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Der Live-Ticker – das letzte grosse Abenteuer im Journalismus

Constantin Seibt am Montag den 17. Dezember 2012

Sie brauchen noch ein Weihnachtsgeschenk? So schnell, so nervös wie Sie selbst in der Vorweihnachtszeit sind? Dann ist dies hier mein zweitbester Tipp: Das brandaktuelle Buch mit Live-Tickern aus dem Echtzeit-Verlag. Und Sie wollen eine Party dazu? Morgen, Dienstag 18. Dezember, lesen rund ein Dutzend trinkfreudige Journalisten ihre Ticker ab 20 Uhr im Kaufleuten, Zürich. Von Michèle Roten bis Daniel Ryser, Jürg Halter bis Thomas Meyer, Thomas Wyss bis Gion Mathias Cavelty.

Um zu wissen, was Sie im Buch und bei der Party erwartet, hier mein Vorwort.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

dies ist ein Pionier-Buch. Eines, das erst im 21. Jahrhundert möglich ist. Eigentlich kann es nur scheitern.

Denn es ist ein Buch über eine journalistische Form, die so viel Stumpfsinn, Zeitvernichtung und Grammatikfehler hervorgebracht hat wie keine andere Form in der ganzen, an Unfug nicht armen Pressegeschichte. Es ist ein Buch mit ausschliesslich Live-Tickern.

Der Live-Ticker widerspricht allem, was man vom Leben und vom Schreiben weiss. Er ist die radikalste Form von Aktualität. Eingeführt wurde er im Online-Journalismus, um dessen Schnelligkeit optimal zu vermarkten: auf der Jagd nach Klicks im Minutentakt.

Wirklich zwingend sind die Themen dafür selten. Getickert wird über Ereignisse wie Katastrophen, Wahlen, Sport. Die meist auch parallel im Fernsehen laufen. Und über Rituale wie Pressekonferenzen oder Gerichtsprozesse. Bei denen die Welt auch warten könnte.

Ein vernünftiger Live-Ticker ist fast unmöglich zu schreiben. Denn sein Konzept ist die komplette Überforderung. Des Autors. Des Schreibens. Und der Wirklichkeit.

Das Verhängnis der Echtzeit

Das erste, was der Live-Ticker-Autor tut, ist seinen besten Trumpf aus der Hand geben. Der Trumpf, den Schreibende zuvor immer hatten: die Zeitverzögerung.

Denn die Ware im Journalismus ist im Kern nicht Nachricht, Unterhaltung oder Kommentar, sondern das, was jeder professionelle Schreiber verkauft: komprimierte Zeit.

Die Arithmetik dazu ist sehr einfach: Wenn ich als Journalist die grundsätzlichen Fakten für einen Artikel zusammenhabe, rechne ich mit einem Schreibtempo von 1000 Zeichen die Stunde. Diese 1000 Zeichen liest ein Leser in knapp einer Minute weg.

Das heisst: Es ist keine grosse Kunst für mich als Journalist, etwas cleverer, informierter, cooler zu sein als der Leser, denn ich habe 60 Mal mehr Zeit, nachzudenken. Nicht nur zum Schreiben, sondern auch zum Umschreiben: also um Dummheiten zu streichen, Sätze zu kürzen und Pointen zu polieren.

Das Konzept von komprimierter Zeit ist auch das der Grund, warum Leute gern lesen: Sie machen ein blendendes Geschäft. In einer Minute haben sie eine Stunde fremde Denkarbeit oder mehr gewonnen.

Diese Vorteile wirft der Life-Ticker-Autor radikal über Bord. Sein Vorsprung gegenüber dem Leser tendiert gegen Null. Oder ins Negative. Er ist, etwa bei Sportreportagen, sogar langsamer als sein Leser, der die Sache ebenfalls auf TV sieht.

Kurz: Ein gelungener Liveticker braucht einen Autor in der Form seines Lebens: lichtschnell, superinspiriert, fehlerfrei.

