Logo

Wo die Schweizer Fussballtalente landen

Von Blog-Redaktion, 22. Januar 2017 3 Kommentare »
Der Ausbildungserfolg der einzelnen Clubs schwankt stark. Das zeigt eines Auswertung von 1092 Nachwuchsspielern, die es in die U-21 eines Schweizer Superligisten geschafft haben.

von Florian Raz

Das Ausscheidungsrennen auf dem Weg zum Profifussballer ist gnadenlos. Die U-21 ist die älteste Nachwuchskategorie, vor dieser Stufe sind bereits tausende von Talenten aus dem Spitzenfussball ausgeschieden.

In der vorliegenden Analyse wurden Spieler angeschaut, die zwischen Sommer 2009 und Sommer 2016 in einer U-21 der aktuell neun Schweizer Superligisten oder in der U-21 des FC Zürich eingesetzt wurden, der eine traditionell gute Nachwuchsförderung betreibt. Der liechtensteinische FC Vaduz besitzt keine U-21.

Von den 1092 untersuchten Spielern sind heute 943 nicht mehr im Nachwuchsbereich. Das heisst, sie haben den Schritt zum Aktivfussball gemacht – oder sie sind zurückgetreten. Von diesen 943 bestens ausgebildeten Fussballern haben heute nur 263 einen Profivertrag. Gar nur 147 spielen in der höchsten Liga eines Landes.

Die Daten dieser Geschichte können Sie hier einsehen.

Die knapp 16 Prozent, die es in eine höchste Liga geschafft haben, entsprechen den Erwartungen des Technischen Direktors des Schweizerischen Fussballverbandes. Laut Laurent Prince rechnet der SFV mit folgender Faustregel: 15’000 Zwölfjährige spielen in der Schweiz im Club Fussball. 1500 von ihnen werden vom SFV gefördert. 15 von ihnen gelingt der Sprung in die höchste Schweizer Liga, die Super League. Und bloss einer bis zwei schaffen es zum Nationalspieler.

Beim Blick darauf, welche Positionen es häufiger zum Profivertrag schaffen, fällt die hohe Zahl an Goalies auf. Fast 22 Prozent der Goalies, die im untersuchten Zeitraum in einer U-21 gespielt haben, besitzen heute einen Vertrag in einer höchsten Liga. Allerdings sind die meisten von ihnen derzeit Torhüter Nummer 2 – und haben so noch keinen sicheren Platz im Profifussball errungen.

Der Ausbildungserfolg der einzelnen Clubs schwankt stark. So war die Nachwuchsabteilung der Grasshoppers seit 2009 äusserst erfolgreich. Das beweist der Blick darauf, wie viele der ehemaligen U-21-Spieler heute als Profi in einer obersten Liga im Ausland spielen. GC ist mit grossem Abstand DER Exportclub der Schweiz. Der FC Lugano dagegen hat zuletzt keinen einzigen Hochkaräter ausgebildet. Eine Auflistung aller untersuchter Teams folgt am Ende des Artikels.

Betrachtet man die Aufschlüsselung nach Positionen, fällt auf, dass der FC Basel gleich sechs Stürmer ausgebildet hat, die heute in einer höchsten Liga spielen. Allerdings spielt keiner von ihnen derzeit in Basel. Immerhin zwei, Cédric Itten (derzeit Luzern) und Nicolas Hunziker (GC) sind nur ausgeliehen und könnten dereinst doch noch in Rotblau Tore schiessen. Ansonsten sind die Grasshoppers überall an der Spitze. Kein Wunder: Von ihren ehemaligen U-21-Spielern sind knapp 30 Prozent heute Profi in einer Topliga.

Es folgt der Blick auf die einzelnen U-21-Teams, der grosse Unterschiede zwischen den Clubs aufzeigt.

FC Basel (Nachwuchs-Budget: ca. 6,5 Millionen Franken)

Die U-21 des FC Basel spielt in der Promotion League, der dritthöchsten Schweizer Spielklasse.

