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So tickt der Kanton Zürich politisch

Von Iwan Städler, 6. Januar 2015 23 Kommentare »
Eine Analyse der Abstimmungsresultate zeigt, wo die Gemeinden politisch stehen – und wie stark sich die Stammlande der SVP von jenen der FDP unterscheiden. Kann man da von «Freisinn blocherscher Prägung» sprechen?
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2015 ist ein Superwahljahr für den Kanton Zürich: Im April wählt er die Regierungs- und Kantonsräte, im Oktober die National- und Ständeräte. Grund genug, zu Beginn dieses Jahres zu zeigen, wie der Kanton politisch tickt – und was dies für die einzelnen Parteien heisst.

Niemand weiss darüber besser Bescheid als Peter Moser. Der stellvertretende Leiter des Statistischen Amts analysiert seit über einem Jahrzehnt die Politdaten des Kantons. Er ist auch der Vater der politischen Landkarte. Anders als bei einer herkömmlichen Karte lassen sich auf ihr nicht die Kilometerdistanzen zwischen zwei Gemeinden ablesen. Vielmehr zeigt sie, wie ähnlich oder eben unterschiedlich die Gemeinden politisch ticken. Je näher zwei Orte auf der Karte beieinanderliegen, desto einhelliger stimmten sie in den letzten fünf Jahren bei eidgenössischen Urnengängen ab.

Für die Vollbildansicht bitte auf die Grafik klicken:

Iwan Politische Karte Kanton Zürich-01

Pfäffikon und Dietikon zum Beispiel ticken politisch fast gleich. Zwischen Adlikon und der Stadt Zürich hingegen liegen Welten – vor allem bei Abstimmungen über gesellschaftliche und aussenpolitische Fragen. In der Weinländer Gemeinde sagten 72,1 Prozent Ja zur Masseneinwanderungsinitiative, in der Stadt Zürich nur 33,4 Prozent. Dies ergibt einen beträchtlichen Unterschied von 38,7 Prozentpunkten.

Moser hat die Differenzen zwischen sämtlichen Gemeinden für alle Abstimmungen durchgerechnet. Anschliessend komprimierte er das Resultat mit statistischen Methoden auf die zwei wesentlichsten Dimensionen:

  • Die erste widerspiegelt den traditionellen Links-rechts-Gegensatz zwischen mehr Staat und mehr Markt. Je weiter links eine Gemeinde steht, desto stärker votiert sie für Regulierung und Umverteilung. Die rechts stehenden Gemeinden vertrauen dagegen eher auf die Kraft des freien Wettbewerbs.
  • Die zweite Dimension widerspiegelt den gesellschaftlichen Gegensatz zwischen progressiv und konservativ. Je weiter oben eine Gemeinde positioniert ist, desto stärker votiert sie für eine aussenpolitische Öffnung und gegen eine starke Armee. Die unten stehenden Gemeinden sind dagegen ausländerkritisch und wollen die Traditionen bewahren.

Die drei Pole der Zürcher Politik

Auch die Parteien lassen sich in dieser Politlandschaft verorten – dort, wo ihre Hochburgen sind. In Adlikon, Hofstetten und anderen kleinen Landgemeinden wählen über 50  Prozent SVP. In Zürich und Winterthur hingegen ist die SP die stärkste Partei, wenn auch mit deutlich tieferen Anteilen von 28,6 respektive 23,7 Prozent.

Ganz rechts manifestiert sich ein dritter Pol mit den reichen Zürichseegemeinden und dem noch reicheren Uitikon, wo die FDP ihre besten Wahlresultate erzielt. Die Freisinnigen erreichen hier im Vergleich zu ihrem kantonalen Durchschnitt von 11,6 Prozent doppelt bis dreifach so hohe Wähleranteile.

Hier finden Sie alle kommunalen Wähleranteile der verschiedenen Parteien

Vergleicht man nun die Position der FDP-Stammlande mit jener der SVP-Hochburgen, so fällt auf, wie weit sie politisch voneinander entfernt sind – viel weiter als «Weltwoche»-Chef Roger Köppel glauben machen wollte, als er im Hinblick auf die Ernennung des neuen NZZ-Chefredaktors von einem «Freisinn blocherscher Prägung» schrieb.

