Logo

Kolumnen – eingekaufte Köpfe

Constantin Seibt am Montag den 13. August 2012

Wäre ich klüger gewesen, hätte ich schon zu Anfang des Bewerbungsgesprächs gewusst, dass das Spiel verloren war. Fast die Hälfte der zuständigen Kommission war nicht gekommen.

Aber auch so wurde mir nach fünf Minuten klar, dass eher der Aktenschrank hinter mir von der WoZ eingestellt würde als ich. Die drei Kommissionsmitglieder starrten direkt durch mich hindurch auf den Schrank. Sie taten es, wie mir schien, ohne je zu blinzeln. Und mit Sicherheit ohne je zu lächeln und ohne eine einzige Nachfrage.

Es wurde eine harte Stunde. Ich sprach über Journalismus, Wochenzeitungen, Pläne; die anderen schwiegen. Längst ging es beim Reden nicht mehr um den Job, den ich dringend gebraucht hätte. Sondern nur noch um einen Rest Selbstachtung.

Ganz zum Schluss spielte ich meinen letzten Trumpf aus: «Bei Facts habe ich mich übrigens nicht beworben.»

Zum allerersten Mal glühte in den Augen der drei Kommissionsleute Interesse auf. Und zum ersten Mal kam eine Rückfrage: «Warum?»

Die Frage musste kommen. Denn das Magazin Facts – heute längst verstorben – befand sich damals, 1995, im glücklichen Zustand kurz vor der Geburt. Alle möglichen Gerüchte jagten sich und versetzten die Konkurrenz in Angst.

«Nun», sagte ich, «ich habe gehört, dass sie vor allem viele bunte Kästchen machen wollen. Aber ich will lange, ernsthafte Artikel schreiben. Erwachsene Artikel. Bei Facts würde ich mit einer kleinen, komischen Kolumne enden.»

Der Satz wurde mit Schweigen aufgenommen.

Zwei Wochen später bestellte man mich in die Redaktion. «Tut uns leid, wir haben keine Stelle für dich», sagte die Kommissionssprecherin. «Aber was wir dir anbieten könnten wäre, äh, eine kleine, komische Kolumne.»

In mir kämpfte der Rest meiner Selbstachtung mit dem Bewusstsein, dass mein Bankkonto völlig leer war. Der Kampf dauerte rund zwei Sekunden. Dann nickte ich.

Warum Kolumnen hassenswert sind

Ich schrieb die Kolumne (unter dem Titel «Familie Monster») fast zehn Jahre lang. Und viele andere auch. Ein ganzes Jahrzehnt wurden Kolumnen meine Hauptverdienstquelle. Erst statt, dann neben der Arbeit als Redaktor. Ich schrieb Kolumnen für das NZZ-Folio und die «Weltwoche», das Magazin der «Basler-Zeitung», die «Annabelle», das «Luzerner Kulturmagazin», den Tagi und die «Werbewoche».

Ich tat das wie ein Drogensüchtiger, der Kioske aufbricht, ein Elternteil, der ein Baby wickelt, ein Vegetarier, der eine Metzgerei geerbt hat. Ich versuchte meinen Job so gut als möglich zu machen. Aber für eine saubere Sache hielt ich ihn nie.

Kolumnen können in Ordnung sein. Aber die Grundidee einer Kolumne ist es nicht. Und zwar deshalb: Was Zeitungen mit Kolumnen zu kaufen hoffen, sind Köpfe. Und damit hofft man, auch Profil und Glanz für das eigene Blatt zu kaufen: mal Witz, mal Kühnheit, mal Haltung, mal menschliche Nähe, mal Provokation oder Stil.

Gerade dieses Ziel zeigt, dass – jedenfalls bei einer Häufung von Kolumnen – die Chefredaktion versagt. Denn sie sourct out, was das Kerngeschäft jeder ernsthaften Publikation ist: Witz, Kühnheit, Haltung, Wärme, Mut und Stil. Diese gehören nicht in die Nischen, sondern ins tägliche Geschäft. Kolumnen gelten für ihre Käufer gemeinhin als eine Art Wurm am Angelhaken: als Grund für Leser, ein Blatt in die Hand zu nehmen. Aber sobald man eine Zeitung oder Zeitschrift vordringlich wegen der Kolumnen in die Hand nimmt, hat sie versagt.

Es ist die Pflicht der Chefetage, dafür zu sorgen, dass die Köpfe in der Redaktion sitzen und nicht nur als Foto. Nichts gegen ein paar eingekaufte Konfektstücke, aber die Kirschen machen nicht den Kuchen. Eine vernünftige Redaktionsleitung muss wie eine gute Hebamme funktionieren: Sie muss ihre Leute mutiger, klarer, strahlender machen. Vielleicht sogar erwachsen.

