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Wo die Hochburgen der Parteien sind

Von Iwan Städler, 6. Januar 2015 7 Kommentare »
In 19 Zürcher Gemeinden wählt mehr als die Hälfte SVP. Zugelegt hat die Partei vor allem in der Agglomeration, die politisch regelrecht umgepflügt wurde.
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Beeindruckende 62,2 Prozent wählen in Hofstetten SVP – mehr als in jeder anderen Zürcher Gemeinde. Die SVP erreicht aber auch in 18 weiteren Gemeinden einen Wähleranteil von über 50 Prozent. Davon können die übrigen Parteien nur träumen. Sie kamen bei den letzten Nationalratswahlen nirgendwo im Kanton Zürich auf mehr als einen Drittel aller Wählerinnen und Wähler.

  • Mit 28,6 Prozent erzielte die SP in der Stadt Zürich ihr bestes Resultat,
  • die FDP in Zumikon (31,1 Prozent),
  • die GLP in Bonstetten (17 Prozent),
  • die Grünen in Rifferswil (13,7 Prozent),
  • die BDP in Ellikon (15,6 Prozent) und
  • die CVP in Dietikon (10,8 Prozent)

Dies und noch viel mehr zeigen unsere Wähleranteilskarten für die verschiedenen Parteien. Bitte auf die Mini-Karten klicken:

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SVP

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SP

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FDP

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GLP

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GP

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BDP

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CVP

Im Langzeitvergleich wird auch ersichtlich, wie markant die SVP seit 1987 zugelegt und SP sowie FDP überflügelt hat:

Wähleranteile Kanton Zürich-01

 

Interview mit Peter Moser: «Rund um Zürich ging die Post ab»

Die SVP konnte vom Umbruch in den Agglomerationen profitieren. Dort sind die Mieten im Vergleich zur Stadt Zürich noch günstig, was viele Ausländer angezogen und eine Abwehrreaktion der Schweizer ausgelöst hat. Dies habe SVP zu nutzen gewusst, sagt Peter Moser, Politikwissenschaftler und Leiter der Analyseabteilung des statistischen Amts des Kantons Zürich.

Ein Blick auf die kommunalen Wähleranteile der Parteien zeigt die Dominanz der SVP auf dem Land und in der Agglomeration. Während die SVP in Landgemeinden seit je stark ist, hat sie vor allem rund um die Stadt Zürich zugelegt. Warum?
Dort ging die Post ab. Die Agglomeration wurde in den letzten zwanzig Jahren baulich und bevölkerungsmässig regelrecht umgepflügt. Im Vergleich zur Stadt ist das Wohnen dort günstig. Und die zentral gelegenen Arbeitsplätze sind nah. So liessen sich in der Agglomeration jene nieder, die sich die Stadt nicht leisten können oder sie nicht aushalten. Auch Problemfälle und Migranten sammelten sich in diesen Gemeinden mit günstigem Wohnraum. Das löste eine Abwehrreaktion aus und liess die Agglomeration konservativer werden. Gleichzeitig sind Zürich und Winterthur progressiver geworden.

Weshalb?
Wer heute in der Stadt wohnt, sucht das urbane Leben, das Multikulti weniger abgeneigt ist.

An welchen Abstimmungsresultaten lässt sich diese wachsende Kluft zwischen Stadt und Agglomeration konkret zeigen?
Ein gutes Beispiel ist die Armeeabschaffung, über die im letzten Vierteljahrhundert immer wieder abgestimmt wurde. Die Agglomeration hat sie immer klarer verworfen, die Stadt hingegen ist im Vergleich armeekritischer geworden. Auch bei der Personenfreizügigkeit wird der Graben grösser: Die Agglomeration steht ihr heute viel skeptischer gegenüber als noch vor zehn Jahren. In der Stadt und auf dem Land ist die Zustimmung dagegen weniger stark zurückgegangen. Das zeigte sich bei der Masseneinwanderungsinitiative.

Inwiefern kann die SVP von diesem Umbruch profitieren?
Sie gibt mit ihrer restriktiven Ausländerpolitik, ihrer auf Unabhängigkeit bedachten Aussenpolitik und ihrer konservativen Familienpolitik Antworten auf die Verunsicherung, welche die Globalisierung und der rasche Wandel in den Agglomerationsgemeinden ausgelöst haben.

Die SVP ist also die Partei der Globalisierungsverlierer?
Das ist etwas hart formuliert. Aber es ist richtig, dass die SVP vor allem in jenen Gemeinden zugelegt hat, die mit überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit, hohen Sozialausgaben und dem Niedergang von Industrien kämpfen.

Und wen wählen die Globalisierungsgewinner?
Vom Programm her müssten sie eigentlich die FDP wählen – die Partei des Wirtschaftsliberalismus.