Gesellschaftspolitisch tickt der Freisinn eben anders. Dies hat der NZZ-Verwaltungsrat wohl übersehen, als er sich für Markus Somm als Chefredaktor ausgesprochen hat. Die wirtschaftsorientierten Verwaltungsräte dürften sich vor allem für die Links-rechts-Dimension interessieren. Die vertikale Achse ist aber für das freisinnige Milieu ebenso wichtig. Auf ihr grenzt es sich von der SVP ab. Entsprechend allergisch haben NZZ-Leser und -Aktionäre auf Somm reagiert. Sie nehmen den Chefredaktor der «Basler Zeitung» als Sprachrohr von Christoph Blocher wahr.

Die gesellschaftspolitische Dimension wird immer wichtiger

Auch bei den Diskussionen über eine Listenverbindung zwischen FDP und SVP dürfte der gesellschaftspolitische Aspekt noch zu reden geben. Denn diese Dimension hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Sie prägt laut Moser das Abstimmungsverhalten immer stärker. Das zeigt sich auch daran, dass die politische Landkarte höher und schmäler geworden ist.

Gleichzeitig dehnte sich der Graben zwischen den grossen Städten und der Agglomeration aus. Gemeinden wie Schlieren, Dietikon und Opfikon sind konservativer geworden, während Zürich und Winterthur progressiver abstimmen.

Auch innerhalb der Stadt Zürich offenbaren sich beträchtliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Stadtkreisen: Am wirtschaftsfreundlichsten stimmen die Kreise 7 und 8 (Zürichberg/Seefeld), am konservativsten der Kreis 12 (Schwamendingen) und am linksten die Kreise 4 und 5 (Aussersihl/Industriequartier).

Politische Karte Zürichs-01

Eine sehr aussergewöhnliche Position für eine Landgemeinde nimmt Rifferswil im Knonauer Amt ein. Das 960-Seelendorf, in dem viele Lehrer und Freiberufler wohnen, stimmt noch linker als die Stadt Zürich. Und die Grünen erzielen hier ihr bestes Wahlresultat.

Derweil finden CVP, GLP und BDP ihre Wähler im grossen Mittelfeld. Dort befindet sich auch die politisch durchschnittlichste Gemeinde des Kantons: Wädenswil. Die dortigen Abstimmungsresultate weichen im Schnitt nur einen Prozentpunkt vom kantonalen Schlussresultat ab.

23 Kommentare zu “So tickt der Kanton Zürich politisch”

  1. Urs sagt:

    Mein Dank gilt den Herren Städler und Moser, die diesen hervorragenden und aufschlussreichen Artikel ermöglicht haben.
    Auf die Kommentarspalte, die substanziell nichts bringt, könnte ich gut und gerne verzichten.

  2. Kurt Haltiner sagt:

    Wieso hält sich die Linke immer noch für progressiv? Ich sehe bei den Exponenten der Linken vor allem Staatsangestellte und Lehrer, die ihre “Errungenschaften” möglichst bewahren, und Neues verhindern wollen. Eine “progressive Linke”? Das war vor 30 Jahren…

    • bernhard Ecklin sagt:

      Genauso sehe ich das auch, Herr Haltiner.
      Statt “progressiv” müsste “links” stehen.

  3. Daniel Blattmann sagt:

    Ich selber wäre selbstverstänlich ganz unten und dort ganz rechts. Ein Punkt in der Ecke ohne jedwelche Kompromisse!

    • Markus Baumann sagt:

      Soso… Berücksichtigt man nun noch, dass es von persönlicher Stärke zeugt, anderen zuhören und auf sie eingehen zu können – eben indem man Kompromisse schliesst – was sagt uns das dann über Sie?
      Schönen Tag wünsche ich

  4. Ruedi sagt:

    womit wieder einmal eindrücklich bewiesen ist, bei welchen Bevölkerungsschichten die SVP am meisten punktet. Unglaublich wie sich minderverdiende (zugelich mindergebildete) Schichten durch millardenschwere Oligarchen benebeln lassen…und dies mit ein paar Treicheln, Schweizerfahnen und einem Jodelchörli. So billig lässt sich nirgends ein Volch kaufen

    • Karl Theodor Helder sagt:

      Wer eine Parteimitgliedschaft oder deren Wähler nach Einkommen oder Bildung bewertet, dem mangelt es an beidem.

