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Die Schweizer Tweetokratie

Von DB, 14. Oktober 2014 3 Kommentare »
Welche Politiker und Parteien geben auf Twitter den Takt an? Eine Analyse des bisher umfangreichsten Datensatzes zum Schweizer Politnetzwerk auf dem Mikrobloggingdienst.

Ein Gastbeitrag von Sina Blassnig und Bruno Wüest

Twitter hat die Schweiz und ihre Politik erreicht. An Abstimmungstagen werden regelmässig Tausende Tweets zu den verschiedenen Abstimmungsthemen versendet. Während der Abstimmungssendungen im Schweizer Fernsehen werden seit letztem Jahr jeweils aktuelle Tweets eingeblendet, und die NZZ analysierte kürzlich die Twitter-Aktivitäten der Schweizer Parlamentarier.

Aber, wie repräsentativ sind die Informationen, die über die politische Twitter-Gemeinde in der Schweiz verbreitet werden? Und welche Akteure sind die Taktgeber in diesem sozialen Netzwerk? Mithilfe des bislang umfangreichsten Datensatzes zum Schweizer Politnetzwerk auf Twitter (siehe Box ganz unten), bestehend aus Informationen zu 957 Twitter-Konten von Politikern, wird diesen Fragen nachgegangen.

Nach wie vor ist nur ein kleiner Teil der Schweizer Politiker aktiv auf Twitter. Zwar sind alle Schweizer Parteien mit einigen Accounts auf dem sozialen Netzwerk vertreten. Aber von den 246 Bundesparlamentariern hatten im Mai 2014 nur 15 Ständeräte und 77 Nationalräte einen Twitter-Account. Alain Berset twittert als einziger der sieben Bundesräte. Und stellt man die 957 untersuchten Nutzer den geschätzten 40’000 Politikern in der Schweiz gegenüber, wird deutlich, dass Twitter nur von einem ausgewählten Kreis von Politikern genutzt wird.

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Die Verläufe für die einzelnen Parteien können durch Klicks auf die Legenden aktiviert oder deaktiviert werden.

Der Zeitverlauf der Anzahl Tweets und neu eingerichteter Accounts pro Monat zeigt, dass Twitter vor 2010 nur an den Rändern des politischen Netzwerks als Kommunikationswerkzeug eingesetzt wurde. Danach gab es ein deutliches Wachstum mit einem ersten Höhepunkt rund um die Schweizer Parlamentswahlen im November 2011. Viele Politiker scheinen also ein Konto eröffnet zu haben in der Hoffnung, dadurch zusätzliche Unterstützung im Wahlkampf mobilisieren zu können. Vor allem die linken Parteien nutzten den Mikrobloggingservice bereits intensiv vor und während der nationalen Wahlkampagnen 2011. Damit gehören sie zu den «Early Movers».

Die rechtskonservativen und bürgerlichen Parteien sind hingegen immer noch dabei, ihre Präsenz auf Twitter auszubauen. Die SVP kann sowohl in Bezug auf die Anzahl Accounts als auch die Anzahl Tweets als  «Late Mover» bezeichnet werden. Abgesehen von einem kurzen, dafür deutlichen Peak während der Wahlen im November 2011, waren die SVP-Mitglieder lange unterrepräsentiert auf Twitter. Seit 2013 haben sie jedoch stark aufgeholt und sind mittlerweile fast so aktiv wie jene der SP.

Bemerkenswert ist auch, dass es für fast alle Parteien einen Ausreisser zu Beginn dieses Jahres gibt in der Anzahl Tweets. Dies kann vermutlich auf die Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative zurückgeführt werden, die eine intensive Debatte auslöste und kurzzeitig zu einer überdurchschnittlichen Aktivität auf Twitter führte.