Das ist aber offenbar nicht der Fall. Sonst gäbe es gar wenige Globalisierungsgewinner.
Es ist eben etwas komplexer. Die FDP wird vor allem von einem bestimmten sozialen Milieu gewählt – von tendenziell gut Verdienenden und gut Ausgebildeten, die oft in Führungspositionen sind. Sie können es sich auch leisten, an der Gold- oder der Pfnüselküste zu wohnen, wo die FDP ihre Hochburgen hat. Es sind die traditionellen NZZ-Leser. Ihr Milieu schrumpft, denn viele freisinnige Wähler sind im Rentenalter und sterben langsam aus. Die Jungen haben heute mit den Grünliberalen eine noch frische, unverbrauchte Alternative.

Ähnliches scheint für die CVP zu gelten?
Ja, auch die CVP ist eine Milieupartei, jene der zugewanderten katholischen Diaspora. Sie ist dort am stärksten, wo der Katholikenanteil hoch ist – etwa in Dietikon und Langnau. Mit dem Bedeutungsverlust der Religion schwindet dieses Milieu. Und es ist der CVP wie der FDP nicht gelungen, ein neues Milieu zu finden.

Wem ist das gelungen?
Der SVP – und zwar meisterhaft. Sie hat sich vor 25 Jahren unter der Führung von Christoph Blocher von der ländlichen Bauern- und Gewerbepartei zur nationalkonservativen Protestpartei gemausert. Als solche hat sie neue Anhänger gewonnen und die Wähler von rechten Kleinparteien wie der Autopartei oder den Schweizer Demokraten auf­gesogen. Vor allem bei weniger gut verdienenden, tiefen Bildungsschichten kommt die SVP gut an. Wenn es heute im Kanton Zürich eine Arbeiterpartei gibt, ist es die SVP.

Und was ist mit der einstigen Arbeiterpartei, der SP?
Sie hat sich ebenfalls neu erfunden und ein neues Milieu erschlossen. Heute ist die SP die Partei des gut ausgebildeten urbanen Mittelstands. Viele ihrer Wähler arbeiten in der staatsnahen Kultur- und Sozialindustrie.

Grasen da nicht auch die Grünen?
Doch, sie sprechen weitgehend die gleichen Leute an. Diese wählen mal rot, mal grün – je nachdem, ob der Umweltschutz im Wahlkampf im Zentrum gestanden ist oder nicht. SP und Grüne sind daher so etwas wie kommunizierende Röhren: Verliert die eine Partei, gewinnt die andere. Ihre Wähler reichern ihre Listen auch häufig mit Kandidaten der jeweils anderen Partei an.

Unterscheiden sich Grüne und Sozialdemokraten denn gar nicht?
Ideologisch kaum. Im Schnitt sind die Grünen noch etwas besser ausgebildet und oft zwischen 40 und 50 Jahre alt. Sie gehören also jener Generation an, die in den 80er-Jahren durch das Waldsterben und Tschernobyl geprägt worden sind.

Die Grünen sind vor allem in den Städten stark. Warum wohnen sie nicht lieber im Grünen?
Sie entstammen dem urbanen Milieu. Umweltschutz bedeutet ja oft auch Regulierung. Das kommt in der Stadt besser an als auf dem Land.

Die Grünliberalen erzielen dagegen in der Agglomeration ihre besten Resultate.
Sie haben sich von den Grünen abgespalten. Etwas plakativ kann man sagen: Die Agglo-Grünen gingen eher zur GLP, die Stadt-Grünen eher nicht. Mehr als die Hälfte der grünen Wähler wohnt heute in Zürich oder Winterthur.

Und warum erzielt die BDP ihre besten Resultate im Weinland?
Dort liegen die traditionellen Hochburgen der SVP. Wer lieber eine staatstragende Partei wählt als eine Protestpartei, konnte sich mit der BDP abspalten.

Ist der Kanton Zürich typisch für die Schweiz?
Sicher für die Deutschschweiz. Die Romandie tickt in verschiedener Hinsicht anders. So ist etwa die SP in der Westschweiz noch viel stärker traditionell gewerkschaftlich geprägt. Und das Tessin ist ohnehin ein Sonderfall. Oft beginnt im Kanton Zürich, was später die Schweiz prägt – etwa die Neuorientierung von SVP und SP sowie die Abspaltung der GLP. Eine Partei gründet man mit Vorteil hier. Da hat man mehr Gewicht und erreicht mehr Aufmerksamkeit als anderswo – auch weil die tonangebenden nationalen Medien in Zürich sind.

