Sinkt das Niveau?

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Letzte Woche, meine Damen und Herren, haben wir an dieser Stelle festgestellt, dass die Standards der Konsumkultur immer sophistizierter werden. Wie aber sieht es aus mit den Standards des Kulturkonsums? Es ist ja nicht nur so, dass Fiktionswerte die zuvor über Gebrauchswerte definierte materielle Dingwelt erobern – Konsumgegenstände also immer mehr zu dem werden, was man früher «Kunst» nannte. Sondern parallel dazu (und möglicherweise nicht unabhängig davon) ist die umgekehrte Entwicklung festzustellen: dass die Kunst sich der Ware annähert.

Und zwar bisweilen einer Ware von Ramschniveau. In jedem Milieu, von konservativ bis linksalternativ, lässt sich gelegentlich die Klage vernehmen, man fühle sich von dem, was heute für Kunst durchgehe, unter Niveau angesprochen oder gar zynisch behandelt, also veralbert. Ich für meinen Teil habe im letzten Jahr nicht unkommentiert gelassen, wie ein Schundroman den Schweizer Buchpreis bekommen hat. Nachdem ich das im «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens konstatiert hatte, waren die Reaktionen aus dem Publikum überaus zahlreich. Ungefähr 70 Prozent in der Richtung «Endlich traut sich mal jemand» und ungefähr 30 Prozent in der Richtung «Sie sollten sich schämen».

Der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa hat festgestellt, dass die Allgegenwart einer Unterhaltungskultur – die den Anspruch auf Transzendenz aufgegeben hat und Genuss nur noch als Konsum vollziehen kann – das Kulturleben trivialisiert und ins Mittelmass herabzieht. Formale Laxheit und inhaltliche Seichtigkeit der Kulturprodukte würden mit dem demokratischen Anspruch gerechtfertigt, die grösstmögliche Anzahl von Menschen zu erreichen. «Kultur» werde dann bloss noch als angenehme Art verstanden, die Zeit zu verbringen. Bis eine Verdi-Oper, Kants Philosophie, David Bowie und eine Vorstellung des Cirque du Soleil als gleichwertig betrachtet werden. Nicht zu vergessen: die Kardashians.

In seinem jüngsten, kürzlich erschienenen Buch «Die Kunst und das gute Leben» konstatiert der Kunstkritiker Hanno Rauterberg, dass die Kunst und ihr Betrieb gegenwärtig einen Struktur-, wenn nicht gar Epochenwandel durchlebten. Von den modernen künstlerischen Idealen der Autonomie, Freiheit und Originalität ist kaum etwas übrig. Vielmehr beherrsche, gerade im hochpreisigen und hochetablierten Segment des Kunstmarkts, ein Typus die Szene, der aus der Vormoderne zurückgekehrt scheint: der Auftragskünstler, für vermeintliche Mäzene und Konzerne sich verdingend. Aus Kunst werde oft genug blosses Design. Die Autonomie der Kunst, eine Errungenschaft der Moderne, sei in der Spätmoderne vorbei, sagt Rauterberg. Ende des Genie- und Originalitätsgedankens. Stattdessen: Rekreation statt Kreativität, Bewegung vom Werk zur Tat beziehungsweise zum «Event», Verlust der Eigenwirkung und Eigenweltlichkeit der Kunst, hysterische Vermarktung und Spekulation: Kunst fungiert hier nicht mehr als Ausdruck von Wahrheit, sondern von Wohlstand; der Preis wird zum alleinigen Indikator des Werts.

Beide, Vargas Llosa und Rauterberg, weisen implizit auf einen interessanten Unterschied zwischen Kunst und Ware hin, den ich hier pointiert wie folgt ausdrücken möchte: Bei der Ware setzt das Angebot die Qualitätsstandards; bei der Kunst die Nachfrage, also Publikum und Kritik. Und offenbar ist just diese Nachfrage aktuell so beschaffen, dass keine kontinuierlichen Niveausteigerungen, sondern eher tautologische Prozesse zu erwarten sind: Eine Mehrheit gibt sich anscheinend mit dem zufrieden, was ihr geboten wird.

Bild oben: Ein Besucher und das Werk «Man with monkey head» des deutschen Künstlers Stephan Balkenhol an der Art Basel in Hongkong. Foto: Kin Cheung (Keystone)