      • Ruedi sagt:

        Herr Helder, in diesem Fall geht es eigentlich um die Wählerschaft und nicht um die Parteimitgliedschaft. Wenn Sie jedoch Bildung und Einkommen vom Wahlverhalten ausklammern…haben Sie das politische System der Schweiz nicht begriffen

        • Hofstettter sagt:

          Ruedi, wenn Parteizugehörigkeit etwas mit Bildung zu tun hätte, dann würden weniger Leute Linksparteien wählen, denn wen finden wir heute bei den Linksparteien, z.B. SP, praktische ekeine Arbeiter, sondern vor allem Beamte, Staatsnagestellte, welche alles daran setzen ihre Positionen zu halten oder auszubauen. Als Staatsangestellte sind diese alle im oberen Lohnsegment. d.h. aber nciht im oberen Bildungsbereich, Nutzniesser von immer mehr Ateuern und Abgaben. Wenn Sie nun auch die Unternehmer anschauen, welche eine Leistung hervorbringen, Arbeitsplätze schaffen, dann müssen Sie diese bei der SVP und der FDP suchen.

    • hans meier sagt:

      Schön dass ich nicht allein mit meinem Unverständnis dastehe. Ich kapier es nicht, dass genau die Bildungs- und Einkommensschwachen eine Partei wählen, die nur Politik für Gutverdienende macht. Und genau die Partei, die für sozial Schwache einsteht, wird abgelehnt.
      Verdrehte Welt.

      • bernhard Ecklin sagt:

        Nein, Herr Meier, die Welt steht nicht Kopf.
        Die von Ihnen zu Unrecht kritisierte SVP setzt sich für einen starken Mittelstand ein.
        Je weniger Abgaben und administrative Hürden da sind, desto wahrscheinlicher, dass KMU florieren.
        Der Mittelstand schafft zudem die meisten Arbeitsplätze.
        Anders als Sie, sehe ich Arbeitsplätze als die sozial wirksamste Waffe gegen Elend und Armut.
        Die Partei die Sie dafür loben, dass sie sich angeblich für Schwache einsetze, setzt sich für Umverteilung ein, die den angeblichen Adressaten nicht immer erreicht. Während die einen Anreize zur Schaffung wirtschaftlich gesunder Arbeitsplätze schaffen, machen es sich die anderen bequem und verteilen lieber das woanders verdiente Geld.
        Würde man Ihre Logik, Herr Meier, zu Ende denken, müssten wir ja sofort wieder die DDR auferstehen lassen.
        Dort hatte zwar kaum einer etwas, aber wenigstens gab es keine die mehr hatten als alle anderen. Wenn man wie offensichtlich Sie, Gleichheit vor Freiheit setzt, ein durchaus nachvollziehbarer Schluss. Die von Ihnen für ihr Verhalten kritisierten Bildungs-,und Einkommensschwachen wollen ihre persönliche Lage verbessern, nicht zementieren. Deshalb wählen sie nicht links.

        • Alexander Romero sagt:

          Arbeitsplätze hat es schon so von Genüge, dass hier fast Vollbeschäftigung herrscht. Die Wirtschaft ist somit an Personenfreizügigkeit interessiert. Also wozu denn noch Arbeitsplätze? Die wenigen Nichterwerbstätigen kommen für die Wirtschaft weniger in Frage aufgrund, wegen zu geringer Bildung, nicht gefragter Qualifikation oder Alter. Genau da wären die Aufgaben zu lösen, indem man durch Bildung integriert, Berufe aufwertet und die Beschäftigung Älterer fördert. Stattdessen soll man Jugendliche Straftäter zu einfachste beschwerliche und schlechtbezahlte Tätigkeiten einbeziehen statt teuer auszubilden. Genau da läuft vieles verkehrt!

    • Bachmann sagt:

      Ach was Sie nicht alles wissen! Ich bin weder minder-verdienend noch minder-gebildet (vielleicht sogar besser als Sie) und wähle trotzdem SVP/FDP und sicher nicht links ! Zudem wenn ich mir die Vertretter der Linken anschaue, dann frage ich mich was daran besser sein soll bis 35 zu studieren und danach sich nur als Politiker brauchbar zu sein. Und was bitte schön ist mit den ganzen Büetzern die den Gewerkschaften hinterherlaufen ?! Sind die auch alle dumme ungebildete Geringverdiener ?

