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Mit Gottes Hilfe

Von Linus Schöpfer, 1. Juli 2014 7 Kommentare »
An der Fussball-WM ist sie plötzlich wieder wichtig: Die Nationalhymne. Welche Wörter werden besonders häufig verwendet? Und welche Hymne ist besonders lang, alt, exotisch?
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Je grösser das Wort, desto häufiger kommt es vor: Die Wordcloud der 32 WM-Hymnen. Berücksichtigt wurden nur die ungekürzten, aktuellen Versionen. Bild: Linus Schöpfer

«Gott» ist das häufigste Nomen der Hymnen der 32 WM-Teilnehmer. 43-mal wird er insgesamt angerufen. Damit steht er noch vor «Vaterland» (38) sowie «Freiheit», «Erde» und «Liebe» (je 32). Achtmal kommt das Wort im kompletten Schweizer Psalm vor (der ja auch von einem Zisterziensermönch komponiert wurde), gleich zehnmal genannt wird es in der Lobes- und Schutzhymne der Engländer, «God save the Queen».

Hier eine Aufnahme vor dem WM-Spiel gegen Italien

Unübersehbar ist die martialische Note vieler Lieder (26-mal «Blut», 8-mal «Schlacht», 7-mal «Waffen»). Nicht wenige Hymnen wurden in einer Zeit geschrieben, als die nationale Souveränität noch keineswegs gesichert war. Bekanntestes Beispiel hierfür ist «Marseillaise», die 1792 unmittelbar vor dem Waffengang gegen das monarchische Österreich getextet und 1795 zur französischen Nationalhymne erhoben wurde.

Hier vor einem Qualifikationsspiel gegen Weissrussland im September 2012

Die Fifa schreibt vor, dass eine Hymne spätestens nach 90 Sekunden zu Ende sein muss. Deshalb müssen viele Länder auf Strophen verzichten. Besonders drastisch fällt da der Verzicht bei den Griechen aus, deren Hymne epische 24 Strophen umfasst.

Die Griechen vor dem Qualifikationsspiel gegen Rumänien im November 2013

Die holländische Hymne (imposante 534 Wörter und 15 Strophen) gilt als älteste aller Hymnen. Gesungen wird «Het Wilhelmus» bereits seit 1568.

Hier vor dem WM-Finale 2010

Deutlich älter ist der Text der japanischen Hymne, der im Jahr 905 (!) veröffentlicht wurde. Die Musik dagegen stammt, wie bei so vielen Nationalhymen, aus dem späten 19. Jahrhundert.

Hier an der WM 2010 vor dem Spiel gegen Kamerun

Für die Japaner ist die Länge kein Problem, umfasst ihre Hymne doch bloss vier Zeilen. Gar keinen Text haben die Spanier, deren um 1760 komponierter «Marcha Real» ganz ohne Text auskommt. Seit Jahrzehnten bleiben die Spanier also während der Hymnen stumm, trotz der wiederkehrenden Bemühungen um einen Text.

Die Spanier vor einem Freundschaftsspiel gegen die Engländer im November 2012. Die Fans singen die Melodie nach

Welche Bedeutung der Hymne noch immer beigemessen wird, zeigte das Eröffnungsspiel der WM, als die Fans sich über die Vorgaben der Fifa hinwegsetzten und die «Hino Nacional Brasileiro» eigenmächtig um eine Strophe erweiterten.

Wer sich für Hymnen en détail interessiert, dem seien die Übertragungen der ARD empfohlen. Hier werden auf der Teletexttafel 150 jeweils die Hymnentexte eingeblendet.

7 Kommentare zu “Mit Gottes Hilfe”

  1. Dieter Neth sagt:

    Ueber den Wert von Nationalhymnen kann durchaus diskutiert werden. Vor allem wenn sie an Privatanlässen abgespielt werden wie jetzt. Diese Hymnen sollten nur an offiziellen Anlässen vorgetragen werden. Ob es sie braucht ist etwas anderes, vor allem wenn es ausartet wie in Mexiko, wo jeden Montagmorgen an allen Schulen die Flagge aufgezogen wird und die Schüler die Hymne singen. Das und das Erlernen dieser nimmt nicht gerade wenig Unterrichtszeit weg und bringt ausser guter Stadionatmosphäre rein gar nichts. Für die sogenannte Nation rührt in Mexiko keiner einen Finger, was man im Drogenkrieg gut sehen kann. Der Klang des Geldes ist viel süsser als dieses pseudopatriotische Gedöns. Vielleicht sollte die Schweiz einmal der Welt voraus sein und die Hymne ersatzlos streichen. Ich bin sicher, das würde rein gar nichts am Leben hier ändern ausser ein paar peinliche Momente verhindern, und das Ansehen des Landes hängt sicher nicht von so einem Liedchen ab. Die alten Eidgenossen hatten auch keine Hymne. Wo ist die SVP wenn man eine Initiative mal wirklich braucht.

  2. rascha kocher sagt:

    Ich sehe die Analyse zwar unscharf, aber ich kann daraus erkennen: Freiheit der Seele ist Liebe, ward eingeschränkt durch Vaterland Gottes mit Blut.

  3. Interessant ist allenfalls auch noch, dass die Niederländer in ihrer Hymne ihre Treue zum Spanischen Thron besingen… 😉

  4. May sagt:

    Nicht wenige Hymnen wurden in einer Zeit geschrieben, als die nationale Souveränität noch keineswegs gesichert war, Also ist es heute aktueller denn je.

  5. Maurus Candrian sagt:

    Eine Welt ohne jegliche Religionen und ohne jeglichen Nationalismus wäre eine bessere Welt. In diesem Sinne wäre es zielführend, die Nationalhymnen abzuschaffen. Natürlich soll jedes Land (selbst ein Spürchen egoistisch) für sich selber schauen; dies aber im Wissen, dass es rundherum eben auch noch andere Länder gibt, und dass letztendlich nur Koexistenz und Kooperation ein faires Vorwärtskommen für alle garantieren.

    • Aebischer F. sagt:

      O weh, Herr Candrian, wo leben sie denn? Haben sie nie Geschichtsunterricht genossen? Dann müssten sie wissen, dass der Atheismus im letzten Jahrhundert unzählige Millionen von Opfer gefordert hat (z.B. chinesische Kulturrevolution) und dass das gleichzeitige Niederwalzen von Nationalstaaten (China, UdSSR etc.) ebenfalls unbeschreibliches Leid mit sich brachte, worunter heute noch viele Menschen leiden und immer wieder neue Konflikte entstehen. Denken sie z.B. an das Grossreich China mit seinen unterschiedlichen Nationen und Sprachen.