zwischen Journalist und Politiker.

Trotzdem glaube ich, dass  «Schreiben, was ist» oder «Sagen, was ist» als Motto brauchbar ist. Nur, dass ich danach nicht einen Punkt, sondern ein Komma setzen würde. Denn der Satz ist unvollständig.

Und deshalb würde ich, nach Natur  und Ziel des Journalismus gefragt, nicht drei Herren zitieren, sondern eine Frau. Und zwar Hannah Arendt, die in ihrem grossen Essay «Wahrheit und Politik» Folgendes schrieb:

Denn was wir unter Wirklichkeit verstehen, ist niemals mit der Summe aller uns zugänglichen Fakten und Ereignisse identisch und wäre es auch nicht, wenn es uns je gelänge, aller objektiven Daten habhaft zu werden. Wer es unternimmt, zu sagen, was ist, kann nicht umhin, eine Geschichte zu erzählen, und in dieser Geschichte verlieren die Fakten bereits ihre ursprüngliche Beliebigkeit und erlangen eine Bedeutung, die menschlich sinnvoll ist.

Das ist der Grund, warum «alles Leid erträglich wird, wenn man es einer Geschichte eingliedert oder eine Geschichte darüber erzählt», wie Isak Dinesen gelegentlich bemerkt – die nicht nur eine grosse Geschichtenerzählerin war, sondern auch, und in dieser Hinsicht nahezu einzigartig, wusste, was sie tat. Sie hätte hinzufügen können, dass das Gleiche von der Freude gilt, die auch für Menschen erst erträglich und sinnvoll wird, wenn sie darüber sprechen und die dazugehörige Geschichte erzählen können.

Insofern Berichterstattung zum Geschichtenerzählen wird, leistet sie jene Versöhnung mit der Wirklichkeit, von der Hegel sagt, dass sie «das letzte Ziel und Interesse der Philosophie ist», und die in der Tat der geheime Motor aller Geschichtsschreibung ist, die über blosse Gelehrsamkeit hinausgeht.

Auch wenn diese Passage einiges länger als drei Worte ist, glaube ich doch, dass sie unseren Job sehr genau erklärt: seine Natur, seine Tradition, seine Chancen, seine Aufgabe. Und warum es sich lohnt, ihn zu tun.

Liebe Leserinnen und Leser, über die Festtage kann es etwas länger dauern, bis Ihre Kommentare freigeschaltet werden. Die Redaktion.


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18 Kommentare zu „Sagen, was ist“

  1. korf sagt:

    Wären wir hier beim Domino, würden wir nun einen Stein zum Rashomon-Effekt anfügen.

  2. Martin Cesna sagt:

    Wenigstens bei den genannten hiesigen Politikern müsste der Satz eigentlich so lauten: “Sagen, was sein soll.”. Das “ist” wird dann notfalls zu dem zurecht gebogen und verformt, damit es zum “sein soll” werden kann. Bisher liess sich allerdings ein grösserer Teil der Bevölkerung von dieser missionarischen Vision eher nicht beeindrucken. So hat die “Weltwoche” eher den Aspekt einer “Dorfwoche”.
    Ansonsten bei “Des Kaisers neue Kleider” liessen sich die Untergebenen gut manipulieren, was wohl der heimliche Traum eines jeden auch angehenden Herrschers ist. Nur Kinder sind da wohl anders.

  3. Mark O. Vischer sagt:

    Die Linie Arendt-Augstein-Blocher-Köppel ist jedenfalls originell. Das nette Gesellschaftsspiel könnte man fortsetzen, z.B. Plato-Sloterdijk-Strehle-Klapproth, oder Himalaya-Säntis-Uetliberg-Misthaufen.

  4. Furrer sagt:

    Sagen, was ist. Tönt gut. Ist aber bereits als relativ zu betrachten. Jeder und jede hat eine eigene Auffassung dessen was ist. Standpunkte und Ansichten verdrehen die “Wahrheit” ins praktisch Absurde. Wahrscheinlich gilt es zu akzeptieren, dass es verschiedene Wahrheiten gibt. Jene zelebrierten Wahrheiten von Blocher oder auch von Köppel sind oft leicht zu durchschauen und haben wenig echte Substanz.

    • Patrick Leonardi sagt:

      Furrer. Sie sind ein Ketzer. Blocher ist Vater, Sohn und Heiliger Geist in einem. Er ist unantastbar.

      Für mich ist er zwar eher unberührbar, aber egal.

  5. Was ist schon Wahrheit, wenn sie inflationär daherkommt? Wahr ist, dass eine Wahrheit, die Jahre zurückliegt, heute eine andere ist. Reminiszenzen, Erinnerungen, Geschichten sind nicht statisch, sondern werden noch wahrer oder halt unwahrer. Als Kind fieberte ich der weihnächtlichen Bescherung entgegen. Heute ist die Bescherung vor der Bescherung der Vorhof zur Hölle. Zeit, eine Kerze anzuzünden, mich am Licht zu erwärmen, und wenn für einmal Wahrheiten nicht lichterloh brennen, flackert eine auf, die nicht dringlich ist.