    • Kurt Haltiner sagt:

      @Ruedi. Für Sie mag das ein Phänomen sein. Aber nur, weil Sie eine offensichtliche Realität nicht begreifen, heisst das nicht, dass irgend jemand “gekauft” wird. Ich erklär’s Ihnen gerne. 😉 Viele “Geringverdiener” sind nicht einfach “mindergebildet”, sondern haben einfach einen gesunden Menschenverstand. Sie sehen, wer Ihnen einen Job verschafft, wer die Häuser baut, wer die Steuern bezahlt etc.. Dabei stellen sie unweigerlich fest, dass es nicht die “linken Lehrer und Beamten” sind, die Ihnen den Wohlstand beschaffen, sondern all die ach so bösen SVP-Unternehmer, Garagisten, Ärzte, Schreiner, Architekten, IT-Anbieter, Wirte, Juristen, etc. etc. Glauben Sie mir, meine Mitarbeiter und ich ziehen alle am selben Strang. Die sehen, dass ich die zB. “eingesparten” Steuern in Arbeitsgeräte investiere, und wüssten, dass ihnen höhere Steuern nichts nützen, da das Geld von den (oben genannten) Beamten sinnlos verschleudert würde. Die wollen lieber einen sicheren Arbeitsplatz, als sozialistische “Wohltaten”. Ich hoffe, Sie können nun verstehen, weshalb “mindergebildete Geringverdiener” SVP wählen.

      • Häberli Robert sagt:

        Das Phänomen liesse sich auch anders erklären: bildungsferne Schichten träumen gerne vom ‘schnellen’ Geld, das ein Leben in Saus und Braus ermöglichen soll. Und da Herr Blocher solche Mythen ganz gut bewirtschaftet, wollen diese Schichten dann, wenn der Lottogewinn Realität wurde, nicht noch Steuern, Abgaben und Solidarität leisten, sondern die lang ersehnte Weltreise in Angriff nehmen …
        Dass die Tellerwäscherkarriere vielleicht für (höchstens) 1:100’000 Realität wird, dafür müsste man die Wahrscheinlichkeitsrechnung beherrschen – und wer kann dies als bildungsferner Bürger schon?

  5. Herbert Sutter sagt:

    Was heisst den hier progressiv? Ich wohne im Kreis 4/5 und empfinde die erdrückende Links-Grüne Mehrheit nicht als progressiv sondern als sozial-konservativ. Beispiele dafür ist die Behinderung der Stadtentwicklung (und nach Möglichkeit Bewahrung des status-quo), die Verhinderung von neuen Bauvorschriften, das sich Streuben gegen technologisch fortschrittliche Lebensmittelproduktion (z.B. Genveränderung), die Impfverweigerung und ablehnende Haltung gegen neue Medikamente, die Verhinderung von modernen Energiequellen wie Fracking usw. Die Realität ist aus meiner Sicht eher, dass sich die linken und rechten Pole in Ihrer bewahrenden Haltung wieder finden.

    • florian sagt:

      Entschuldigung, aber die Leute stehen diesen Technologien einfach kritisch gegenüber, was absolut verständlich ist (z.B bei Gentechnik). Was passiert, wenn wir eine Pflanze kreiren, die so wiederstandsfähig ist, dass sie zur plage wird(siehe hasen in australien=> keine natürlichen gegner)? ausserdem werden die bauern gezwungen jedes jahr noie samen zu kaufen, da diese zuerst gezüchtet werden müssen und dann nicht wiederverwendet werden können… das ist nur ein beispiel…

      • Herbert Sutter sagt:

        ich habe ja nicht geschrieben, dass man diesen Techniken nicht kritisch gegenüberstehen darf, sondern nur, dass die technologiefeindliche Haltung, die ich im von den betreffenden Kreisen im Alltag erlebe, nicht “progressiv” sondern “bewahrend” ist

  6. Adrian Wehrli sagt:

    Greifensee mag Geopolitisch nicht zu den schwergewichten gehören, wäre aber gerade in der Parteipolitischen Diskussion interessant. Wieso wurden Greifensee nicht dargestellt? Nur weil wir flächenmässig die kleinste Gemeinde sind, Herrschen wir doch mit dem See über weite Lande.

    • Greifen See sagt:

      Wieso? Ich stehe doch da oben. Linksliberale von Thalwil, rechts unten von Winterthur…

      • Adrian Wehrli sagt:

        Habs auf der Liste nicht gefunden, hätte aber wissen sollen dass wir das progressivste Dorf sind!

  7. Sabrina Meier sagt:

    Ich bin dankbar, dass wenigstens die Stadtkreise hier auch noch aufgezeigt werden, weil Stadt Zürich nicht einfach per se links ist bzw. wählt. So wählen die Stadtkreise 4/5 massiv anders als 9/12. Noch präziser wäre eine Aufteilung nach Quartieren. z.B. Kreis 9 in Grünau, Altstetten, Albisrieden und Triemli. Da würden signifikant weitere Unterschiede ans Tageslicht kommen.

  8. […] Hier finden Sie die politische Landkarte des Kantons Zürich […]