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Wie bereits die NZZ kürzlich in einer Analyse der Twitter-Aktivitäten des Schweizer Parlaments feststellte, sind die Parteien sehr unterschiedlich vertreten auf Twitter – mit einer klaren Überrepräsentation der Linken. Im Gegensatz zur NZZ beziehen sich die Daten dieses Beitrages aber nicht nur auf National- und Ständeräte, sondern auch auf Lokalpolitiker. Die Verzerrung zugunsten der linken Parteien wird umso deutlicher, wenn man die Anteile der Parteien in Bezug auf Accounts, Follower und Twitter-Aktivität den Stimmenanteilen bei den letzten Nationalratswahlen gegenübergestellt.

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Während die linken Parteien in den Wahlen gemeinsam einen Wähleranteil von 27,9 Prozent hatten, können ihnen über 37,4 Prozent der politischen Accounts zugerechnet werden. Ihre Übermacht ist noch beeindruckender, wenn man sich die Anzahl Follower anschaut, wo die Linke mit 49,5 Prozent fast über eine Mehrheit verfügt. Deutlich unterrepräsentiert sind entsprechend die rechten Parteien. So liegt die Twitter-Präsenz der SVP je nach Indikator zwischen 6,9 und 12,9 Prozent unter ihrem Wähleranteil. Dies ist nicht ganz überraschend und hängt vermutlich damit zusammen, dass die Wählerschaft der SVP im Schnitt etwas älter ist und Social Media wahrscheinlich weniger intensiv nutzt als diejenige der linken Parteien.

Wer sind die zentralsten Akteure? Nun versuchen wir, die wichtigsten Akteure im politischen Twitter-Netzwerk zu identifizieren. Um die Wichtigkeit eines Akteurs abzuschätzen, sind drei Kennzahlen entscheidend: die Anzahl der Follower, die Eigenwert-Zentralität und die Betweenness-Zentralität. Die Eigenwert-Zentralität zeigt die Bedeutung eines Users im Vergleich zu allen anderen Usern. Die Betweenness-Zentralität indiziert die Wichtigkeit des Users für die Verbindungen unter den übrigen Usern des Netzwerks.

Eigenwert und Betweenness

Der Eigenwert zeigt im Wesentlichen an, wie stark ein Individuum verbunden ist mit jenen Teilen des Netzwerkes mit der höchsten Vernetzung. Twitter-Akteure mit einem hohen Eigenwert haben viele Friends und Follower, und deren Friends und Follower haben wiederum viele Friends und Follower und so weiter bis zum Rand des Netzwerkes. Die Betweenness-Zentralität ist ein Indikator für die Zentralität eines Akteurs in einem Netzwerk. Sie entspricht der Anzahl kürzester Verbindungen zwischen allen Usern, die über diesen Akteur führen. Ein Akteur mit einer hohen Betweenness-Zentralität hat einen hohen Einfluss auf den Informationsfluss im Netzwerk, da er viele andere User miteinander verbindet.

Beim Vergleich der Accounts fällt auf, dass es verhältnismässig wenige Akteure mit einer hohen Zentralität gibt. Der grösste Teil der politischen Twitter-Nutzer folgt nur sehr wenigen Accounts und hat selbst wenige Follower. Es gibt allerdings einzelne sehr stark vernetzte Akteure, wozu insbesondere SP-Bundesrat Alain Berset, SP-Präsident Christian Levrat und FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen zählen. Diese drei Akteure haben sehr viele Friends und Follower und sind zudem zentral für die Verbindungen unter den übrigen Politikern im Netzwerk.

Zu den wichtigsten Akteuren im Schweizer Twitter-Netzwerk gehören ausserdem FDP-Nationalrätin Christa Markwalder, SP-Nationalrat Cédric Wermuth, SVP-Nationalrätin Natalie Rickli und der Zürcher SVP-Gemeinderat Samuel Balsiger. Unter den zentralsten Akteuren auf Twitter befinden sich also neben etablierten und generell sehr einflussreichen Akteuren wie einem Bundesrat und einem Parteipräsidenten vor allem junge, sehr aktive Politiker – die Shootingstars der Schweizer Politik. Die Netzwerkanalyse bestätigt also eine weitere erwartete Verzerrung in der politischen Kommunikation auf Twitter, nämlich zugunsten der jüngeren Bevölkerung. Es scheint naheliegend, dass gerade junge Politiker stärker auf die Kommunikation via Social Media setzen, da ihr erwartungsgemäss jüngeres Publikum empfänglicher für solche Kampagnen ist.