Der FC Basel hat das Glück, dass eine Stiftung seiner ehemaligen Präsidentin Gigi Oeri den Nachwuchs-Campus betreibt, was auch das hohe Budget erklärt. Zwanzig Prozent der ehemaligen U-21-Spieler sind Profi in einer höchsten Liga. Aber bloss einer davon spielt derzeit beim FCB. Ein Zeichen dafür, wie hart der Übertritt in die erste Mannschaft in Basel ist.

Grasshoppers (Nachwuchs-Budget: keine Angabe)

Die U-21 von GC spielt in der 1. Liga, der vierthöchsten Schweizer Spielklasse.

Den Grasshoppers ist der Campus in Niederhasli Lust und Last zugleich. Der Unterhalt ist teuer, dafür hat GC eine Infrastruktur, wie sie in der Schweiz nur noch der FCB vorweisen kann. Der Erfolg der ehemaligen U-21-Spieler spricht für das hohe Ausbildungsniveau.

FC Sion (Nachwuchs-Budget: ca. 2 Millionen Franken)

Die U-21 des FC Sion spielt in der Promotion League, der dritthöchsten Schweizer Spielklasse.

Sion hat eine traditionell gute Nachwuchs-Abteilung, in der viele Secondos aus afrikanischen und karibischen Ländern sowie aus Portugal spielen, deren Familien in der Genfersee-Region leben. Die 22 Prozent an Spielern in einer höchsten Liga werden allerdings durch einigermassen exotische Länder aufgebläht. So spielt je ein ehemaliger Sittener Junior in der obersten Liga von Slowenien, Montenegro, Venezuela und Paraguay.

FC Zürich (Nachwuchs-Budget: 3,5 Millionen Franken)

Die U-21 des FC Zürich spielt in der Promotion League, der dritthöchsten Schweizer Spielklasse.

Die Ausbildungsleistung des FCZ wird derzeit etwas dadurch geschmälert, dass er selbst in der Challenge League spielt und selbst viele ehemalige Junioren in den eigenen Reihen hat, die nun als Profis einer zweiten Liga gezählt werden. Bei den Zürchern sind die wenigsten Spieler in die Statistik eingeflossen, was den recht hohen Profianteil von 46 Prozent erklären könnte. Trotzdem wird beim FCZ offensichtlich gute Arbeit abgeliefert.

Young Boys (Nachwuchs-Budget: keine Angaben)

Die U-21 von YB spielt in der 1. Liga, der vierthöchsten Schweizer Spielklasse.

Die Young Boys sind, was Geld betrifft, immer geheimniskrämerisch. Und so geben sie auch kein Budget für ihren Nachwuchs an. Er dürfte sich allerdings eher in den oberen Regionen der Super League bewegen. YB hat viele eigene Nachwuchsspieler im Fanionteam, was die zwanzig Prozent Profis in der höchsten Liga mit erklärt. Auffällig ist, wie wenige ehemalige YB-Spieler in der Challenge League spielen.

FC Thun (Nachwuchs-Budget: ca. 1,5 Millionen Franken)

Die U-21 von des FC Thun spielt in der 1. Liga, der vierthöchsten Schweizer Spielklasse.

Der FC Thun ist im doppelten Sinn speziell: Zwischen 2009 und 2012 hatte der Club keine eigene U-18. Stattdessen gab es eine gemeinsame U-18 mit den Young Boys und mehreren kleineren Berner Teams. Die besten Spieler dieser U-18 landeten danach bei YB.

Ausserdem hat Thun eines der kleinsten Budgets der Superligisten und mit YB einen harten Konkurrenten um gute Talente in derselben Region. Das erschwert es, die besten Nachwuchsspieler an sich zu binden.

FC Lugano (Nachwuchs-Budget: keine Angaben)

Die U-21 des FC Lugano spielt in der interregionalen 2. Liga, der fünfthöchsten Schweizer Spielklasse.

Der FC Lugano hat gar nicht erst auf die Frage reagiert, mit welchem Budget seine Nachwuchsabteilung agiert. Der Blick auf die Kader der Tessiner zeigt: Oft werden junge Spieler aus Italien verpflichtet, die ein paar Saisons zwischen Nachwuchs und erster Mannschaft pendeln. Danach verschwinden sie wieder in tieferen italienischen Ligen. Sonderlich nachhaltig scheint diese Strategie nicht zu sein, das zeigt obige Statistik.

