Der Stil des Bösen

Der Teufel trägt Absatz.

Flamboyant, exzentrisch, scharfzüngig: Aladdins zauberhafter Gegenspieler Dschafar. Fotos: PD

Sie wissen ja, meine Damen und Herren, dass ich Karl Lagerfeld dufte finde. Trotz dieser Sache mit Meryl Streep und dem Kleid vor den Oscars. Und obwohl er mit seinen Stiefeln und Ringen und fingerfreien Handschuhen und Stehkrägen inzwischen ein bisschen aussieht wie der Bösewicht aus einem Disney-Film.

Was uns auf einen interessanten Punkt bringt: Disney-Schurken haben nicht selten einen Zug, den man als «camp» bezeichnen könnte, weniger im Sinne eines kulturellen Etiketts, eher im Sinne von: flamboyant, exzentrisch, scharfzüngig. Mit einem Wort: tuntig. Denken Sie an Hysterie und Glamour, an Sarkasmus und Snobismus bei Madame Medusa, Cruella de Vil, Maleficent, Shere Khan und Kaa und Scar, Dschafar aus «Aladdin» und Ursula aus «Arielle».

Die Vollendung des Schurkenbilds

HIM, der tuntige Teufel aus «Powerpuff Girls».

Es gibt einen Fachbegriff für diese Art von Figur: «Sissy Villain». Das könnte man unzureichend mit «Schwuchtelschurke» übersetzen. Es handelt sich um die Reflektion des kulturellen Stigmas, das Männern mit femininem Gebaren anhaftet, in Kunstfiguren, die nicht nur böse sind, sondern schrill, manieriert, eitel, zuchtlos, fett oder spindeldürr, zimperlich, durchtrieben, manipulativ. Die Vollendung dieses Schurkenbilds ist übrigens keine Disneyfigur, sondern HIM, der Leibhaftige der «Powerpuff Girls», der tuntigste Teufel, den ich je gesehen habe, und das will was heissen. Ich liebe ihn.

Dass die Nichtkonformität mit Geschlechterrollen etwas Böses sei, ist ein alter Topos, nicht nur der Populärkultur von Disney bis Bond. Ebenso übrigens wie der trivialsymbolistische Gedanke, dass körperliche Unvollkommenheiten eine beschädigte Seele widerspiegelten: Die Zahl der Bösewichte und Bösewichtinnen mit körperlichen Behinderungen ist im Pool der Populärkultur ungefähr so prominent wie die der Schwuchtelschurken. (Es gibt auch Überschneidungen, zum Beispiel in der Figur des Captain Hook.) Der Krüppelschurke wird üblicherweise mit einem ebenso moralisch wie physisch integeren Helden kontrastiert. Interessanterweise fungieren sowohl Schwuchtel- wie Krüppelschurken nicht selten auch als teuflische Genies, ihre psychisch-physische Gebrechlich- und Verwundbarkeit gleichsam durch intellektuelle Brillanz kompensierend – eine Brillanz, die freilich moralisch völlig korrumpiert ist. Welche Korrumpiertheit wiederum nicht selten durch eine Freudianische Backstory vom Anderssein als Makel herrührt, der Hass auf die Welt inspiriert.

Schwule Codierungen in einem guten Sinne

Authentisch, ungekünstelt, frei: Spongebob.

Und natürlich ist die problematische Normativität solcher Schurkenbilder, die Codierung von Kunstfiguren vermittels klischeehafter Eigenschaftenkomplexe, längst Teil des Diskurses, wenigstens des akademischen Diskurses oder eines solchen, der sich dafür hält. Und während es beispielsweise, im Gegensatz zum richtigen Leben, immer noch keinen männlichen, unproblematisch schwulen Disney-Helden gibt, so gibt es doch auch in der Welt der Animation schwule Codierungen in einem guten Sinne: Fröhlichkeit, Lebensbejahung, Hang zu Spiel und Kreativität, Freude an der Schönheit der Welt. Individualistisch, authentisch, ungekünstelt und frei. Das Gute. Trägt Tennissocken. Spongebob. Ich liebe ihn.

5 Kommentare zu «Der Stil des Bösen»

  • Kristina sagt:

    Zu diesen Zeilen muss man schmunzeln. Ich überlegte mir dabei: Captain Chaos oder Captain America?

  • Mike Gerber sagt:

    @Kristina
    Es gibt nur einen, den einzig wahren, CAPTAIN PLANET!

  • Meinrad sagt:

    Die Zeichner von Disney fertigen die Figuren so an, dass das Publikum sofort sieht, wer gut oder böse ist. Der seltsame Grund liegt darin, dass die Guten mit makellosem Äussern dargestellt werden, die Bösen aber hässlich. Woher das kommt, ist kaum zu erklären, wurde aber in schlimmsten Zeiten schon ausgenutzt, etwa von Wilhelm Busch oder den Nazis. Und schon sind wir in der Zwickmühle: Wer hat wann das erste Vorurteil in die Welt gesetzt? Auch die rezente Political Correctness stört, weil man kaum noch weiss, was man öffentlich sagen darf. Die Meinungsäusserungsfreiheit ist eine grosse Errungenschaft, die nicht durch moralische (wohl aber rechtliche) Sanktionen begeschränkt werden soll. – Selbstredend kann auch Tuntiges darauf verweisen, eine Schöne Seele pflegen zu können.

  • Henry sagt:

    Dem Schurken sieht man das Böse im Film an, weil er hässlich ist ? Nun, ich weiß nicht. Wieviele makellose, gut aussehende Indianer wurden denn, in 90% der Filme des Genres „Western“, von Sheriffs mit oft fragwürdiger Physiognomie erschossen oder gehängt ?

  • Dominique Raphael Kläy sagt:

    Sehr geehrter Herr Tingler

    Auch sehr zu empfehlen, da zwischen Gut und Böse, zwischen „Teufel“ und Sponge Bob angelegt, und darin anarchischer als andere Figuren: „The Red Guy“ aus „Cow and Chicken“, eine Art Trickster-Figur.

    Freundliche Grüsse

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