  6. Miller Martin sagt:

    In den letzten Jahren wurde in der modernen Psychotherapie immer mehr die Bedeutung des Narrativ erkannt. Erlebt man ein Trauma, dann wird man genau mit dem “was ist” konfrontiert und zum Teil bruchstückhaft. Man befreit sich aus diesem seelischen Gefängnis nur durch eine Geschichte. Diese Geschichte ist eine Rekonstruktion, eine subjektive Perspektive, aber sie gibt mir Halt und entspannt mich. Genauso sollte heute Journalismus funktionieren: Menschen bei der Integration harter Fakten zu helfen.

  7. Christoph Ruef sagt:

    Eine Geschichte erzählen darüber ” was ist” – so die Wirklchkeit einfangen? Ich erinnere mich an “Rashomon”, den wunderbaren Film von Kurosawa: er erzählt “die Wirklichkeit” in 4 Geschichten, die sich gewaltig widersprechen. 4 Geschichten je erzählt von den 4 Protagonisten der “wirklichen Geschichte”, jeder erzählt sie aus seiner Sicht, resp. auf dem Boden seiner Interessenlage (Ehre, Verschleiern eigener Vergehen). Was resultiert daraus? was ist nun Wirklichkeit? Sie lässt sich mit den Geschichten jedenfalls nicht fassen.
    Fortsetzung folgt…..

    • Constantin Seibt sagt:

      Au contraire: Auch Rashomon lässt sich als Geschichte fassen: eben, wie es Kurosawa tat, als Geschichte, die von vier Seiten vier mal anders erzählt wurde. Was übrigens auch im Journalismus nicht die ungewöhnlichste Technik ist: Man besucht mehre Zeugen und lässt die Versionen nebeneinander stehen.

  8. Othmar Riesen sagt:

    Nichts ist, was es zu sein scheint – frei nach Ingeborg Bachmann.

  9. Christoph Ruef sagt:

    Rashomon: wie gehts weiter, wo die Geschichten die Wirklichkeit nicht zu erfassen vermögen: der Holzfäller, selbst Teil der Geschichte und Erzähler seiner Geschichte, die (auch) nicht zu überzeugen vermag, nimmt am Ende des Films sich eines ausgesetzten Findelkindes an, nimmt es zu sich nach Hause, wo bereits 6 hungrige Mäuler zu stopfen sind, und gibt ihm die angemessene Wärme und Geborgenheit.
    Ist dies nach Kurosawa die angemessene Antwort auf die Frage des “richtigen Was-ist”?
    Indes ist auch das wieder eine Geschichte mit Fragen dazu.
    Was leisten also Geschichten?
    Fortsetzung folgt.

  10. Markus Schneider sagt:

    Sagen was “ist” können nur die Lügner. Die Schwachköpfe dagegen sagen was sein “soll”.Ausser fragen gibt es gar nichts zu sagen. Aber damit verdient der Journalist natürlich kein Geld – und DAS ist der Hauptgrund seines Daseins.

    • Constantin Seibt sagt:

      Ach, Herr Schneider, Sie schreiben so illusionslos. Und machen sich ziemlich Illusionen darüber, was ein Journalist verdient. Das ist schwarzer Kitsch, was Sie da schreiben: nicht lieblicher, rosa Kitsch, sondern pseudo-illusionsloser Kitsch.

      • Patrick Leonardi sagt:

        Schneider macht sich also illusionslose Illusionen? :-) Allerdings halte ich es auch für wichtiger, die richtigen Fragen zu stellen als die richtigen Antworten zu finden. Die “richtigen” Antworten.

  11. Brigitte Wenger Sahin sagt:

    Es gibt eine wunderbare alte arabische Geschichte, die – kurz und nüchtern zusammengefasst – dies sagt: Einst war die Wahrheit über das ganz Himmelgewölbe ausgespannt, umfasste als riesiger Spiegel das ganze Firmament. Eines Tages stürzte dieser Spiegel zur Erde und zerbrach in ungezählte Stücke. Nun glaubt seither jeder Mensch, wenn er ein solches Stück findet, er habe die Wahrheit gefunden.
    Leider habe ich nie eine “Originalfassung” der Geschichte gefunden. Kennt sie jemand?

    • Constantin Seibt sagt:

      Nein, aber das finstere Gegenstück in der Bibel. Dort, wo es um den Turmbau zu Babel geht. Und wo steht: “Da aber sah Gott, dass sie alles erreichen könnte, so lange sie ein Sprache sprächen; und so verwirrte Gott ihre Sprachen.”

  12. will williamson sagt:

    Sagen, was ist? Das ist schwierig, denn es scheint so zu sein wie es ist, doch ist es nicht so wie es scheint.

  13. Adriano Granello sagt:

    Sagen, was ist, meint: einfach die WAHRHEIT sagen.
    .
    Aber dieses Privileg ist bekanntlich Kindern und Narren vorbehalten.

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