Logo

Stil ist… ein eingebauter narrensicherer Scheiss-Detektor

Constantin Seibt am Freitag den 14. Dezember 2012

 

Die brauchbarste Faustregel zu Stil findet sich bei Ernest Hemingway.  Dieser schrieb: «The most essential gift for a good writer is a built-in, shock-proof shit-detector.»

Damit ist alles Wesentliche gesagt: Guter Stil ist die Vermeidung von schlechtem.

In der Praxis heisst dies: Sobald man in einem Text alle Scheusslichkeiten und Dummheiten streicht und nur den Rest stehen lässt, so hat dieser Rest automatisch Stil. Das bedeutet für jeden Schreiber eine grosse Erleichterung. Stil ist im Kern nichts Persönliches, also keine Gabe. Sondern die Einhaltung eines Kodexes, von Ge-, aber vor allem von Verboten.

Persönlich ist nur die Auswahl, welchem Set von Verboten man folgt. Hinsichtlich Funktion und Herkunft ist Stil nichts Kreatives, sondern ein Korsett. Stil ist Geste gewordener Konservativismus. Seine zentrale Funktion ist die eines Abschreckungs-Schutzwalls für eine Elite. Wie kann die (oft höchst durchschnittliche) gute Gesellschaft Stil kultivieren? Sicher nicht durch Einfallsreichtum, sondern durch Vermeidung von Fehltritten.

Das erklärt auch, warum beneidenswert stilvolle oder coole Leute oft seltsam unfrei wirken: Sie beugen sich vielen Beschränkungen.

Bomben im Smoking

Das heisst: Stil ist nicht ungefährlich. Ohne Lockerheit, kann er Sie ersticken wie eine böse Seidenkrawatte. Und trotzdem geht man als Journalist nie fehl, wenn man in Stil investiert: Zeit, Überlegung, Feilarbeit. Das aus vier Gründen:

  1. Ein Korsett stützt nicht nur. Es hält auch. Gerade unter Zeitdruck. Oder bei Komplexität. Hier hilft Stil, schnell die richtigen Entscheidungen zu fällen.
  2. «Plausibilität», schrieb der Krimiautor Raymond Chandler einst, «ist eine Frage des Stils.» Ihr Leser hat selten die Zeit, Ihre Fakten oder Gedanken nachzuprüfen. Aber den Stil kriegt er direkt mit. Dieser entscheidet nicht nur, ob er Sie liest. Sondern auch, ob er Ihnen glaubt. Denn:
  3. Stil – in seiner Doppelnatur als Waffe und Waffel –­­ ist zwar entstanden zum Schutz einer Gruppe gegen Aussenseiter. Aber er ist auch die offene Tür in der Festung. Mit ihm kann man sich überall einschmuggeln. Haben Sie Stil, können Sie auch sehr persönliche Ideen in Zeitungen platzieren, quasi als Bomben im Smoking. (Die meisten Revolutionäre waren Aristokraten oder zumindest aus der Oberschicht.)
  4. Und obwohl man mit Stil tricksen und hochstapeln kann, hat das Publikum doch Recht, ihn zu respektieren. Denn Stil verhindert die gröbsten Dummheiten. Er ist das beste Selbstkorretiv, das Schreiber haben, um den eigenen Unfug auszusondern.

Sie schreiben viel Mist

Tatsächlich sind Sie ab dem Moment ein guter Schreiber, in dem Sie keinen Scheiss schreiben. Oder genauer: ihn nicht publizieren.

Das ist manchmal einfacher gesagt als getan. Denn Scheiss lauert überall. Es gibt den Scheiss der Wiederholung: von unnötigen Adjektiven bis zu abgenutzten Gedanken. Den Scheiss des unnötig Komplexen: von Schachtelsätzen bis zur unübersetzten Expertensprache. Den Imponier-Scheiss von Fremdworten bis zum Geraune. Es gibt Scheiss-Formen wie den einseitigen Thesen-Artikel. Oder Scheiss-Haltungen wie Empörtheit über Kleinigkeiten, Verehrung grosser Namen, Kleinlichkeit gegenüber wem auch immer, mangelnde Neugier, Routineblindheit oder Arroganz.