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In der Grafik auf die Kreise klicken, um die Profile zu sehen.

Zudem ist in der Grafik ersichtlich, dass die Anzahl der Follower, die ja etwas über die allgemeine Reputation eines Akteurs aussagt, nicht immer übereinstimmt mit der Wichtigkeit der Akteure im Parteiennetzwerk auf Twitter. Ein gutes Beispiel ist Jörg Kachelmann (der grosse, orange Punkt links unten in Grafik). Als Prominenter hat Jörg Kachelmann am meisten Follower von allen analysierten Accounts. Als Lokalpolitiker der CVP hat er aber innerhalb des parteispezifischen Netzwerks nur einen geringen Einfluss. Ein weiteres Beispiel ist SP-Nationalrat Cédric Wermuth, der ungefähr gleich viele Follower wie SP-Bundesrat Alain Berset hat (Wermuth hat 17’052, Berset 17’760 Follower). Wermuth hat aber eine deutlich kleinere Betweenness-Zentralität als der Bundesrat aus der gleichen Partei, was bedeutet, dass er unter den Parteien auf Twitter deutlich schlechter vernetzt ist.

Insgesamt zeigt sich, dass die Präsenz der Schweizer Parteien auf Twitter nicht einmal ansatzweise repräsentativ ist für das traditionelle politische Leben offline. Vor allem hinsichtlich der politischen Ausrichtung, aber auch in Bezug auf die geografische Verteilung und das Alter ist die politische Kommunikation auf Twitter massiv verzerrt. Die politische Linke und die urbanen Zentren sind deutlich überrepräsentiert und dominieren das politische Twitter-Netzwerk.

Trotz dieser Verzerrung werden wohl auch im Zusammenhang mit der nächsten Abstimmung viele Augen auf die Social-Media-Plattform gerichtet und Tweets in den Medien zitiert werden. Und vielleicht wird sogar die eine oder andere Prognose darauf basieren. Besonders mit Blick auf das Wahljahr 2015 ist erneut eine starke Zunahme der Kampagnenkommunikation auf Twitter zu erwarten. Schlüsse von der Tweetokratie auf die Offlinepolitik sind aber aufgrund des verzerrten Sample nach wie vor sehr kritisch zu interpretieren.

Korrigendum: Wir sind darauf aufmerksam gemacht worden, dass es in der originalen Version der Grafik zur Wichtigkeit einzelner Accounts zwei Fehler hatte. Sowohl für Michael Kaufmann wie auch Sandro Morelli war eine Zugehörigkeit zur SVP angegeben. Beides sind aber Jungpolitiker der CVP. Michael Kaufmann ist Präsident der Jungen CVP Aargau, Sandro Morelli ist der Präsident der Jungen CVP St. Gallen. Wir entschuldigen uns für die Fehler und haben diese Parteizugehörigkeiten umgehend korrigiert.

Zu den Personen

Bruno Wüest ist Oberassistent am Lehrstuhl für Policy-Analyse der Universität Zürich. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Vergleichende Politische Ökonomie, Parteien- und Protestpolitik und automatisierte Inhaltsanalyseverfahren. Dieser Blogpost bezieht sich auf ein wissenschaftliches Paper, das er diesen Frühling im Rahmen der internationalen Konferenz «Smart City: New Media, Social Participation and Urban Governance» in Shanghai präsentierte.

Sina Blassnig studiert Publizistik- und Politikwissenschaft im Master an der Universität Zürich. Im Rahmen eines Seminars zu Politischem Datenjournalismus unterstützte sie Bruno Wüest in seinen Analysen des politischen Netzwerkes auf Twitter und schrieb bereits einige Blogposts zu diesem Thema.

