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Das alte Hollywood

Zum Andenken an William Holden. Und an ein Filmgeschäft, das es so nicht mehr gibt.

Heute möchte ich gern an den Schauspieler William Holden erinnern, meine Damen und Herren. Der Grund ist nicht ein Jahrestag oder Jubiläum, Holden starb im November 1981 im Alter von 63 Jahren. Und zwar weil er betrunken mit dem Kopf an seinem Nachttisch angeschlagen war. Der famose Regisseur Billy Wilder, der mit Holden befreundet war und ihn 1950 an der Seite von Gloria Swanson mit einer Hauptrolle in seinem famosen Meisterwerk «Sunset Boulevard» (deutsch: «Boulevard der Dämmerung») besetzte, bemerkte dazu: «Wenn mir jemand gesagt hätte: ‹William Holden ist gestorben›, hätte ich angenommen, dass er von einem Wasserbüffel in Kenia aufgespiesst worden oder im Anflug auf Hongkong mit dem Flugzeug abgestürzt wäre. Oder dass irgendeine eifersüchtige Frau auf ihn geschossen hätte, worauf er in einen Swimmingpool gestürzt und ertrunken wäre. Aber von einer Flasche Wodka und einem Nachttisch umgebracht zu werden – was für ein lausiges Schlussbild für so einen grossartigen Mann!»

Der Grund, warum ich an William Holden erinnern möchte, ist der, dass ich kürzlich wieder «S.O.B.» gesehen habe, ein weiteres Meisterwerk der Filmkunst, jene Hollywood-Satire des ebenfalls meisterhaften Blake Edwards aus dem Jahre 1981. (Einer der wenigen Filme dieser Ära, bei dem auch der deutsche Titel irgendwie gut ist: «S.O.B. – Hollywoods letzter Heuler».) Dieser Film, in dem die Schauspielerin Julie Andrews (bis zu seinem Tode im Jahre 2010 die Ehefrau von Blake Edwards) mit glorioser Selbstironie über sich und ihr Mary-Poppins-Image hinauswächst, parodiert ein Filmgeschäft, das es so nicht mehr gibt. So wie es nunmehr nur noch wenige Schauspieler gibt, die ein Männlichkeitsideal wie William Holden verkörpern: Maskulinität, Intelligenz und Empfindsamkeit in einer perfekten, selbstvergessenen Mischung. Paramount cool.

«S.O.B.» ist ironischerweise der letzte Film mit William Holden, seine Abschiedsvorstellung. Er spielt darinnen den Regisseur Tim Culley, der seinem Freund, dem Produzenten Felix Farmer, der Blake Edwards nicht ganz unähnlich ist und dessen letzter Film «Night Wind» sich als phänomenaler Flop entpuppte, eine kleine Ansprache hält. Und zwar nachdem Felix aufgrund des Misserfolgs, der in Hollywood einem Todesurteil gleichkommt, gerade ein paarmal auf ziemlich pathetische Weise versucht hat, sich umzubringen. Da spricht William Holden folgende Worte: «Felix, über die letzten 40 Jahre hinweg habe ich ein Leben hingebungsvoller Prasserei und Ausschweifung geführt. Ich habe genug Alkohol konsumiert, um ein Dutzend gesunder Lebern zu zerstören. Ich habe meine Lungen mit genug Nikotin gefüllt, um die gesamte Bevölkerung von Orange County zu vergiften. Ich habe in sexuellen Exzessen geschwelgt, die Caligula wie einen zölibatären Mönch aussehen lassen. Ich habe, in der Tat, täglich und bewusst, versucht, mich umzubringen – und ich habe mich nie im Leben besser gefühlt. Also: Falls du wirklich allem ein Ende setzen willst, kann ich dir ein halbes Dutzend fabelhafter Methoden zeigen.»

Das war ein perfekter Kommentar auf das alte Hollywood, wobei «alt» hier sowohl die Stummfilmära umfasst wie auch das Studiosystem der Dreissiger-, Vierziger- und Fünfzigerjahre und schliesslich die Phase der Emanzipation und der Experimente in den Sechziger- und Siebzigerjahren. Und heute? Heute mutet diese Ansprache seltsam fremd an. Heute haben wir die Kardashians.

Im Bild oben: Audrey Hepburn und William Holden in «Sabrina» (1954). (Keystone)

Philipp Tingler

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Publiziert am 6. Januar 2016

2 Kommentare

  1. Eos says:

    Zum Männlichkeitsideal und zur Maskulinität von Holden: Max Weber forderte als männliche und herbe Haltung “Sachlichkeit und Ritterlichkeit”. Ritterlichkeit – was für ein Wort! Und heute?

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  1. Eos says:

    Zum Männlichkeitsideal und zur Maskulinität von Holden: Max Weber forderte als männliche und herbe Haltung “Sachlichkeit und Ritterlichkeit”. Ritterlichkeit – was für ein Wort! Und heute?

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