Es gibt – im Grössten wie im Kleinsten – viele Gelegenheiten, Mist zu schrieben. Und man tut es auch immer, immer, immer wieder.

Aber das ist keine Schande. So lange man ihn wieder streicht. Und deshalb braucht man einen eingebauten schocksicheren Scheiss-Detektor.

Mehr dazu in den nächsten Tagen, in lockerer Folge, über die besinnlichen, hoffentlich Scheiss-freien Festtage.


« Zur Übersicht

26 Kommentare zu „Stil ist… ein eingebauter narrensicherer Scheiss-Detektor“

  1. Matthias sagt:

    Das kann man zum Lebensmotto ausbauen. Der Bullshit-Detektor im Alltag hilft, sich nicht allzu trottelig aufzuführen.

    • Constantin Seibt sagt:

      Als Lebensmotto würd ichs nicht nehmen. Letzlich ist es ja eher der innere Zensor. Und da braucht es auch was zum Zensieren.

  2. R. Grothmann sagt:

    Guter Stil ist also, wenn der Leser zweimal überlegen muss, ob der Inhalt Mist ist. Schlechter Stil ist, wenn er sofort davon überzeugt ist. Eine Einteilung ganz im Stile der Zeit.

  3. Chrige sagt:

    Schade, wird dieser Stil-Kodex nicht auch bei Blog-Beiträgen angewandt. (Damit meine ich NICHT Matthias!) Was man oder frau sich nicht zu sagen traut, kann doch immerhin geschrieben werden. Stinkt manchmal übel.

    • Balu sagt:

      “Was man oder frau sich nicht zu sagen traut” – eindeutig eine Formulierung für den Shit-Detector! “Man” hat mit “Mann” nichts zu tun, sondern wahlweise mit lat. “manus” (“Hand”, im Sinne von “helfender Hand”) oder dem mhd. “man” (ursprünglich “Mensch”). Dieses ständige pseudo-gender-mäßige “man/frau” nervt wie die Sau!

  4. Herbert Berger sagt:

    Toll. Also streichen wir einfach konsequent allen Shit aus dem Text und wir haben etwas geschrieben, dass stilvoller nicht sein kann. Als Preis dafür muten wir dem Leser zu, etwas Stinklangweiliges, Spiessiges und Blutleeres lesen zu müssen. Aber Hauptsache, der Text hat Stil. Das ist ja der heutige Zeitgeist: Angepasste Langweiler ohne eigene Ideen, aber gestyled bis zum geht nicht mehr. Umd beim Bild des Scheiss-Detektors zu bleiben: Die haben bestimmt auch perfekt auf die Kacheln und Frottewäsche farblich abgestimmtes Klopapier, um mit Stl den Hintern zu putzen.

    • Constantin Seibt sagt:

      Herr Bergler, Ihre Leidenschaft in Ehren, aber schimpfen Sie nicht so sehr auf die Zeit. Es ist die einzige, die wir haben. Und früher war auch nichts besser, abgesehen von unserer Gesundheit, unseren Hoffnungen und dass die Haare an den richtigen Stellen wuchsen.

      • Hans Kernhaus sagt:

        So lange dem Leser aus Ihren Texten die kaum getarnte Freude eines Buben entgegenlacht, der zig mal “Scheiss” schreiben darf, noch dazu ausgerechnet zum Thema “guter Stil”, sollten Sie sich über das Älterwerden nicht allzu viele Gedanken machen. Vielen Dank für die wunderbaren Texte im vergangenen Jahr.