Die Wirklichkeit als Stümper

Und selbst dieser Autor allein würde nicht genügen. Denn der Life-Ticker setzt auf ein extrem optimistisches Bild der Wirklichkeit. Im Alltag ist die Realität ein miserabler Autor, obwohl sie manchmal wirklich verblüffende Ideen hat. Aber sie baut endlos Füllstoffe, Wiederholungen, schlechte Formulierungen in ihre Stories ein. Selbst die dramatischsten Biographien bestehen zu 99 Prozent aus Routine: Rasieren, Essen, Sitzungen, etc.

Deshalb haben fast alle Künstler Schreiben nicht als Abbild, sondern als Korrektur der Wirklichkeit begriffen. «Ein Drama ist das Leben, aus dem man alle langweiligen Stellen herausgeschnitten hat», sagte etwa Hitchcock.

Schlampt die Wirklichkeit wie gewohnt, hat der Live-Ticker kaum Chancen. Wird bei der Pressekonferenz Quark geredet, schieben die Fussballer sich den Ball nur im Mittelfeld zu, hat man nichts zu schreiben. Und dann, wenn etwas passiert, wenn die drei entscheidenden Sätze fallen oder das Tor, dann läuft der Moment oft zu schnell. Und das Schreiben zu langsam. Ein atemberaubender Ballwechsel im Tennis wird dann wie folgt zusammengefasst:«15: 40 – toller Backhandpassierball.»

Kurz: Der ideale Life-Ticker bräuchte eine traumhafte Wirklichkeit, ein stetig sich steigerndes Drama – das auch noch in schreibfreundlichem Tempo abrollt.

Was zum Teufel tun?

Kein Wunder, produziert diese Form so viele Scheusslichkeiten. Für einen wirklich gelungenen Ticker muss ein fast perfekter Autor auf ein fast perfektes Stück Realität treffen. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist fast Null. Da aber der Life-Ticker nun mal existiert, muss man trotzdem mit ihm arbeiten. Die Frage ist nur, wie?

Hier ein paar Vorschläge:

  1. Der Entertainer Sammy Davis Junior sagte: «Du kannst immer improvisieren, wenn du perfekt vorbereitet bist.» Tatsächlich liesse sich viel gewinnen, wenn man Zitate, Witze, Stories, Miniessays, Links zum Ticker-Thema schon vor der Arbeit zurechtlegt wie der Fernsehkoch die fixfertigen Zutaten. Und sie dann nach und nach in die Pipeline jagt.
  2. «Kein Problem ist so verwickelt und bedrohlich, dass man nicht davor wegrennen kann», sagt das Kind Linus in einem Peanuts-Comix. Und hat Recht. Gerade bei Dingen, die der Leser gleichzeitig mit dem Autor sieht – etwa Sport oder TV-Shows ­–, lohnt es sich nicht, das Gesehene nachzuerzählen. Stattdessen schreibt man lieber strickt subjektive Sachen: Nebendinge, Frechheiten, Kommentare. Die Flucht ins Individuelle lohnt sich: Man liefert etwas, was sonst niemand liefern kann.
  3. Man wechselt das Ticker-Thema, was in diesem Buch einige getan haben, und tickert über etwas, wo man halbwegs die Kontrolle über den Ablauf hat: das eigene Leben. Das Baby, Liebeskummer, ein Kinobesuch. Das liest sich überraschend attraktiv. So wie Staubsaugen zwar langweilig ist, jemandem in einer gegenüberliegenden Wohnung beim Staubsaugen zuzusehen aber fesselnd.
  4. «Betrug», schreibt Ambroce Bierce, «ist die Triebkraft des Geschäfts, die Seele der Religion, der Köder der Liebeswerbung und die Grundlage politischer Macht.» Und, so liesse sich hinzufügen, das Rezept eines gelungenen Live-Tickers – das eben darin bestehen kann, nicht live zu sein, sondern redigiert und arrangiert. Und also erst mit Zeitverzögerung ins Netz gespeist wird. Damit liefert man dem Leser zwar Betrug, aber bessere und deshalb ehrlichere Arbeit.

