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«Man hat so viel Ruhe und Zeit, wenn man offline ist»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 9. November 2013
Bas van Abel, Erfinder des Fairphones.

Bas van Abel, Erfinder des Fairphones.

Mit nur sieben Festangestellten hat Bas van Abel ein faires Smartphone auf den Markt gebracht und über 20’000-mal verkauft. Der 36-jährige Holländer, der bis vor kurzem ohne Mobiltelefon lebte, peilt mit Fairphone aber nicht in erster Linie Wachstum an. Sein grösstes Ziel ist, dass die Kunden beim Handykauf künftig andere Fragen stellen als die nach Preis und Funktionen.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr van Abel, Sie versuchen, durch die Produktion eines fairen Smartphones gegen Ressourcenverschleuderung und Menschenrechtsverletzungen in der IT-Branche anzukämpfen. Ein Problem ist, dass viele Smartphones nach ein, zwei Jahren durch neue ersetzt werden. Können Sie daran etwas ändern?

BAS VAN ABEL: Wir tragen dem Rechnung, indem wir drei Euro des Kaufpreises für ein Recycling-Projekt verwenden, das Akkus und Batterien aus Ghana zur Aufbereitung nach Belgien zurückholt. Zwei Euro sind fürs Recycling unserer Fairphones reserviert. Zudem haben wir Lieferanten ausgewählt, die dafür bürgen, dass für alle wichtigen Komponenten Ersatzteile verfügbar sind. Der Akku lässt sich auswechseln, bei der Auswahl des Designs und der Materialien haben wir auf Langlebigkeit geachtet. Weiter kann ein Fairphone-Besitzer zwei SIM-Cards ins Gerät einlegen und so Privates und Geschäftliches trennen. Das Bedürfnis besteht schon lange, aber die Telekom-Gesellschaften haben das torpediert, weil sie lieber zwei Geräte verkaufen.

Das alles nützt wenig, solange die Telekom-Unternehmen die Geräte praktisch gratis abgeben.

Die Subventionierung der Smartphones durch Abo-Verpflichtungen ist eine Unsitte. Wir pochen darauf, dass das beim Fairphone nicht geschieht respektive dass der Kunde genau erfährt, was er für die Bindung an einen Anbieter zahlt. Vodafone setzt hier seit kurzem ebenfalls auf Transparenz. Es ist fatal, wenn der Eindruck erweckt wird, die Smartphones kosteten praktisch nichts.

Sie nutzen seit einigen Wochen einen ersten Prototypen des Fairphones. Was hatten Sie vorher für ein Smartphone?

Ehrlich gesagt besass ich vorher gar kein Mobiltelefon. Und das Fairphone, das ich an Konferenzen zeige, nutze ich nur sporadisch, wenn ich im Ausland bin. Smartphones und ich, das passt irgendwie nicht zusammen. Ich verliere sie, vergesse sie aufzuladen, versäume es, Nachrichten zu beantworten… diese Geräte sind einfach nicht für mich geschaffen. Ich geniesse es sehr, offline zu sein. Man hat so viel Ruhe und Zeit zum Nachdenken.

Sie sind Vater dreier kleiner Kinder. Hat Ihre Frau Sie in den letzten Monaten nie gefragt, ob sie nicht einen gewöhnlichen Job machen könnten, statt dauernd nach Kongo oder China zu reisen, um die Smartphone-Industrie zu revolutionieren?

Doch, solche Bemerkungen musste ich mir tatsächlich anhören. Und manchmal frage ich mich auch selber, ob der immense Aufwand gerechtfertigt ist. Aber derzeit überwiegt die Begeisterung darüber, was wir mit unserem kleinen Team von sieben Festangestellten und einigen Freelancern erreichen konnten. Wir haben ein Zeichen gesetzt, das weder die grossen Anbieter noch die Kunden kalt lässt. Wenn die Kunden in den Läden nach Herkunft und Produktionsart einzelner Geräte fragen, kommt etwas in Bewegung. Wenn Konzerne wie Motorola oder Philips sich um faire Rohstoff-Gewinnung im Kongo bemühen, statt diese kriegsgeplagte Region zu meiden und damit weiter ins Elend zu manövrieren, sind das ermutigende Zeichen.

Sie haben sich letzte Woche nach einer Tagung in Bern mit zwei Swisscom-Managern getroffen. Wird das Fairphone bald in den Swisscom-Shops zu kaufen sein?

