Frühlingsfurcht

Fünf spätmoderne Phobien.
Gerade im Frühling sehr aktuell: Was, wenn die Ente einem beobachtet? Foto: iStock

Gerade im Frühling sehr aktuell: Was, wenn die Ente einen beobachtet? Foto: iStock

Der von mir immer wieder gern zitierte amerikanische Kulturhistoriker Paul Fussell hat in seinem Standardwerk «Class» darauf hingewiesen, dass nicht unbedingt Übergewicht per se ein Zeichen der unteren Klassen sei, sondern vor allem: sichtbares Übergewicht. Zur Schau gestellte Pfunde, als bestünde die Rache der kleinen Leute für eine schwierige und glanzlose Welt in der Maximierung von ästhetischen Zumutungen in Richtung derselben. Falls man dieser These anhängt, meine Damen und Herren, findet man jedenfalls jetzt, im späteren Frühling, wenn es wärmer wird und die Sonne wohlwollend die Erde bestrahlt, vermehrte Evidenz dafür. Und wie reagiert das gestresste spätmoderne Subjekt auf so was? Mit Phobie, natürlich. Die Phobie scheint, neben der Gereiztheit und dem Gefühl des Ausgebranntseins, zur psychischen Grundausstattung unserer Tage zu gehören, und nun, im späteren Frühling, greift eine pandemische Fettphobie verstärkt zu Mitteln ihrer Abhilfe, von Atkins über Crossfit bis zu Schilddrüsenhormonen. Und hier wären noch ein paar weitere Phobien der wärmeren Tage:

  1. Die Angst, von Enten beobachtet zu werden

    Ja, so was gibt es. Es handelt sich hierbei um eine spezifische Form der Paranoia, die den Besuch öffentlicher Grünanlagen nach der Enteisung stehender Gewässer zum Spiessrutenlauf entgleisen lassen kann.

  2. Phobie vor überparfümierten Männern

    Egal welcher sexuellen Orientierung.

  3. Brain-Freeze Phobia (BFP)

    Mit «Brain Freeze» ist jener blitzartige Kältekopfschmerz gemeint, der sich beim (zu hastigen) Genuss von Speiseeis einstellen kann. Die Ursache wird in einer kälteinduzierten Verengung der Blutgefässe gesehen; wohl provoziert durch einen plötzlichen Kältereiz am Gaumen. Betroffen sind etwa 30 Prozent der Bevölkerung. Verwandt: Eishusten-Phobie und (nicht saisonal begrenzt): Die Angst, dass Erdnussbutter am Gaumen kleben bleibt.

  4. Phobie vor haarigen Frauenbeinen

    Davon bin ich selbst betroffen. Nennen Sie mich altmodisch, aber Tarantula-Beine bei Frauen lösen bei mir starkes Unbehagen aus. Deshalb (aber nicht nur deshalb) meide ich beispielsweise sogenannte Spoken-Word-Veranstaltungen, wo dieses Phänomen endemisch zu sein scheint.

  5. Hipsterironiephobie

    Da wir von Spoken-Word-Veranstaltungen sprachen. Eigentlich auch saisonal unlimitiert, kommt aber irgendwie im Frühling vermehrt zum Ausbruch.

Lesen Sie eine andere Meinung zum Thema weibliche Körperbehaarung im heutigen Blogbeitrag «Eine Frau ist kein Rauhaardackel» von Silvia Aeschbach.

9 Kommentare zu «Frühlingsfurcht»

  • Bea sagt:

    Die Angst vor Enten ist berechtigt, die schnattern nämlich gerne, so kann der gute Ruf schnell ruiniert sein.

  • Dani Haller sagt:

    Herr Tingler: was halten Sie von der These, dass vor allem schwule Männer die Modewelt, insbesondere die Frauenmode diktieren weil sie im Grunde genommen eine Aversion gegen alle weibliche haben und so eine Mode entwerfen die Frauen wehtut? Körperlich und psychisch?

  • Marc sagt:

    Eine Phobie ist eine irrationale Furcht… sollte er also wirklich eine Phobie vor den haarigen Beinen von Frauen haben, ist die Bitte um eine Begründung oder das moralische tadeln eher stupid.

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