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Die Königin der Internetpiraterie residiert in Zug

Von Barnaby Skinner, 7. November 2016 1 Kommentar »
Eine Analyse von 1,7 Milliarden gelöschten Links bei Google zeigt, wie Uploaded.net der Firma Cyando AG in Cham sich um das Urheberrecht foutiert.

Die Suchmaschine Google hat ein ambitioniertes Ziel: weltweit alle Informationen zu organisieren und zugänglich zu machen. Tatsächlich aber entfernt der Webriese immer mehr Links aus seiner Suche. Er muss das tun, wenn er sich mit der Film- oder Musikindustrie gut verstehen will. Musiker und Filmemacher entdecken in den Suchergebnissen eine steigende Anzahl Verweise auf Inhalte, die das Urheberrecht verletzen. Im laufenden Jahr hat Google 755 Millionen Verlinkungen gelöscht. 2011 waren es gerade mal 3,4 Millionen.

755 Millionen

Verlinkungen löschte Google im laufenden Jahr.

Für die weltweit meisten Löschungen verantwortlich ist eine Schweizer Website: Uploaded.net. Sie gehört der Cyando AG mit Sitz in Cham im Kanton Zug. Eine Analyse aller 1,7 Milliarden Löschungen zeigt: Google hat seit 2011 380 000 Löschaufrufe für Uploaded-Inhalte von Musiklabels oder Filmemachern erhalten und dabei 19,1 Millionen Links entfernt. Keine Website kommt in den Daten auf mehr Nennungen.
 

Uploaded ist ein Onlinespeicher. Es gibt im Internet Hunderte solcher Dienste. Der bekannteste ist der US-Dienst Dropbox. Nutzer mieten Onlinespeicherplatz, legen Dokumente oder Fotos ab und teilen sie mit Freunden. Kunden zahlen so viel, wie sie Speicherplatz beanspruchen.

Das ist auch bei Uploaded der Fall. Nutzer können sich allerdings auch Credits verdienen, wenn andere ihre Links häufig anklicken und Inhalte herunterladen. Geld verdient die Cyando AG trotzdem: Sie verkauft die Clicks gegen Werbeeinblendungen. Ausserdem zahlen Nutzer, um Downloads zu beschleunigen. Das System hat dazu geführt, dass Nutzer zunehmend Musik oder Spielfilme bei Uploaded hochladen und die Links dann in Piratenforen verteilen, um so an viele Credits zu kommen.

Allein dieses Jahr hat Sony über 7000 Löschanträge bei Google eingegeben und verlangt, dass 60 000 Links, die auf Uploaded verwiesen, aus der Suche zu entfernen seien. Am 14. Mai zum Beispiel das Album «Man on the Run» der britischen Band Bush oder am 1. August das Album «Full Speed» von US-Rapper Kid Ink.

Das geht seit Jahren so. Angefangen hat alles in Deutschland. Der 30-jährige Deutsche Deniz Cetindag gründete den Dienst unter der Adresse Uploaded.to in seinem Wohnzimmer im Raum München. 2008 wurde er vom Amtsgericht München wegen Verletzung von Urheberrechten zu einer Geldstrafe von 144 000 Euro verurteilt. Man konnte ihm nachweisen, dass er selber Spielfilme auf Uploaded publiziert hatte.

 

 

Deniz Cetindag

Gründer von Uploaded.to, heute Uploaded.net

Cetindag wanderte in die Schweiz aus. Weshalb er sich den Kanton Zug als neues Domizil aussuchte, ist unbekannt. Gut möglich, dass er sich für die Schweiz entschieden hat, weil das Urhebergesetz hierzulande im Vergleich zu Deutschland lascher ist. Im Jahr 2011 taufte er Uploaded.to in Uploaded.net um und übergab den Dienst der Firma Cyando AG. Im Handelsregister ist der Österreicher Daniel Hrnjak als einziges Mitglied des Verwaltungsrates aufgeführt.

In Deutschland verurteilt, kann die Plattform Uploaded in der Schweiz schalten und walten wie sie will. Jahr um Jahr nehmen die Uploaded-Links zu, die Google wieder aus der Suche entfernen muss. Dagegen vorgegangen ist hierzulande trotzdem niemand.

Eigentlich wäre der Schweizer Branchenverband der Musiklabels (IFPI) gefragt. Doch er scheut sich davor. Lorenz Haas, IFPI-Geschäftsführer, sagt: «Wir hantieren mit einem Gesetz, das vor dem Internet entstand.» Die IFPI hat ein juristisches Gutachten erstellen lassen, um den Ausgang einer Klage zu prüfen, die Dienste wie Uploaded zum «Staydown» verpflichtet, also den erneuten Upload einer bereits beanstandeten Datei durch einen Nutzer verhindert. Die Zürcher Kanzlei Werder Viganò kommt zum Schluss: «Die Erfolgschancen sind äusserst gering, sie betragen wohl weniger als 50 Prozent.» Haas sagt: «Wir können uns keinen sechsstelligen Betrag für ein Verfahren leisten, das wir verlieren würden.»