Es besteht auf beiden Seiten Interesse, aber es gibt noch viele offene Fragen. Wir sind wie erwähnt ein kleines Startup, das geht aufgrund des enormen Medieninteresses manchmal vergessen. Im Prinzip müssten wir zwei Juristen und drei Account Manager einstellen, um die Anforderungen eines Unternehmens wie der Swisscom zu erfüllen. Wir wollen aber kein ungesundes Wachstum und im jetzigen Stadium auch keine Fremdfinanzierung. Daher können wir nur mit Telekom-Firmen zusammenarbeiten, die uns helfen, das Business weiterzuentwickeln, ohne damit sofort viel Geld zu verdienen. Die Holländische Telekom-Gesellschaft KPN hat 1000 Fairphones gekauft, mit einigen anderen Anbietern sind wir im Gespräch.

Wird es ein Fairphone 2 geben?

Ja, wir haben bereits mit der Entwicklung begonnen. Wir wollen noch mehr auf geschlossene Lieferketten setzen, die wir ganz überblicken. Sobald wir wissen, dass wir die Produktion grundsätzlich im Griff haben, können wir noch anspruchsvoller werden in den Details. Unsere grösste Hoffnung ist, dass wir nicht die einzigen Anbieter von Fairphones bleiben. Wir freuen uns auf Nachahmer respektive Konkurrenten – die Pionierrolle kann uns ja niemand mehr nehmen.

Wie schaffen Sie es eigentlich, als Kleinstunternehmen ein Smartphone für 400 Franken zu produzieren, wenn die viel grössere Konkurrenz Preise von 500 bis 800 Franken verlangt?

Sie dürfen das Fairphone nicht mit den Spitzenmodellen von Apple oder Samsung vergleichen. Wir haben bewusst ein Mittelklasse-Smartphone entwickelt, das die Ansprüche der meisten Benutzer befriedigt. Es ist leistungsstark, aber nicht auf dem technischen Level der teuersten Modelle der Konkurrenz. Grundsätzlich sind unsere Kosten höher als bei der Konkurrenz, weil wir viel kleinere Stückzahlen produzieren, aber wir haben eine viel geringere Marge. Derzeit arbeiten wir kostendeckend. Wenn wir künftig mehr produzieren, werden wir Gewinne machen – und diese in weitere Verbesserungen in der Lieferkette investieren.

Teil 1 des Interviews 

ist vor einer Woche an dieser Stelle erschienen.

Kontakt und Information: 

www.fairphone.com

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13 Kommentare zu “«Man hat so viel Ruhe und Zeit, wenn man offline ist»”

  1. Daniel Blattmann sagt:

    Bravo Herr van Abel. Offline zu sein ist tatsächlich wunderbar. Ich bin es auch. Ich besitze ein Handy, aber nur meine Frau und die Kinder haben die Nummer, falls etwas passiert. Mich regt es so tierisch auf, z.B. in den Zügen die Lebensgeschichte anderer anhören zu müssen. Es sollte handyfreie Zonen geben mit hohen Bussen, wenn man sich nicht daran hält (im Zug z.B. wie anstatt früher Raucherabteil, nun ein Handyabteil). Weiter so, all der Schnickschnack in den Handys braucht man sowieso nicht.

  2. susanne beerli sagt:

    Bewundere den Mut, jedoch sind seine Argumente nicht stichhaltig: es wird auf Langlebigkeit gesetzt, aber man arbeitet bereits am Nachfolgeprodukt? Dual-SIM Handys gibt es schon lange von Sony, Samsung usw. Und Android-Smartphones gibts bereits unter 100 Fr. Die paar Fränklein Allmosen vom Fairphone kann ich direkt einer Wohltätigkeitsorgansiation spenden. Gute PR aber ich sehe leider wenig Marktchance.

  3. Claudia Hesse sagt:

    Super Initiative….ich finde es schon lange bescheuert, alle 2 Jahre das Handy zu wechseln und tue es nicht. Kehrseite ist leider, dass die Teile dann nach spätestens 3 Jahren anfangen Mucken zu machen…..Akku entlädt sich in Windeseile, die Netzabdeckung wird mirakulöserweise immer schlechter usw…..bis man quasi austauschen muss, wenn man ein funktionierendes Handy braucht. Weiter so Herr van Abel!

  4. Martin sagt:

    Das wusste ich schon vor 15 Jahren. Warum muss man immer und ueberall erreichbar sein?

