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Longchamp, Hermann und Kollegen waren präzis

Von Patrice Siegrist, 21. Oktober 2015 12 Kommentare »
Zahlreiche Prognosen und Umfragen wurden im Vorfeld der Wahlen veröffentlicht. Die Nachanalyse zeigt, die Resultate waren genau. So genau, dass es Lob aus dem Ausland gab.

Claude Longchamps Wahlbarometer hat Konkurrenz bekommen. So viele Umfragen und Prognosen vor Wahlen gab es wohl noch nie. Prominentester Mitstreiter war Politgeograf Michael Hermann und sein Forschungsinstitut Sotomo, das für Tamedia diverse Umfragen durchgeführt hat. Für den «SonntagsBlick» fragte das Institut Opinion Plus bei 1007 Wahlberechtigten nach, welche Partei sie wählen würden. Auch die WOZ und die Blogger von Politan und Restmandat.ch wagten Prognosen. Und auf der Website des «Tages-Anzeigers» handelten Personen Parteiaktien an der Wahlbörse und gelangten so zu einer Vorhersage, durchgeführt von Prediki.

Seit Sonntag ist das Spekulieren über Wähleranteile vorbei. Die Wahlzettel sind ausgezählt, die Sitze im Nationalrat verteilt, und der erwartete Rechtsrutsch ist eingetroffen. Doch wie präzis waren die Umfrageresultate und Prognosen? Sehr. Zu diesem Schluss kommt Christian Hoops, Statistiker und Demoskopie-Experte aus Deutschland. Am Tag nach der Wahl gratuliert er GFS Bern und Claude Longchamp für ihre Prognose.

Dass die Vorhersagen selten auf die Kommastelle genau zugetroffen haben, überrascht nicht. Jede Prognose und Umfrage hat eine gewisse Unschärfe. Doch die durchschnittliche Abweichung bei den Prognosen war tief – laut Hoops’ Auswertung am tiefsten bei GFS Bern, gefolgt von Sotomo, Opinion Plus und der Wahlbörse. 

Gemäss Claude Longchamp war es der bisher genauste Wahlbarometer. Claude Longchamp schreibt, dass sie sich im Vergleich zum Wahlbarometer 2011 markant verbessert hätten. Ein Hauptgrund dafür sei, dass dieses Jahr erstmals die sogenannte Combining-Methode zur Plausibilisierung der Umfragewerte verwendet worden. Das heisst, es wurden verschiedene Tools kombiniert und Expertenumfragen, Wahlbörsen und andere nationale Umfragen berücksichtigt: «Das hat zu einer Verminderung von Ausreissern geführt und das Wahlbarometer entscheidend verbessert.»

Ausser bei der SVP lagen alle Abweichungen der Prognosen bei den grössten sieben Parteien unter einem Prozentpunkt. Sotomo, mit ihrer Onlinewahlumfrage für «20min», war bei der SVP am nächsten am tatsächlichen Resultat dran, 0,4 Prozentpunkte zu wenig. Bei allen anderen Parteien waren andere Institute genauer. GFS Bern lieferte mit ihrer Telefonumfrage gleich dreimal das beste Resultat. FDP, CVP und BDP hat Claude Longchamps Institut am besten erfasst.

Opinion Plus, im Auftrag des «SonntagsBlicks», erzielt ebenfalls dreimal ein Topresultat. Sie sagten die Wähleranteile der Grünen exakt, diejenigen der GLP und der SP um 0,2 Prozentpunkte genau voraus. Auch die Tagi-Wahlbörse, die nicht auf Umfragen basiert, lieferte genaue Prognosen. Den Wähleranteil der FDP und der Grünliberalen schätzten die Händler der Onlinebörse gleich ein wie GFS Bern. Als Referenzwert der Wahlbörse gilt der Kursdurchschnitt der letzten drei Tage.

Neben Prognosen für Wähleranteile wurden auch die Sitzanteile im Nationalrat vorhergesagt. Und auch hier gilt: Die SVP wurde von allen unterschätzt. Sotomo war am nächsten dran, diesmal mit einer Prognose für die «NZZ am Sonntag».

Die Prognose von «Watson» beziehungsweise Restmandat.ch ist weniger genau. Fairerweise muss hier erwähnt werden, dass Sotomo aufgrund ihrer erhobenen Onlineumfragedaten mehr Informationen für ihr statistisches Prognosemodell zur Verfügung hatte.

Sotomo und Restmandat.ch prognostizierten mit statistischen Modellschätzungen, die eine Vielzahl von verfügbaren Informationen beiziehen. Sotomo nutzte beispielsweise die Kurse der «Tages-Anzeiger»-Wahlbörse, die Resultate vergangener Wahlen oder auch Umfragen und eben ihre eigenen Umfragedaten. Restmandat.ch stützte sich weitgehend auf Kontextdaten – Resultate der Nationalratswahlen und der kantonalen Parlamentswahlen bis zurück ins Jahr 1971 sowie Daten zu Rücktritten aus dem Nationalrat. (Mehr zur Methodik finden Sie hier.)

