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Der Profiler, der Täter anhand ihrer Briefe überführt

Mathias Morgenthaler am Freitag den 17. Februar 2012

Sprachwissenschaftler wirken für gewöhnlich an Universitäten. Nicht so Raimund Drommel: Um seine Dienste bemühen sich Anwaltskanzleien, Gerichte und Weltkonzerne. Der Pionier in sprachwissenschaftlicher Kriminalistik erläutert, wie er Erpresser aufgrund ihrer Textbotschaften überführt, warum Frauen brutaler schreiben und wie ihm einmal eine schwere Fehleinschätzung unterlief. Download der PDF-Datei


Herr Drommel, Sie arbeiten als Sprachprofiler. Was für Fälle landen auf Ihrem Pult?
RAIMUND DROMMEL: Ich erstelle anhand von Schriftdokumenten Täterprofile. Meine Kunden sind mittelständische Unternehmen, Konzerne, Sicherheitsfirmen, Anwaltskanzleien, Gerichte. Oft geht es um Erpressung, Drohungen aller Art, Mobbing, üble Nachrede. Wenn etwa in einem Unternehmen mit 5000 Angestellten eine Morddrohung mit DNA-Spuren eingeht und man den Urheber intern vermutet, können Sie nicht alle 5000 Mitarbeiter zum DNA-Test vorladen. Dank der Sprachprofiling-Methode gelang es, den Täterkreis rasch einzugrenzen. Ich war mir sicher, dass der Verfasser der Morddrohung eine Frau mit französischer Muttersprache war. Davon gab es nur vier im ganzen Unternehmen.

Das heisst, Frauen schreiben anders?
Ja, Frauen leben in einer anderen Welt als Männer; wer mit einer Partnerin lebt, weiss das. Das Klischee «Ein Mann, ein Wort – eine Frau, ein Wörterbuch» hat seine Berechtigung, das kann Ihnen jeder Handyverkäufer bestätigen. Frauen sind tendenziell beziehungs- und problemorientiert, sie schreiben ausführlicher und besser. Männer sind ziel- und sachorientiert. Hinter nüchternen Erpressungen stehen praktisch immer Männer, bei Frauen steht sehr oft ein Beziehungsaspekt im Vordergrund. Deshalb ist auch klar: Wenn jemand über einen sehr langen Zeitraum Drohbriefe erhält, ist der Absender immer eine Frau. Ein Mann brächte nicht die erforderliche Hartnäckigkeit auf.

Und wenn sich eine Frau bemüht, kurz und betont sachlich zu schreiben, erkennen Sie das Geschlecht trotzdem?
Ja. Es gibt so viele Merkmale, da kann sich niemand verstellen. Frauen haben ein Faible für Reime, sogar Schmäh- und Drohbriefe verfassen sie nicht selten in Versform. Und erstaunlicherweise schreiben Frauen oft härter, vielleicht kompensieren sie mit drastischer Wortwahl die physische Unterlegenheit. Aber es geht natürlich nicht nur ums Geschlecht. Wichtig sind auch ungefähres Alter, Bildungsgrad, berufliches Milieu und Muttersprache. Und das Allerwichtigste ist der Gefährdungsgrad, also die Antwort auf die Frage: Macht ers oder macht ers nicht? Neun von zehn Erpressungsschreiben erschöpfen sich in verbalem Imponiergehabe.

Woran erkennen Sie, ob jemand bis zum Äussersten geht?
Profis schreiben meistens emotionslos, knapp, zielgerichtet. Amateure, die aus persönlicher Not oder einer Verletzung heraus agieren, wiederholen sich, schreiben umständlich, zu emotional: da hat man manchmal das Gefühl, sie müssten sich selber davon überzeugen, dass es ernst gemeint ist. Viele wollen einfach für Unruhe sorgen oder ein paar Minuten Medienpräsenz erhaschen.

Haben Sie nie ein mulmiges Gefühl, wenn Sie einem Kunden versichern, der Verfasser einer Morddrohung oder einer Erpressung werde das Geschriebene nicht in die Tat umsetzen?
Es bleibt immer ein Rest Unsicherheit, wir reden von Wahrscheinlichkeiten. Ich habe mich zum Glück in 25 Jahren nur einmal gründlich getäuscht. In dieser Zeit habe ich allein für Gerichte über 700 Gutachten erstellt. Die Erfolgsquote liegt bei 99,9 Prozent.

Was war das für ein Fall?

Es ging um Diebstahl und Sachbeschädigung in einem Telekommunikationsunternehmen. Anhand eines Bekennerschreibens sollte ich den Täter eruieren. Ich schätzte den Urheber auf 50- bis 55-jährig und taxierte ihn als eher harmlos. Das war leider eine schwere Fehleinschätzung. Der Täter war Mitte 20 und brandgefährlich, kurze Zeit später beging er einen Mord. Der Mann hatte eine multiple Persönlichkeit. Er war in der Lage, die Sprache seines Vaters perfekt nachzuahmen. Aber so einen Fall gibt es einmal auf 10 Millionen.

