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Der Journalist als Detektiv

Constantin Seibt am Mittwoch den 5. Dezember 2012

Journalisten sind, falls sie nur etwas Ehrgeiz haben, Detektive. Die Frage ist nur, wo sie suchen sollen.

Diese Frage stellt sich schon der erste Detektiv der Literaturgeschichte: Edgar Allan Poes kühler Logiker Auguste Dupin. Dieser fahndet in seinem letzten Fall nach einem gestohlenen Brief. Die Pariser Polizei hat die Wohnung des Erpressers mehrmals durchsucht. Ohne Resultat. Dupin findet den Brief schliesslich dort, wo ihn die Polizei nicht sucht: an der sichtbarsten Stelle der Wohnung, auffällig beschriftet, lässig hingeworfen im Briefhalter. Dazu erklärt er nebenbei folgendes:

«Es gibt ein Rätselspiel», sprach Dupin, «das auf einer Landkarte gespielt wird; die eine Partei verlangt von der andern, daß sie ein gegebenes Wort finde – den Namen einer Stadt, eines Flusses, einer Provinz, eines Staates –, irgendein Wort, das in dem Durcheinander von Benennungen auf der Karte zu finden ist. Ein Neuling in diesem Spiel sucht gewöhnlich seine Gegner dadurch zu verwirren, dass er ihnen Namen von allerkleinster Schrift zu suchen gibt, der Erfahrene aber wählt solche Worte, die in großen Lettern von einem Ende der Karte zum andern laufen. Diese entgehen, gleich den übergroßen Plakaten und Schilderaufschriften in den Straßen, der Beobachtung infolge ihrer übertrieben großen Sichtbarkeit; und dieses physische Übersehen ist genau analog der Unachtsamkeit, mit der der Intellekt jene Erwägungen unbeachtet läßt, die zu naheliegend sind.»

Damit beschreibt Poe zwei Philosophien des Versteckens und des Suchens. Sie sind bis heute lebendig. Und teilen jede ehrgeizige Zeitungsredaktion in zwei Lager: die Anhänger der Lupe und die Anhänger des Weitwinkels.

Dabei geht es um eine zentrale Frage: die Richtung der Recherche. Also um die Frage, wo die Geheimnisse, also die Storys liegen: im Kleinen und Verborgenen oder im Grossen, allen Offensichtlichen. Welchem Lager jemand angehört, ist eine Frage des Temperaments. Man hat die Wahl:

  • Die Anhänger der Lupe. Diese sind überzeugt, dass die wirkliche Nachricht die exklusive ist. Und das Geheimnis im Finsteren wartet: in den Aktenschränken der Konzerne, in den Köpfen der Informanten, den Dunkelkammern der Ämter. Und dass diese zu knacken der wahre Journalismus ist. Etwa nach dem Motto: «Nachrichten sind, was jemand unterdrücken will; der Rest ist Werbung.» (So der englische Verleger Lord Northcliffe.)
  • Die Anhänger des Weitwinkels. Sie glauben das Gegenteil: Dass das Geheimnis offen zu Tage liegt, getarnt nur durch das Flimmern der Nachrichten. Man muss nur die Augen öffnen und sehen, was alle sehen, ohne es zu sehen. Weil es zu gross oder zu nah ist.

Die Frage, welche Lager man hier wählt, prägt im Journalismus ganze Karrieren.  Oft stärker als die Frage, ob man links oder rechts ist. Oder ob man zur Überwältigung des Lesers auf Boulevard oder auf Seriosität setzt.

Garten vs. Kolosseum

Anhänger der Lupe vergraben sich gern in Dossiers: sattelfest in den Details, respektiert von den Spezialisten, misstrauisch gegen Eindringlinge. Wer den Weitwinkel bevorzugt, marodiert – und wird wie alle Entdecker und Plünderer nie ganz perfekt über die Umgebung Bescheid wissen. Es ist die Frage, ob man den Garten wählt oder die Reise.

Das gilt für Forumszeitungen wie für politisch gefärbte Blätter. Die WoZ etwa wurde als linke Zeitung einst unter der Flagge «Gegenöffentlichkeit» gegründet. Nur wurde, jedenfalls so lange ich dabei war, nie die geringste Einigkeit darüber erzielt, was das ist. Die eine Fraktion suchte sie in der Exklusivität der Nische: mit Serien über alternative Wirtschaftskonzepte, Reportagen über Bio-Bergbauern, Aufsätzen über bulgarische Lyriker, Reportagen über Kuba. Lauter Dinge, die man nirgends sonst fand. Die andere Fraktion versuchte sich dort zu schlagen, wo alle anderen Medien auch waren, nur cleverer: Bundespolitik, grosse Konzernskandale, Blockbuster wie James-Bond-Filme, Storys über die USA. Die unsichtbare Frage war immer: Wählst du die Nische oder die Arena?

