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«Die Neugier war meistens grösser als die Angst»

Mathias Morgenthaler am Donnerstag den 26. Mai 2011

Mats StaubMats Staub wollte Manager werden, doch nun erfindet er sich Jahr für Jahr ein neues Projekt. Dabei ist ihm wichtig, die Menschen zum Erinnern anzuhalten. «Es braucht Momente des Innehaltens, um sich zu vergegenwärtigen, was gewesen ist, woher etwas kommt, wie wir zu denen geworden sind, die wir sind – und ob das so bleiben soll», sagt der 38-jährige Künstler. PDF-Datei zum Download

Herr Staub, Sie realisieren Jahr für Jahr eigene Kunstprojekte. Einmal eine Audio-Bar mit Liebesbriefen, dann ein Erinnerungsbüro, in dem Sie die Erinnerungen von Enkeln an ihre Grosseltern aufzeichnen, und nun verwandeln Sie die Berner Rathausgasse in einen Ausstellungsort. War in Ihrem Leben die Neugier immer grösser als die Angst?
MATS STAUB: Die Angst war nicht klein, aber die Neugier konnte sich meistens durchsetzen. Wenn es stimmt, dass man entweder Glückssucher oder Unglücksvermeider ist, dann gehöre ich sicher zu jenen, die das Glück suchen. Das Wirtschaftsgymnasium begann ich noch mit dem erklärten Ziel, später ein Manager zu werden. Glücklicherweise weckten ein guter Deutsch- und Musiklehrer andere Interessen. Nach der Matura hätte ich am liebsten ein Zwischenjahr eingelegt und jeden Monat einen anderen Beruf ausprobiert – vier Wochen in einer Fabrik, vier Wochen im Büro, vier Wochen als Strassenwischer und so weiter. Die wirtschaftliche Lage war aber so unsicher, dass ich fürchten musste, ein Jahr in der Fabrik hängen zu bleiben. Also begann ich dann doch, Theaterwissenschaften, Journalistik und Religionswissenschaften zu studieren.

Da waren Sie immer noch auf gutem Weg, später einen ganz gewöhnlichen Beruf zu ergreifen.
Ich arbeitete neben dem Studium als Journalist. Das war fantastisch, weil mir diese Rolle erlaubte, unterschiedlichsten Menschen Fragen zu stellen. Die Kehrseite war, dass man für alles zu wenig Zeit hatte. Wenn ich eine Geschichte so recherchierte und schrieb, wie ich das für richtig hielt, standen Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis. Zudem tat ich mich bald schwer mit der Rolle des Theaterkritikers. Was zählte war doch, ob mich eine Aufführung berührte, und genau dies war nicht möglich, wenn ich möglichst objektiv darüber schreiben musste.

Nach dem Universitätsabschluss wechselten sie die Seite und wurden Assistent am Neumarkttheater.
Ja, „Tramaturg“, wie der Beamte ins Formular schrieb, als ich mich in Zürich anmeldete. Ich bin da hineingerutscht und erhielt relativ rasch die Chance, etwas Eigenes zu machen. Das Theater ist ja sehr feudalistisch organisiert, es gibt die Könige, sprich: die Intendanten, und wenn du deren Gunst hast, kannst du etwas tun. Ich schlug das Projekt „5000 Liebesbriefe“ vor, das den Theaterbesuchern erlauben sollte, in vielstimmige Liebesgeschichten aus dem 20. Jahrhundert einzutauchen. Das ungewohnte Projekt zog allen Bedenken zum Trotz sehr viele Besucher an, auch solche, die sonst nie einen Fuss in dieses Theater gesetzt hätten.

Trotz des Erfolgs verliessen Sie das Neumarkttheater.
Wenn der König abdankt, muss der Hofstaat auch gehen. Es gab aber noch einen tieferen Grund. Ich war als Dramaturg immer im Spannungsfeld zwischen Intendant und Regisseur. Da wirst du oft zwischen fremden Interessen zerrieben, kommst eigentlich immer zu spät und kannst nur das Schlimmste verhindern. Da ich mich bei einem Gastspiel verliebt hatte, lockte der Umzug nach St. Petersburg. Ich fragte mich: Was wird dich mehr reuen, wenn du als Grossvater auf dein Leben zurückschaust? Nicht Chefdramaturg in Hamburg geworden oder nicht nach Russland gezogen zu sein? Ich entschied mich für das Abenteuer und adaptierte das Liebesbriefe-Projekt für Russland und später für Wien.

