Zum Tod des Telefongesprächs

tel

Kennen Sie das, meine Damen und Herren? Wenn man von unterwegs angerufen wird? Und manchmal beschleicht einen die Ahnung, dass der Anrufer nicht zuletzt Zeit im Taxi oder in der Flughafenlounge überbrücken will, was tendenziell unmanierlich ist, weil es dem Angerufenen eine Lückenfüllerrolle zuweist. Dies ist eigentlich nur geringfügig besser, als jemanden aus Versehen aus der Hand- oder Hosentasche heraus anzurufen. Oder, halt, eigentlich ist es schlimmer. Wenn zum Beispiel der Anruf dann auch noch dauernd durch Anweisungen an den Taxifahrer unterbrochen wird, sollten Sie wie folgt reagieren: «Oh, ich höre, du hast zu tun. Lass uns später weitersprechen. Bis dann!» Um den Multitasker oder die Multitaskerin am anderen Ende müssen Sie sich keine Sorgen machen; das nächste Opfer ist nur einen Fingerstrich entfernt.

Anrufe von unterwegs sind eines der markantesten Beispiele für die Änderung des kulturellen Stellenwerts des Telefonanrufs. Wissen Sie noch, wie das früher war? Welche Bedeutung ein Anruf einst hatte? (Oder sind Sie so jung, dass Sie noch nie eine Wählscheibe bedient haben?) Der britische Kolumnist und Zeitkritiker A. A. Gill monierte unlängst in «Vanity Fair» den Tod des Telefonats. Offenbar rangiert das Ferngespräch nur an sechster Stelle der beliebtesten Nutzungen des Mobiltelefons. Früher hingegen hatte ja so ein Telefonat eine gewisse Bedeutung; es wurde nicht selten verabredet oder war gar regelmässige Pflicht; beide Seiten mussten sich dafür an einem bestimmten fixen räumlichen Ort aufhalten. Und dieser Aufwand sorgte dafür, dass ein Ferngespräch eine gewisse Gravität hatte.

Und heute? Heute macht niemand mehr diese Kleiner-Finger-an-den-Mund-Daumen-ans-Ohr-Geste für «Ich rufe dich an». Die Geste ist kulturell obsolet, genau wie der zivile Überschallflugverkehr oder unironisches Hütetragen jenseits von Ascot und Bayreuth. Und A. A. Gill weist zu Recht darauf hin, dass auch die Telefonbeantworterkultur den Bach runtergeht. Also nicht nur diese klobigen Gerätschaften (die ganz frühen mit kleinen Tapes, erinnern Sie sich?), sondern auch «Voice Mail» überhaupt, die ebenfalls ein Opfer des Sterbens der Ferngespräche und des Rückgangs der allgemeinen Verbalisierung zugunsten der Visualisierung werde. Gill schreibt: «No one speaks, so no one bothers leaving messages anymore. Now we’re just all missed calls, like dead leaves on the lawn.»

Apropos «missed calls»: Auch wenn das Telefonat vom Aussterben bedroht ist – für eine privat angerufene Person besteht (seit jeher) a priori keinerlei Pflicht, das Telefon persönlich zu beantworten, sei es am Festnetz oder mobil. (Und sofern keine Nachricht hinterlassen wird, besteht ebenfalls keinerlei Pflicht, zurückzurufen.) Falls man einen Anruf auf dem Mobiltelefon nicht annehmen möchte, kann man es klingeln lassen, bis die Beantworterfunktion anspringt. Oder man kann den Anruf vorher abweisen, also wegdrücken, worauf der Anrufer meist ebenfalls auf Voice Mail geleitet wird. Auch wenn er dann keine Nachricht hinterlässt. Und die Abweisung eventuell merkt. Es gibt Zeitgenossen, die die Klingeltöne zählen, bis die Voice Mail anspringt. Und dann beleidigt sind. Wenn Sie also niemandes Gefühle verletzen und trotzdem nicht gestört werden wollen, machen Sie das Telefon einfach aus. Oder wenigstens den Ton. Dann brauchen Sie nicht wegzudrücken. Falls doch noch mal jemand anrufen sollte. Zum Beispiel aus dem Taxi.

Bild oben: Bei Anruf Mord? Foto: Szene aus dem Film «The Telephone Book», 1971