Berühmtheit und Gefallen

Die Schauspielerin Hildegard Knef (1925-2002), aufgenommen am 18. Oktober 1962 in Rom bei der Anprobe. Sie verkoerpert im Film

Hildegard Knef wäre am Montag 90 Jahre alt geworden, meine Damen und Herren. Sie ist seit knapp 14 Jahren tot, aber unvergessen. Das hängt auch mit dem zusammen, wofür sie stand und steht: für ein Konzept von Berühmtheit, das von früher ist. Hildegard Knef gehörte zu den wenigen deutschsprachigen Stars, die auch im europäischen Ausland und den USA bekannt waren. Sie war Schauspielerin und Sängerin, Broadway-Star und Bestseller-Autorin. Und Erfolg und Niederlagen lagen in ihrem Leben stets nah beieinander. Es war ein Pendeln zwischen den Extremen.

Hildchen war robust, doch ihre Gesundheit stark angegriffen. Ihr Facelifting in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts wurde ein grosses Thema. Das war noch so ein brachiales Lifting der alten Brigitte-Horney-Schule; nicht eine der ambulanten sanften minimal-invasiven Prozeduren, die man heute kennt und die in der Legion der spätmodernen Pseudo-Berühmtheiten zu einer Art Einheitsgesicht geführt haben, moduliert von jener Sparte der Chirurgie, die nicht immer zu Recht als die ästhetische bezeichnet wird: leicht überspannte Augenpartien, dazu Schlauchbootlippen und Zähne, die im Dunkeln leuchten, sowie für immer gefrorene Gesichtszüge.

Unsere herrlich beschleunigten Zeiten neigen ja zur Ansicht, jeder könne zum Superstar werden. Was glücklicherweise nicht stimmt. Noch viel weniger aber kann jeder ein Superstar sein. Jenseits von Theorien wie jener des deutschen Angstforschers Borwin Bandelow, der Berühmtheitskarrieren essentiell als Borderlining und Abusus sieht, ist doch, über den Kontrast mit der Durchschnittlichkeit, das Wesen der Berühmtheit als kultureller Archetypus zu würdigen, als psychosoziale Idealform, die ein ganz und gar anderes Leben darstellt und verlangt. Das Dasein der Berühmtheit – es ist distinkt auf ewig. Darinnen besteht sein Wesen. Und das ist weder gut noch schlecht, sondern rein phänomenal.

Das oberste Ziel der spätmodernen Pseudo-Berühmtheiten in Pseudo-Realitäten dagegen ist: zu gefallen. Dies war nun nie das oberste Ziel von Hildegard Knef, zum Beispiel. Denn Glamour hat mit Abstand zu tun. Auch mit Schwindel, übrigens; mit der Verwischung der Wirklichkeit, für die man eben Distanz braucht: eine Art magische Kraft, die dafür sorgt, dass ein Phänomen besser aussehen kann als in Wirklichkeit. Etwas Surreales, Bezauberndes. Glamour ist eben zugleich mehr und weniger als Schönheit: Glamour ist Feenstaub und Glauben-Machen; ungewöhnlich, atemberaubend, seltsam, verlockend. Glamour hat einerseits etwas Überzeitliches – und andererseits immer auch einen Bezug zum Alltäglichen, das es erhebt, zum Heute. Und die Illusion der Erreichbarkeit. Glamour ist auch etwas Dubioses, was vorgibt, das Wahre zu sein … und damit durchkommt. Sofern man nicht zu nah rangeht. Zu nah ranzugehen bleibt die Domäne des Casting-Fernsehens.

Bild oben: Hildegard Knef 1962 bei den Dreharbeiten zu «Katharina von Russland». Foto: Keystone/Str