Das gleiche Problem stellt sich auch für die Recherche: Bestehen die wirklich interessante Neuigkeiten wirklich aus Neuem? Oder nur aus einem neuen Blick?

Wir – die Geheimdienstchefs

Das Dilemma ist uralt. Aber es ist im Journalismus des 21. Jahrhunderts aktuell wie nie zuvor.

Denn in ihrer Jugend waren Neuigkeiten ein knappes Gut und die Zeitung ihr Lieferant. Dann, in ihrer Blütezeit bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, blieb organisiertes Wissen noch extrem teuer. Reporter, die nicht in einem Weltblatt wie dem «Spiegel» arbeiteten, hatten meist kein breites Archiv. Das heisst: Sie mussten sich auf wenige Dossiers konzentrieren, um seriös arbeiten zu können. Denn ohne Archiv hiess die Alternative: Meinung. Also im besten Fall kluger Schwurbel.

Doch das Internet hat das gründlich geändert. Im Prinzip ist heute jeder Mensch mit einem Computer ähnlich gut informiert wie 1980 der DDR-Geheimdienstchef. Gigantische Archive stehen offen. Sicher, sie sind teils unvollständig, teils voller Klatsch, teils durchsetzt mit Fehlern. Aber das war in der Stasi nicht anders.

Das Netz erlaubt es dem heutigen Reporter, die Themen radikal zu wechseln. Und von Fall zu Fall zu recherchieren, was ihn interessiert: Wahlkampf in den USA, Ästhetik von Comics, Bankenkrise, russische Oligarchen, Einbalsamierungen im alten Ägypten.

Watergate – der perfekte Film

Die Helden des Recherchier-Journalismus im 20. Jahrhundert waren zwei Lokalreporter: Bob Woodward und Carl Bernstein. In Jahren zäher Recherche zwangen sie den Präsidenten der USA, Richard Nixon, zum Rücktritt. Der Fall Watergate hatte alles, was eine grosse Recherche bieten kann. 1. Endlose, hartnäckige, trickreiche Fussarbeit. 2. Ein dunkler Informant in der Tiefgarage. 3. Harter politischer Gegenwind. 4. Eine mutige Verlegerin, Katherine Graham, die auf alle Drohungen mit vier Worten antwortete: «I say we print.» 4. Auf der Gegenseite eine Verschwörung bis in höchste Kreise, komplett mit schwarzen Kassen, Bestechung, Abhörwanzen. 5. Und zum Schluss: Ein wirklich hohes Tier als Ziel – der mächtigste Mann der freien Welt.

Noch heute ist es unmöglich, den Watergate-Film «All the President’s Men» über Woodward und Bernstein zu sehen, ohne  mitgerissen zu werden von ihrem Mut, ihrem Können, ihrem Hunger. Er inspirierte ganze Generationen von hartgesottenen Rechercheuren.

Im Nebenjob

Aber das war damals.

Fragt man sich, wer heute der meist zitierte US-Journalist ist, so trifft man auf das komplette Gegenteil der beiden Profis: einen bärtigen Gelehrten in Gesundheitsschuhen mit riesigen Kinderaugen. Einer, der nie das harte Handwerk der Recherche lernte. Und für den Journalismus nur der Nebenjob ist. Weil er im Hauptberuf Professor, Ökonom und seit 2007 Nobelpreisträger ist: Paul Krugman. Er wurde von der «New York Times» 2000 als Kolumnist verpflichtet. Eigentlich zu exotischen Themen wie Globalisierung und Wirtschaftsgeographie. Stattdessen schrieb er die gesamte amerikanische Presse an die Wand.

Wie schaffte er das? Seine eigentliche Leistung war die eines Kindes. Er sah hin. Und schrieb, was er sah. Das genügte, um regelmässig schneller, präziser und sicherer als alle Vollprofis in Politik- und Wirtschaftsressorts zu sein. Krugman beschrieb das Platzen der Blase der New-Economy, die unmögliche Mathematik der Busch-Steuerkürzungen, den Betrug mit den Massenvernichtungswaffen des Irak, die Fehler des Notenbankchefs und Orakels Alan Greenspan, später die Schneeballsysteme der Banken und die verheerende Sparpolitik Europas. Er war mit seinen Thesen anfangs erstaunlich oft allein. Aber lag fast immer richtig. (Etwa in diesem Kommentatorentest: Siehe Seite 18.)

Das Verblüffende dabei war, dass Krugman seine Neuigkeiten nicht im Verborgenen fand, sondern im Offensichtlichen; in Artikeln und Statistiken, die jedem zugänglich waren. Zu seinen Methoden sagte er etwa:

Tu deinen Job und finde raus, was diese Leute wirklich wollen. Und damit meine ich nicht tief vergrabene Pläne; normalerweise sind sie ohne Aufwand zu finden. Man muss nur lesen, was die Leute gesagt haben, bevor sie es dem breiten Publikum zu verkaufen versuchen.