Team Vaud / Lausanne-Sport (Nachwuchs-Budget: keine Angabe)

Die U-21 des Team Vaud spielt in der 1. Liga, der vierthöchsten Schweizer Spielklasse.

Auch Lausanne-Sport hat die Anfrage nach dem Nachwuchs-Budget unbeantwortet gelassen. Die Waadtländer haben keine eigene U-21, sondern arbeiten auch auf dieser Stufe in einem Verbund mit anderen Clubs. Durch den Aufstieg in die Super League hat sich der Anteil an Profis in einer höchsten Liga markant gesteigert.

Wer von Lausanne aus den Weg ins Ausland sucht, landet oft an interessanten Orten. Die fünf Auslandsprofis spielen in der höchsten Liga der Türkei, in der dritten Liga Belgiens, in der dritten griechischen Liga in der Ligue 2 und in der Girabola, der höchsten Liga Angolas.

FC Luzern (Nachwuchs-Budget: ca. 2,5 – 3 Millionen Franken)

Die U-21 des FC Luzern spielt in der 1. Liga, der vierthöchsten Schweizer Spielklasse.

Die Innerschweiz bringt immer wieder herausragende Spieler hervor. Und doch wirkt der Output des FC Luzern im Vergleich des Einzugsgebiets eher mager: Fast 80 Prozent der Spieler werden nicht Profi.

FC St. Gallen (Nachwuchs-Budget: ca. 3,8 Millionen Franken)

Die U-21 des FC St. Gallen spielt in der 1. Liga, der vierthöchsten Schweizer Spielklasse.

Der Ruf nach eigenem Nachwuchs wird in der Ostschweiz immer wieder laut. Liefern kann die eigene Nachwuchsabteilung bislang aber nur bedingt. Nur 9 Prozent der ehemaligen U-21-Spieler im Beobachtungszeitraum haben es in die höchste Liga geschafft. Kein Wunder, hat der FCSG sein Budget für den Nachwuchs zuletzt noch einmal angehoben.

In alle Welt verstreut

Wo sind die 943 Spieler gelandet, die nicht mehr im Nachwuchs kicken? Bittesehr: Der Grossteil spielt als Amateur, wobei viele in der Promotion League oder der 1. Liga engagiert sind, wo sich durchaus der eine oder andere Franken verdienen lässt. Am zweithäufigsten ist der Rücktritt, danach kommen die beiden höchsten Schweizer Ligen. Und dann, dann geht es einmal fast um die ganze Welt.

3 Kommentare zu “Wo die Schweizer Fussballtalente landen”

  1. Virtual Private Servers sagt:

    Von jenen, die heute nicht mehr im Nachwuchs sind, besitzen aktuell 16 Prozent einen Profivertrag in der hochsten Liga eines Landes.

  2. Bolfing Christian sagt:

    Spannender Artikel und gut recherchiert, vielen Dank dafür! Vielleicht könnten ein Teil der Fernsehgelder nach diesem Schlüssel verteilt werden, damit es sich auch für die Ausbildungsclubs lohnt, weiter in die Junioren zu investieren…

  3. Pitt Grünbaum sagt:

    Ich war erstaunt, dass YB so wenige Spieler in die CL gebracht hat. Ich habe zwei Erklärungsansätze: (1) Einige ehemalige YB-Junioren sind beim FC Biel engaggiert. Ivo Zangger und Steven Ukoh haben den FC Biel direkt in den Amateur-Bereich begeleitet. Weitere ehemalige YB-Junioren, die heute potenziell noch CL spielen könnten, sind nach der Zwangsrelegation zum FC Biel gestossen. (2) Zudem gibt es in der Region Bern keinen CL-Verein, jedoch mit Breitenrain und Köniz gleich zwei PL-Vereine. Möglicherweise ist YB dadurch in der PL übervertreten.
    Eine Fehler habe ich in Ihren Daten gefunden: Helios Sessolo ist nicht im Amateur-Bereich, sondern mit Le Mont in der CL. Ansonsten klasse Daten!

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

 Zeichen verfügbar:

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.