Die Quellen des Nils

Aber trotz diesen Hilfskonstrukten: Den perfekten Live-Ticker kennt niemand. Weil ihn noch niemand geschrieben hat. Und gerade deshalb ist diese Form reizvoll. Denn ein wirklich guter Live-Ticker gleicht den Abenteuern, über die man in seiner Jugend gelesen hat: der Entdeckung Amerikas, der Erforschung der Nilquellen, der Erstbesteigung des Mount Everest. Er ist – neben einem Finanzierungsmodell für Tageszeitungen – der letzte weisse Fleck auf der Landkarte des Journalismus.

Bis es jemand schafft, werden noch viele scheitern. Aber eines Tages wird es passieren. Jemand wird einen rundherum wundervollen, schlackenlosen Live-Ticker in Echtzeit schreiben.

Es wird dann ein grosser Tag sein. Der Tag, an dem das beinah Unmögliche plötzlich Wirklichkeit wird. Dann, wenn die perfekte Inspiration eines Menschen zeitgleich auf eine perfekt inszenierte Schöpfung trifft.

Das Protokoll dieses Tickers wird für die Pressegeschichte das sein, was für einen Menschen manchmal der erste Kuss, die erste Nacht, das erste graue Haar ist: ein unwiederholbarer Moment.

PS: Das Buch, das ich - aus sehr nahe liegenden Gründen - zu allererst als Weihnachtsgeschenk empfehlen würde, finden Sie: genau hier. Wer es etwa auf diesem Link hier kauft, gehört für mich danach zur Familie.

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5 Kommentare zu „Der Live-Ticker – das letzte grosse Abenteuer im Journalismus“

  1. Kalle Kurz sagt:

    Ein Ticker, der Linus’ Weisheit gründlich beherzigt: http://www.11freunde.de/liveticker
    Ich weiß nicht, ob sie diesen Ticker kannten, als sie den Text geschrieben haben. Der 11freunde-Ticker ist aus einem sehr einfachen Grund gut: er ist immernoch lesbar, wenn das Spiel schon lange vorbei ist.

  2. David Oesch sagt:

    Sobald ich online auf einen Liveticker treffe drücke ich Backspace. Aus dem einfachen Grund, dass ich lieber einen Tag warte und dann die Story mit fein ausgearbeiteten Hintergründen erhalte, als irgendwelches uninspiriertes Geschreibsel lese. Radio und Fernsehen sind dank Bild oder Ton da einfach besser.

    Ein Liveticker auf 20min oder auch derbund.ch bietet mir nicht viel mehr, als Twitter oder andere Grausamkeiten aus dem heutigen Medienalltag. Schlichte Information. Es wird Zeit sich zu Fragen, ob einem das überhaupt etwas bringt wenn man sich danach nicht weiter damit auseinandersetzt.

  3. Nicolas Weber sagt:

    Am besten waren ja die Liveticker zu den Präsidentschaftsdebatten in den USA um drei Uhr morgens. Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass der Ticker auf Spiegel.de extra für Leute wie mich vor sich hintickert, die mit ihrem gestörten Rhythmus um die Zeit noch wach sind und an ihrem Artikel rumbasteln.

  4. Adriano Granello sagt:

    “Kurz: Der ideale LiFe-Ticker bräuchte eine traumhafte Wirklichkeit, ein stetig sich steigerndes Drama – das auch noch in schreibfreundlichem Tempo abrollt.”
    .
    Da fällt mir unweigerlich das Massacker im Dezember in den USA ein. Die WELT titelte: “Die Tat selbst dauerte nur wenige Minuten. Doch es war das schlimmste Massaker an einer Schule in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Das Land ist in einer Schockstarre. Der Präsident weint.”
    .
    Und aus diesen wenigen Minuten machten Tamedia Journalisten einen MEHRTÄGIGEN LIVE TICKER, der in seiner ekligen Penetranz nicht mehr zu überbieten war…

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