  5. Dominik Galliker sagt:

    Ich zweifle. Sie werden oft als Edelfeder bezeichnet, Herr Seibt. Ihr Stil zeichnet sich zum Beispiel durch gelungene Bilder und Vergleiche (zb. in fast jedem ersten Abschnitt ihrer Blogeinträge) oder Witz aus (Waffel). Also dadurch, dass Sie etwas hinzufügen, was dem “Otto-Normal-Schreiber” nicht einfallen würde. Wo bleibt das in Ihrem Stil-Rezept?
    Ein noch extremeres Beispiel wären die Texte von Stefan Bossart (Willisauer Bote). Er schreibt mit extrem viel Wortwitz. Klar, das ist Geschmacksache, aber auch wenn ich es wollte: So schreiben kann ich nicht. Detektor hin oder her.

    • Constantin Seibt sagt:

      Mmh, “Edelfeder” steht auch unter Alarm. Abgesehen davon, danke für das Kompliment für die Gags, funktionieren diese auch nicht zuletzt dadurch, dass sie auf den Anschein von beiläufiger Lässigkeit poliert werden. Und dass konkurrenzierendes Gemüse gestrichen wird. Sie sollten mal den ersten Versuch sehen. Bzw.: Sollten Sie nicht!

      • Jonas Flauder sagt:

        Constantin Seibt stört sich immer an der “Edelfeder”. Auf Persönlich.com, bei Schawinski und in den Kommentaren hier im Blog. Also aufgepasst! “Edelfeder” ist hier ein Unwort – auch wenns eigendlich schmeicheln sollte.

        • Bernd Zocher sagt:

          Recht hat er, Herr Flauder. Edelfeder hat immer ein wenig etwas von mokanter Geste, aber auch von ästhetischer Bedeutungshuberei, die inhaltlich nicht Schritt halten kann. Aber wenn wir schon beim Stil sind, sollte das Danken darüber mit dem über die Metapher angereichert werden. Denn eine gelungene Metapher hat eine nicht geringe Bedeutung, ob Geschriebenes als etwas inhaltlich und stilistisch Gelungenes angesehen wird.

    • Schmackofatz sagt:

      “Geschmack also haben die, die keine Bildung haben. Der Gebildete schmeckt nicht, er rezipiert. … Geschmack ist Hass aufs Elaborierte, Entwickelte; er will unterkomplex und provinziell bleiben und ist daher das rezeptive Gegenstück zur Stümperkunst, wie sie heute die Kulturkanäle, Museen, Konzertsäle und Bibliotheken verstopft. Die Reduktion aller ästhetischen Rezeptionserfahrungen auf den Geschmack und somit den Körper, ist die selbstvorgenommene Austreibung jeglichen Geistes.” http://lyziswelt.blogsport.de/2012/07/30/geschmack-versus-bildung/

      • Constantin Seibt sagt:

        Geehrter Schmackofatz, ich habe Ihre Verachtung zu Geschmacksurteilen lange geteilt, bis ich vor einem Jahr etwas bei Hannah Arendt gelesen habe, was mich überzeugt hat. Nach ihr gilt das Geschmacksurteil als unverzichtbar, sich in der Gemeinschaft zu finden: Durch gemeinsamen Vorlieben und Abneigungen erkennt man sich. Ausserdem steht das Geschmacksurteil durchaus oft am Anfang der Reflexion: Erst findet man z.B. seine Lehrer widerlich und etwas wie Punk grossartig, erst Jahre später weiss man, warum. Am Anfang vieler Entscheidungen, auch etwa über die politische Haltung, steht der Geschmack.

  6. Dominik Galliker sagt:

    Wie Dominik Galliker würde ich auch sagen, dass im Idealfall jeder Autor seinen Stil hat, an dem er erkennbar ist.
    Wenn man einfach nur den “Mist” wegstreicht ohne etwas anderes statt dessen hinzuzufügen, bleibt ein nüchterner Text ohne Finessen übrig. Es gibt eben nicht nur die An- oder Abwesenheit von Stil, sondern auch unterschiedliche Formen.

