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Hier wohnen die Urzürcher

Von Marc Brupbacher, 16. Februar 2016 17 Kommentare »
Eine Datenauswertung zeigt, in welchen Quartieren echte Stadtzürcher wohnen.

In Zürich leben über 400’000 Personen, aber nur jede fünfte wurde auch in der Stadt geboren (19 Prozent oder 76’939 Personen) – und blieb ihr bis heute treu.

Mit der Karte interagieren, um die einzelnen Quartierwerte anzuzeigen. Karte: Balz Rittmeyer

 

In welchen Quartieren leben die Urzürcher? In jenen, die am Rande der Stadt liegen. Friesenberg führt die Liste mit 31,9 Prozent an. «In Friesenberg leben sehr viele Familien. Die Kinder treiben den Anteil der Urzürcher dort hoch. Zudem gibt es hier viele Einfamilienhäuser, in denen die Personen eher wohnen bleiben», sagt Judith Riegelnig von Statistik Stadt Zürich. Tatsächlich zeigt sich: In der Stadt liegt der Anteil an Einfamilienhäusern bei 18 Prozent. In Friesenberg sind es 60. An den Rändern der Stadt gebe es zudem mehr Wohneigentum, welches vererbt werde und die Urzürcher eher zum Bleiben veranlasse.


Reportage
 

«Die Häuser waren so hellhörig, wir hörten den Nachbarn husten»: Alt-Stadträtin und Urzürcherin Esther Maurer ist im Friesenbergquartier zu Hause. Hier schätzt man den Gemeinschaftssinn und die Nähe zur Natur.

Auf der anderen Seite steht das Langstrassenquartier – dort ist nur jeder Zehnte ein Urzürcher. Riegelnig sagt: «Im Langstrassenquartier gibt es sehr viele Kurzaufenthalter, oft Ausländer, die innerhalb von einem Jahr wieder aus der Stadt wegziehen.» Und weiter: «Es ist sicher kein typisches Familienquartier. Und oft bleiben Personen in ihrem angestammten Quartier, wenn sie in der Stadt Zürich aufgewachsen sind.»

An der Langstrasse liegt er Ausländeranteil bei 40 Prozent, am Friesenberg ist er mit 19,8 Prozent der niedrigste der Stadt. Der Ausländeranteil mag für die Langstrasse ein plausibler Faktor sein, gilt aber nicht generell: So weisen Höngg und Altstetten fast denselben Anteil an Urzürchern auf: In Altstetten beträgt der Ausländeranteil aber gut 35, in Höngg weniger als 23 Prozent.

Wagen wir es, das Bild des typischen Urzürchers zu zeichnen: Er ist Bewohner einer der mittelständischen Quartiere, die seit den 1950er-Jahren am Rande der Stadt gebaut wurden. Er lebt dort mit seiner vierköpfigen Familien behaglich entweder in einem (Reihen-)Häuschen mit vier bis fünf Zimmern oder in einer wohlfeilen Genossenschaftswohnung mit Grün rundum.

Der Anteil der Urzürcher ist seit 1994 wieder etwas gestiegen. Dies ist hauptsächlich auf den Geburtenboom zurückzuführen, der in den letzten Jahren zu beobachten war.

Der Anteil der gebürtigen Zürcher hängt stark von der Altersstruktur ab, da jüngere Personen häufiger seit Geburt in Zürich wohnen.

Wir haben auch ausgewertet, wie viele Urzürcher über 20 Jahre alt sind – also sich freiwillig für die Stadt als Wohnort entscheiden haben. An der Reihenfolge der Quartiere ändert sich kaum etwas, an der Spitze liegt auch bei dieser Berechnungsmethode das Quartier Friesenberg. Insgesamt leben 339’238 über 20-Jährige in Zürich. Von ihnen befinden sich nur 27’683 seit der Geburt in der Stadt, das sind anteilsmässig 8,2 Prozent. Hier finden Sie die gesamte Ü20-Grafik.

Leider gehen die Daten zu den Urzürchern bei Statistik Stadt Zürich nur bis 1994 zurück. Um die Langzeitentwicklung besser abbilden zu können, müssen die historischen Jahrbücher der Stadt hinzugezogen werden. Dort sind die Daten zum Geburtsort auf Quartierebene aufgeführt. Allerdings kann mit diesen Daten nicht festgestellt werden, welche dieser Personen effektiv seit ihrer Geburt in Zürich lebten. Interessant sind sie aber trotzdem.

Die nachfolgende Grafik zeigt die Urzürcher im Zeitverlauf seit 1888. 1970 erreichte der Anteil der Stadtzürcher mit 40,9 Prozent seinen Höhepunkt.