  5. Lea Camenzind sagt:

    Als Swisscom und KPN würde ich auch Interesse zeigen – um die Idee dann in Fernost kopieren zu lassen.

    Ich empfinde Herrn Morgenthaler als grenzenlos naiv: Dual-SIM-Handys gibt’s seit Jahren, und 400 CHF habe ich dafür noch nie bezahlt, nicht einmal 200. “Faire Herstellungsbedingungen” zu erwarten auf anderen Kontinenten – erst recht im Kongo! – nein, für eine solche Absichtserklärung, ein solches Lippenbekenntnis würde ich als Kunde keinen Cent Aufpreis bezahlen. Und einem Zwang, mir alle 2 Jahre ein neues Handy zu kaufen, unterliege ich als Endbenutzer nicht.

    Mir tun die Investoren, welche das 7-köpfige Team z.Z. durchfüttern, schon jetzt leid. Das gibt einen Totalverlust.

  6. Hefti Rolf sagt:

    Leider scheint das in unserer Zeit so zu sein haben, égal ob mit Produkten, Tieren oder Menschen. Moeglichst schnell gebraucht und dann weggeworfen. Ich arbeite in einem Entsorgungs und Wiederverwertungs Betrieb. Eigentlich muesste ich nichts mehr Neu kaufen, alles Einjahrige liegt in der Mulde.

  7. R.F. sagt:

    Also ich würde für ein “Fair” produziertes highend Smartphone mehr bezahlen. Das Smarphone ist für mich das zentrale Kommunikationsmittel, die perfekte Plattform um auch Termine mit mehreren Leuten zu organisieren. Möchte nicht mehr ohne sein.

  8. Meret Bertschinger sagt:

    Spitzenleistung ohne Millionensaläre. Das Beispiel Fairphone zeigt für mich auch auf, dass kleine Unternehmen mit gesunden Gefüge bei Lohnkosten genau ebenso grosse Leistungen erbringen können wie teuer bezahlte Topmanager von Grosskonzernen. Das ist für mich die Zukunft, tolle Produkte aus kleinen Firmen. Wir brauchen keine Abzocker, die viel versprechen, aber kaum etwas halten und ihren “Lohn” hauptsächlich als Risikoprämie für den Fall der Entlassung verstehen. Wer jederzeit damit rechnet, entlassen zu werden, leistet nämlich gar nicht top, sondern riskiert zu viel und spielt mit Geldern von Kunden Monopoly. Bas van Abel scheint der Gegenentwurf dazu zu sein.

  9. Adrian sagt:

    Super, das Fairphone 2 ist schon angekündigt. Soviel zur Firmenphilosophie und Nachhaltigkeit!

  10. thomas sidler sagt:

    Markwirtschaftliche Unternehmen funktionieren halt nach dem Prinzip der Produkteoptimierung. Dies ist aber nicht zwangslaeufig mit Verschwaendung verbunden. GRATULATION UND VIEL GLUECK DEN INITIANTEN.

  11. Una sagt:

    Als ich im Mai zum ersten Mal vom Fairphone gehört habe, war für mich sofort klar: das oder keines. Es wird im Dezember ausgeliefert und mein altes Second Hand Motorola ersetzen.
    Ich finde es gut, dass jemand die Initiative ergreift die ganze Produktionskette eines Smart Phones zu analysieren und dort wo es möglich ist, auf faire Art produzierte Ressourcen zu beschaffen. Das Fairphone versucht transparent zu sein und nicht Lifestyle zu verkaufen. Das schätze ich.
    @Lea Camenzind: Die Investoren sind die Käufer. Beim Produktionsstart im Juli mussten 10’000 Stück verkauft sein. Unterdessen sind über 20’000 der insgesamt 25’000 schon verkauft.

  12. Berger sagt:

    Toll! Sie dürften aber ruhig, auch mit Preiserhöhung, mehr als 3 Euro fürs Recyclingprojekt investieren!

  13. Hannes sagt:

    Fairphone hat 25.000 Stück produziert und die sind fast ausverkauft. Natürlich wird die 2. Generation einige Verbesserungen erfahren – da sehe ich keinen Widerspruch zur Nachhaltigkeit. Oder war der Trabbi vielleicht nachhaltig?

    Im Übrigens waren mehr als 22.000 Menschen bereit das Produkt per Vorkasse zu bezahlen und das Unternehmen arbeitet kostendeckend – also muss kein Investor die “Naiven” durchfüttern und ein Totalverlust wird es auch nicht.

    Erst informieren, dann kritisieren!

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