  7. Dominik Galliker sagt:

    Ich zweifle nicht daran, dass Journalisten unnötiges Gemüse streichen sollten. Aber macht die Abwesenheit von Lauch, Fenchel und Blumenkohl schon ein gutes Zmittag? Nein. Dazu braucht auch etwas besonders Leckeres, zum Beispiel ein Cordon Bleu. Oder bezogen auf den Schreibstil: Gags, Wortspiele, schöne Bilder, Vergleiche, einen intelligenten Texteinstieg, etc. Diese kann nicht jeder aus dem Ärmel zaubern. Es braucht Talent und Erfahrung. Dass ausgerechnet Sie, der Cordon-Bleu-Meisterkoch, dies offenbar anders sehen, verwundert mich sehr. Oder verstehe ich Sie falsch?

    • Constantin Seibt sagt:

      Freut mich, dass Sie es als Cordon-Bleu bezeichnen. Denn eigentlich koche ich meist mit Tofu. Und von Haus aus scheusslich. Bis ich mir ein paar Gedanken gemacht habe, warum all mein frühes Zeug fast unlesbar war. Ziemlich genau die Gedanken, die ich jetzt im Blog pur hinschreibe. Zusammengenommen sind sie genau das Paniermehl und das Industriegewürz, die Ihnen beim Genuss von Tofu die Illusion von Cordon Bleu, spontanen Einfällen und Persönlichkeit vermitteln soll.

  8. dot tilde dot sagt:

    ich schreibe seit jahren sehr viel in gruppendiskussionen. die beiträge, die mich wohl am meisten weiter gebracht haben, sind diejenigen, die ich dann doch nicht abgeschickt habe.

    .~.

    • Ruedi sagt:

      Damit haben die Kommentar-Schreiber kein Problem, da die Redaktion die Funktion als Scheiß-Detektor übernimmt.
      Es ist gut das die Redaktion auch die Kommentare lesen muss – die sie nicht freischalten wollen, können dürfen, müssen, weil sie ihm viel zu engen Style-Korsett der eigenen Befindlichkeiten und der CH-Presse feststecken wollen, können, dürfen, müssen ;-)

  9. kaff sagt:

    meinen sie etwa Philipp Tingler?

  10. Hans Kernhaus sagt:

    Ambivalente Sache, dieser “Shit Detektor”. Mir geschieht es nicht selten, dass ich einen Text zu Tode redigiere. Ich schleife und schleife, bis er dann zu “kondensiert” ist. Texte die ich unter Druck schrieb, kamen nicht selten besser an beim Leser als solche die mehrmals durch den strengen Detektor gingen.

    Das mag damit zusammenhängen, dass man sich mit der Zeit in einem Text (zu) heimisch fühlt. Lesen hat ja — verglichen mit Schreiben — immer etwas Oberflächliches. Für den Leser ist es dann zu konzentriert. Man muss den “Shit” von den “Ratteninseln” unterscheiden können. Nicht einfach.

    • Constantin Seibt sagt:

      Jep. Kondensiert man zu stark, kommt man auf Werberprosa: Jeder Satz ist so auf Slogan geschliffen, dass der Schwung im Eimer ist. Gut ist ein strenger Shit Detektor vor allem, wenn man wenig Zeit hat: Man streicht dann nur das Übelste, das ist genug. Die einzige Lösung: Den Text immer kriminell spät vor Redaktionsschluss beginnen, fürchte ich.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

 Zeichen verfügbar

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.

Meistgelesen in der Rubrik Blogs

Vergleichsdienst

Günstiger in die Ferien!

Vergleichen Sie die Flugpreise von verschiedenen Reiseanbietern und finden Sie das beste Angebot.

Marktplatz

Marktplatz

Vergleichsdienst

Abopreise vergleichen

Der Handy-Abovergleich mit Ihrem gewünschten Mobiltelefon und Prepaid-Angeboten.

Publireportage

Genusswelt

Besuchen Sie unsere Genusswelt und entdecken Sie die Welt des Genuss!

Vergleichsdienst

Jetzt wechseln

Finden Sie in nur fünf einfachen Schritten die optimale Fahrzeugversicherung.

Promotion

Kostenlose Ebooks

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.