17 Kommentare zu “Hier wohnen die Urzürcher”

  1. Werner Rüfenacht sagt:

    Ich bin1927 in Zürich geboren und immer noch in Zürich 2 angemeldet .Mit Wehmut denke ich an die Zeit zurück ,als noch nicht alles vom Staat organisiert und vorgeschrieben war und es noch verantwortungsvolle Bürger die selbst denken durften gab

  2. Peter (Ur?) Zürcher sagt:

    Seltsame Definition von “Urzürcher”. Warum soll z.B. ein 5 jähriges, hier geborenes Kind ohne ZH Bürgerrecht, /mehr/ Zürcher sein, als ein 50 Jähriger, der hier lebt seitdem er 5 Jahre alt ist, und das zürcher Bürgerrecht hat, da seine Eltern Zürcher waren, auch wenn er selbsst im Aargau geboren wurde.
    Das Bürgerrecht gehört meiner Meinung nach durchaus zur Definition eines “Urzürchers”, wobei es m.E. keine Rolle spielt, in welchem Alter es erworben wurde. Und selbst wenn man das Bürgerrecht als Kriterium weglässt, müsste die Aufenthaltsdauer in der Stadt als % der eigenenen Lebensdauer eine Rolle spielen.

  3. Roland Kaiser sagt:

    Ooops, nur 19% der in der Stadt Geborenen leben noch in der Stadt Zürich. Irgendwie widerspricht dies der Tatsache, dass die Stadt Zürich doch über eine so hochgelobte Lebensqualität verfügt. Anscheinend ziehen die “echten” Zürcher doch ein Leben ausserhalb der Stadt vor und geniessen dort die grössere Gestaltungsfreiheit.

    • SF sagt:

      Ihr Argument hätte vielleicht Diskussionsgehalt wenn dessen Grundlage stimmen würde.

      Aussage des Artikels: 19% der Wohnbevölkerung wurden in der Stadt geboren.
      Ihre Aussage: 19% der in der Stadt geborenen leben noch hier.

      Finde den Unterschied…

  4. n.Schenker sagt:

    Redaktion: Die Anmerkungen zur interaktiven Karte sind unlesbar, da zu weit links und verdeckt durch die “Stichworte:Bevölkerung, Stadt Zürich, Ur”. Mozilla Firefox 44.0.2, Vollbild Auflösung 1280*1024, Win7

  5. Erich Schwyzer sagt:

    Hiermit möchte ich mich bei den Verfassern der Studie für die Ausbürgerung aus der Stadt Zürich bedanken.

  6. gügi sagt:

    Es wäre noch interessant zu wissen, wie viele Urzürcher Ausländer sind… oder umgekehrt?

    • Paul sagt:

      Ein Ausländer, der in Zürich geboren und aufgewachsen ist, ist mehr Zürcher als ein Eidgenosse der vom Bergtall zuzog.

    • Marco Sieber sagt:

      Rund 85% (65’371) der Urzürcher sind Schweizer Staatsangehörige. Von den 11’568 ausländischen Urzürchern sind 7’863 (~67%) Kinder unter 10 Jahren.

  7. Schnell Katharina sagt:

    Eine gleiche Auswertung über die Schweizer, Schweizer seit Geburt oder eingeürgert, würde als tief rassistisch bewertet. Für was soll diese Statistik gut sein? Ein Urzürcher, der es in der linken Stadt nicht mehr ausgehalten hat.

    • Paul sagt:

      Das schöne an der Schweiz ist, dass es eine Niederlassungsfreihit gibt. Vor kurzem gab es einen Beitrag über die Gemeinde Pfyn/TG , dort fühlen sich unsere Eidgenossen pudelwohl. Und keiner vermisst sie in der Stadt Zürich.

      • Hans Grusch sagt:

        Oh Paul. Glaube Zürich würde sich ohne Dich auch pudelwohl fühlen. Aber wahrscheinlich interessiert sich Zürich noch nicht mal für dich. Bin froh wohnst Du nicht in der Aglo… 😉

  8. Peter Gamper sagt:

    mich würde interessieren wieviele wir dann nach der annahme der DSI ausschaffen könnten in die agglo. 😉

    • Flo sagt:

      ich weiss jetzt nicht ob das der richtige Moment ist über ein solch heikles Thema zu scherzen!
      Zuviel steht auf dem spiel

      • Kurt Zürcher sagt:

        Natürlich ist genau jetzt der Moment!
        Gibts schon ein Auslieferungsabkommen mit dem Aargau? 😉

        • Thomas Meier sagt:

          Angesichts dessen, dass Zürich selbst ihre Stadträte importieren musste, wäre es vielleicht am besten, man würde die zuerst mal ausschaffen.. 🙂
          Ich bin weder Urzürcher sondern St.Galler…. :o)

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