 

 

Lorenz Haas

Geschäftsführer IFPI Schweiz

Das Problem der hiesigen Gesetzgebung: Es verpflichtet Webhoster nicht dazu, auf ihren Plattformen selber urheberrechtsverletzende Inhalte ausfindig zu machen und zu löschen. Die Schweiz setzte bisher auf Selbstregulierung.

Diese scheint allerdings nicht zu funktionieren. Darauf weist ein weiteres Ergebnis der Analyse der 1,7 Milliarden Google-Links hin. In der Schweiz kommen auf jede.ch-Domain sechs Links, die Google seit 2011 entfernen musste. Im Vergleich mit Ländern wie Deutschland (0,1 Links pro.de-Domain) oder Dänemark (0,05 pro.dk-Domain), beide mit einem strengeren Urheberrechtsgesetz als die Schweiz, ein hoher Wert.

Emanuel Meyer, Leiter Rechtsdienst Urheberrecht des Eidgenössischen Instituts für Geistiges Eigentum, sieht keinen zwingenden Zusammenhang mit dem Urheberrechtsgesetz. «Es braucht für die Registrierung einer.ch-Adresse keinen Schweizer Wohn- oder Firmensitz.» Den Handlungsbedarf beim Urheberrechtsgesetz anerkennt er dennoch. Es wird derzeit überarbeitet. Im März 2016 endete die Vernehmlassung der Revision des Urheberrechtsgesetzes. Im Idealfall kommt sie 2018 vors Parlament.

Eine der wichtigsten Änderungen: Künftig soll für Schweizer Onlinespeicherdienste, die sich keiner Selbstregulierung unterwerfen, die «Takedown and Staydown»-Praxis gelten. Uploaded könnte damit verpflichtet werden, urheberrechtlich geschützte Inhalte nicht nur zu entfernen, sondern auch dafür zu sorgen, dass Inhalte nicht erneut hochgeladen werden. Das ist technisch möglich, aber aufwendig.

 

 

Emanuel Meyer

Leiter Rechtsdienst Urheberrecht des Eidgenössischen Instituts für Geistiges Eigentum

Dagegen sträuben sich die Webhoster. Sie befürchten, dass KMU an den Technologiekosten zerbrechen könnten. Rolf Auf der Maur, Rechtsanwalt und Vorstandsmitglied von Simsa, dem Branchenverband der Internetdienstleister, sagt: «Das aktuelle Gesetz reicht, um gegen Uploaded vorzugehen. Ich verstehe nicht, warum die Musikbranche nichts tut.» Wegen der Gegenwehr der Internetfirmen ist unsicher, ob die Revision überhaupt vors Parlament kommt.

 

 

Rolf Auf der Maur

Vorstandsmitglied Simsa

Profiteure der Pattsituation sind die Cyando AG und Uploaded. Auf mehrmalige Anfrage, zu den millionenfachen Urheberrechtsverletzungen Stellung zu nehmen, reagierten weder CEO Daniel Hrnjak noch Gründer Deniz Cetindag. Letzterer könnte zu sehr auf Instagram beschäftigt sein. Dort zeigt er sich mit einem neuen Lamborghini und singt ein deutsches Rap-Lied in die Kamera: «Es ist wie es ist, ne Bitch ist ne Bitch.»

 

1,7 Milliarden gelöschte Google-Links

In den USA regelt der Digital Millennium Copyright Act (DMCA) seit 1998, dass Links auf Inhalte keine Urheberechtsverletztungen darstellen. Um der Musik- und Filmindustrie entgegenzukommen, entwickelte Google aber ein Programm, um Verletzungen zu melden. Seit 2011 veröffentlicht Google diese Meldungen im Transparency Report. 97 Prozent der seither knapp 1,8 Milliarden eingebenen Löschungsanträge ist Google nachgekommen. Meldungen kann jeder machen. Grosskonzerne wie Warner Bros. haben den Meldeprozess automatisiert. Tausende Roboter durchforsten das Web und suchen Verdächtiges. Google prüft Löschanträge automatisch und löscht Links aus der Suche. Sie verschwinden nicht ganz. Unter www.lumendatabase.org archiviert die Universität Harvard die Links zu Forschungszwecken. Sie lassen sich gar durchsuchen.

Daten bei Google durchsuchen

Ein Kommentar zu “Die Königin der Internetpiraterie residiert in Zug”

  1. Peter Steiner sagt:

    Typisch Schweiz. Die Parallelen zum Bankgeheimnis sind frappierend. Egal wie moralisch verwerflich – wenn man mit gestohlenem Eigentum Kasse machen kann, bieten wir dazu Hand.

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