Der schwarze Körper als Metapher

Über das neue Buch von Toni Morrison.

Vom Makel zum Schönheitsideal: Model Alek Wek an der New York Fashion Week 2017. (Bild: Slaven Vlasic/Getty)

Was kann Literatur, meine Damen und Herren, was soll sie? Nun, Literatur kann, wenn sie was taugt, dem Leser eine Welt öffnen, innere Orte erschliessen, das Menschsein in seinem Glück und Chaos. Dies tut ein schmales Büchlein, das dieser Tage auf Deutsch erscheint: der neue Roman der Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison: «Gott, hilf dem Kind».

Der Roman behandelt typische Motive Morrisons: Rassismus, Familie, die Last der Vergangenheit, die Fortschreibung von Verhältnissen und ihre Wirkung auf Menschen. Er behandelt auch jene Wunden, die nie verschorfen: die Traumata der Kindheit (auch denen hat sich die Autorin bereits gewidmet, in ihrem ersten Roman «Sehr blaue Augen» von 1970). Charakteristisch für Morrison ist ebenfalls die Anlage der Geschichte als eine allegorische Reise der Selbstfindung. Es ist dies eine märchenhafte Konstruktion, gerade auch in Verbindung mit einer symbolistischen Ebene des magischen Realismus.

Schizophrenie einer Kultur

In der Tat sind die Hauptfiguren derart beladen mit Leid und Trauma, dass Teile der angelsächsischen Kritik das Werk als überkonstruiert und klischeehaft gerügt haben. Ich halte es für grossartig. Und zwar zuallererst aus folgendem Grund: Morrison zeigt nicht nur den internalisierten Rassismus der schwarzen Gesellschaft oder Gemeinschaft (sofern von einer solchen die Rede sein kann), sondern sie literarisiert ein Motiv, das bereits den Ausgangspunkt des im Vorfeld der US-Wahl viel diskutierten Essays «Zwischen mir und der Welt» von Ta-Nehisi Coates bildet: der schwarze Körper als Metapher. Als Metapher für die Schizophrenie einer Kultur, die diesen Körper einerseits zum Objekt der Missachtung, Demütigung und Gewalt degradiert – und andererseits seine Schönheit bewundert und kommerzialisiert.

Ihr schwarzer Körper ist zugleich Makel und Auszeichnung von Morrisons Hauptfigur Lula Ann, die sich später «Bride» nennt: Sie ist so schwarz, dass sie von der eigenen Mutter ungern angefasst wird, und andererseits verdankt sie ihrer Schönheit ihre Karriere bei einer Kosmetikfirma, denn: «Schwarz ist die heisseste Ware». In Brides eigenen Worten: «Ich wurde eine tiefschwarze Schönheit, die kein Botox braucht für Lippen, die man küssen will, und kein Bräunungsstudio, um totengleiche Blässe zu verbergen. Und Silikon für die Hinterbacken brauche ich auch nicht. Ich verkaufe meine schwarze Eleganz an all die Plagegeister meiner Kindheit, und sie bezahlen mich teuer. … Es ist ein Triumph.»

Die ewige Verletzung

Der Preis dieses Triumphs ist freilich eine Selbstentfremdung, die Verdinglichung der eigenen Erscheinung als Mittel zum Zweck. Morrison enthüllt sowohl die Janusgesichtigkeit einer konsumistischen Populärkultur wie auch die kompensatorische Selbstfixierung bei denen, die sie angeht, die Flucht in Geld und Waren: Firnis der Schönheit, Panzer durch Konsum. Und die ewige Verletzung. Höchstens die Liebe heilt. Und die lakonische Eleganz der Sprache von Toni Morrison, die mit wenigen Worten Bilder von einer Evokationskraft und lyrischen Intensität zeichnet, dass man durch die Kunst ans Gute glaubt.

3 Kommentare zu «Der schwarze Körper als Metapher»

  • Pedro Riengger sagt:

    Das Gleiche könnte man doch auch von sogenannten Curvy Models sagen. Da wird oft auch noch als weibliche Form bezeichnet, was schon in den Bereich der Adipositas schwappt. Oder Proletentypen wie Kate Moss. Oder schrägen androgynen Model- und Schauspieltypen – gut vorstellbar, dass eine Tilda Swinton in der Schule auch gehänselt würde. Auch für sie ein «Triumph», dass sich Fotografen und Modemacher auf der Suche nach «Typen» gegenseitig mit speziellen Figuren (auch Beth Ditto etc.) überbieten. Im Übrigen gibt es bei schwarzen Models schon lange solche, die durchaus dem gängigen Mainstream-Schönheitsideal entsprechen. Man denke nur an Iman. Es geht um Aufmerksamkeit und, um die zu erreichen, um Berechnung. Selbst Menschen mit Down Syndrom wurden aus diesem Grund schon als Models eingesetzt.

  • Kristina sagt:

    Wieso nur, Kind, hast du rote Haare? Der schwarze Körper als Metapher oder eben die roten Haare. So weit komme ich beim Betrachten nicht. Für die nüchterne Auslegung danke ich dem Schreiber. Ich scheitere bereits beim Titel. Weil, ich würde dies anders übersetzen: Gott, hilf. Ein Kind.
    Rassismus theologisch zu begründen entbehrt jeder Grundlage. Wenn ich den Buchtitel als stilles Gebet der Gebärenden verstehe kommt etwas sehr Zerbrechliches hervor: Gott, hilf. Das Kind. Ich lege es in deine Hände.

  • chrissie sagt:

    Sie haben ja nicht Unrecht, lieber Riengger – Sie gehen jedoch m.E. nicht im Geringsten auf Tinglers Rezension von Toni Morrisons jetzt endlich ins Deutsche übersetzte Roman ein.
    Meine Empfehlung: Lesen Sie das Buch, am besten im Original!

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