Und dann lancierten Sie in Bern das Langzeitprojekt «Meine Grosseltern», das inzwischen weit über die Landesgrenzen hinaus Erfolge feiert. Hat es Sie nie gestört, keiner Erwerbsarbeit mit sicherem Einkommen nachzugehen?
Nach der Rückkehr in die Schweiz habe ich das versucht. Als notorischer Vielarbeiter sagte ich mir: 80 Prozent Brotjob und 70 Prozent Kunst, das müsste aufgehen. Leider ging es überhaupt nicht auf. Nach Feierabend im Büro konnte ich nicht einfach auf Inspiration schalten. Ich realisierte, dass ich mich mit einem so genannten Standbein zu wenig bewegen kann, dass ich beide Beine brauche, um in der Kunst etwas zu realisieren. Natürlich ist es schwierig, die Ungewissheit auszuhalten. Ich habe nur eine ungefähre Ahnung, was ich in einem oder zwei Jahren machen werde und kann nicht sicher sein, dass ich mich davon werde ernähren können.

Zuletzt haben Sie 2,5 Monate in der Berner Rathausgasse gelebt und Gespräche aufgezeichnet mit den Bewohnern. Was war Ihr Antrieb für dieses Projekt?
Es gab ein langjähriges Interesse und einen plötzlichen Impuls. Bereits beim Liebesbrief- und beim Grosseltern-Projekt standen Lebensgeschichten von Menschen im Zentrum, die nie prominent gewesen sind. Und seit fünf Jahren hatte ich den Arbeitstitel „Blick hinter erleuchtete Fenster“, weil ich mich bei abendlichen Stadtspaziergängen oft fragte, was für Geschichten dahinter verborgen sind und wie verschiedenste Schicksale zu einer Nachbarschaft in derselben Strasse geführt haben. Im letzen Herbst betreute ich im Schlachthaus Theater an der Rathausgasse eine Theaterproduktion – da dachte ich auf einmal, dass man sich hier mit derselben Aufmerksamkeit wie in einer Ausstellung bewegen sollte. Im Frühling quartierte ich mich hier ein, führte Gespräche, nahm mir viel Zeit und gewann das Vertrauen von immer mehr Geschäftstreibenden und Bewohnern. Die Besucher werden nun im Schlachthaus Theater mit einem iPod ausgerüstet und können damit durch die Gasse gehen und all den Lebensgeschichten lauschen.

Welches Anliegen verfolgen Sie mit Ihrer Arbeit?
Ich finde es gut, wenn sie Menschen zum Erinnern anhält. Anhalten ist durchaus wörtlich zu verstehen. Es braucht Momente des Innehaltens, um sich zu vergegenwärtigen, was gewesen ist, woher etwas kommt, wie wir zu denen geworden sind, die wir sind – und ob das so bleiben soll. Vieles, womit wir uns im Alltag beschäftigen müssen, ist doch eigentlich Schrott. Ich bin kein Nostalgiker, benutze ein Smartphone und blättere auch in Gratisblättern, aber ich möchte mich nicht nur mit Unwesentlichem herumschlagen. Wenn wir etwas tiefer in Lebensgeschichten anderer Menschen eintauchen, führt das immer auch zu einer Auseinandersetzung mit uns selbst.

Schliessen Sie aus, wieder eine feste Anstellung anzunehmen?
Ich weiss es nicht. Jedes Mal, wenn ich einem Impuls gefolgt bin, der tief aus mir kam, sind daraus gute Projekte entstanden. Ich kann nur hoffen, dass das weiterhin funktioniert. Im Moment recherchiere ich in Wien, dort gibt es ähnlich spannende Gassen wie die Rathausgasse – und ich möchte mit dem „Memory Bureau“ in England Geschichten von Grosseltern sammeln.

Kontakt und Information:
www.erinnerungsbuero.net

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