Hier finden Sie die politische Landkarte des Kantons Zürich

7 Kommentare zu “Wo die Hochburgen der Parteien sind”

  1. Laurent Meier sagt:

    Immerhin ist Herr Moser mit seiner Aussage über die SP und Grünen “Viele ihrer Wähler arbeiten in der staatsnahen Kultur- und Sozialindustrie” ehrlich, Rot/Grüne Wähler sind meist nur in der etatistischen Umfairteilungsindustrie tätig, die nichts zur Wertschöpfung beiträgt, jeder ist sich eben selbst am liebsten. Etwas schmunzeln musste ich beim Waldsterben, ich habe selbst diesen medialen Hype miterlebt, Resultat: Waldsterben war und ist ein Hirngespinst, geblieben ist nur eine Überregulierung und Strafsteuern, dasselbe erleben wir heute mit der Energiewende, medial aufgebauscht werden am Ende ebenfalls nur Regulierungen und Strafsteuern, wie z.B. die KEV, übrigbleiben, inklusive ein paar Lobbyisten, die sich reichlich die Taschen gefüllt haben.

    • Tom Meier sagt:

      @Laurent Meier: Ein bisschen mehr Weitsicht statt Scheuklappen + Schubladendenkenwürde Ihnen gut tun.

    • Ben sagt:

      Laurent; Jeder staatliche Eingriff resultiert in Wertschöpfung, nur die Akteure die jeweils davon profitieren (im Sinne von Geld, Kapital, Profiten) ändern sich jeweils… das macht dann die Politik in der Gemeidne, Bezirken, Kanton, Bund. Einst waren die staatlichen Angestellten wenigstens noch gut bezahlt was man von den heutigen ausgelagerten Beschäftigungsverhältnissen nicht mehr behaupten kann. Dabei sind die Kosten pro Stunde nicht mal tiefer als vorher bei rein staatlichen Systemen. Diese neuen privatisierten Angestellten haben nebst richtig miesen Löhnen nicht mal genügen Kaufkraft um alles rund laufen zu lassen und brauchen später auch gleich noch Sozialhilfe…

    • Giorgios Terzakis sagt:

      Natürlich tragen Kulturschaffende etwas zur Wertschöpfung bei; sie kreieren Werte. Wenn sie noch andere Werte als nur finanzielle haben, dann müssen Sie die Kultur fördern. Überdies ist mir eine Umverteilung von oben nach unten lieber als die von den Arbeitern zu den Chefs. Wobei Herr Moser gar nicht gesehen hat, dass es hier gar keine Kulturindustrie à la Hollywood und Sony gibt, sondern Individuen, die ihre eigenen Wege gehen, sich nicht vom Staat aushalten lassen und letztlich auch Arbeiter sind – vom Balletttänzer bis zum Schauspieler. Sonst hätte er nicht den polemischen Begriff der Industrie verwendet.

    • Laurent Meier sagt:

      Meine Herren, Sie wollen also allen Ernstes behaupten, dass Beamte und hiesige Kulturschaffende zur Wertschöpfung beitragen? Stellen Sie sich zwei geschlossene Populationen à 10’000 Individuen vor: Population A besteht aus Leuten aus dem primären und sekundären Sektor, Population B aus Beamten und “Kulturschaffenden”, welche Population wird wohl erfolgreicher sein? Ich behaupte ganz klar A, die werden sich prima organisieren, Wertschöpfung generieren und überleben, Population B wird nach ein paar Wochen verschwinden, mit ein paar Verordnungen, Verwaltungsakten und künstlerischen Arrangements hat niemand gegessen.

  2. Ben sagt:

    Mein Eindruck ist eher der das die SVP viel, sehr viel Geld erhält, verwaltet, kontrolliert und eben auch verteilen kann,
    .
    Die direkten formellen Möglichkeiten sind eher Standard die auch die andêren Parteien verwenden bzw. missbrauchen, aber der informelle Sektor der die SVP am funktonieren hält dürfte alle anderen weit hinter sich lassen. Mich stört etwa nach wie vor das die SVP bei jedem Bauer prominent ihre Plakate präsentieren kann. Mal auf der Wiese, mal am Gebäude, dann wieder am Strassenrand an einem alten Anhänger. Hier fehlt es an Rechten und Möglïchkeiten für andere Politische Ansichten die keinen derartigen öffenrlichen Raum quasi kostenfrei und loyal zur Verfügung haben
    .
    Was der SVP die Vereine und deren Feste sind für die SP die erste Mai Veranstaltungen und für die FDP die Geschäftsvereine, alt Herren
    .
    Dies alles wäre weder schlecht noch gut wenn nur endlich mal wieder konkrete Teilhabe am von uns allen erwirtschafteten Wohlstand beschlossen wird anstatt immer nur sparen, geiz, enthaltsamkeit, kürzungen und ausgrenzen obwohl Profite wie nie zuvor geäufnet werden.

  3. […] Hier finden Sie alle kommunalen Wähleranteile der verschiedenen Parteien […]