Deshalb habe ich nicht viel Hochachtung für Publikationen mit viel Kolumnen. Aber mit dieser Erkenntnis läuft es so wie mit Stolz: Beide sind ein Luxus für Leute mit geregelten Einkommen. Und diese Sorte Einkommen liefert einem eben eine Kolumne.

Kolumnen sind ein lukratives Business. Und deshalb folgt ab Mittwoch Theorie und Praxis darüber, wie man sie schnell und schmerzlos schreibt. Und wie man das Honorar verhandelt.

Und, falls Interesse daran besteht, erfahren Sie am Ende, wie es mir 1997 doch noch gelang, nach drei erfolglosen Bewerbungsverfahren trotzdem noch bei der WoZ eingestellt zu werden. Es war, um alle Spannung zu zerstören, einfach deshalb, weil die Vermutung vorlag, ich hätte mit jemandem aus der Chefetage des Tages-Anzeigers geschlafen. Aber die Details wollen Sie wahrscheinlich nicht wissen. Immerhin sind Sie keine Boulevard-Leser, sondern ein ernsthaftes Fachpublikum, oder?

« Zur Übersicht

24 Kommentare zu “Kolumnen – eingekaufte Köpfe”

  1. Stefan Berger sagt:

    Details, bitte!

  2. Philipp Rittermann sagt:

    ich sehe schon – für meine äh-weltbewegenden kommentare sollte ich eigentlich saftige honorare verlangen! 🙂

    • Constantin Seibt sagt:

      Das ist eben im Journalismus der Unterschied zwischen Profi und Amateur: Der Pofi bekommt für dasselbe Geld.

  3. Martin sagt:

    In diesem Fall muss ich Herrn Seibt für einmal Recht geben. Dem Bund würde ich empfehlen, die regelmässigen (einseitigen) Beiträge von Herrn Strahm und Herrn Seibt gleich als Erstes zu streichen.

  4. Alain de la France sagt:

    Ich stimme mit Herrn Seibt ueberein – und das Symbolbild sagt schon viel…
    (Ehmaliger Chef zu mit: Ein “Helgeli” sagt manchmal mehr – als tausend Worte).

  5. Adriano Granello sagt:

    “Gelegentlich gelten Kolumnen als wichtiges Traditions- und Kundenbindungsmotiv für Zeitungsleser..” – so steht es jedenfalls in der vom Autorenmangel geplagten Wikipedia. In der Tat schwebt die ewig wiederkehrende Kolumne wohltuend abgekoppelt über den Todesanzeigen, der Weichspüler- und der Hundefutterwerbung. Und selbst die zwischen Tod und Weich und Hund von Redaktoren gepferchte Informationsflut scheint unter dem gleissenden Licht der gescheit-ironisch-sarkastisch verfassten Kolumne von einer völlig anderen, grau in grau reflektierenden Welt zu stammen.
    .
    Gott erhalte die Kolumne!

    • Hmm, Granella. Wenn sie Gott erhalten wollen, dann gehen Sie mal wieder z’Predigt. Sie werden die eine oder andere Überaschung erleben. Denn die Predigt ist die Mutter aller Kolumnen. Und den Kopf kriegen Sie da nicht als Foto oder Karikatur, sondern “in der Regel” auf Talar und Beffchen angerichtet In 3D mit einem hörgerätetauglichen Soundsystem angereichert. Und erst noch – ab und an – “von der Kanzel”. Jene Kanzel, die Seibt im Journalismus vermisst.
      http://willensnation.blogspot.ch/2009/05/freiheit-der-rede.html
      Und noch was, Granella, im Gegensatz zur Zeitung, wirken sie mit.

      • Philipp Rittermann sagt:

        ah – nochmals ein frommes schäfchen. ich stelle mit befriedigung fest, dass es doch noch “richtige” christen gibt, die die wahren wertmasstäbe portieren; ich danke ihnen hierfür, herr girardet. -> es ist der glaube, der uns mit überzeugung handeln lässt.

    • Philipp Rittermann sagt:

      …ein wenig pathetisch formuliert – aber ja, stimmt.

      • Adriano Granello sagt:

        Ganz richtig erkannt! Denn beim Schreiben meines Kommentars pfiff ich unentwegt Beethovens Gassenhauer ‘Ode an die Freude’ und mein Hirn lieferte passend dazu Schillers leicht abgewandelten Text “Kolumne, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium, Wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligttum!”
        😉

        • Philipp Rittermann sagt:

          perfekt – sie haben die richtige einstellung! – ich schreibe ihnen diese zeile mit dem sanften und leutseligen hintergrundklang von schubert’s forelle. 🙂

          • Adriano Granello sagt:

            ..die Forelle nehme ich gerne à la meunière, dazu Salzkartoffeln mit frischem Schnittlauch plus einen gemischten Sommersalat!

