Frauen in der Sektenfalle

Blog Mag663

Vergangene Woche las ich über die Schiesserei bei der deutsch-schweizerischen Sekte Academy for Future Health, die sich in der Karibik angesiedelt hat. Ihr Guru Peter Brunck predigt eine krude alternativmedizinische und esoterische Heilslehre und rekrutierte mit dem Versprechen totaler spiritueller Befreiung und Heilung gerne Mitglieder in der vermögenden Schweiz. Besonders Frauen profitierten von seinen hochfrequenten Schwingungen, wenn sie sich mit ihm sexuell vergnügten, versprach er. Zahlreiche Frauen folgten diesem Versprechen – und so besteht das Sektendorf heute aus rund 20 Anwesen.

Was hat es eigentlich mit diesem weiblichen Hang zu Alternativmedizin und in der Folge oft auch zu Übersinnlichem und Unerklärbarem auf sich? Warum landen eigentlich gerade so viele Frauen irgendwann in den Gefilden des Unerklärlichen und Magischen, warum glauben so viel mehr Frauen ans Geistheilen, an Lichtnahrung und Handauflegen?

Eine Internetrecherche zu diesem Thema förderte wenig Brauchbares zutage. Unser hauseigener Sektenexperte Hugo Stamm, der sich seit rund vierzig Jahren mit dem Thema beschäftigt, bestätigte jedoch meine Beobachtung. In esoterischen Gruppen und bei entsprechenden veranstaltungen seien rund drei Viertel der Teilnehmer Frauen, schätzt Stamm. In neureligiösen Gemeinschaften sei der Anteil der Männer zwar etwas grösser, aber die Sektenführer seien in fast allen Fällen männlichen Geschlechts.

Über die Gründe für diese soziale Struktur des Aberglaubens kann man nur spekulieren. Die meisten Personen geraten aufgrund von Lebens- und Sinnkrisen in Sekten. Vielleicht stellen Frauen grundsätzlich mehr die Sinnfrage und sind dann auch eher bereit, den mannigfaltigen spirituellen Angeboten zu folgen, wobei die Vernunft kurzerhand ausgeschaltet wird. Möglich ist auch, dass vermehrt Frauen in Sekten landen, weil die sich weniger über die Arbeit als über soziale und familiäre Aufgaben definieren und sich, wenn die Kinder ausziehen, neue soziale Felder suchen, in denen sie sich zu Hause fühlen. Sekten bieten oft ein klar definiertes und strukturiertes Umfeld an, in denen sich die Frauen aufgehoben fühlen. Denn jedes neue Mitglied wird da mit offenen Armen empfangen, ohne dass man dafür eine spezielle Leistung bieten muss – es reicht, sich zu integrieren und zu glauben, was einem erzählt wird. Nicht zuletzt sehnen sich viele Frauen nach einer starken Schulter, nach jemand oder etwas, an dem sie sich orientieren können, der sie führt. Schliesslich, so las ich neulich in der FAZ, seien es auch vor allem Frauen gewesen, die Hitler gewählt und ihm deshalb zur Macht verholfen hätten – was natürlich eine reichlich eindimensionale Erklärung ist.

Es geht hier nicht darum, die Frauen deswegen zu verurteilen, denn die Anfälligkeit auf Heilsversprechen und Sektenwesen hat vermutlich weniger mit dem Chromosomensatz als mit den uns zugedachten männlichen oder weiblichen Rollen zu tun. Die vornehmlich weibliche Bereitschaft, nicht nur rational, sondern auch emotional und sozial zu funktionieren, ist eine durchaus positive Eigenschaft. Wer würde sonst noch Kinder zur Welt bringen oder Angehörige pflegen? Fest steht auch, dass Frauen öfter von den negativen Folgen betroffen sind, dass sich für jede Sekte ein Mann findet, der bereitwillig den grossen Führer gibt und die willigen Sinnsuchenden finanziell oder sexuell ausbeutet. Und auch dies kann man als pervertierte Seite der durchaus positiven Eigenschaft verstehen, Verantwortung für eine Gruppe zu übernehmen und wichtige Entscheidungen zu treffen.

Gerade das ist aber ein Argument für Männer und Frauen, ihre Rollen vermehrt zu hinterfragen und sie weniger nach dem Geschlecht, sondern nach ihren individuellen Fähigkeiten zu gestalten. Frauen würde ein bisschen mehr Rationalität und etwas mehr Bereitschaft, selber zu führen, nicht schaden. Dann würden sie ausbeuterische Scharlatane auch schneller erkennen und weniger in Versuchung kommen, sich und oft auch ihre Kinder irgendeinem selbstherrlichen Guru zu überantworten.

Im Bild oben: Die Dokumentation «Guru – Der Preis der Hingabe» versucht die Faszination der Bhagwan-Sekte zu ergründen. (Bild: Pandora)

48 Kommentare zu «Frauen in der Sektenfalle»

  • Stephan Schneider sagt:

    Es gibt einige die nun mehr wissen wollen zu diesem Fall und warum die Behörden in Deutschland und der Schweiz, so wenig wie in der Dominikanischen Republik gegen dieses Treiben wirklich aktiv werden : http://www.facebook.com/Brunck.Sosua

  • Karl Mallinger sagt:

    Es gibt auch WEIBLICHE „Prophetinnen“ bzw. Gurus, z.B.:

    Gabriele Bitterlich, Begründerin des „Engelwerkes“

    „Uriella“ (eigentlich: Erika Hedwig Bertschinger-Eicke, eine Schweizerin, übrigens) Begründerin der Sekte „Fiat Lux“

    Gabriele Wittek, Begründerin der Sekte „Universelles Leben“

    Heide Fittkau-Garthe, eine Hamburger Psychologin, deren namenlose Weltuntergangssekte sie auf Teneriffa um sich scharte.

    Und noch viele mehr.

    Grüße aus Deutschland

  • Lisa sagt:

    Rollenbilder sind traditionell übernommen und anerzogen. Ohne jene weiblichen Eigenschaften unterschätzen resp. nicht wertschätzen zu wollen meine ich sie seien überholt und reduzieren den weiblichen Teil der Menschheit. Was wäre ich froh darüber, wenn auch Männer resp. die arbeitende Masse sich ab und zu ein wenig um Kinder und Alte und was es da sonst noch zu betreuen gibt kümmern täten. Mann überlässt das den Frauen aus dem einfachen Grund weil es nichts zu „holen“ gibt und keine Lorbeerkränze winken, einem aber v.A. viel Energie u. Kleinarbeit abverlangt.

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