Sie haben Sprachwissenschaften und Psychologie studiert und gelehrt. Wie wurden Sie zum Sprachdetektiv?
Ich habe mich immer dafür interessiert, was Menschen mit der Sprache machen und was die Sprache mit Menschen macht. Weil ich die wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Praxis erproben wollte, gab ich Seminare für Ärzte und schulte Polizisten darin, besser mit Verkehrssündern und Geiselnehmern zu kommunizieren. Als dann ein Polizeichef anonym beleidigt wurde, fragte mich die Polizei, ob ich dieser Sache nachgehen könnte. So erarbeitete ich ein Programm für sprachwissenschaftliche Kriminalistik. Man muss das automatisieren, denn der Mensch ist fast immer zu emotional und zu eitel, um diese Arbeit gut zu machen.

Wie lange brauchten Sie, um Ihren ersten Fall aufzuklären?
Fast ein halbes Jahr – ich musste mir ja erst die Methodik erarbeiten. Es war insofern ein Glücksfall, als der Täter aus dem Polizeimilieu stammte. So hatten wir sehr viel Vergleichsmaterial zur Verfügung. Der Mann war nicht in der Lage, seinen Sprachstil zu variieren. Liebesbriefe schloss er ab mit der Bemerkung: «Mehr kann ich dazu nicht sagen.» Und in einer Beschwerde an einen Grossverteiler schrieb er: «Ihr Produkt veranlasste unseren Sohn zu Ausbrüchen des Weinens.»

Analysieren Sie auch Abschiedsbriefe?
Ja, das ist eine wichtige, sehr schwierige Aufgabe. Wenn ich ein solches Schriftstück vor mir habe, kann ich nicht wissen, ob der Schreibende wegen des bevorstehenden Suizids aufgewühlt war oder ob ihm jemand eine Pistole an den Kopf hielt. Beides schlägt sich in Schrift und Sprache nieder. Aber eingeschliffene Sprachmuster legt man auch in so einer Situation nicht ab. Das half mir in einem Fall, anhand von nur zwei Worten nachzuweisen, dass es kein Suizid, sondern Mord war. Das Opfer hatte in allen Schriftstücken sehr oft die Kombination «ja dann» verwendet. Im Abschiedsbrief stand aber «dann ja». Der Mörder, ein Berufsverbrecher, war ein «dann ja»-Mensch.

Wird Sprachprofiling auch eingesetzt, um Stellenbewerber zu prüfen?
Ja, immer öfter. Es hat sich nämlich gezeigt, dass Mitarbeiter, deren Charakter und Fähigkeiten nicht gut zum Anforderungsprofil der Stelle passen, ein grosses Risiko darstellen für die Unternehmen. Nicht nur kostet das Geld, sondern diese Leute entwickeln Aggressionen, die zu Mobbing, Geheimnisverrat oder Erpressung führen können. Gerade in mittelständischen Unternehmen, wo der Chef nach Gutsherrenart Führungskräfte auswählt, passieren haarsträubende Fehler bei der Einstellung. Screent man Bewerbungsschreiben und Lebensläufe, sieht man in den meisten Fällen gut, ob jemand extrem Ich-zentriert, eher sachorientiert oder primär geldfixiert ist. Das erspart viele unliebsame Überraschungen.

Kontakt und Information:
www.sprachdetektiv.de

Literatur: Raimund Drommel: Der Code des Bösen. Die spektakulären Fälle des Sprachprofilers. Heyne Verlag 2011.

Veranstaltung: Raimund Drommel referiert am 2. März im Hallenstadion Zürich anlässlich des 2. Weblaw Forums. Details: http://forum.weblaw.ch

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3 Kommentare zu „Der Profiler, der Täter anhand ihrer Briefe überführt“

  1. Unliebsame Überraschungen könnten sich Unternehmen auch ersparen, indem sie ein graphologisches Gutachten der Bewerber erstellen lassen. Es liefert klare Aussagen über Charakter und Fähigkeiten. Ob jemand sachorientiert handelt oder ob vor allem Ich-Zentriertheit und damit Streben nach persönlichem Erfolg die Antriebsfeder ist.

  2. dan meier sagt:

    Interessantes Interview. Würde mich interessieren, wie die Erfolgsquote der Aufklärung bei den Profis ausfällt, etwa bei Werbern und PR-Leuten, die sich daran gewöhnt sind, unterschiedliche Stile und Themen für unterschiedliche Zielgruppen zu formulieren, um diese in ihrem Sinne zu manipulieren. Immerhin sind diese Profis die wirklich Grossen im Geschäft mit sublimer Drohung, Erpressung und Verführung. Für die meisten Leute ist der Umgang mit Sprache, gerade in schriftlicher Form, eine grosse Herausforderung und der resultierende Text entsprechend schlecht und wohl relativ leicht persönlich zuordenbar.

  3. Oesch sagt:

    Eine Erfolgsquote von 99.9% ist unmöglich!

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