          • Philipp Rittermann sagt:

            tun sie das, herr granello – vor allem an den kar-tagen. sie scheinen mir ein guter christ zu sein. speziell für sie hier einer meiner dogmen aus dem alten testament:
            “Nos pastores erimus Causa tua, mi Domine, causa tua.
            Vis descendit de manu Tua Nostrae pedes a Te mandata cito tollere possunt.
            Flumini ad Te fluere permittemus At hoc plenum animarum semper erit.
            In Nomine Patris et Fillii et Spiritus Sancti.”

  6. Ruedi Ballmer sagt:

    Die Kolumne kann auch den Zweck verfolgen, sich beim Leser von der anderen Seite anzubiedern. Das SVP Organ holt sich mit Bodenmann ein linkes und das Magazin mit Held ein neoliberales Feigenblatt. Fragen an Herrn Seibt: a) Funktioniert das bei den Lesern? b)Warum begeben sich die Kolumnisten in die Höhle des Löwen?

    • Constantin Seibt sagt:

      Geehrter Herr Ballmer. Ich vermute: a) Anfangs ja. Aber irgendwann ist es egal, wohin sich einzelne Passagiere bewegen, wenn der Zug immer nur in eine Richtung bewegt. b) Eitelkeit, Mitteilungsbedürfnis, Geld. (In meiner Zeit in der WoZ schrieb ich auch eine Kolumne für die WW, immerhin für die direkte Konkurrenz: Sie machten mir ein Angebot, dass ich nicht ablehnen konnte. So verdiente ich Montagmorgen mehr als im gesamten Rest der Woche.)

      • Ruedi Ballmer sagt:

        Geehrter Herr Seibt. Danke für die Antwort. Überzeugende Motive. Eine interessante Frage wäre, ob Sie auch für die Weltwoche unter Köppel schreiben würden.

  7. Michael Berg sagt:

    Zum Glück haben Sie nach der Tages-Anzeiger-Tante weiterhin mit ihrer Frau / Freundin geschlafen. Denn wenn Sie sie gut f… (O-Ton Puntila zu seinem Knecht Matti) wie Sie schreiben, wird diese ihnen nie davonlaufen.

  8. Mario Monaro sagt:

    Beängstigend: dieser Constantin Seibt hat zu allem was interessantes zu sagen. Wie macht der das nur?

    • Philipp Rittermann sagt:

      in der tat, herr monaro, stelle auch ich, der ich als schäfer die schwachen durch das dunkle tal geleite, fest, dass herr seibt verglichen mit den durchschnittlichen kolumnisten eine um einiges dezidiertere feder führt und dies mit eleganten formulierungen und rhetorischem verständnis. meines erachtens müssten solch’ ausgewogene persönlichkeiten über fundamentalere themen berichten; oder – vielleicht den beruf eines schriftstellers ergreifen. ich werde diesbezüglich heute abend ein zwiegespräch mit dem herrn führen.

  9. un journaliste sagt:

    Der Beitrag bringts auf den Punkt: Wer keine Ideen mehr hat, hat dafür viele Kolumnen im Blatt. Das gilt in den Niederungen des Konzernjournalismus, siehe Coopzeitung. Das gilt aber auch im Hause Tamedia, siehe DAS MAGAZIN (IMHO eine der langweiligsten Kolumnensammlungen bei gleichzeitiger Minimierung von relevantem Content). Ich glaube, ein grosser Teil des Problems liegt in der beruflichen Sozialisierung der heutigen Redaktionsleiter. In den 90ern fand man nämlich noch, lange Texte seien doof und viele kleine Boxen und Kästchen und Kommentärchen chic.

  10. Katharina sagt:

    Ihren eigenen Worten entsprechend müssten sie keine grosse Achtung für diese Plattform hier haben, denn es gibt hier ja Blogs (=Kolumnen) im Dutzendpack. übrigens lese ich diese Plattform in erster Linie wegen der Blogs, nicht dem News Content. der lässt sich heutzutage recht gut über news.google.com aggregieren und vor allem kondensieren.

    Und print lese ich seit Jahren nicht mehr. ausgenommen vanity fair und L.A. confidential.

    • Katharina sagt:

      und dass sie den blog so geschaltet haben, dass alles in die Warteschlaufe geht, zeigt auch, dass Sie an einer Diskussion nicht wirklich Interesse haben. es sollte bei Leuten, die regelmässig hier mittun, selbstverständlich sein, dass deren Beiträge durchgeschaltet werden. deshalb duempelt das ganze hier wohl etwas dahin.