Die WOZ nutzte kein solches Prognosemodell. Sie hat «Wahlgymnastik» veranstaltet. Der WOZ-Verlagsmitarbeiter und Wahlarithmetiker Stephan Müller lieferte Kurzprognosen für alle 26 Kantone und erreichte damit ein ähnliches Resultat wie Restmandat.ch.

12 Kommentare zu “Longchamp, Hermann und Kollegen waren präzis”

  1. Alfred sagt:

    Also ich finde die Umfragen vor einer Wahl immer sehr spannend und vor allem den Abgleich mit dem Ergebnis dann. Es ist ja schon wichtig, dass die Umfrageergebnisse wenigstens in etwa der Realität entsprechen. Meistens rechne ich mir das selbst aus, ob es ungefähr hinkam. Von daher hat mir dieser Artikel sehr gefallen. Ich werde jetzt öfter mal ihre Seite besuchen.

  2. Markus Schneider sagt:

    Ich finde dass diese Umfragen absolut überflüssig sind. Spästestens zwei Monate vor den Wahlen sollten sie sogar verboten werden. Ganz abgesehen, dass die Umfrageheinis ganz enorm nerven – nicht nur am Telefon, sondern auch IM Fernsehen, wenn sie ihr unausgegorenes Zeug verbreiten. relevant ist und bleibt einzig das Ergebnis am Wahltag. Alles andere ist Astrologie, die ja auch immer “nahe dran” ist und doch nie recht hat.

    • Mario Monaro sagt:

      Verbote sind völlig unangemessen und dass Sie Umfragen mit Astrologie vergleichen, zeigt nur, dass Sie keine Ahnung haben, wovon Sie schreiben. Ignorieren Sie doch einfach, was Ihnen nicht passt. Machen andere auch so.

  3. Martin Fischer sagt:

    Von allen lustigen Artikeln vor und nach der Wahl ist das der lustigste. Die Wahlprognosen waren natürlich ‘präzis’, freilich nicht als Prognosen an sich, aber als Befürchtungen und Annahmen vor der Wahl. Deshalb war ja die Parole ‘milder Rechtsrutsch durch FDP, Gewinne der SP, SVP stagniert’ – diese wurde und wird auch bis zum vorliegenden Artikel gefahren. Das tatsächliche Ergebnis kann ja dann jeder nachlesen.

  4. Roland Frei sagt:

    Vor lauter Polls werden die Inhalte immer mehr verdrängt, Hauptsache ist das Spektakel. Inhalte beinhalten, dass ein Medium Stellung bezieht. Das aber könnte verärgern, verunsichern. Drum lieber Spektakel, täglich, stündlich – Wetter, Wahlen, Börsenkurse, Rekorde, Polls jeder Couleur – unsäglich…..Frei nach Peter von Matt

  5. pepe muller sagt:

    Nein, die Vorhersagen waren alles andere als genau! In der letzten Woche vor den Wahlen, haben die “Experten” noch geraten, dass Herr Köppel wohl keine grosse Chance haben wird – es kam genau das Gegenteil, Herr Köppel hat ein absolutes Rekordresultat hingelegt!

  6. felix halter sagt:

    die schweiz sollte aufhören, hinzuhören, was das ausland zu dem oder dies sagt. es ist egal, die schweiz benötigt weder lob noch tadel aus dem ausland, sondern ein selbstbewusstes auftreten und ein selbstbestimmtes verhalten gegenüber dem ausland, was das auch immer ist.

    • Flori Antha sagt:

      Die Reaktionen anderer Personen oder Länder zu ignorieren spricht weder für Selbstbewusstsein noch für Selbstbestimmung. Diese erfordert eine reflektierte Auseinandersetzung mit dem Urteil anderer. Sie meinen wohl eher Altersstarsinnigkeit und so wünsche ich mir die Schweiz eher nicht.

  7. Im Januar 2015 gabs von GFS folgende Prognose :
    SVP:24.6 – SP:20.1–FDP:15.8–CVP:11.2–GLP:7.3

    Diese Umfrage war ziemlich daneben, und für die Katze.
    Bitte aufhören mit solchen Umfragen – bringt nichts,ausser Unkosten !

    • Hans Müller sagt:

      Das war bloss ein Testlauf für das Schlussergebnis der Wahlen!

    • Flori Antha sagt:

      @Spitteler: Ist Ihr Kommentar ernst gemeint? Im Januar 2015 hat ganz sicher kein Institut eine Wahlprognose für den Oktober erstellt. Oder hätten Sie eine präzise anderslautende Quellenangabe?