Wie wurde der Datensatz erstellt?

Zu den Userdaten und Netzwerkdaten

Für die vorliegende Analyse wurde erstmals ein Datensatz verwendet, von dem behauptet werden kann, dass er das Schweizer Parteiennetzwerk auf Twitter abbildet. Ausgangspunkt des Datensatzes war eine vorab definierte Kerngruppe, welche die wichtigsten Akteure gemäss ihrer Position im politischen System enthält. Sie besteht aus 101 Twitter-Accounts: 1 Bundesrat (Alain Berset), 15 Ständeräte, 77 Nationalräte und 8 Parteienkonten (BDP, CVP, EVP, FDP, GLP, GPS, SP, SVP). Zwei Bundesparlamentarier, die heute einen Twitter-Account haben, konnten nicht berücksichtigt werden. Chantal Galladé hat ihren Account erst am 9. Juli 2014 eröffnet, und Werner Hösli ist erst im Juni Ständerat geworden.

Mit der Kerngruppe wurde sichergestellt, dass das Sample auf den zentralsten Akteuren basiert. Von diesem Kern ausgehend, wurden im Schneeballverfahren die weiteren Konten erfasst. Genauer: In zwei Runden wurden mithilfe einer Programmierschnittstelle für die Twitter-Datenbank alle Friends und Follower der manuell definierten Accountliste heruntergeladen und dann nach ihrer Relevanz kodiert. Insgesamt wurden so 150’808 neue Konten gefunden, von denen schliesslich 868 als relevant übrig blieben. Um als relevant zu gelten, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein.

  • Einerseits wurden nur Benutzerkonten erfasst, die in der Schweiz lokalisiert sind. Dazu wurden alle Ortsangaben standardisiert und geocodiert, das heisst, in Angaben zum Längen- und Breitengrad übersetzt.
  • Andererseits musste im Namen oder in der Beschreibung eine Verbindung zu einer politischen Partei oder einem politischen Amt («SVP», «Regierungsrat» oder «Jungsozialist») vorhanden sein.

Beide Voraussetzungen stützen sich auf die Selbstdeklaration der Nutzer und wurden nach der automatischen Identifikation zusätzlich von Hand überprüft. Da nicht alle Nutzer Angaben zu ihrem Ort oder ihren politischen Aktivitäten angeben, kann diese Methode natürlich Konten von Politikern, die keine Angaben über Ort und Parteizugehörigkeit machen, nicht identifizieren. Allerdings nutzen User, die diese Angaben nicht machen, ihr Twitter-Konto möglicherweise auch nicht in ihrer Rolle als Politiker, sondern ausschliesslich für private oder geschäftliche Zwecke.

3 Kommentare zu “Die Schweizer Tweetokratie”

  1. […] bei der Meinungsbildung und Mobilisierung via Twitter überdurchschnittlich stark mit. Obwohl die SP von allen Parteien die grösste Twitter-Präsenz aufweist, beteiligt sie sich im Vergleich zu ihrem Wähleranteil unterdurchschnittlich oft an Diskussionen zu […]

  2. Dominic Egger sagt:

    Eigentlich erstaunlich, wieviele Social-Media-Skandale rechte Politiker bereits verursachten, wenn man berücksichtigt, wie unterverteten sie in diesen Kanälen sind.

  3. T. Gysin sagt:

    Vielleicht wäre es besser, wenn die meisten Politiker ganz auf diese Kommunikation verzichten würden, denn nur die wenigsten verstehen es, Twitter richtig einzusetzen. Oft weisen sie lediglich auf einen Bericht in den Medien hin, ohne ihre persönliche Meinung zum Thema kundzutun. Vielfach veröffentlichen sie auch nur Antworten an eine andere Person, bei welchen der nicht eingeweihte Dritte keine Ahnung hat, worum es sich handelt. Zu ’guter’ Letzt wird bloss Häme auf andere Parteien/Personen ausgeschüttet. Diese Bemerkungen gelten auch für die ’Shootingstars’.