Ein paar Reporterkatastrophen

Das klingt nicht nach Zauberei. Die Frage ist, warum dann fast alle Profis oft über Jahre blind blieben: gegenüber der Bush-Regierung, gegenüber der New-Economy- und der Häuser-Blase. Was lief schief?

  • Loyalität. Nach dem Attentat am 11. September galt George W. Bush als Kriegs-Präsident. Und unantastbar. So dass selbst die grossen US-Blätter seine Saddam-Hussein-hat-Massenvernichtungswaffen-These schluckten. Obwohl der Plan zum Irak-Krieg schon lange vor dem Attentat im Verteidigungsministerium kursierte. Und je nach Lage als Al-Kaida-Bekämpfungs-Plan, dann als Massenvernichtungs-Waffen-Prävention, schliesslich als Demokratisierungsprojekt verkauft wurde.
  • Vergangenheitsblindheit. Ebenso wurden gigantischen Steuergeschenke für Reiche von der Regierung Bush auf mehrere Arten gerechtfertigt: im Boom als Massnahme, Budget-Überschüsse abzubauen. Dann, nach dem Attentat als kriegsnotwendig, um die Wirtschaft anzukurbeln. Und in der Krise als bestes Mittel, um die Staatseinnahmen langfristig zu erhöhen. Das deutete nicht auf eine Regierung hin, die Lösungen suchte. Sondern Begründungen für die eigene Agenda.
  • Zahlenaversion. Theoretisch wäre die Rechnung bei den Steuerausfällen einfach gewesen. Sie konnten nicht rentieren. Aber kaum eine Zeitung machte sie.
  • Objektivität. Die US-Presse scheiterte an ihrer Vorstellung von Fairness. Und zitierte stets beide Seiten gleichwertig, egal ob nachweislich Lügen verbreitet wurden. “Wenn die Republikaner sagen würden, die Erde ist eine Scheibe, und die Demokraten, sie sei eine Kugel, würde die ‘New York Times’ den Titel setzen: ‘Gestalt der Erde umstritten'”, sagte Krugman dazu.
  • Der Glaube an die geheime Sosse. Dieser, schrieb Krugman, verleite Reporter dazu, sich in der Nähe der Mächtigen aufzuhalten – in der Hoffnung, informell ein geheimes Detail aufzuschnappen. Das mache doppelt blind: 1. Durch Abhängigkeit. 2. Dadurch, dass alles Geheime automatisch für wichtig und wahr genommen werde.

Das Geheimnis des Offensichtlichen

Krugman schaffte seine besten Scoops mit sehr einfachen Mitteln. Weil er ein wenig in der Vergangenheit nachlas.  Weil er die Statistiken prüfte. Die Fachliteratur kannte. Und weil er nicht die Nähe der Verantwortlichen suchte, um off-the-record Geheimnisse zu erfahren. Sondern Distanz. Er sah sich die Zahlen aus der Nähe an und das Theater aus der Ferne.

Denn die Sorte Lüge, die Krugman recherchierte, war zu gross und zu offensichtlich, um von den zu nahen Journalisten gesehen, geglaubt, geschrieben zu werden. Diese hatten in ihren Artikeln meist alle Details gegengecheckt, aber das Ganze nicht. Zu viele Profis übersahen in der Jagd nach den kleinen Skandalen den Skandal, der im System liegt: dem Finanzsystem, der Bush-Regierung, den Mechanismen der Sparpolitik.

Und viele tun es noch immer.

Kein Wunder, dass ein Professor in seinem Studierzimmer, belästigt von zwei Katzen, die sich gern auf die Tastatur legen, seit über 10 Jahren regelmässig die kaltblütigsten Profi-Rechercheure der USA schlägt. Und das in Teilzeit-Arbeit.

Das ist nur gerecht. Denn ehrgeizige Journalisten sind alle Detektive. Und Paul Krugman ist schlicht der beste unter ihnen. Er ist der legitime Erbe von Auguste Dupin.

 

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3 Kommentare zu “Der Journalist als Detektiv”

  1. Beat R. sagt:

    Kleine Berichtigung Herr Seibt: Die Immobilienblase in den USA wurde durch die Clinton Regierung ermoeglicht. Sie hat mit Ihrem verhassten George W. Bush ueberhaupt nichts zu tun. Ihr einfaches Fazit, die Linken sind die Ehrlichen und die Rechten alles Luegner, finde ich ziemlich billig.

    • Karl Häcki sagt:

      Fragt sich ob Clinton ein Linker war, wohl eher eine Art Marionette der Rechten weil ohne Vermögen (Wealth).

  2. jacobtrailor sagt:

    Ich habe auch mit dem Journalisten Arbeit als Detektiv Arbeit zu realisieren. Journlist nehmen mehr wichtige Informationen und bereitzustellen. Ich appriciate Journalist Arbeit.

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